Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4083: Jürgen Todenhöver bei den „Querdenkern“

Freitag, Oktober 28th, 2022

Der mittlerweile 81-jährige ehemalige Hoffnungsträger der CDU und langjährige stellvertretende Burda-Geschäftsführer Jürgen Todenhöver hat sich decouvriert. 2020 hatte er die CDU verlassen, weil er dem Westen zunehmend kritisch gegenüberstand. Ein guter Schuss Antiamerikanismus war immer dabei. Todenhöver gründete die „Gerechtigkeitspartei“, die bei der Bundestagswahl 2021 0,5 Prozent erreichte. Er relativierte den Völkermord der Türken an den Armeniern 1915. Sein Geltungsdrang brachte ihn dazu, bei den „Querdenkern“ aufzutreten. Vielleicht hätte er da schon länger hingehört (Johanna Henkel-Waidhofer, kontext 22. Oktober 2022).

4082: Zwei Ruangrupa-Kuratoren Professoren in Hamburg

Freitag, Oktober 28th, 2022

Reza Afisina und Iswanto Hartono gehörten zum Ruangrupa-Kollektiv, das die diesjährige, gescheiterte Documenta kuratiert hatte. Ihnen war es nicht gelungen, antisemitische Objekte zu verhindern. Sie hatten partiell ihre eigene Ahnungslosigkeit in Bezug auf Antisemitismus zugegeben. Die beiden sind für ein Jahr zu Professoren an die Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg berufen worden. Deren Präsident Martin Köttering ließ verlauten: „An der HFBK gibt es keinen Platz für Antisemitismus.“ Bei der Semestereröffnung gab es in der Aula Proteste gegen die neuen Professoren (Alexander Diehl, taz 14.10.22).

4081: Jüdischer Professor teilweise entlastet und wieder im Dienst

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Eine Untersuchungskommission der Universität Potsdam hat den Gründer und Rektor der Rabbinerschule Abraham-Geiger-Kolleg, Walter Homolka, von dem Vorwurf entlastet, sexuelles Fehlverhalten seines Lebenspartners gegenüber Studenten geduldet zu haben. Der hatte einen pornografischen Clip an einen Studenten geschickt.

Als bestätigt sah die Kommission den Vorwurf des Machtmissbrauchs an. „Immerhin wurde die Furcht, Herrn Prof. Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonstwie zu erregen, so oft und konsistent dargestellt, dass sie nicht als individuelle Idiosynkrasie erscheint. Es ist nicht unplausibel, sie als tatsächlich vorhanden anzunehmen.“ Homolka weist das zurück: „Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht gleich Machtmissbrauch.“ Homolkas Lebenspartner war nach seinem Fehlverhalten gleich gekündigt worden. Homolka: „Was mein Partner getan hat, war grundfalsch.“ Laut Universität Potsdam ergeben sich aus dem Bericht keine rechtlichen Konsequenzen. Homolka ist seit 1. Oktober wieder als Professor tätig (Annette Zoch, SZ 27.10.22).

4080: Selbstbedienungsanstalt öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Die üppigen Gehälter von Intendanten, Direktoren und Geschäftsleitungen bei ARD und ZDF sind bekannt. Dazu kommt bei manchen Sendern noch die Einbeziehung in ein Bonussystem, auch dann, wenn dafür gar nichts geleistet wird. Aber das ist noch nicht alles (Aurelie von Blazecovic, SZ 27.10.22)

Das Politikmagazin „Kontraste“ brachte ans Licht, dass die juristische Direktorin des RBB, Susann Lange, ein Grundgehalt von 195.000 Euro brutto plus eine „variable Vergütung“ von 8,33 Prozent erhält. Zudem steht Frau Lange ein „Ruhegeld“ zu. Ein „Ruhegeld“ ist eine Zahlung, die nach der Amtszeit fließt, auch wenn ein Mitarbeiter noch nicht im Rentenalter ist. In Langes Fall ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Daraufhin wurde sie vom RBB freigestellt. Dem RBB-Programmdirektor steht von seinem ersten Diensttag an ein „Ruhegeld“ von 8.000 Euro monatlich und lebenslang zu. Seit 2003 sind solche Ruhegelder Bestandteil von Verträgen der RBB-Geschäftsleitung gewesen. Im Todesfall werden Ehepartner, Waisen und Halbwaisen mit Sterbegeldern bedacht. Ehepartner mit 60 Prozent des Ruhegeldes, Waisen mit 20 und Halbwaisen mit 12 Prozent.

