Deutschland hat den Völkermord an den Herero und Nama (1904-1908) als solchen anerkannt. Bundesaußenminister Heiko Maas hat Namibia um Verzeihung gebeten. Die Bundesrepublik hat sich zu Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro verpflichtet. Wie nicht anders zu erwarten, kritisierten dies einige namibische Opferverbände als zu gering. Die namibische Regierung sagte: „Die Anerkennung vonseiten Deutschlands, dass ein Völkermord begangen wurde, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.“ (clb./fhau., FAZ 29.5.21; Bernd Dörries, FAZ 29.5.21; pes, FAZ 29.5.21; Christian Putsch, Die Welt 29.5.21).
Archive for the ‘Wissenschaft’ Category
3424: Deutschland erkennt Völkermord an.
Sonntag, Mai 30th, 20213423: Steinmeier kandidiert gegen Schwarz-Grün.
Samstag, Mai 29th, 2021Die von ihrem Zeitpunkt her fast spektakuläre erneute Kandidatur von Frank-Walter Steinmeier für das Amt des Bundespräsidenten ist nur auf den ersten Blick unverständlich. Seine Amtszeit endet am 18. März 2022, die Wahl findet statt am 13. Februar 2022. Es wählt die Bundesversammlung, die zur Hälfte aus allen Bundestagsabgeordneten und zur anderen aus Entsandten der 16 Länderparlamente besteht. Ihre Zusammensetzung ist heute (vor der Bundestagswahl am 26. September 2021) noch offen. Von den zwölf Bundespräsidenten seit 1949 traten nur vier eine zweite Amtszeit an.
Steinmeier hat sich das Ansehen eines „Bürgerpräsidenten“ erarbeitet. Er ist vom ersten Tag seiner Amtszeit an dorthin gefahren, wo Kritiker saßen, Verzweifelte klagten und Minderheiten attackiert wurden. Er hat junge Migrantinnen ebenso im Schloss Bellevue empfangen wie Menschen, die Angst vor Zuwanderung haben. Und er hat die AfD dort sehr klar angenommen, wo sie die Grundwerte der Demokratie infrage stellt. Insbesondere hat sich Steinmeier deutlich gegen Gewalt, wie sie seinerzeit von den Nazis geübt wurde, gewandt (Nico Fried, SZ 29./30.5.21; Stefan Braun, SZ 29./30.5.21).
Wenn er nun sagt, dass er die Wunden der Pandemie heilen will, so mag das glaubwürdig erscheinen. Tatsächlich geht es um Macht. Völlig legitimerweise. Und hier versucht der Bundespräsident gegen Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz Stellung zu beziehen. Denn wenn sich diese Parteien gegen ihn erklären wollten, müssten sie alsbald eine Kandidatin benennen. Das ist in diesen bewegten Zeiten gar nicht so einfach. Und natürlich noch nicht geschehen. Obwohl es dort geeignete Kandidaten gibt: Katrin Göring-Eckardt bei den Grünen und Wolfgang Schäuble bei der Union (immerhin der Mann, der zum Glück Markus Söder verhindert hat). Insofern beweist die Bewerbung Steinmeiers zum gegenwärtigen Zeitpunkt feines taktisches Gespür. Er versucht jetzt schon etwas für die SPD zu tun.
3422: Dan Diner 75
Freitag, Mai 28th, 20211946 wurde Dan Diner in einem Lager für Displaced Persons in München geboren. Seine Eltern waren Juden, die Mutter aus Litauen, der Vater aus Polen. Diner pflegte den Spruch: „Meine Eltern sind vor dem Holocaust in den Gulag geflohen.“ 1949 reiste die Familie nach Israel aus, kam aber 1954 schon zurück nach Frankfurt am Main. Dort hat sich Dan Diner vehement entwickelt zum Historiker. Seine Habilitationsschrift 1980 hatte den Titel „Israel in Palästina“. Die Historikerzunft insgesamt in Deutschland war Diner nie ganz geheuer.
Der undogmatische Linke war fest im Universalismus verankert. Als Redakteur verschaffte er der Zeitschrift „links“ Wirkung und Einfluss. Dan Diner scheute sich nicht, 1982 eine „Lanze für die Nato“ zu brechen und ein sehr pazifismuskritisches Interview mit André Gorz ausgerechnet zum Frankfurter Friedenskongress zu veröffentlichen.
