Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4094: Claudius Seidl hat die Biografie von Helmut Dietl geschrieben.

Sonntag, November 6th, 2022

Helmut Dietl hat nie zu den volltönenden Großmäulern des jungen deutschen Films gehört. Dafür hat er bessere Filme gemacht. Das ist jetzt in einer sehr gut geschriebenen Biografie von Claudius Seidl gewürdigt worden, Bayer wie Dietl.

Der Mann im weißen Anzug. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2022, 352 S., 25 Euro.

Dietl war nach dem Studium in München beim Regionalprogramm des BR gestartet. Seine „Münchener Geschichten“ begleiteten ihn ein Leben lang. Therese Giehse und Günther Maria Halmer wirkten darin mit. 1979 folgte „Der ganz normale Wahnsinn“, 1983 die zehn Episoden von „Monaco Franze“ (mit Helmut Fischer).

Mehrere Drehbücher schrieb Dietl gemeinsam mit Patrick Süskind, der ein Freund war. 1986 folgten die sechs Episoden von „Kir Royal“, 1992 „Schtonk“ (mit Götz George, Drehbuch mit Ulrich Limmer) über die gefälschten Hitler-Tagebücher. 1997 „Rossini“, 2005 „Vom Suchen und Finden der Liebe“. Helmut Dietl hat die deutsche Komödie auf einen neuen, leichten und liebenswerten Stand gebracht. Bei „Schtonk“ hatte er gezeigt, dass er auch den hohen Stil beherrschte. Er liebte die Frauen, war viermal verheiratet. Veronica Ferres‘ Karriere ist ohne Dietl nicht denkbar. Nach „Rossini“ wandte der Regisseur sich, wie sehr viele deutsche Filmemacher, nach Berlin, die neue deutsche Filmhauptstadt. Dort aber blieb er „heimatlos“. Was wir durch und von Helmut Dietl gelernt haben, ist Melancholie. 2015 starb der Regisseur an Krebs (Günter Rohrbach, SZ 5./6.11.22).

4093: Der bombastische Stil des Feuilletons im Fernsehen

Sonntag, November 6th, 2022

Kultur im Fernsehen ist wichtig. Dort (u.a. „ttt“, „Kulturzeit“, „Druckfrisch“, „Aspekte“) pflegen ihre Sprecher einen Sound der Dringlichkeit, der Bedeutungsschwere signalisieren soll. Der ewig feierliche Ton bringt dauerhaftes Pathos mit sich. Der raunende Begleiton soll zeigen, dass die behandelten Themen es verdienen, dort diskutiert zu werden. Kulturfernsehen ist zugleich immer Marketing für Kulturfernsehen. Die präsentierten Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure, Maler, Tänzer u.a.) stehen für Aufklärung, für das Streben nach einer besseren Welt. Kunst wendet sich stets gegen Lügen und politische Intrigen. Zur Darstellung dessen werden häufig die immergleichen visuellen und dramaturgischen Schablonen eingesetzt. Das Genre Kulturfernsehen sucht weiterhin nach dem richtigen Verhältnis zu den von ihm behandelten Gegenständen (Andreas Bernard, SZ 5./6.11.22).

4092: Was bringt uns die China-Reise von Olaf Scholz?

Sonntag, November 6th, 2022

Schon vor der Reise war der Bundeskanzler angesichts der massiven Kritik daran bestrebt, die Erwartungen nicht zu hoch werden zu lassen. China hat bekanntlich seit längerem einen ideologisch ganz harten Kurs eingeschlagen. Xi Jingping hat seine dritte Amtszeit angetreten. Wir müssen mit einem Überfall auf Taiwan rechnen. Da war Olaf Scholz‘ Hinweis auf den Ukraine-Krieg und dessen scharfe Verurteilung beinahe das einzige, das der Bundeskanzler mit der Aussicht auf Resonanz vortragen konnte. Aber kann man Chinas Ablehung der Drohung mit Atomwaffen durch Putin glauben? Scholz konnte darstellen, dass er nicht auf Geheiß der USA nach China gereist war, sondern als Vertreter des freien Europa. In den Wirtschaftsbeziehungen verlangte er Augenhöhe. Er verurteilte die grausame Unterdrückung der Uiguren in Xinkiang. „Eine effektive Politik gegenüber dem Machtstreben der kommunistischen Führung in Peking kann nur eine sein, in der sich weder Europa noch der demokratische Westen auseinanderdividieren lassen.“ (Daniel Brössler, SZ 5./6.11.22)

