Archive for the ‘Medien’ Category

4099: Werner Schulz ist gestorben.

Donnerstag, November 10th, 2022

Zeitlebens war er ein Widerspruchsgeist. Und unangepasst. Den Hartz IV-Gesetzen hat er nicht zugestimmt. Schulz saß für die Grünen ab 1990 im Bundestag, ab 2009 (bis 2014) im Europaparlament. Er war ein klassischer DDR-Bürgerrechtler mit Mitstreitern wie Marianne Birthler und Markus Meckel. In der DDR war er Lebensmitteltechniker. Als Assistent an der Humboldt-Universität flog er raus, weil er sich 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei wandte. Schulz‘ Vater, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, wurde in der DDR schikaniert wegen der gescheiterten Republikflucht einer Tochter.

Werner Schulz hatte das „Neue Forum“ mitbegründet. Den verbrecherischen Braten bei Putin hat er ganz früh gerochen und nie aus den Augen verloren. Bis in die Gegenwart hielt er Kontakt zu russischen Oppostionellen. Für die Grünen, die ansonsten auf diesem Gebiet wenig Fehler machen, ist es ein Makel, dass DDR-Bürgerrechtler wie Werner Schulz im internen Machtkampf bald an den Ranf gedrängt wurden. Das ist wohl ein Fehler der ganzen Bundesrepublik. Werner Schulz ist jetzt im Alter von 72 Jahren auf einer Feier zum 9. November im Schloss Bellevue gestorben (Constanze von Bullion, SZ 10.11.22).

4098: Josef Schuster: Annie Ernaux ist BDS-Unterstützerin.

Mittwoch, November 9th, 2022

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, befasst sich in einem Beitrag für die SZ zum 9. November mit aller wünschenswerten Klarheit mit der Bedeutung dieses Gedenktags für Deutschland:

1. In einer wohlorganisierten Aktion zerstörten die Nazis und ihre Helfer am 9. November 1938 ca. 1.400 Synagogen, verwüsteten 7.500 Wohnungen und Geschäfte, ermordeten hunderte Juden und verbrachten 30.000 Juden ins Konzentrationslager.

2. Danach konnte nur die physische Vernichtung aller europäischen Juden folgen.

3. Der Fall der Berliner Mauer fand auch am 9. November statt, 1989. Aber: „Volksfeststimmung mit Würtstchenbuden und Bierzelten, die der Freude über die Niederreißung der Mauer angemessen sind, taugen nicht zum Gedenken an die Millionen von Toten des Nazi-Terrors.“

4. Gegenwärtig erleben wir einen Paradigmenwechsel in Kultur und Wissenschaft in Deutschland: Die Erinnerung an die Shoah wird ersetzt durch die Erinnerung an den Kolonialismus. Das hat den Zweck, auch Israel als Kolonialmacht diffamieren zu können.

5. Auf der Documeta in Kassel konnten wir in diesem Jahr bereits erkennen, wozu der Paradigmenwechsel führt. Wir erlebten abstoßende antisemitische Darstellungen, ohne dass die Kuratoren einschritten.

6. Mit Annie Ernaux erhält in diesem Jahr eine Autorin den Literaturnobelpreis, die Unterstützerin des vom Deutschen Bundestag als antisemitisch deklarierten BDS ist (W.S.: Ähnliches haben schon bei der Verleihung an Peter Handke erfahren, der ein Unterstützer des serbischen Diktators Milosevic war.)

7. Der deutsche Historiker Wolfgang Reinhard verlangte im Januar 2022 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Schlussstrich unter das Shoah-Gedenken. Bei der Erinnerung an die Shoah handle es sich um eine „Holocaust-Kultur (…) machtbesetzt und tabugeschützt“.

8. Dabei ist die Erinnerung an die Shoah konstitutiv für unser Land.

9. „Es wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, die Erinnerung an die Shoah zu bewahren und mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln.“

4095: Deutschland und die NATO

Montag, November 7th, 2022

„Wenn man also sieht, dass sämtliche Bundesregierungen in den letzten Jahren immer deutlich weniger Geld in die Verteidigung investiert haben als die zwei Prozent der Wirtschaftsleistung, zu denen sich eben jene Bundesregierungen zusammen mit allen anderen Nato-Partnern verpflichtet hatten, dann muss man zu diesem Schluss kommen: Die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands war diesen Bundesregierungen entweder egal. Oder sie haben darauf spekuliert, dass im Ernstafll schon die Amerikaner da sein werden, um uns zu beschützen. Beide Sichtweisen sind nicht mehr haltbar.

