Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3412: Bob Dylan 80 – auf ihn können wir nicht bauen.

Sonntag, Mai 23rd, 2021

Der Dichter, Liedermacher und Folksänger Bob Dylan wird 80, Nobelpreisträger für Literatur ist er auch. Und trotzdem können wir auf ihn nicht bauen, was er möglicherweise von Bertolt Brecht gelernt hat. Sein Prinzip ist Distanz, Widerruf, Wechsel, systematisch erfüllt er unsere Erwartungen nicht. Vielleicht hat er auch gar nichts, das zu erfüllen ist.

Dabei hatte alles doch so schön fortschrittlich angefangen. Mit dem „Marsch auf Washington“ 1963, wo Martin Luther King uns mittteilte „I have a dream“. Die Kubakrise überlagerte alles andere. Barry McGuire meinte 1965 mit „Eve of Destruction“ den Weltuntergang. Gudrun Ensslin und Bernward Vesper sammelten Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe.

Bob Dylan inszenierte sich selbst. Mir erschien es manchmal so, als habe er von Politik gar keine Ahnung. Und sicher bin ich mir auch heute noch nicht. Er hatte von Bertolt Brecht gelernt. Vor allem aber 1965 in Newport die Gitarre eingestöpselt. Von da an war alles anders auf der Welt. „Like a Rolling Stone“. Dylan ging nach Nashville, wurde Zionist, dann Christ. Manchmal im eiligen Wechsel. Seinen Fans erschien er meist glaubwürdig. Er sang vor dem Papst und machte gleich danach Werbung für die Unterwäsche von „Victoria’s Secret“. Wie Willi Winkler schreibt (SZ 22., 23.24.5.21), hätte Bob Dylan 1966 bereits ausgesorgt gehabt, falls er Gottfried Benns Verdikt gefolgt wäre, dass der beste Dichter  nicht mehr als nur fünf gute Gedichte zustandebringe.

Manche seiner ehemaligen Fans halten Bob Dylan vor, er sei nicht mehr der Protestsänger, der seine Stimme erhebt gegen das Unrecht in der Welt, der Partei nimmt für Minderheiten und Ausgestoßene. Bob Dylan erklärte den Tag von Dallas, an dem John F. Kenndy 1963 ermordet wurde, zum Tag der Schande, an dem das Zeitalter des Antichrist begann. Vielleicht. Man kann einfach nicht auf ihn bauen.

Wolf Biermann, fünf Jahre älter als Bob Dylan, schreibt (Literarische Welt 22.5.21): „Unter den Lebenden ist Bob Dylan mein hellster Stern am Liederhimmel. Und er brauchte nicht auch noch den Nobelpreis, um den Ton seiner Epoche so voll zu treffen. Eher umgekehrt: Die Literatenjury … brauchte diesen widerborstigen Kandidaten, um endlich wieder auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.“

3411: KPD-Überläufer zur NSDAP 1933

Freitag, Mai 21st, 2021

Sozialstrukturell war die NSDAP eine Partei der Mitte. Das zeigen alle wissenschaftlichen Analysen ihrer Mitglieder, Wähler und Anhänger. 1933 aber kam es dazu, dass auch relativ viele Kommunisten aus dem Widerstand zur Nazi-Partei überliefen. Das zeigt eine Untersuchung von Udo Grasshoff:

Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Göttingen (Wallstein) 2021, 471 Seiten, 52 Euro.

Ausgewertet worden sind dazu die Daten von ca. 400 Personen (Renegaten, Abtrünnige, Polizeispitzel, Aussagewillige), Listen des Geheimdienstapparates der KPD, Gehaltslisten der Gestapo, Akten der Stasi, nach Moskau geschickte Berichte der KPD. Nach Aussagen aus der Gestapo sind sogar 70 Prozent der 1933 neu in die SA aufgenommenen Mitglieder Kommunisten gewesen. Die Gestapo verfügte über die unumschränkte Macht, sie bot soziale Sicherheit und materielle Absicherung, und sie konnte durch Haft, Folter und Zwang fast alles, was sie wollte, erreichen. Die Kommunisten genießen grundsätzlich den Ruf, stabil und widerstandsfähig zu sein. Aber in einer schwierigen Sondersituation wie 1933 wurden doch mehr von ihnen schwach. Menschlich vollkommen verständlich (Knud von Harbou, SZ 17.5.21).

3410: Giffeys Vorgehen – nicht hinnehmbar.

Donnerstag, Mai 20th, 2021

Franziska Giffey hat ihr Amt als Familienministerin niedergelegt, weil sie annimmt, dass ihr die Freie Universität Berlin den Doktortitel aberkennt. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst tritt sie als Spitzenkandidatin der SPD trotzdem an. Sie hat hinzugefügt: „Wer ich bin, was ich kann, ist nicht abhängig von diesem Titel.“

Ja, warum hat sie den denn im Jahr 2010 angestrebt?

