Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3400: Ist Peter Handke ein Faschist ?

Dienstag, Mai 11th, 2021

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (Nobelpreisträger für Literatur 2019) hat am Wochenende in Serbien und in der bosnischen Serbenrepublik Orden und Preise entgegengenommen. Kritiker hatten darauf verwiesen, dass Handke serbische Kriegsverbrechen während der Jugoslawien-Kriege bagatellisiert hatte. Den Orden der Republica Srbska hatte Handke aus der Hand der Präsidentin Zeljka Cvijanovic erhalten. In Visegrad überreichte ihm der Regisseur Emir Kusturica den Ivo-Andric-Preis. Am Sonntag erhielt Handke einen Orden aus der Hand des serbischen Präsidenten Aleksander Vucic.

Bosnien reagierte entsetzt. Das kroatische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Zeljko Komsic, sagte: „Handke mag ein Nobelpreisträger zum Quadrat sein, aber in den Tiefen seiner Seele ist er ein Faschist.“ (SZ 10.5.21)

3399: Jürgen Habermas lehnt einen Preis ab.

Montag, Mai 10th, 2021

Unabhängig davon, wie wir den deutschen Philosophen Jürgen Habermas, geb. 1929, betrachten, sofern wir uns überhaupt dazu ein Urteil erlauben, ist es eine Tatsache, dass er ein riesiges Werk geschaffen hat, das nahezu unüberschaubar ist und viele Fächer berührt („Strukturwandel der Öffentlichkeit“ 1962, „Erkenntnis und Interesse“ 1968, „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ 1973, „Theorie des kommunikativen Handelns“ 2 Bde. 1981, „Der philosophische Diskurs der Moderne“ 1985). Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, war durch den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ unmittelbar berührt. Entsprechend ernst wurde Habermas bei uns genommen.

Das Erstaunliche bei Habermas war aber, sofern wir hier überhaupt kritisch herangehen wollen, dass es erstaunte, welcher Aufwand betrieben werden musste, um zu bestimmten Erkenntnissen zu gelangen. Die Bedeutung Europas hatten etwa Charles de Gaulle und Konrad Adenauer dreißig Jahre vorher ohne Philosophie erkannt.

Jürgen Habermas hatte den mit 225.000 Euro dotierten „Sheikh Zayed Book Award“ von Abu Dhabi zunächst angenommen. Dann abgelehnt mit der Begründung: „Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.“ Das berührt die alte Streitfrage, ob wir die Chancen höher bewerten, die ein Dialog verspricht, oder das Risiko, Autokraten bei der Verschleierung der wahren Natur ihrer Herrschaft zu helfen. Mit Verzögerung hat Jürgen Habermas für sich die Frage beantwortet. Klar. Auf dem Freiheits-Index der Organisation Freedom House steht Abu Dhabi mit 17 von 100 Punkten auf einer Stufe mit Iran und Swasiland.

Es versteht sich von selbst, dass Habermas‘ Entscheidung kritisiert wurde. Etwa von dem Übersetzer Stephan Weidner, der darin ein „Lehrstück für die moralische Überheblichkeit des Westens“ sieht. Sie zeige, dass es Araber und Muslime der westlichen Welt nie rechtmachen könnten. Abu Dhabi sei ein Staat, der mit Israel Frieden schließe und die Tauwetter-Politik am Golf mittrage.

Vermittelt hatte die Preisvergabe an Jürgen Habermas Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Er sagt: „Er (Habermas) hat sich über den Preis informiert und sich nach einigen Tagen Bedenkzeit entschieden, ihn anzunehmen.“ Boos ist der Meinung, dass wir demokratische Werte „besser vertreten, wenn wir Präsenz zeigen, als wenn wir die Distanz größer werden lassen“. Er unterstreicht, dass er von Abu Dhabi nur Reisekosten bekomme (Moritz Baumstieger, SZ 10.5.21).

3398: Pia Lamberty wird verfolgt.