Der ersten hat Wladimir Putin ein jähes und brutales Ende bereitet. Russlands Überfall auf die Ukraine hat deutlich gemacht, dass Deutschland zwar davon träumen kann, Friedensmacht zu sein und möglichst wenig Geld für sein Militär auszugeben. Aber die Lehre des 24. Februar 2022, an dem der erste große Landkrieg in Europa seit 1945 begann, lautet: Deutschland interessiert sich vielleicht nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich für Deutschland.

Die zweite Annahme, dass Deutschland sich auf ewig unter dem amerikanischen Schutzschirm verkriechen könne, ist ebenso falsch. Es gibt – in Washington vor allem einen Menschen, der immer noch daran glaubt, es sei Amerikas heilige Pflicht, Europa vor den Russen zu retten. Zum Glück heißt dieser Mensch Joe Biden und ist US-Präsident. Aber er wird höchstens noch sechs Jahre im Amt sein. Egal, wer ihm nachfolgt, er oder sie wird nicht mehr Milliarden amerikanischer Steuerdollars in die Verteidigung eines sehr reichen – und zuweilen recht undankbaren – Kontinents stecken. Für Europas Zukunft werden in die Zukunft die Europäer selbst sorgen müssen.

In der Nato beginnt angesichts dieser Veränderungen die Debatte darüber, ob die alte Zielmarke bei den Verteidigungsausgaben von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die nach der Annexion der Krim durch Putin 2014 beschlossen wurde, noch angemessen ist. Ob sie angehoben werden sollte, und, wenn ja, auf welche Zahl. Auf zweieinhalb Prozent? Auf drei Prozent, wie einige osteuropäische Staaten fordern?

Deutschland kann  sich dieser Debatte nicht verweigern. Laut Nato-Schätzungen investiert das Land in diesem Jahr 1,44 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Verteidigung – mehr als Dänemark, weniger als Italien. Die Bundesregierung wird ihre Militärausgaben nicht mit einem Schlag und dauerhaft verdoppeln können, was notwendig wäre, um ein Drei-Prozent-Ziel zu erreichen. Aber es reicht auch nicht, wenn sich der Bundeskanzler und seine Ministerinnen und Minister nun plötzlich schneidg hinstellen und verkünden, Deutschland werde kündtig das zehn Jahre alte Zwei-Prozent-Ziel erfüllen – jetzt aber wirklich! Diese Marke ist obsolet, über sie ist die russische Invasionsarmee hinweggerollt. Deutschland wird deutlich darüber hinausgehen müssen.

Mindestens so wichtig ist allerdings, dass sich eine politische Erkenntnis durchsetzt. Sie sollte selbstverständlich sein, wird aber gerade in Deutschland immer wieder gerne verdrängt. Sicherheit gibt es nicht zum Spartarif.“ (Hubert Wetzel, SZ 4.11.22)

Eine Partei, die dem gar nicht gewachsen ist, ist die SPD. Sie hat Rolf Mützenich und Ralf Stegner, und ist deshalb für vernünftige Menschen gar nicht wählbar.

4093: Der bombastische Stil des Feuilletons im Fernsehen

Sonntag, November 6th, 2022

Kultur im Fernsehen ist wichtig. Dort (u.a. „ttt“, „Kulturzeit“, „Druckfrisch“, „Aspekte“) pflegen ihre Sprecher einen Sound der Dringlichkeit, der Bedeutungsschwere signalisieren soll. Der ewig feierliche Ton bringt dauerhaftes Pathos mit sich. Der raunende Begleiton soll zeigen, dass die behandelten Themen es verdienen, dort diskutiert zu werden. Kulturfernsehen ist zugleich immer Marketing für Kulturfernsehen. Die präsentierten Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure, Maler, Tänzer u.a.) stehen für Aufklärung, für das Streben nach einer besseren Welt. Kunst wendet sich stets gegen Lügen und politische Intrigen. Zur Darstellung dessen werden häufig die immergleichen visuellen und dramaturgischen Schablonen eingesetzt. Das Genre Kulturfernsehen sucht weiterhin nach dem richtigen Verhältnis zu den von ihm behandelten Gegenständen (Andreas Bernard, SZ 5./6.11.22).