4091: Tom Buhrows Überseeclub-Rede

Samstag, November 5th, 2022

Warum beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) bei aller Geldverschwendung, der Vetternwirtschaft, allen obszönen Ruhegehältern, prallen Pensionskassen und fischigen Beraterverträgen, über die seit langem gestritten wird, immer noch nicht mehr Klarheit herrscht, zeigt die Rede des WDR-Intendanten (seit 2013) und ARD-Vorsitzenden (seit zwei Jahren), Tom Buhro (WDR), im Hamburger Übersee-Club. Was ihren rundfunkpolitischen Willen angeht, bleibt sie weithin schwammig. Trotzdem zeigt sie manche Mängel und Defizite auf. Warum Gremien, Politik und Rechnungshöfe nie Alarm geschlagen haben, mag verstehen, wer zu höheren Sphären Zugang hat. Vielleicht hat Tom Buhro seine Rede aber auch so gehalten, wie er es getan hat, weil er den ARD-Vorsitz im Januar abgibt.

Angeblich hat er ja nicht als Intendant, sondern als Privatmann gesprochen. Die Sender berufen sich stets auf Staatsverträge und Landesrundfunkgesetze. Brauchen wir ARD und ZDF nebeneinander? Brauchen wir so viel „Kultur“? Buhro will die Rundfunk-Orchester vernichten. Die ARD unterhält 16 Ensembles, Orchester, Bands, Chöre, sie haben etwa 2000 festangestellte Mitglieder. Brauchen wir 64 Hörfunkwellen? „Hört sich Beethoven in Heidelberg anders an als in Halle oder Hamburg?“ Brauchen wir in der ARD mehrere Radios für klassische Musik? Brauchen wir so viele Schlager- oder Info-Radios? Fragen über Fragen (Aurelie von Blazecovic/Claudia Tieschky, SZ 5./6.11.22; Laura Hertreiter, SZ 5./6.11.22). Dass natürlich eine linke Flitz-Piepe wie Willi Winkler (SZ 4.11.22) bei der Kommentierung der Angelegenheit weit über’s Ziel hinausschießt, ist nicht überraschend. Wir müssen stets dafür sorgen, dass Winkler seine Meinung frei äußern kann. Mehr Verantwortung sollten man wohl nicht übertragen.

4089: Bosch-Chef lobt Bundesregierung.

Mittwoch, November 2nd, 2022

Der Bosch-Chef  Stefan Hartung lobt die Krisenbewältigung der Bundesregierung. „Angesichts der vielen Herausforderungen ist das schon beeindruckend“, sagt der Manager. Er wisse nicht, ob er es besser könne. Also wolle er nicht kritisieren. Das gelte auch für das gescheiterte Regierungskonzept der Gasumlage. „Das kann jedem einmal passieren.“ (SZ 2.11.22)

4088: Peter Demetz 100

Montag, Oktober 31st, 2022

Der in Prag geborene Peter Demetz ist emeritierter Germanistik-Professor in Yale. Er lebt in den USA und wird 100 Jahre alt. Er hat sehr viele Rezensionen und Kritiken für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Seine Mutter stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Böhmen, sie starb in Theresienstadt, väterlicherweits stammte er von ladinischen Südtirolern ab. Die Nazis hatten ihn zur Zwangsarbeit verpflichtet. Demetz promovierte an der Prager Karls-Universität. Als die Sowjets die Tschechoslowakei übernahmen, verließ er das Land. Ingeborg Harms hat Peter Demetz für die „Zeit“ (20.10.22) interviewt.

Zeit: Warum haben Sie Prag nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen?

Demetz: Ich war noch Student an der Prager Universität, als ich mein erstes Buch „Kafka und Prag“ gemeinsam mit drei Leuten herausgegeben habe. … Kafka war bei den Kommunisten verrufen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner damaligen Freundin Hanna das Weite zu suchen und nach Deutschland zu gehen.

Zeit: Wie ging es dort weiter?

