Archive for the ‘Geschichte’ Category

4597: Große Kunst bleibt wichtig.

Sonntag, November 26th, 2023

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in der Kunst die Maßstäbe verschwinden. Die Findungskommission der Documenta und ein Kurator der Fotografie-Biennale sind zurückgetreten. „Offensichtlich unterschätzen manche Kuratoren und Künstlerinnen den islamistischen Terror der Hamas und seine Folgen.“ (Kia Vahland, SZ 24.11.23) Es reicht nicht, den kritischen Fokus bei diesen Betrachtungen nur auf Westeuropa und seinen Kolonialismus zu richten. Die imperialistische Macht der Gegenwart ist Russland. Und was werden die widerständigen Schülerinnen aus Teheran wohl über den islamistischen Fundamentalimus denken? Die Künstler und Kuratorinnen sollten ihre Aufmerksamkeit auf die

Bildpolitik im Gazakrieg

richten. „Die Hamas nimmt das entsetzliche Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser, ihre Ohnmacht und ihr Sterben nicht nur in Kauf, sie braucht und will genau diese unerträglichen Bilder, so wie sie zu Anfang des Krieges auch genau die unerträglichen Bilder vom Überfall auf Israel wollte und nutzte.“ Und in Europa können wir nur mit Rücktritten die Kunst nicht retten. Das würde wieder den Rechtspopulisten in die Hände spielen, die nur zu gerne die Kunstszene abwickeln würden. Das Verdienst der Kunst ist es, eine Vielzahl an Perspektiven, Fantasien und Erfahrungen zu zeigen. Große Kunst ist dem Humanismus verpflichtet.

4596: Peter Schäfer „Kurze Geschichte des Antisemitismus“

Samstag, November 25th, 2023

Peter Schäfer zeigt, dass Antisemitismus zu den Fundamenten der christlich-anemdländischen Kultur gehört. Die Trennung zwischen rassistischem Antisemitismus und christlichem Antijudaismus ist nicht voll berechtigt. Schon bei den Griechen und Römern gab es zentrale Motive der Judenfeindschaft. In den Bekenntnissen des heiligen Paulus wurde das verschärft. Jetzt wurden den Juden bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben, etwa die Rachsucht. Bis heute (Gustav Seibt, SZ 25./26.11.23).

4594: 89000 getötete Frauen

Freitag, November 24th, 2023

Nach einem UN-Bericht hat die tödliche Gewalt gegen Frauen weltweit zugenommen. Fast 89000 Frauen wurden 2022 aufgrund ihres Geschlechts getötet. Das ist die höchste Zahl in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte wurde von Familienangehörigen bzw. den Partnern der Frauen verübt. Danach wurden jeden Tag mehr als 133 Frauen oder Mädchen in ihrem Wohnraum getötet (SZ 24.11.23).

4590: EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus ist zurückgetreten.

Dienstag, November 21st, 2023

Die erst 2021 ins Amt gekommene EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus ist zurückgetreten. Auch von dem Amt des Präses der westfälischen Landeskirche. Sie sei mit Gott und sich im Reinen, hat sie gesagt. Ihr wird vorgeworfen, die Kirche Ende der neunziger Jahre nicht unverzüglich über Mißbrauchsversuche eines Kirchenmitarbeiters informiert zu haben, der ihr persönlich gut bekannt war. Sie ist Patentante von dessen Kind.

Dabei hatte Frau Kurschus 2021 angekündigt, dass sie die Aufklärung über sexuellen Missbrauch in der Kirche zur Chefinnensache machen wollte. Am 24. Januar 2024 soll die erste umfassende und unabhängige Studie dazu erscheinen.

Der Fall Kurschus ist nicht das Gleiche wie der Fall Woelki. Es geht weder um systematische Vertuschung noch um persönliche Schuld. Dass Kurschus die Kirche nicht früher informiert hat, begründet sie mit Persönlichkeitsrechten. Sehr unklar. Sie sei, so Kurschus, über die Homosexualität und eheliche Untreue des Bekannten informiert gewesen. In einem Dienstverhältnis standen die beiden nicht zueinander. Inzwischen ermittelt auch die Siegener Staatsanwaltschaft. Zeugenvernehmungen stehen noch aus (Michael Schlegel, SZ 21.11.23).