Montag, Mai 10th, 2021

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty, 37, hat 2020 mit ihrer Kollegin Katharina Nocun veröffentlicht:

„Fake News – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen.“

Seither muss sie halb im Versteck leben, weil sie von Esoterikern, Homöopathen, Waldorfschulanhängern, Querdenkern, Neonazis und anderen Irren verfolgt wird. „Pia Lamberty, du Miststück, wir kriegen dich bald, dann Gnade dir Gott.“ Für ihre Verfolgung spielt Antisemitismus eine große Rolle („wieviel Geld sie von Soros bekommt“), die Tatsache, dass sie eine Frau ist (die 2020 geheiratet hat) und dass sie im Fernsehen auftritt.

Der Hass gegen Lamberty hat nochmals zugenommen durch die von nicht voll der Sache gewachsenen Schauspielern durchgeführte Aktion „Alles dicht machen.“ Manche, die da mitgemacht haben, waren sich anscheinend nicht darüber im Klaren, was das bedeutete. Besonders schlimm wird der Hass, so Lamberty, wenn Prominente Verschwörungserzählungen wiederkäuten. Pia Lamberty kennt junge Kolleginnen, die sich nicht mehr trauen, sich zu ihren Themen öffentlich zu äußern. „Das verändert den Diskurs.“

Pia Lamberty wird der Kriegsführung für unsichtbare staatliche oder metastaatliche Kräfte bezichtigt. Die zusätzliche Diskriminierung als Frau besteht darin, dass Männer wenigstens als „böse“, sie aber nur als „ahnungslos“ bezeichnet wird. Attila Hildmann, ein besonders penetranter Verschwörungserzähler, hat sogar Lambertys Mailadresse („Könnt ihr ja mal schreiben.“)  publiziert. Pia Lamberty hat ihn angezeigt. Inzwischen soll Hildmann in die Türkei geflohen sein.

Frau Lamberty schreddert ihren Büromüll. Sie überprüft regelmäßig, ob die Tür abgesperrt ist und die Fenster im Keller auch wirklich verschlossen sind.

Ende Mai soll (wiederum gemeinsam mit Katharina Nocun) erscheinen:

„True Facts. Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft.“

Da können wir nur die Daumen drücken (Philipp Bovermann, SZ 10.5.21).

3396: Streit um die Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung

Sonntag, Mai 9th, 2021

Zum Gedenken an die ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt gibt es Stiftungen. Bei der Einrichtung einer „Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung“ gibt es Streit zwischen der CDU und der Kohl-Witwe Maike Richter-Kohl. Zwar wurde das Stiftungsgesetz im Bundestag mit großer Mehrheit angenommen, doch widerspreche es, so die Meinung von Frau Kohl, dem letzten Willen ihres Mannes. Sie als Witwe und Erbin sei übergangen worden. So könne Helmut Kohl „zum Spielball wechselnder politischer Mehrheiten“ werden. Die Koalition hatte sich kurzfristig entschlossen, ohne Frau Kohls Zustimmung in

Berlin

ein Helmut-Kohl-Zentrum zu errichten.

Auch über den Sitz der Stiftung gibt es Streit. Maike Richter-Kohl möchte ihn in Oggersheim/Ludwigshafen haben, wo Kohl mit seiner ersten Frau und seinen beiden Söhnen seit 1971 gelebt hatte. Später zog noch vor der Hochzeit Frau Richter-Kohl ein. Vergeblich hatte sie vor zwei Jahren versucht den „Kanzler-Bungalow“ unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Die rheinland-pfälzische Generaldirektion kulturelles Erbe hatte das wegen der „schlichten architektonischen Gestaltung“ abgelehnt und weil das Gebäude mehrfach umgebaut worden war. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass hier in Oggersheim der

Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit

getippt worden und viele hochrangige Staatsgäste zu Gast gewesen waren. Daraufhin hatte Frau Kohl-Richter das an ihr Haus grenzende Grundstück kurzerhand gekauft. Das hat ihr die CDU nicht gedankt.

Ein weiterer wichtiger Streitgrund ist die Schwarze-Kassen-Affäre der CDU. Sie begann im November 1999 mit einem Haftbefehl gegen den damaligen Schatzmeister Walther Leisler Kiep wegen Steuerhinterziehung. Kurz darauf gestand der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geisler ein, dass die CDU in der Ära Kohl „schwarze Konten“ geführt hatte. Aus der Sicht von Maike Richter-Kohl geht es heute „stärker denn je um Gesinnung, Ideologie, Zerstörung und Geschichtsfälschung“.