Auch in anderem Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt dieses „Ruhegelder“.

Laura Hertreiter (SZ 27.10.22) schreibt dazu: „Wo Gremien, Politik, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, Rechnungshöfe von der Selbstbedienung im großen Stil nichts bemerkt haben wollen, muss Geld in obszönem Überfluss da sein.“ “ Es gibt bei der ARD – um diese Feststellung kommt der größte Fan nicht herum – nicht nur Einspartotential, es gibt eine Einsparpflicht. Nur: Wo ist jemand in der ARD, der die Sache anpackt?“

Dazu fehlt es wohl auch an Anstand.

Das hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland in eine gefährliche Krise gebracht. Ob sie überhaupt zu bewältigen ist, steht dahin. Zugleich wird dadurch unsere Demokratie gefährdet. Es ist Wasser auf die Mühlen von „Querdenkern“, „Reichsbürgern“ und Rechtsextremisten.

4079: Andrea Wulf erklärt uns die Romantik.

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Die für ihre Publikationen schon vielfach ausgezeichnete Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf, geb. 1967, hat ein neues Buch vorgelegt, über das sie in einem Interview mit Fritz Habekuß (Zeit, 13.10.22) spricht:

Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. München (Bertelsmann) 2022.

Darin schildert sie die vielen Köpfe und Kapazitäten, die sich in den 1790er Jahren in Jena versammelt hatten. Um den Superstar Friedrich Schiller. Das waren Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte, August-Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Schelling, Caroline Schlegel, Wilhelm und Alexander Humboldt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie haben dort die Romantik als internationale Bewegung eingeläutet, auch wenn am Ende nicht alle bei der Stange blieben.

„Sie wandten sich vor allem gegen das rein empirische Denken der Aufklärung und glaubten, dass deren rationaler Ansatz Distanz zur Natur schuf. Diese wurde nur noch aus einer sogenannten objektiven Perspektive untersucht. Dagegen wehrten sie sich.“

„Er (Friedrich Schelling) erklärte, dass der Mensch und die Natur eins sind, und lieferte die philosophische Grundlage für ein Gefühl, das fast alle Menschen kennen: Natur beruhigt. Natur heilt. Sie spricht zu etwas in uns, was nicht der Verstand ist.“

„Die Aufklärung behauptet, dass Wissenschaft und Gefühl nichts miteinander zu tun haben. Die Romantiker widersprachen: Die Natur und ich, das ist das Gleiche. Diese Philosophie der Einheit wurde zum Herzschlag der Romantik. Schauen Sie sich das berühmte Caspar-David-Friedrich-Bild an, auf dem ein Wanderer auf der Klippe steht und über’s Wolkenmeer guckt. Das ist dieses ‚Ich bin allein in der Natur, und ich spüre dennoch ein Zugehörigkeits-Gefühl‘.“

„Einer der wichtigsten Denker der Romantik war Fichte. Der stellte sich breitbeinig hin und sagte: Aller Realität Quelle ist das Ich! Das Ich ist der Anfang von allem! Es gibt keine absoluten oder gottgegebenen Wahrheiten! Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist, dass die Welt durchs Ich verstanden wird! Damit machte er das Ich zum Herrscher der Welt.“

„Jedenfalls steht seither das Ich im Mittgelpunkt westlicher Gesellschaften – im Guten wie im Schlechten.“

„Sie orientieren sich zunächst an Immanuel Kant und seinem kategorischen Imperativ: Handle so, dass dein Handeln Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte. Im Grunde benutzten sie ihr eigenes Leben als Theaterbühne, um das alles auszuprobieren. Die Gruppe junger Frauen und Männer machte das Ich zum Herrscher der Welt. Es ist nicht so überraschend, dass sie alle irgendwann ziemlich aufgeblasene Egos hatten. Die Verpflichtungen, mit denen Freiheit daherkommt, das funktioniert theoretisch alles sehr gut. Praktisch eher nicht.“

„Freiheit endet dort, wo die Freiheit des nächsten Menschen beginnt. Aber Theorie und Praxis haben nicht immer viel miteinander zu tun.“