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, bedauerte den Rücktritt von Annette Kurschus. Ein so besonnener Kommentator wie Johan Schloeman (SZ 21.11.23) schreibt: „Weil sie die Eigendynamik ihrer eigenen Rolle spürte, hat sich Kurschus für schnelle Schadensbegrenzung entschieden. Das ist traurig, aber richtig.“

Ich bin mir da nicht ganz so sicher.

4589: Das Mysterium Hannah Arendt – Martin Heidegger

Montag, November 20th, 2023

Elisabeth Young-Brühls Hannah Arendt-Biografie ist 1986 erschienen. Sie hat uns seinerzeit weit nach vorne gebracht. Nun ist Thomas Meyers Biografie

Hannah Arendt. Die Biografie. München (Piper) 2023, 528 S., 28 Euro,

erschienen. Sie bringt uns noch weiter. Ein faszinierendes, gut lesbares Buch. Die größte politische Philosophin des 20. Jahrhunderts erscheint hier auch als praktische Politikerin (in Frankreich ab 1933). Der Rezensent der „taz“ (17.10.23), Klaus Bittermann, unternimmt etwas, das bisher gefehlt hat. Er geht ein auf die kaum zu verstehende

Liebesbeziehung

zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger. Hannah Arendt und der verklemmte Nazi.

Bittermann schreibt: „auch wenn Meyer im Verlaufe des Buches auf einige Belege hinweist, die das Unbehagen Arendts gegenüber Heidegger deutlich machen, so wird es wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, warum Arendt in der Lage war, die Person Heidegger von ihrem völkischen Denken zu trennen und davon auszugehen, dass seine Philosophie unschuldig sei, obwohl kein anderer philosophischer Entwurf so eng mit dem zusammen ging, was man als das Leben selbst bezeichnen könnte. Auch wenn das nicht zentral im Buch verhandelt wird, spielt das letztlich unbewältigte und merkwürdige Verhältnis zwischen den beiden immer wieder eine Rolle.“

Das Mysterium Hannah Arendt – Martin Heidegger bleibt.

4586: Documenta – vor dem Ende ?

Samstag, November 18th, 2023

Nach dem Antisemitismus-Desaster bei der letzten Documenta, dem vorgeblich wichtigsten Kunstereignis der Welt, gehen die grotesken Patzer munter weiter. Mittlerweile ist die sechsköpfige Findungskommission zurückgetreten. Sie hätte die neue Leitung der Ausstellung bestimmen sollen. Was folgt nun? Es ist nur noch wenig Vertrauen da. Im Aufsichtsrat bestimmen das Land Hessen und die Stadt Kassel, der Bund hat sich zurückgezogen. Da geht es dann vorzugsweise gegen Berlin. Wie bei einem Dorf- und Brauchtumsfest. Dabei hat die Documenta Deutschland nach 1945 seinen Platz in der Kunstwelt zurückgebracht. Die Rede ist ständig von der „Kunstfreieit“. Aber die findet ihre Grenze dort, wo die Kunst diskriminierend und verletzend wird. Da war Kassel wohl micht gut beraten, ehemalige Documenta-Leiter die Findungskommission bestimmen zu lassen. Derzeit gibt es „anscheinend keinen Raum für einen offenen Austausch von Ideen“. Wie will man da geeignete Kuratoren und Künstler finden? (Jörg Häntzschel, SZ 18./19.11.23)

Es sei noch der Hinweis gestattet, dass Kassel mit der Documenta viel Geld verdienen will.