Nach seiner Abwahl 1998 hatte Helmut Kohl schätzungsweise 200 Leitz-Ordner mit historisch wertvollen Dokumenten an die Konrad-Adenauer-Stiftung gegeben, einen Teil davon 2010 aber wieder ausgeliehen. Dieser Teil befindet sich in der Obhut von Frau Richter-Kohl. Das kritisierte der Kohl-Sohn Walter: „Niemand sollte hier irgendwelche privaten Interessen verfolgen. Alle amtlichen Dokumente gehören in die Stiftung, damit sie dort wissenschaftlich aufgearbeitet werden können.“ (Hannelore Crolly, Welt 8.5.21)

3395: Humberto Maturana ist gestorben.

Samstag, Mai 8th, 2021

Im Alter von 92 Jahren ist in Santiago de Chile der Biologe und Philosoph Humberto Maturana gestorben. Als Erfinder des

„Konzepts der Autopoeisis“

ist er in den Wissenschaften und insbesondere in der Wissenschaftstheorie („Biologie der Kognition“ 1970) sehr wichtig. Seine Bedeutung geht weit über die Naturwissenschaften hinaus. Er hat den

Konstruktivismus

mit geschaffen und damit einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Informationen, Nachrichten, Berichterstattung, zum Verständnis der Welt geliefert (die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien). 2021 wichtiger als je zuvor.

Seit 1948 hatte Maturana Medizin studiert. Ging 1956 zum Promotionsstipendium nach Harvard, wo er sich mit der Anatomie und dem Sehvermögen von Fröschen befasste. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach Eingriffen in sein Nervensystem beim Versuch, eine Fliege zu fangen, seine Zunge hartnäckig in eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege also koordinierte die Wahrnehmungen des Frosches, sondern sein Gehirn kordinierte seine Wahrnehmungen und Bewegungen. Der Frosch brachte seine Welt selbst hervor (Selbsterzeugung).

In der Kommunikationswissenschaft bedeutete das eine starke Erschütterung des Glaubens an die Objektivität, die Trennung von Nachricht und Meinung, nach der heute immer noch verfahren wird. Alles, was gesagt wird, wird von jemand gesagt. Wie Heinz von Foerster sagt: Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit. Darin liegt ihre Popularität begründet. Wie Humberto Maturana gemeinsam mit Francisco Varela („Der Baum der Erkenntnis“ 1984) herausarbeitete, ist es der Beobachter, der von seinem distanzierten Standpunkt aus Korrelationen herstellt. Konstruktionen von Wirklichkeit sind insofern indifferent gegen Fakten. Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns. Die Welt erscheint uns so, wie wir sie sehen wollen.

Wir befinden uns also in einem Dilemma: Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir objektive Phänomene nicht wahrnehmen können, da es keinen Mechanismus gibt, der solch eine Information möglich macht. Andererseits sind wir von Willkür und Chaos bedroht, von einer Nicht-Objektivität, in der alles beliebig und möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu wandern, einmal das Extrem des Objektivismus zu vermeiden und andererseits das Extrem des Idealismus (Subjektivismus). Unsere Sprache (als Resultat liebevoller Kommunikation und nicht als Mittel des Kampfes) ermöglicht uns Problembewusstsein und Selbstreflexion. Nicht zuletzt das hat uns Humberto Maturana erschlossen und gezeigt.

Und viele Wissenschaftsfeinde, Propagandisten, Querdenker, Esoteriker und Nazis haben das noch nicht verstanden und wollen es nicht wahrhaben.

3392: Sophie Scholl – ein Vorbild

Mittwoch, Mai 5th, 2021

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl sind schon viele Beiträge erschienen. Natürlich von unterschiedlicher Qualität. Die meisten aber sehr ernst zu nehmen. Viele bemühen sich, hinter dem von Sophies älterer Schwester Inge Scholl, später Aicher-Scholl, gezeichneten Heiligenbild den Menschen Sophie Scholl erscheinen zu lassen. Alles in Ordnung, auch wenn wir uns bewusst sind, dass Inge Scholl ihr Buch „Die weiße Rose“ (1952) in einer Zeit geschrieben hat, als die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ in Deutschland noch ganz überwiegend als unbedarfte Schwärmer gesehen wurden, die in einer Aura der Unschuld blieben, sich nicht zum Vorbild eigneten. Das sehen wir heute ganz anders. Sophie Scholl starb am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim unter dem Fallbeil.