„Die Romantiker waren nicht gegen den Verstand und rationale Beobachtung. Das allein reichte ihnen aber nicht, obwohl sie zum Teil selbst Wissenschaftler waren: Novalis, Humboldt, Goethe. Ich glaube, dass dieses Denken eine neue Generation anspricht. Gefühle und die Einbildungskraft mit in die Diskussion zu nehmen ist nicht unseriös oder New Age, sondern hat eine Tradition in der deutschen Geistesgeschichte.“

„Friedrich Schlegel hat damals gesagt: ‚Ich will Euklid singbar machen‘, also Mathematik und Physik in Musik verwandeln. Das ist doch wunderbar!“

 

4078: Audi-Chef für autofreie Tage

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Audi-Chef Markus Duesmann befürwortet angesichts der Energiekrise und des Krieges in der Ukraine ein zeitweises Fahrverbot. „Um uns in Deutschland besser einzustimmen auf die Lage und die Notwendigkeit des Sparens könnte es wieder autofreie Tage geben, so wie in den siebziger Jahren.“ Viele Menschen würden ihre Fahrweise zwar bereits anpassen, „aber ich glaube nicht, dass Geld als einziger Regler reicht in dieser Sotuation, wir müssen umdenken.“ (HM, SZ 26.10.22)

4077: Iran – das Regime schwankt nicht.

Dienstag, Oktober 25th, 2022

Fast hundertausend friedliche Demonstranten in Berlin am Wochenende gegen das verbrecherische Mullah-System in Iran können uns Mut machen. Der Widerstand gegen das Unterdrückungsregime in Teheran hält sich jetzt schon seit fünf Wochen. Und es sind bei weitem nicht nur Frauen, die protestieren. Auslöser der Massenproteste war der Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Mahsa Amini, die im Polizeigewahrsam zu Tode kam, nachdem sie angeblich ihr Kopftuch nicht richtig getragen hatte. Das Kopftuch ist in Iran das Symbol theokratischer Repression. Das Regime will keine Selbstbestimmung, sondern Unterdrückung. Und die findet täglich massenhaft statt.

Und wir dürfen nicht übersehen, dass das Regime seine Kettenhunde noch gar nicht losgelassen hat: die paramilitärischen Revolutionsgarden und Hunderttausende Bassidsch-Milizionäre. Die können noch viel mehr Gewalt. Deswegen sollten wir aus dem bequemen europäischen Beobachtersessel keine Illusionen schüren. Es sind Illusionen. Iran hat von der lächerlich falschen Politik von Donald Trumps USA bei der Kündigung des Atomwaffen-Sperrvertrags profitiert. Jetzt sind im Iran produzierte Kampfdrohnen die wirkungsvollen Waffen im verbrecherischen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Dort ist das iranische Regime zu verorten (Thomas Avenarius, SZ 24.10.22; SZ 24.10.22).

4076: Salman Rushdie auf einem Auge blind

Dienstag, Oktober 25th, 2022

Nach dem Attentat auf ihn am 12. August 2022 ist der Schriftsteller Salman Rushdie, 75, auf einem Auge blind. Er kann eine Hand nicht mehr bewegen. Bei dem Anschlag eines 24-Jährigen im Bundesstaat New York hatte Rushdie drei schwere Wunden am Hals und 15 am Rücken und Oberkörper erlitten. Es waren Nerven durchtrennt worden. Er musste sich einer Notoperation unterziehen und wurde zeitweise beatmet. Seit seinen „Satanischen Versen“ wurde Rushdie jahrzehntelang permanent von relgiösen Fanatikern verfolgt. Der Ajatollah Chomeini hatte eine Fatwa (Todesurteil) über ihn verhängt. Seither lebt Rushdie ständig unter Polizeischutz. Sein Literaturagent teilt mit: „Ich kann keine Auskunft über seinen Aufenthaltsort geben. Aber ich kann sagen, dass er überleben wird. Und das ist das Wichtigste.“ (SZ 25.10.22)

4075: Baselitz verlangt Abhängen von Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“

Montag, Oktober 24th, 2022

Georg Baselitz ist nach Gerhard Richter der ökonomisch zweit-erfolgreichste deutsche bildende Künstler. Er ist bekannt für seine Provokationen. Die sollen wohl seinen Marktwert steigern. Benannt hat sich Baselitz, der eigentlich Hans-Georg Kern heißt, nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz in Sachsen. Baselitz hat behauptet, dass Frauen nicht so gut malen könnten wie Männer. Journalisten litten an „pandemischer Verblödung“. Gendern und Postkolonialismus hält er für abwegig. Und die Documenta war seiner abfälligen Kritik schon immer sicher.