4091: Tom Buhrows Überseeclub-Rede

Samstag, November 5th, 2022

Warum beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) bei aller Geldverschwendung, der Vetternwirtschaft, allen obszönen Ruhegehältern, prallen Pensionskassen und fischigen Beraterverträgen, über die seit langem gestritten wird, immer noch nicht mehr Klarheit herrscht, zeigt die Rede des WDR-Intendanten (seit 2013) und ARD-Vorsitzenden (seit zwei Jahren), Tom Buhro (WDR), im Hamburger Übersee-Club. Was ihren rundfunkpolitischen Willen angeht, bleibt sie weithin schwammig. Trotzdem zeigt sie manche Mängel und Defizite auf. Warum Gremien, Politik und Rechnungshöfe nie Alarm geschlagen haben, mag verstehen, wer zu höheren Sphären Zugang hat. Vielleicht hat Tom Buhro seine Rede aber auch so gehalten, wie er es getan hat, weil er den ARD-Vorsitz im Januar abgibt.

Angeblich hat er ja nicht als Intendant, sondern als Privatmann gesprochen. Die Sender berufen sich stets auf Staatsverträge und Landesrundfunkgesetze. Brauchen wir ARD und ZDF nebeneinander? Brauchen wir so viel „Kultur“? Buhro will die Rundfunk-Orchester vernichten. Die ARD unterhält 16 Ensembles, Orchester, Bands, Chöre, sie haben etwa 2000 festangestellte Mitglieder. Brauchen wir 64 Hörfunkwellen? „Hört sich Beethoven in Heidelberg anders an als in Halle oder Hamburg?“ Brauchen wir in der ARD mehrere Radios für klassische Musik? Brauchen wir so viele Schlager- oder Info-Radios? Fragen über Fragen (Aurelie von Blazecovic/Claudia Tieschky, SZ 5./6.11.22; Laura Hertreiter, SZ 5./6.11.22). Dass natürlich eine linke Flitz-Piepe wie Willi Winkler (SZ 4.11.22) bei der Kommentierung der Angelegenheit weit über’s Ziel hinausschießt, ist nicht überraschend. Wir müssen stets dafür sorgen, dass Winkler seine Meinung frei äußern kann. Mehr Verantwortung sollten man wohl nicht übertragen.

4082: Zwei Ruangrupa-Kuratoren Professoren in Hamburg

Freitag, Oktober 28th, 2022

Reza Afisina und Iswanto Hartono gehörten zum Ruangrupa-Kollektiv, das die diesjährige, gescheiterte Documenta kuratiert hatte. Ihnen war es nicht gelungen, antisemitische Objekte zu verhindern. Sie hatten partiell ihre eigene Ahnungslosigkeit in Bezug auf Antisemitismus zugegeben. Die beiden sind für ein Jahr zu Professoren an die Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg berufen worden. Deren Präsident Martin Köttering ließ verlauten: „An der HFBK gibt es keinen Platz für Antisemitismus.“ Bei der Semestereröffnung gab es in der Aula Proteste gegen die neuen Professoren (Alexander Diehl, taz 14.10.22).

4081: Jüdischer Professor teilweise entlastet und wieder im Dienst

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Eine Untersuchungskommission der Universität Potsdam hat den Gründer und Rektor der Rabbinerschule Abraham-Geiger-Kolleg, Walter Homolka, von dem Vorwurf entlastet, sexuelles Fehlverhalten seines Lebenspartners gegenüber Studenten geduldet zu haben. Der hatte einen pornografischen Clip an einen Studenten geschickt.

Als bestätigt sah die Kommission den Vorwurf des Machtmissbrauchs an. „Immerhin wurde die Furcht, Herrn Prof. Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonstwie zu erregen, so oft und konsistent dargestellt, dass sie nicht als individuelle Idiosynkrasie erscheint. Es ist nicht unplausibel, sie als tatsächlich vorhanden anzunehmen.“ Homolka weist das zurück: „Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht gleich Machtmissbrauch.“ Homolkas Lebenspartner war nach seinem Fehlverhalten gleich gekündigt worden. Homolka: „Was mein Partner getan hat, war grundfalsch.“ Laut Universität Potsdam ergeben sich aus dem Bericht keine rechtlichen Konsequenzen. Homolka ist seit 1. Oktober wieder als Professor tätig (Annette Zoch, SZ 27.10.22).