Ich stütze mich hier hauptsächlich auf zwei herausragende journalistische Quellen: Robert M. Zoske, taz 30.4/1./2.5.21 und Jörg Thomann, FAS 2.5.21. Der Theologe und Historiker Robert M. Zoske, 68, hatte 2014 mit einer Arbeit über Hans Scholl, Sophies Bruder, promoviert und 2020 „Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen.“ veröffentlicht.

Sophie Scholl gehörte mit ihrem Bruder Hans, dem Kopf der Gruppe, zu einer sechsköpfigen Gemeinschaft von Widerständlern, die 1942/43 in München und anderen Großstädten insgesamt sechs Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte und darin zum Widerstand, zur Sabotage und zum Umsturz aufrief. Sophie war die einzige Frau in der Gruppe. Der Name „Weiße Rose“ stammt von den Titeln der ersten vier Flugblätter.

1946 rief die Schriftstellerin Ricarda Huch unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ dazu auf, Briefe und Erinnerungen an den Widerstand zur Verfügung zu stellen. Sophie Scholls ältere Schwester Inge sandte Ricarda Huch 1947 eine 49-seitige Schrift, die sich aus heutiger Sicht als Rückprojektion und Selbstkonstruktion erweist. Inge Scholl hatte niemals zum Widerstand, geschweige zur „Weißen Rose“, gehört. Ihre Schrift war eine Vorstudie zu ihrem Buch über die „Weiße Rose“ (1952). Darin schildert sie das Kind Sophie trotz ihrer „wundersamen, unnennbaren Kindlichkeit“ als etwas Besonderes und „Reifes“. Allerdings marginalisierte Inge Scholl die Hitler-Jugendjahre ihrer Schwester, die anfangs eine glühende Nationalsozialistin (beim BDM) gewesen war. Für Inge Scholl war alles in Sophies Leben eine Vorbereitung auf die heroischen Widerstandswochen 1942/43.

In der DDR begann die Anerkennung Sophie Scholls als (antifaschistisch-sozialistische) Widerstandskämpferin sehr früh. Das erstreckte sich auch auf die „Weiße Rose“. Bereits 1949 gab es in Freiberg ein „Geschwister Scholl Gymnasium“. Die Deutsche Post der DDR publizierte 1961 die erste Briefmarke mit Sophie Scholl. Die Bundespost veröffentlichte 1964 eine Briefmarke mit acht Widerstandskämpfern, Sophie Scholl war dabei die einzige Frau. Möglicherweise hat dabei der Geschlechterproporz eine Rolle gespielt. 1991 folgte ein Einzelporträt Sophie Scholls.

Auf der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der Walhalla bei Regensburg, ist Sophie Scholl seit 2003 mit einer Marmorbüste die einzige Vertreterin der Münchener Gruppe. Nur von ihr gibt es in der Münchener Universität seit 2005 eine personalisierte Bronzebüste im Lichthof. Das Bild der „Weißen Rose“ wurde maßgeblich von drei Spielfilmen geprägt: Michael Verhoeven „Die Weiße Rose“ (1982), Percy Adlon „Fünf letzte Tage“ (1982), Marc Rothemund „Sophie Scholl – die letzten Tage“ (2005).

Seit langem haben sich Anekdoten um das Leben der „Weiße Rose“-Mitglieder und Sophie Scholls gerankt. So etwa die, dass sie einer jüdischen Mitschülerin beigestanden hätte. Und anderes. „Keine dieser erzählerischen Ausschmückungen ist haltbar.“ Sophie Scholl war als junges Mädchen eine begeisterte Nationalsozialistin. Sie neigte zu „elitären Gedanken“. Die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ waren auch keine Pazifisten, wie Zoske etwas erstaunt feststellt. Nach eigenem Bekunden einer Freundin gegenüber wäre Sophie Scholl bereit gewesen, Hitler zu erschießen. Verwunderlich ist das nicht. Wir sind uns doch klar darüber, dass es keine Pazifisten waren, welche die Nazis besiegt haben. Sophie Scholls Christentum hat ihren Widerstand bestärkt. Nach den Worten ihrer Freundin Susanne Hirzel war sie „überkandidelt religiös“.