4585: Luisa Neubauer gegen Greta Thunberg

Samstag, November 18th, 2023

Die deutsche Chef-Ideologin von „Fridays for Future“ (FFF), Luisa Neubauer, lehnt es ab, ihrer Organisation einen anderen Namen zu geben, weil Greta Thunberg sich antisemitisch geäußert hat. Thunberg hatte mehrfach offensiv für die Hamas Stellung bezogen. Neubauer: „Wir haben dieser Bewegung eine eigene Identität gegeben – inspiriert von Greta, aber seit Jahren selbständig und unabhängig von ihr.“ Neubauer bedauert den Vertrauensverlust durch Thunbergs rasistische Äußerungen (SZ 18./19.11.23).

4584: Ampelkoalition zum zweiten Mal vom Bundesverfassungsgericht gestoppt.

Donnerstag, November 16th, 2023

Zum zweiten Mal in einer halben Legislaturperiode ist die Ampelkoalition vorm Bundesverfassungsgericht gescheitert. Der Versuch, 60 Milliarden Euro nicht genutzter Corona-Kredite in den Klima- und Transformationsfonds zu verschieben, ist verfassungswidrig. Deswegen der ganze Nachtragshaushalt 2021. Für die Ampel ist die Niederlage total. Der Klima- und Transformationsfonds schrumpft. Das ist nicht gut für die Welt. Der Zustand der Ampel auch nicht. Sie ist uneins. Hat unterschiedliche wirtschaftspolitische Konzeptionen. Die von SPD und Grünen gewünschte Veränderung des Grundgesetzes bei der Schuldenbremse bräuchte eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Die ist nicht zu bekommen. Der einzige Grund, warum die Ampel versuchen wird, im Amt zu bleiben, besteht in den rasend schlechten Umfrageergebnissen von SPD, Grünen und FDP. Keine überzeugende Basis (Henrike Roßbach, SZ 16.11.23).

4583: David Cameron britischer Außenminister

Mittwoch, November 15th, 2023

Die Ernennung von David Cameron durch Tory-Premierminister Richie Sunak zum Außenminister wirft ein bezeichnendes Licht auf die britische Politik. Als Premierminister 2016 war sich Cameron sicher gewesen, dass die Briten keinen Brexit wollten und hatte abstimmen lassen. Er hatte sich bekanntlich getäuscht. 51,9 Prozent wollten den Brexit, 48,1 Prozent wollten ihn nicht. Angesichts der verheerenden wirtschaftlichen Folgen wollen die Briten inzwischen den Brexit nicht mehr. Zu spät. Vielleicht kann die Ernennung Camerons aber doch zu mehr Sachlichkeit beitragen. Zu wünschen ist das. Allerdings zeigt der Rauswurf der rechten Innenministerin Suella Braverman die Spaltung der Tories. Wir dürfen den rechten Flügel nicht unterschätzen. Großbritannien kommt nicht zur Ruhe (Michael Neudecker, SZ 14.11.23).

4582: Documenta-Findungskommission in der Krise

Dienstag, November 14th, 2023

Nachdem die israelitische Künstlerin und Philosophin Bracha Lichtenberg Ettinger aus der Documenta-Findungskommission zurückgetreten war, ist nun das indische Kommissionsmitglied Ranjit Hoskote zurückgetreten. Er hatte einen antisemitischen BDS-Aufruf unterzeichnet. Dafür war er von der Leitung zu Gesprächen gebeten worden. Die Findungskommission soll in den kommenden Wochen die Leitung der Documenta 16 vorschlagen, die 2027 in Kassel stattfindet. Hoskote gibt sich erstaunt und beleidigt. Er sei erschüttert, dass aufgrund „einer einzigen Unterschrift“ der „ungeheuerliche Vorwurf des Antisemitismus“ erhoben werde. Hier wird deutlich, dass die Mahatma Ghandi-Fans noch nichts begriffen haben. Für sie ist Zionismus „eine rassistische Ideologie, die einen siedlerkolonialistischen Apartheidsstaat verlangt, in dem Nichtjuden nicht die gleichen Rechte haben“ (Jörg Häntzschel, SZ 13. und 14.11.23).