Demetz: Wir landeten im einzigen deutschen Kinderlager, weil ich deutsch und englisch sprach: Ich wurde Stellvertreter des Erziehungsdirektors in Bad Aibling in Oberbayern. Durch Vermittlung eines Prager Intellektuellen bin ich nach zwei Jahren zum „Radio Free Europe“ nach München gekommen und war vier Jahre lang Kulturredakteur. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Zeit: Sie haben bei René Wellek promoviert, der von der Prager Universität kam. Sind Sie ein Schüler seiner werkimmanenten Interpretation?

Demetz: Ja, ich bin ihm immer nahegestanden, vielleicht habe ich nicht in allen Büchern dasselbe „close reading“ praktiziert.

Zeit: Stehen Ihnen einige deutsche Autoren näher als andere?

Demetz: Ganz sicher. Einer der ersten, die mir auffielen, war Heimito von Doderer. Seine „Strudlhofstiege“ habe ich Österreich irgendwo unterrichtet. Ich kann mich an sommerliche Tage erinnern, wo ich nichts anderes gelesen habe, um mich vorzubereiten. Ich weiß nur nicht, wozu. Alfred Andersch war mir auch ans Herz gerwachsen, aber durch seine Abenteuer mit den Behörden war er mir zugleich etwas fern. Böll hatte den Hang ins Transzendente und war mir sehr fremd. Nelly Sachs kannte ich von früher, aber sie hat keine Spuren hinterlassen. Max Frisch bin ich oft begegnet und habe ihn als Dramtiker sehr geschätzt. Es mag sein, dass mein von den Russen verbotenes Stück Max Frisch nachgeschrieben war.

Zeit: Sehen Sie die hiesige Gegenwartsliteratur optimistischer?

Demetz: Eigentlich nicht. …

4087: Charlotte Knobloch 90

Sonntag, Oktober 30th, 2022

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (2006-2010), Charlotte Knobloch, wird 90. Überlebt hatte die geborene Müchenerin den Nationalsozialismus nur, weil eine ehemalige Haushälterin ihres Onkels, Kreszentia Hummel, bereit war, Charlotte als ihr uneheliches Kind auszugeben. So wuchs Frau Knobloch in dem fränkischen Dort Arberg auf, das heute 2.000 Einwohner hat. Sie gehörte zu den Dorfkindern, arbeitete mit auf dem Feld und wusste ursprünglich nicht, was ein „Judenkind“ ist. Kreszentia Hummel wurde nach ihrem Tod in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Charlotte Knobloch heiratete mit 19 Jahren einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Sie bekam drei Kinder, eine Tochter lebt in Israel. 1985 übernahm Knobloch die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Ihre verbandspolitische Linie war nicht immer unumstritten. So trat sie gegen die Verlegung von Stolpersteinen ein. Das Thema, das Charlotte Knobloch stets begleitete, ist der Antisemitismus, der gerade wieder stärker wird. Seit Jahren wird Frau Knobloch bei öffentlichen Auftritten von Bodyguards begleitet (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 29./30.10.22).

4086: Wolf Biermann hat schon 2007 vor Putin gewarnt.

Samstag, Oktober 29th, 2022

Wolf Biermann wurde 1976 von der DDR die Wiedereinreise verweigert. Er war dorthin als 16-jähriger 1953 von Hamburg ausgereist. Er stammt aus einer jüdisch-kommunistischen Familie. Sein Vater Dagobert war Widerstandskämpfer gegen die Nazis und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Biermanns Protestsongs konnte die DDR nicht ertragen. Manche sagen, mit Biermanns Weggang aus der DDR habe deren Niedergang begonnen. Von vielen Kommunisten wird Biermann heute und seit langem gehasst.

Er hatte 2007 in seiner Laudatio auf Angela Merkel anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises gesagt:

„Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht für höchst instabil; denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert seinen blutigen Vorgänger Stalin.“

In einem Interview mit Alexandra Föderl-Schmid (SZ 29./30.10.22) ergänzt Wolf Biermann seine Perspektive:

SZ: Sie selbst bezeichnen sich als „kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind“ und haben einmal erklärt, Sie waren immer für den Frieden, aber niemals ein Pazifist. Gilt das immer noch?