Sophie Scholls Umkehr zum Widerstand beruhte wahrscheinlich hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in einem Kinderhort in Blumberg im Schwarzwald, wo sie „Kriegshilfsdienst“ ableisten musste. Das war ein sozialer Brennpunkt. Dort agierten die Nazis seit Mitte der dreißiger Jahre rücksichtslos im Sinne ihrer Rassen- und Rüstungspolitik. Ohne Rücksicht auf Anwohner und Natur. Dort wurden Verschleppte, Kriegsgefangene und Straftäter eingesetzt. Ursprünglich war hier Erzförderung geplant, die aber 1942 eingestellt wurde. Sophie Scholl erhielt hier täglich Anschauungsunterricht über die Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zwei Monate nach Ende des „Kriegshilfsdienstes“ lieh sie sich von ihrem Geliebten Fritz Hartnagel, einem Berufsoffizier, Geld für die Anschaffung eines Kopierers. Damit wurde sie schließlich zur Organisatorin des Widerstands, als ihre Mitstreiter als Soldaten zunehmend an der Front blieben.

Die Legendenbildung um Sophie Scholl erklärt sich überwiegend aus dem Wunsch, die Besonderheit ihres Handelns noch zu steigern. Der Mythos verschleierte die Wirklichkeit. Sophie Scholl wurde zur entrückten Heiligen. Das fiel im Land der vielen Mittäter auf fruchtbaren Boden. Wer hätte nicht gerne eine Schwester wie Sophie gehabt! Als ab 1968 die ersten entmythologisierenden Forschungen publiziert wurden, war beinahe kein Rezensent bereit, dem zu folgen. Aber Sophie Scholls Tagebuchhefte sprechen eine deutliche Sprache. Eines begann sie mit einem Gedicht Matthias Claudius‘. Sie beendet es mit einem Jesuswort über Trauer und Mut: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16, 33).

Robert M. Zoske schreibt zu Recht: „Sie konnte umkehren, ihren Sinn ändern, eine Denkwende vollziehen – Fähigkeiten, die auch heute dringend gebraucht werden. Sie handelte nach ihrer Überzeugung und ging trotz der Gefahr in den Widerstand.“ Maren Gottschalk schreibt, dass Sophie Scholl „keine furchtlose Heldin“ war. „Wenn jedes Volk, wie man so sagt, die Helden hat, die es verdient, dann mag man sich nicht nur beim Blick auf unsere finstersten Jahre manchmal fragen, womit die Deutschen eigentlich Sophie Scholl verdient haben.“

 

3391: Ermittlungen gegen KSK-Chef

Dienstag, Mai 4th, 2021

Die Militärpolizei hat im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen der Munitionsaffäre beim Kommando Spezialkräfte (KSK) das Diensthandy und ein dienstliches Tablet des KSK-Kommandeurs Brigadegeneral Markus Kreitmayr beschlagnahmt. Kreitmayr soll im Frühjahr 2020 angeordnet haben, dass Soldaten einbehaltene Munition straffrei zurückgeben können. Die Staatsanwaltschaft Tübingen prüft den Anfangsverdacht eines Verstoßes gegen Paragraf 40 des Wehrstrafgesetzes (SZ 4.5.21).

3390: Eva Illouz erklärt uns Benjamin Netanjahus Propaganda.

Sonntag, Mai 2nd, 2021

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. 2011 war ihr Buch „Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung“ erschienen. Jetzt erklärt sie uns Bibi Netanjahus Propaganda (SZ 27.4.21).

