Archive for the ‘Geschichte’ Category

4621: Masha Gessen: „Es gibt bislang keinen zweiten Holocaust.“

Sonntag, Dezember 17th, 2023

In einem Interview mit Sonja Zekri (SZ 16./17.12.23) sagt die mit dem Hanah-Arendt-Preis ausgezeichnete US-Schriftstellerin (russisch-jüdischer Herkunft) Masha Gessen, um deren Preis es einen Skandal gab:

„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es nicht nur erlaubt ist, sondern sogar unsere moralische Verpflichtung, den Holocaust mit anderen Ereignissen zu vergleichen. Wir sind im 21. Jahrhundert nicht schlauer, besser und moralischer als die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Holocaust hinter uns liegt, und sie hatten ihn vor sich. Sie haben Derartiges nicht für möglich gehalten. Wir wissen, dass es möglich ist. Und ich sehe nur eine Möglichkeit, um eine Wiederholung zu verhindern: immer wieder danach zu fragen, was genau geschieht. Das bedeutet gerade nicht, etwas mit dem schlimmsten Verbrechen gleichzusetzen, dessen Menschen fähig sind. Es gibt bislang keinen zweiten Holocaust.“

Auf die Frage „Hätte Hanah Arendt eine Chance, heute den Hanah-Arendt-Preis zu bekommen?“ antwortet Gessen: „Die leichteste aller Fragen: Nein.“

4620: Plagiatsverdacht gegen Alice Weidel (AfD)

Samstag, Dezember 16th, 2023

Die Universität Bayreuth prüft, ob die Doktorarbeit (2011) von Alice Weidel (AfD) ganz oder in Teilen ein Plagiat ist. Mit der Arbeit wird sich die „Kommission für wissenschaftliche Integrität“ der Universität beschäftigen. Zwei Plagiatesucher hatten der Universität ein 36 Seiten umfassendes entsprechendes Gutachten vorgelegt. Danach sollen in der Arbeit fremde Quellen übernommen worden sein, ohne dass dies bekanntgemacht wurde. Weidel wies die Vorwürfe zurück (SZ 16./17.12.23).

4613: IOC-Narrativ vom unpolitischen Sport

Montag, Dezember 11th, 2023

Das IOC hält sich am Narrativ vom unpolitischen Sport fest. Das war schon bei der russischen Propagandashow in Sotschi 2014 der Fall. Auch bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 nach dem sowjetischen Überfall auf Afghanistan 1979. IOC-Chef Thomas Bach arbeitet eng mit Russlands Präsident Wladimir Putin, einem Kriegsverbrecher, zusammen. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 sollen russische und weißrussische Athleten als „neutrale Athleten“ zugelassen werden. Eine üble Lüge, mit der Sportfans in aller Welt hinters Licht geführt werden sollen. Der internationale Hochleistungssport ist hochkommerziell und hochkorruptiv (Holger Gertz, SZ 11.12.23).

4612: Mutmaßliche Putschisten vor Gericht

Sonntag, Dezember 10th, 2023

Mutmaßliche Terroristen der „Gruppe Reuß“ sollen sich bald vor Gericht verantworten. Nach einer Mitteilung des Bundesanwalts sollen noch vor Weihnachten 27 von ingesamt 69  Beschuldigten angeklagt werden. Sie werden der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und des Hochverrats beschuldigt. Die Verhandlungen sollen vor Gerichten in Frankfurt am Main, München und Stuttgart stattfinden. Die Ideologie der Beschuldigten war eine Mischung aus Reichsbürger-Weltanschauung, Esoterik und dem Glauben an die QAnon-Verschwörung. Es ist mehrfach der Versuch unternommen, Berufssoldaten und Bundespolizisten anzuwerben. Der Bundesanwaltschaft war es gelungen, drei verdeckte Ermittler in die Gruppe einzuschleusen. Das Ziel bestand anscheinend im Aufbau paramilitärischer Einheiten, insgesamt 75000 Mann. Sie sollten am „Tag X“ Politiker abräumen (SZ 7.12.23).

4611: AfD Sachsen ist rechtsextrem.