Franziska Giffeys Verhalten erscheint manchen im Gegensatz zu dem anderer Betrüger klug und taktisch geschickt. Ihr Verhalten wird ausgesprochen milde beurteilt (Nico Fried, SZ 20.5.21; Lothar Müller, SZ 20.5.21; Roland Preuss, SZ 20.5.21).

Aber dazu ist kein Anlass.

Franziska Giffey beschädigt

– die Bundesregierung,

– die Freie Universität Berlin,

– die SPD,

– sich selbst,

– vor allem trägt sie dazu bei, die Institutionen der Promotion und der Dissertation weiter nachhaltig zu beschädigen. In Jura und Medizin ist der Ruf der Dissertation schon fast vollständig dahin. Das ist ungerecht gegenüber denjenigen, die sich – wie eh und je – redlich bemühen, der Wissenschaft zu dienen. Sie werden heute mehr denn je gebraucht und dürfen nicht von denjenigen desavouiert werden, die manchmal vorsätzlich, manchmal leichthin schlampig und unwissenschaftlich arbeiten oder

Diebstahl geistigen Eigentums

begehen. Darunter einige Prominente. Das sind Betrüger. Wie Herr Guttenberg. Der hat sein Know how dann ja noch

Wirecard

zur Verfügung gestellt. Das ist keine Privatsache. „Ein Doktortitel macht keinen besseren Menschen. Aber auch keinen schlechteren.“ Wobei im Fall von Frau Giffey die Freie Universität Berlin gerade unprofessionell vorgegangen ist. Für sie ist diese Angelegenheit kein Ruhmesblatt.

Ein ähnlich schwerwiegender Fall lag vor bei der medizinischen Dissertation (Arbeit aus dem Jahr 1990) von Ursula von der Leyen. Das kann man allein bei Wikipedia nachlesen. Sie kam 2016 bei der Nachbegutachtung der Medizinischen Hochschule Hannover allein deshalb davon, weil sie Beziehungen in das Entscheidungsgremium hatte. Prof. Dr. Gerhard Dannemann (Humboldt Universität Berlin) meinte seinerzeit, bei 32 Plagiaten auf 62 Seiten in von der Leyens Doktorarbeit könne man ein systematisches Vorgehen pauschal nicht verneinen. Tatsächlich.

Zum Fall Franziska Giffey kritisierte die familienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Ekin Deligöz, es wäre für Frau Giffey besser gewesen, „früher reinen Tisch zu machen und das Amt nachzubesetzen“. In der Tat.

Es ist kein richtiges Vorgehen, die Berliner Wählerinnen und Wähler am 26. September über Franziska Giffeys Doktorarbeit abstimmen zu lassen. Die sind dafür nicht das richtige Gremium. Entscheiden muss die Promotions-Kommission. Aber wissenschaftlich.

Franziska Giffey sollte sich aus der Politik zurückziehen.

3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren

Mittwoch, Mai 19th, 2021

1771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung

Heinrich Heine.

Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.

Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).

Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.

An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)

Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.

„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“

3408: Attila Hildmann in die Türkei geflüchtet.

Dienstag, Mai 18th, 2021

Der Vegankoch und Verschwörungsideologe Attila Hildmann ist in die Türkei geflüchtet. Von dort hat er ein Foto gepostet. Hildmann hat 100.000 Anhänger auf Telegram. Gegen ihn war ein Haftbefehl erlassen worden wegen Volksverhetzung, Bedrohung und Beleidigung. Anscheinend hatte er einen Tipp aus Kreisen der Justiz erhalten. Der Kreis der Eingeweihten, die von dem Haftbefehl wissen konnten, ist überschaubar.

„Bin seit ein paar Wochen im wohlverdienten Urlaub! Was will man aktuell in Mao-Merkels-GULAG?“ Seit Mitte Dezember 2020 war Hildmann nicht mehr in seiner Villa im brandenburgischen Wandlitz aufgetaucht. Kürzlich postete er auf Telegram eine Fotomontage mit Angela Merkel in KZ-Kleidung und schrieb dazu: „Sperrt diese Untermenschen Jüdin endlich nach Auschwitz wo sie hingehört bevor noch mehr Kinder Selbstmord begehen und wehrlose Alte mit Judenspritzen ermordet werden!“ Hildmanns Porsche GT 911 hat die Polizei in Berlin-Adlershof gefunden. Er steht zum Verkauf (Florian Flade/Ronen Steinke, SZ 18.5.21).

3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Montag, Mai 17th, 2021

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)

3404: Israel ist gespalten

Freitag, Mai 14th, 2021

Israel ist Kriege gewohnt. Hat bisher alle überstanden. Ist hochgerüstet. Aber der gegenwärtige Gaza-Krieg, der seinen Ursprung bei den Krawallen auf dem Tempelberg hat, in dem es um die Wegnahme von palästinensischen Häusern und Grundstücken ging, hat eine neue, hochgefährliche Dimension. Er hat sich ausgewachsen zu einem wüsten Kampf zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern. Unter dem Eindruck der Raketenangriffe aus Gaza. Von den neun Millionen Israelis sind 20 Prozent arabisch. Die Bevölkerung ist also gemischt.