1. „Israelische Nichtregierungsorganisationen, Akademiker, Künstler, Journalisten und auch viele andere, nichtorganisierte Bürger, die mit dem Entzug grundlegender Menschenrechte der Palästinenser durch die Regierung Netanjahu nicht einverstanden sind, werden als Verräter und Staatsfeinde bezeichnet.“

2. „Ein Kritiker der israelischen Regierung ist in der Logik dieser Regierung folglich: Antisemit.“

3. „Kein Anliegen ist gerechter als der Kampf gegen den Antisemitismus.“

4. „Der Kampf gegen den Antisemitismus sollte an der Spitze aller antirassistischen Kämpfe stehen, denn Antisemitismus ist eine der ältesten Formen des Gruppenhasses und eine der zerstörerischsten.“

5. Zwei Drittel der europäischen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.

6. Jetzt ist ein „neuer Antisemitismus“ zu Propagandazwecken erfunden worden.

7. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem bezeichnet die strikte Trennung der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung in Israel als „Apartheid“.

8. Das könnte man auf Grund der genauen Analyse von Karten, Gesetzen und politischen Regimen überprüfen.

9. Stattdessen wird „Apartheid“ als antisemitisch gebrandmarkt.

10. Man verharmlost „die Opfer des Antisemitismus, wenn man eine gerade Linie von Kritikern israelischer Politik zu eingefleischten, gewalttätigen Antisemiten zieht“.

11. Viele Kritiker israelischer Regierungspolitik sind nicht antisemitisch, „sie rufen weder zur Vernichtung von Juden auf noch dazu, dass Juden bestimmte Länder oder Europa verlassen sollten“.

12. Man kann einigen dieser Kritiker vorwerfen, dass sie sich weigern, die israelischen Opfer terroristischer Anschläge zu sehen.

13. Man kann ihnen vorwerfen, die realen Gefahren zu ignorieren, welche die Existenz Israels bedrohen oder, dass sie Israel moralische Normen vorschreiben, die ihnen bei anderen Staaten offenbar weniger wichtig sind.

14. Aber wie fragwürdig solche Meinungen auch sein mögen, sie unterscheiden sich zutiefst vom Antisemitismus, der den Juden und Israel dämonischen Einfluss zuschreibt und sie vernichten will.

15. „Etliche sogenannte Kritiker Israels sind tatsächlich Antisemiten.“

16. „Was sollen jüdische Intellektuelle angesichts dieses Minenfeldes tun? Sie haben nur zwei gleichermaßen unerfreuliche Alternativen: entweder sie reihen sich bei denen ein, die für ein demokratischeres Israel kämpfen, und riskieren damit, als Antisemiten bezeichnet zu werden; oder sie machen den Kampf gegen den Antisemitismus zum primären moralischen Ziel und ignorieren dabei vollständig eine historische Ungerechtigkeit, die vom jüdischen Volk begangen wurde.“

17. Der Deutsche Bundestag hat eine Resolution verabschiedet, in der die BDS-Bewegung als antisemitisch definiert wird. „Man kann aber – wie ich – BDS ablehnen und dennoch deren Recht auf Meinungsäußerung verteidigen.“

18. „Mit dem rücksichtslos verwendeten Antisemitismus-Verdikt hat die israelische Rechte das Volk gespalten: denn sie stellt die politischen Interessen Israels über die Solidarität mit anderen und liberalen Juden.“

19. „Das hat erschreckende Auswirkungen. Viele Juden definieren sich bereits weniger über ihre Ethnie, dafür stärker über ihre politische Ausrichtung. Antisemitismus als politische Waffe wird die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes weiter vertiefen.“

20. Insofern verhindern Unterstützer der gegenwärtigen israelischen Regierungspolitik jede Debatte, da Antisemitismus unmoralisch ist.

21. „Unterstützer Israels werden damit automatisch zu Protofaschisten, also zu einer anderen bösen Wesensart.“

22. „Diese Debatte ist exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen sich Intellektuelle zunehmend gegenübersehen. Es sind die moralischen Widersprüche komplexer Realitäten: In diesem Fall betreibt der Staat Israel eine inakzeptable Politik der Vorherrschaft in den besetzten Gebieten, während gleichzeitig der Antisemitismus überall auf dem Vormarsch ist.“

23. „Intellektuelle müssen daher tun, was sie am besten können: sich für die universalistische Position entscheiden und gleichermaßen gegen die Unterdrückung der Palästinenser wie den Antisemitismus kämpfen; darauf verzichten, andere Meinungen zur Blasphemie zu erklären; die Debattenklutur aufrechterhalten, anstatt auszugrenzen.“