Mittlerweile hat er als langjähriger Direktor des von ihm gegründeten Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig die siebenbändige „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ (1750-1950) herausgegeben. Das ist eine Aufbereitung jüdischer Geschichte ohne die nachkriegsdeutsche Fixierung auf den Holocaust. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935-1942“ und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von Dan Diner können wir alle viel lernen (Claus Leggewie, taz 20.5.21).
3421: Schweiz lässt Vertrag mit EU platzen.
Donnerstag, Mai 27th, 2021Wegen substanzieller Differenzen lässt die Schweiz das angestrebte institutionelle Rahmenabkommen mit der EU platzen. Das entspricht der Schweizer Mentalität des größten Effekts bei geringstem Aufwand. Bisher gibt es ein Geflecht von bilateralen Verträgen mit EU-Staaten. Die EU hat angekündigt, dann keine neuen Verträge mit der Schweiz zu schließen (Schwexit). Einer engeren Zusammenarbeit zwischen der EU und der Schweiz wird dadurch eine Absage erteilt. Es wäre kein fairer Deal gewesen (Matthias Kolb/Isabel Pfaff, SZ 27.5.21).
3420: Facebook desinformiert Mütter.
Mittwoch, Mai 26th, 20211. Mütter sind für Facebook leichte Opfer, weil sie häufig verletzlich, überfordert und einsam sind.
2. Die Facebook-Müttergruppen haben Zehntausende von Mitgliedern, das gefällt der Werbung. Hier gibt es Riesensummen zu verdienen.
3. Hier verbringen Mütter viel Zeit und berichten über Privates. Das interessiert andere Mütter und Werbekunden.
4. Hier kann man Babyklamotten tauschen.
5. Die Mütter setzen sich gegenseitig unter Druck („Mommy Wars“).
6. Hier gibt es massenhaft Pseudowissenschaft: Etwa, dass nur Stillen gut für das Neugeborene sei. Auch wenn manche Mütter nicht stillen können oder wollen.
7. Gefeiert wird die „natürliche Geburt“ (am besten im Planschbecken im eigenen Wohnzimmer).
8. Es gibt Verfechter des Trends, die eigene Plazenta zu verspeisen, roh, gekocht oder zu Globuli verarbeitet.
9. Geschürt wird die Angst vor dem Impfen.
10. Querdenker verbreiten den Hashtag #WirLassenUnser KindNichtImpfen.
11. Manche Beiträge richten sich an Bioladen-Einkäuferinnen („Wissen Sie wirklich, was in diesen Impfstoffen enthalten ist.“), manche an Anti-Kapitalisten („Große Pharmakonzerne machen Geld mit diesen Impfstoffen.“), manche an „Libertäre“ („Lassen Sie sich nicht von der Regierung vorschreiben, was Sie in den Körper ihres Kindes stecken.“).
12. Die Posts von Impfgegnern und anderen Schwurblern beherrschen die Szene (Kathrin Werner, SZ 26.5.21).
3419: Kardinal Woelki: ausgeladen
Mittwoch, Mai 26th, 2021Mitglieder der katholischen Düsseldorfer Gemeinde St. Margareta wollen nicht, dass Kardinal Rainer Maria Woelki zur Firmung kommt. Bei der Firmung salbt der Bischof in einer feierlichen Zeremonie die Jugendlichen mit Chrisam-Öl und spricht ihnen den heiligen Geist zu. In der Gemeinde waren früher zwei Priester tätig, denen Übergriffe vorgeworfen werden. Einen kannte Woelki aus Jugendtagen, den anderen beförderte er sogar. Inzwischen ist das Vertrauen vieler Gläubiger in die Kirchenleitung nachhaltig zerstört. „Wie lange will Woelki so weitermachen? Der Vorgang zeigt, dass er keine Autorität mehr hat. Nur noch Macht.“ (Annette Zoch, SZ 25.5.21)
3416: Lauterbach meldet 48.850 Euro nach.
Dienstag, Mai 25th, 2021Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat bei der Bundestagsverwaltung Nebeneinkünfte von 48.850 Euro nachgemeldet. 31.000 Euro erhielt er als Vorschuss für ein Buchprojekt. Der SZ (25.5.21) sagte er: „Sie glauben gar nicht, wie peinlich mir das ist. Das ist ein beschämender Vorgang.“ Vortragsgelder wolle er für Kinder in Indien spenden. Vor Lauterbach hatten die Grünen-Politiker Annalena Baerbock und Cem Özdemir Zahlungen nachgemeldet.
3415: Götz Aly über den Umgang mit Raubgut
Montag, Mai 24th, 2021Götz Aly hat schon häufiger gegen den Mainstream der Historiker gestanden. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit deutschem Raubgut aus der Südsee:
Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2021, 240 S.; 21 Euro.