Nun verlangt er, dass Adolf Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“ aus dem Jahr 1937 in der Münchener Pinakothek abgehängt wird. Dort hängt es seit 2016. Es zeigt vier nackte Frauen. Im Kontext mit Werken der Moderne soll es den Kontrast dazu zeigen. Ziegler hatte die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1938 mitorganisiert. Ziegler wird in der Pinakothek mit einem Werk von Otto Freundlich kontrastiert, der dann von den Nazis in Maidanek ermordet worden war. Für Baselitz hat das gegenwärtige Aufhängen des Ziegler-Bildes auch eine „nazi-propagandistische“ Wirkung. Das hat er in einem Brief an den Museumsleiter Bernhard Maaz mitgeteilt.

Baselitz hat gleich Widerspruch erfahren. Etwa von Christian Fuhrmeister vom Münchener Institut für Kunstgeschichte. Der sagt: „Wo, wenn nicht in Kunstmuseen, soll man über NS-Kunst diskutieren?“ Baselitz schaut auf eine Reihe eigener künstlerischer Provokationen zurück. 1963 hatte er einen Hitlerjungen mit Riesenpenis gemalt. Damit begann seine Erfolgsgeschichte. Baselitz erklärt: „Das Publikum hat mir beigebracht, dass Provokation in Deutschland nur funktioniert, indem man Bärtchen malt oder Hakenkreuze.“ Baselitz hat in über 60 Jahren ein prägnantes Werk expressiver Kunst geschaffen. Auch widersprüchlich. Weltstar ist er mit seinen Überkopf-Bildern geworden. Seine Methode war immer die Krasszeichnung von inneren Künflikten in figürlicher Kunst. Er wollte provozieren. „Seine bisweilen pauschalen Aussagen allzu wörtlich zu nehmen, hilft dabei nicht immer.“ (Till Briegleb, SZ 10.10.22)

4074: Die Tories bieten Zombie-Lösungen.

Sonntag, Oktober 23rd, 2022

Die Konservativen in Großbritannien haben in den letzten drei Jahren mit Theresa May, Boris Johnson und Liz Truss drei Premierminister geboten, die gescheitert sind. Nun müssen sie Neuwahlen verhindern, bei denen sie schwer verlieren würden. Wegen des Mehrheitswahlrechts („The winner takes it all.“). Ursache der Misere bei den Tories ist die auf dem rechten Flügel verbreitete antagonistische und nationalistische Politik. Wertebewusster konservativer Pragmatismus verliert an Boden. Vorbild: Donald Trump (USA). Radikalisierung bringt laute Typen nach oben, aber keine klugen. In Großbritannien müsste das Mehrheitswahlrecht durch Formen des Verhältniswahlrechts ergänzt werden. Wie in Deutschland. Einschließlich der 5-Prozent-Klausel.

Das Mehrheitswahlrecht fördert die Spaltung der Gesellschaft. Dazu kommt der krasse Klassencharakter der britischen Gesellschaft, wo in Europa mehr die Schichten und Milieus eine Rolle spielen. Die Tories sind rechter als die CDU/CSU, Labour linker als die SPD. Die Feindschaft gegen staatliche Eingriffe bei den Tories war eine Ursache des Brexit, als dessen Lordsiegelbewahrer sich Boris Johnson fühlt. Hoffentlich kommt dieser lächerliche Zombie nicht als Premierminister zurück. Wer weiß? Großbritannien geht es wirtschaftlich schlecht, die Inflation ist hoch, die Verschuldung enorm. Besonders nach dem Brexit fehlen Fachkräfte, Schottland will unabhängig werden, die Lage in Nordirland ist noch nicht gelöst. Unselig die ewigen Steuersenkungs-Attitüden (Kurt Kister, SZ 22./23.10.22).