Jetzt hat ein arabischer Mob in Lod den Bürgerkrieg begonnen mit Brandstiftungen von Synagogen und Plünderungen von Geschäften. Die rechte jüdische Gewalt ließ nicht lange auf sich warten. „Tod den Arabern.“ Es war die Rede von der „Kristallnacht in Lod“. Das bedroht die Grundfesten des Staates Israel. Die gewalttätigen Araber in Israel ähneln den ultra-orthodoxen Juden. Sie sind unfähig zum Kompromiss. Verschärft hatte die Konfliktursachen die Regierung Netanjahu mit gezielter Hetze und dem Nationalstaatsgesetz von 2018, das die israelischen Araber zu Bürgern zweiter Klasse macht. Hinzu kam die falsche Politik der Trump-Administration (US-Botschaft nach Jerusalem etc.) (Peter Münch, SZ 14.5.21).

Die tieferen Ursachen für den Bürgerkrieg liegen darin, dass Israel sich von der zwei-Staaten-Theorie abgewandt hat, die der einzige Weg zu einer friedlichen Zukunft ist. Israel betreibt gegenüber den eigenen Arabern eine Diskriminierungs-, Besatzungs- und Enteignungspolitik. Die ist völkerrechtswidrig. Aber das ist Israel egal.

3403: Volker Weidermann geht zur „Zeit“.

Freitag, Mai 14th, 2021

Volker Weidermann war bisher (seit 2015) Literatur-Redakteur beim „Spiegel“. Ab 1. Oktober wird er Feuilletonchef der „Zeit“. In einer sehr bemerkenswerten internen Mail an die Kollegen hat er das damit begründet, dass ihm der Schritt leicht gefallen sei auf Grund eines Klimas von „Angst, Misstrauen, Beharrungswillen, Unmut und Kontrollwahn“. Erst kürzlich waren Melanie Amann und Thorsten Dörting in die Chefedaktion des „Spiegels“ berufen worden, nachdem Barbara Hans hingeschmissen hatte. Das lässt auf ein hoch aggressives Klima beim „Spiegel“ schließen.

Volker Weidermann (geb. 1969) ist ein hochverdienter Literatur-Journalist. Schon sein erstes Buch „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ (2006) hatte mich begeistert. Weidermann schreibt kurz, pointiert, stilistisch brillant und lässt den Leser über seine Meinung nicht im Unklaren (seine weiteren Werke: „Das Buch der verbrannten Bücher“ 2008, „Max Frisch“ 2010, „Ostende 1936“ über Stefan Zweig und Joseph Roth 2014, „Dichter treffen“ 2016, „Träumer“ über die Münchener Räterepublik 2017, „Das Duell“ zwischen Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass 2019 und „Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko“ 2020). Von 2015 bis 2019 moderierte er im ZDF das „Literarische Quartett“. Vorher war er Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) (Carolin Gasteiger, SZ 14.5.21).

3402: Caren Miosga bekommt den Grimme-Preis.

Mittwoch, Mai 12th, 2021

Die diesjährigen Grimme-Preise sind von der Direktorin des Adolf-Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, vergeben worden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk schneidet dabei gut ab. „Angesichts der aktuellen Debatte um manipulierte Dokumentationen sind wahrhaftige Produktionen, die journalistische Standards strikt einhalten, wichtiger denn je.“ Für ihre Art, Nachrichten zu präsentieren, wurde die Tagesthemen-Moderatorin Caren Misoga besonders geehrt (Carolin Gasteiger, SZ 12.5.21). Sehr zu Recht!

3401: Das „Luf-Boot“

Dienstag, Mai 11th, 2021

Das aus der Südsee stammende, imposante „Luf-Boot“ wurde 2018 vom Ethnologischen Museum Dahlem ins Humboldt-Forum in Berlin-Mitte expediert. Unter großem Aufwand. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Dr. Hermann Parzinger, erklärte es für „erworben“. Also als keine Raubkunst.

Der Historiker Götz Aly widerspricht dem in seinem neuesten Buch. Darin erzählt er, wie die Deutschen die Bewohner der Hermitinseln, deren größte Luf ist, töteten, vergewaltigten und zur Zwangsarbeit auf den Kokosplantagen verschleppten. Aly ist familiär verstrickt. Sein Urgroßonkel war als Militärpfarrer bei der Deutschen Kriegsmarine und wirkte an der Unterwerfung der Ureinwohner mit. Die dort tätigen deutschen Unternehmen betrachteten die Inselbewohner vor allem als kostenlose Arbeitskräfte. Die meisten von ihnen sahen ihre Heimatinseln nie wieder. Sie starben vor Erschöpfung oder an eingeschleppten Krankheiten (Mark Siemons, FAS 9.5.21; Jörg Häntzschel, SZ 10.5.21).