Dazu interviewt ihn Ijoma Mangold in der „Zeit“ (12.5.21). Aly sagt:
„Wir verfügen in Berlin über etwa 65.000 Objekte aus der Südsee. Weit überwiegend sind sie auf räuberische oder unredliche Art zu uns gelangt. Das Luf-Boot, das einzige, das von Hunderten solcher Boote die Zeit überdauert hat, ist hier in Berlin konserviert. Es ist ein Stück Weltkulturerbe. Mit solchen Schiffen wurde die Südsee vor vielen tausend Jahren, als wir in Europa noch in Höhlen lebten, gezielt erschlossen. Wir haben es mit einer Hochkultur zu tun, davon legt das Boot Zeugnis ab. Die Umstände, unter denen es von einem deutschen Händler beschafft wurde, sind sehr, sehr unschön, sie beruhen auf Krieg, Ausrottung, Menschenverachtung und Rassismus. Aber das Luf-Boot ist nun einmal hier, Kuratoren haben dieses Prachtboot und tausende andere Objekt sorgfältig gepflegt – wir stehen bewundernd und neugierig davor. Was tun? Zunächst sollten wir uns – konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen.“
3414: Andrej Sacharow 100
Montag, Mai 24th, 2021Der Physiker, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1975, Andrej Sachacharow, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. In der Sowjetunon hatte er zunächst eine steile Karriere gemacht. 1947 absolvierte er seine Promotion und wurde in der Folge in den „militärisch-industriellen Komplex“ kommandiert, um an der Entwicklung der Atombombe mitzuwirken. Mit 32 Jahren 1953 wurde er jüngstes Mitglied in der Akademie der Wissenschaften. In dem Jahr zündete die UdSSR ihre erste Wasserstoffbombe.
Ab 1957 entwickelte sich Sacharow zum Rüstungskritiker. Mit guten Argumenten. Einer seiner Partner im Westen war Heinrich Böll. Sacharow verfasste viele Memoranden zur Abrüstung, Friedenspolitik und zur friedlichen Koexistenz. Er setzte sich für die Rückübersiedlung Russlanddeutscher nach Deutschland ein. Durch den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 fühlte Sacharow sich bestätigt. Er forderte die Welt zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 auf. Er wurde in Moskau auf der Straße verhaftet und in die Verbannung nach Gorki geschickt. Mit seiner Frau, Jelena Bonner, lebte er dort bis 1986, als Michail Gorbatschow an die Macht kam. 1989, in seinem Todesjahr, wurde er Abgeordneter der Duma. Auch hier noch äußerte er sich kritisch zur offiziellen Politik der UdSSR (Gerhard Gnauck, FAS 23.5.21).
3413: BBC
Sonntag, Mai 23rd, 2021„Für die BBC geht es jetzt um alles. Die British Broadcasting Corporation steht seit fast 100 Jahren für all das, was öffentlich-rechtlichen Rundfunk und guten Journalismus ausmacht: Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Trotz mancher Fehltritte erwuchs über die Jahrzehnte ein Vertrauen in die BBC, das nun zutiefst erschüttert wurde. Eine Untersuchung kam zu einem vernichtenden Urteil: 1995 kam das Interview mit Prinzessin Diana, einer der größten Scoops in der Geschichte der BBC, offensichtlich nur zustande, weil ein Reporter sich das Vertrauen mit gefälschten Dokumenten erschlich.
Dieser Betrug trifft die BBC in ihren Grundfesten. Ein Mitarbeiter hat gegen jene Leitlinien verstoßen, die den Granden der BBC stets heilig waren. Die Guidelines sind eine Art Glaubensbekenntnis, und darin heißt es: ‚Unser Publikum vertraut uns und erwartet von uns, dass wir uns an die höchsten redaktionellen Standards halten.‘ Es liegt jetzt an der BBC zu beweisen, dass dieser Satz trotz des Skandals noch gültig ist.
Einfach wird das nicht, denn einige der größten BBC-Kritiker sitzen in der Regierung. Und die wird den Skandal zum Anlass nehmen, das zu tun, was sie ohnehin vorhatte: die Macht der BBC beschneiden, womöglich die Rundfunkgebühr abschaffen und die Aufsichtsgremien nach ihrem Gusto besetzen. Die BBC muss um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Und damit um das, was sie so bedeutend gemacht hat: unbestechlichen und unparteiischen Journalismus.“ (Alexander Mühlauer, SZ 22./23./24.5.21)