3389: Vor 100 Jahren: Capablanca – Lasker

Samstag, Mai 1st, 2021

Am 21. April 1921 verlor der deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker (1868-1941) in Havanna seinen Titel an den Kubaner José Raul Capablanca (1888-1942). Lasker gab beim Stand von 5:9 auf. Er war 27 Jahre lang (1894-1921) Weltmeister gewesen, so lange wie kein anderer. Sein Nachfolger Capablanca blieb es sieben Jahre. Er ist heute noch ein kubanischer Nationalheld. Hatte als Wunderkind begonnen. Er studierte an der Columbia Universität in New York, hängte das Studium jedoch bald an den Nagel, weil die kubanische Republik ihn zum Diplomaten ernannte und finanzierte. Er bekam ein Staatsbgräbnis. Auch das „sozialistische“ Kuba unter Castro (ab 1959) hielt an Capablanca als Nationalheld fest. 1966 fand die Schacholympiade in Havanna statt.

Ganz anders erging es Emanuel Lasker, der Zeit seines Lebens schwer unter dem insbesondere in Deutschland grassierenden Antisemitismus zu leiden hatte und zwischendurch fast vergessen war. Er musste sich durch Schachzeitschriften, Bücher und Vorträge finanzieren. Er promovierte in Mathematik über unendliche Reihen und stritt mit Albert Einstein über die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum. Eine Professur war ihm nicht vergönnt.

Völkische Schachkritiker in Deutschland und Österreich charakterisierten Laskers Spielstil als „undeutsch“. Wie Capablanca entwickelte er ein modernes, gleichsam wissenschaftliches Schachverständnis. Im Zentrum stand nicht mehr die spektakuläre Kombination, sondern die schrittweise Verbesserung der Position Zug um Zug. Für die Weltmeisterschaft 1921 musste er sich eine Schiffsreise nach Havanna zumuten. Er litt unter dem ungewohnten Klima und gewann keine einzige Partie.

Nach 1933 musste er ins Exil (Niederlande, London, UdSSR, New York). Die Nazis erkannten ihm nicht nur die deutsche Staatsbügerschaft ab, sondern tilgten ihn auch aus den Schachlehrbüchern. Fast wäre er ganz in Vergessenheit geraten. So war es in der Bundesrepublik. Zu seinem 100. Geburtstag wurde keine Briefmarke herausgegeben. In der DDR wurde sein Andenken gepflegt und das Schachspiel gefördert. 2001 wurde die Emanuel-Lasker-Gesellschaft in Potsdam gegründet. Vor drei Jahren zum 150. Geburtstag engagierte sich der Deutsche Schachbund für ein internationales „Lasker-Jahr“ (Bert Hoffmann, taz 24./25.4.21).

3387: Die Grundrechte wiederherstellen !

Samstag, Mai 1st, 2021

Sechs Millionen Menschen in Deutschland sind bereits zweimal geimpft. Drei Millionen von Corona genesen. Neun Millionen Menschen können sich und andere also nicht mehr anstecken. Sie sollten ihre Grundrechte zurückbekommen. Das ist selbstverständlich. Wir können mehr testen und mehr impfen. Die Impfpriorisierung, die anfangs richtig war, kann allmählich aufgehoben werden.

Das bedeutet voraussichtlich: „Die Cleveren, die ohnehin Durchsetzungsstarken, im Zweifel die Leute mit Geld und Beziehungen kriegen zuerst ihre Spritze. Und die, die nicht so gut Deutsch sprechen, die prekär arbeiten, die sich ohnehin schwertun, am Telefon und im Leben generell, haben wieder das Nachsehen.“

Aber wenn die Regierung die Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte nicht aufhebt, werden es die Gerichte tun. Nicht mit Rücksicht auf die Stimmungslage, sondern mit Blick auf die Rechtslage.

„Nur wenn die Bürger darauf vertrauen können, dass die Politik Einschränkungen zuverlässig aufhebt, wo es irgend geht, werden sie auch künftig bereit sein, Eingriffe in ihre Grundrechte zu akzeptieren, wo es notwendig ist.“ (Heinrich Wefing, Zeit 29.4.21)