Samstag, Dezember 9th, 2023

Der sächsische Verfassungsschutz stuft sen sächsischen Landesverban der AfD als „gesichert rechtsextrem“ ein. Amtschef Dirk-Martin Christian teilte mit, dass die Mehrheit des Landesverbands auf der Linie des thüringischen Rechtsextremisten Björn Höcke liege. In der Migrationspolitik vertrete der sächsische Landesverband völkisch-nationalistische Positionen. Er sei antisemitisch (SZ 9./10.12.23).

4610: Deutsche Schüler so schlecht wie nie

Donnerstag, Dezember 7th, 2023

Nach den neuesten Pisa-Daten sind deutsche Schüler so schlecht wie nie vorher (15-Jährige in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften). Auch international ist die durchschnittliche Leistung drastisch gesunken. Das teilte die OECD mit. Die deutschen Schüler stürzten besonders in der Mathematik ab (SZ 6.12.23).

4609: Aiwanger-Beschwerde zurückgewiesen

Mittwoch, Dezember 6th, 2023

Die Beschwerde des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger (Freie Wähler) beim Deutschen Presserat über die Berichterstattung der „Süddeutschen Zeitung“ in der Flugblatt-Affäre ist neben 17 anderen Beschwerden zurückgewiesen worden. Die Berichterstattung sei inhaltlich und presseethisch nicht zu beanstanden. An der Aiwanger-Verdachtsberichterstattung habe ein erhebliches öffentliches Interesse bestanden. „Die Vorwürfe standen in eklatantem Widerspruch zu Aiwangers Ämtern als Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Bayerns.“ Die Vorwürfe seien so gravierend gewesen, dass darüber berichtet werden durfte, ohne dass Aiwangers Persönlichkeitsschutz verletzt worden wäre.

Die journalistische Sorgfaltspflicht sei nicht verletzt worden. Auch habe Aiwanger genügend Gelegenheit zur Stellungnahme gehabt. Eine Vorverurteilung habe es nicht gegeben. Von „Kampagnenjournalismus“ könne keine Rede sein. Die einschlägigen Beiträge waren in der SZ zwischen dem 25. und 28. August 2023 erschienen (SZ 6.12.23).

4604: Die Generalsekretärin von PEN-International ist zurückgetreten.

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Die Generalsekretärin von PEN International ist wegen Verlautbarungen ihrer Zentrale und der Gleichgültigkeit von Menschenrechtsorganisationen, Frauenorganisationen und der Welt der Kunst und Literatur gegenüber den israelischen Opfern des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 zurückgetreten. Es ist die Hamburger Schriftstellerin Regula Venske. Sie stimmt überein mit dem israelischen PEN. Damit erklärte sich auch PEN Berlin solidarisch. Die Welt der Kunst zerfällt in zwei Lager (Felix Stephan, SZ 21.11.23).

4603: Deborah Feldman ist unorthodox und passt in kein Schema.

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Seit ihrem Buch „Unorthodox“ über ihre Flucht aus der orthodoxen Satmarer-Sekte in New York ist Deborah Feldman ein literarischer Star. Seit zehn Jahren lebt sie in Berlin. Nun ist ihr neues Werk „Judenfetisch“ erschienen. Sie ist gefragter denn je. Ich führe hier Äußerungen von ihr auf, die sie in einem Interview mit Sonja Zekri (SZ, 21.11.23) gemacht hat:

„Meine Großeltern waren Deutsche, wurden verhaftet, mussten fliehen.“

„.. ich bin genau so berechtigt, mich als deutsche Jüdin zu Wort zu melden. Ich habe die Staatsbürgerschaft meines Urgroßvaters bekommen, ich habe hier meine Wurzeln, ich fühle mich zugehörig. Und das lasse ich mir auch nicht absprechen.“

„Die gesamte Debatte über den muslimischen Antisemitismus dient den Rechten dazu, sich vom Antisemitismus zu entlasten.“

„Solidarität mit Israel ist eine gute Lehre aus dem Holocaust, ich will das nicht anzweifeln. Seit Konrad Adenauer führt Deutschlands Weg zur Wiedergutmachung an die Seite Israels. Deutschland investiert in den Erfolg Israels und befreit sich dadurch aus seiner Verantwortung aus der Geschichte.“