4080: Selbstbedienungsanstalt öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Die üppigen Gehälter von Intendanten, Direktoren und Geschäftsleitungen bei ARD und ZDF sind bekannt. Dazu kommt bei manchen Sendern noch die Einbeziehung in ein Bonussystem, auch dann, wenn dafür gar nichts geleistet wird. Aber das ist noch nicht alles (Aurelie von Blazecovic, SZ 27.10.22)

Das Politikmagazin „Kontraste“ brachte ans Licht, dass die juristische Direktorin des RBB, Susann Lange, ein Grundgehalt von 195.000 Euro brutto plus eine „variable Vergütung“ von 8,33 Prozent erhält. Zudem steht Frau Lange ein „Ruhegeld“ zu. Ein „Ruhegeld“ ist eine Zahlung, die nach der Amtszeit fließt, auch wenn ein Mitarbeiter noch nicht im Rentenalter ist. In Langes Fall ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Daraufhin wurde sie vom RBB freigestellt. Dem RBB-Programmdirektor steht von seinem ersten Diensttag an ein „Ruhegeld“ von 8.000 Euro monatlich und lebenslang zu. Seit 2003 sind solche Ruhegelder Bestandteil von Verträgen der RBB-Geschäftsleitung gewesen. Im Todesfall werden Ehepartner, Waisen und Halbwaisen mit Sterbegeldern bedacht. Ehepartner mit 60 Prozent des Ruhegeldes, Waisen mit 20 und Halbwaisen mit 12 Prozent.

Auch in anderem Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt dieses „Ruhegelder“.

Laura Hertreiter (SZ 27.10.22) schreibt dazu: „Wo Gremien, Politik, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, Rechnungshöfe von der Selbstbedienung im großen Stil nichts bemerkt haben wollen, muss Geld in obszönem Überfluss da sein.“ “ Es gibt bei der ARD – um diese Feststellung kommt der größte Fan nicht herum – nicht nur Einspartotential, es gibt eine Einsparpflicht. Nur: Wo ist jemand in der ARD, der die Sache anpackt?“

Dazu fehlt es wohl auch an Anstand.

Das hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland in eine gefährliche Krise gebracht. Ob sie überhaupt zu bewältigen ist, steht dahin. Zugleich wird dadurch unsere Demokratie gefährdet. Es ist Wasser auf die Mühlen von „Querdenkern“, „Reichsbürgern“ und Rechtsextremisten.

4078: Audi-Chef für autofreie Tage

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Audi-Chef Markus Duesmann befürwortet angesichts der Energiekrise und des Krieges in der Ukraine ein zeitweises Fahrverbot. „Um uns in Deutschland besser einzustimmen auf die Lage und die Notwendigkeit des Sparens könnte es wieder autofreie Tage geben, so wie in den siebziger Jahren.“ Viele Menschen würden ihre Fahrweise zwar bereits anpassen, „aber ich glaube nicht, dass Geld als einziger Regler reicht in dieser Sotuation, wir müssen umdenken.“ (HM, SZ 26.10.22)

4077: Iran – das Regime schwankt nicht.

Dienstag, Oktober 25th, 2022

Fast hundertausend friedliche Demonstranten in Berlin am Wochenende gegen das verbrecherische Mullah-System in Iran können uns Mut machen. Der Widerstand gegen das Unterdrückungsregime in Teheran hält sich jetzt schon seit fünf Wochen. Und es sind bei weitem nicht nur Frauen, die protestieren. Auslöser der Massenproteste war der Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Mahsa Amini, die im Polizeigewahrsam zu Tode kam, nachdem sie angeblich ihr Kopftuch nicht richtig getragen hatte. Das Kopftuch ist in Iran das Symbol theokratischer Repression. Das Regime will keine Selbstbestimmung, sondern Unterdrückung. Und die findet täglich massenhaft statt.

Und wir dürfen nicht übersehen, dass das Regime seine Kettenhunde noch gar nicht losgelassen hat: die paramilitärischen Revolutionsgarden und Hunderttausende Bassidsch-Milizionäre. Die können noch viel mehr Gewalt. Deswegen sollten wir aus dem bequemen europäischen Beobachtersessel keine Illusionen schüren. Es sind Illusionen. Iran hat von der lächerlich falschen Politik von Donald Trumps USA bei der Kündigung des Atomwaffen-Sperrvertrags profitiert. Jetzt sind im Iran produzierte Kampfdrohnen die wirkungsvollen Waffen im verbrecherischen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Dort ist das iranische Regime zu verorten (Thomas Avenarius, SZ 24.10.22; SZ 24.10.22).