„Dieses Land hat sich sehr früh darauf festgelegt, dass in der bedingungslosen Solidarität zu Israel die Erlösung liegt, vom Antisemitismus, vom Rassismus, von gesamten Hass in der Gesellschaft.“

„Es gibt schon lange eine Bewunderung der europäischen Rechten für das rechtsnationale Israel.“

„Es besteht eine Gefahr für Muslime und dann für Juden. Und das macht mir existentielle Angst als Enkelin eines Großvaters, der 1939 von der Gestapo verhaftet und zur polnischen Grenze gebracht wurde, zu Fuß zurücklief, um Frau und Kinder zu holen und gleich zu fliehen.“

„Der 7. Oktober hat mich näher an die Friedensaktivisten gebracht, an die weltoffenen Israelis und Palästinenser. Er hat mich nicht dem gesamten Judentum näher gebracht. Ich fühle mich doch nicht den rechtsextremen Siedlern in der Westbank nahe, die jetzt Jagd auf Palästinenser machen. Ich fühle mit allen Opfern und ihren Angehörigen. Das Wir, das angegriffen wurde, ist der Frieden, die Menschenrechte, der Humanismus. Für die ich mein Leben lang gekämpft habe.“

„Es gibt viele Stimmen in Israel, die diese Gewalt klar für exzessiv und unverhältnismäßig halten. Der Entzug von Wasser ist völkerrechtswidrig. Die Vertreibung ist völkerrechtswidrig. Die Inkaufnahme ziviler Opfer ist völkerrechtswidrig.“

„Mein eigener Lösungsansatz lautet wie der von vielen Menschen in Israel und in der Diaspora: Lasst uns diese Stimmen lauter machen, die nicht von ‚tilgen‘ reden. Sie sind die einzigen, die eine Lösung herbeiführen können.“

„Primo Levi, Jean Améry und Czeslaw Milosz wollten nur eines vermitteln: Entweder du bist für alle, und alle Menschen sind gleichwertig, denn nur so entgehen wir der Gefahr, dass wir ein neues Opfer aussuchen. Oder du sagst, mir ist etwas Schlimmes passiert, also darf ich wegschauen, wenn anderen etwas Schlimmes passiert. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.“

4599: Adania Shibli verliert gegen die „taz“.

Dienstag, November 28th, 2023

Die palästinensische Schriftstellerin (mit israelischem Pass) Adania Shibli hat einen Preis auf der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman „Eine Nebensache“ doch nicht bekommen. In der „taz“ war vorher ein für sie sehr kritischer Artikel erschienen. Darin wurde sie u.a. als „engagierte BDS-Aktivistin“ bezeichnet. Nach einer Klage von Shibli hat das Landgericht Hamburg beide Äußerungen als vom Recht auf freie Meinungsäüßerung gedeckt bezeichnet. In dem Satz „In diesem Kurzroman sind alle Israelis anonyme Vergewaltiger und Killer, die Palästinenser hingegen Opfer“ werde laut Hamburger Gericht vom Durchschnittsleser als „zuspitzende Wertung des Inhalts des Buches“ betrachtet. Diese Annahme ist möglicherweise gewagt (Felix Stephan, SZ 28.11.23).

Shibli hatte außerdem vor 16 Jahren einen offenen Brief des BDS unterschrieben. Wenn das genügt, um sich gerichtsfest als BDS-Aktivistin bezeichnen lassen zu müssen, dann wären davon auch die anderen Unterzeichner

Michael Ondaatje, Arundhati Roy, Angela Davies, A.L. Kennedy und der Literaturnobelpreisträger J.M Coetzee u.a.

betroffen. Damit wären sie vom deutschen Kulturbetrieb weithin ausgeschlossen. Tatsächlich haben der Deutsche Bundestag, die „taz“ und das Hamburger Landgericht solche Äußerungen als sanktionswürdigen Antisemitismus wahrgenommen. Ein Votum für die Meinungsäußerungsfreiheit.