Biermann: Ich kann ja kein Pazifist sein. Wenn nicht amerikanische und russische, englische Soldaten ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten im Kampf gegen die Nazis, dann würde einer wie ich gar nicht leben. Also wäre das eine verlogene Pose, wenn Biermann Pazifist wäre.

SZ: Nun gibt es in Deutschland Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine. Gerade in der SPD und bei den Linken tut man sich mit diesem Thema sehr schwer.

Biermann: Na ja, das sind Dummheiten aus Klugscheißer-Motiven. Natürlich ist das Liefern von Waffen schrecklich. Was hat mein Vater getan? Sabotage gegen Waffenlieferungen im Hamburger Hafen, wo die Schiffe mit Waffen abgingen für den Faschisten, den Putschgeneral Franco. Dann kam mein Vater sechs Jahre ins normale Gefängnis und wurde dann nach Auschwitz gebracht und ermordet. Aber es ist immer ein großer Unterschied, ob man Leuten Waffen liefert, die für ihre Freiheit kämpfen, oder für Leute, die andere Völker überfallen, besetzen und ausrauben wollen.

SZ: Bundeskanzler Scholz hat gesagt, es breche eine Zeitenwende an. Es werden nun hundert Milliarden ausgegeben für die Aufrüstung. Halten Sie das für richtig?

Biermann: Ja. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man sich verteidigen muss gegen ein Mordregime. …

Und stehe auch einem Volk bei, wenn es Not ist wie jetzt die Ukraine in Putins Vernichtungskrieg. Der nicht mal Krieg genannt werden darf im russischen Riesenreich dieses Diktators. Dieser kleine Bloody-Wladimir ist der legitime Sohn aus der Ehe Stalin – Hitler. Und sein Krieg ist nicht hybrid, nicht verdeckt. Es ist ein banaler blutiger, ein altmodischer Krieg mit modernen Waffen. Für mich, den Zweckpessimisten, ist es der Beginn eines Dritten Weltkrieges.

4085: Überfischung im Nordostatlantik

Samstag, Oktober 29th, 2022

Makrele, Hering und Blauer Wittling sind im Nordatlantik die wirtschaftlich wertvollsten Hochseefische. Wie Recherchen zeigen (E. Brandstätter, D. Drepper, A. Pedroni, R.W. Poulsen, SZ 27.10.22), droht ihnen seit Jahren die Überfischung. Die Küstenstaaten einigen sich bisher jedes Jahr bei der North East Atlantiv Fishery Commission (NEAFC) über die Fangquoten. Grundlage dafür ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) von 1982.

Streit gibt es regelmäßig bei der Aufteilung der Quote. Alle Anrainer-Staaten fangen zusammen viel zu viele Fische. Letztlich entscheidet konkret jeder Staat alleine. Selbst Russland, das keine eigene Küstenlinie im Nordatlantik hat, nimmt traditionell an den Verhandlungen teil. Wegen des Ukraine-Kriegs dieses Jahr nicht. Als im vergangenen Jahr Großbritannien, Norwegen und die EU über die Fangquoten verhandelten, stammten 40 der 75 teilnehmende EU-Vertreter aus der Fischindustrie, 3 kamen von NGOs und 30 von einzelnen Staaten. Die EU hat es schwer, weil sie durch den Brexit einen Großteil ihrer Küstengewässer verloren hat. Die Kabeljau-Bestände im Nordatlantik sind bereits zusammengebrochen.

4084: Das israelisch-palästinensische Desaster

Samstag, Oktober 29th, 2022

Peter Münch, der gewiss kundig ist, schreibt dazu (SZ 26.10.22):

„In Ramallah regiert ein greiser Präsident, der jegliche Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren hat. Vom versprochenen eigenen Staat sind die Palästinenser weiter entfernt als vor 25 Jahren. Mahmud Abbas hat also nicht geliefert und ist zum Getriebenen geworden der radikalen Kräfte wie der Hamas und nun der neuen Löwen-Miliz. Deren Motivation: Sie sind jung, sie sind wütend und sie sehen so wenig Perspektive, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.

Getrieben ist aber auch die derzeitige israelische Regierung, in der sich Übergangspremier Jair Lapid – anders als seine beiden Vorgänger – immerhin zur Zwei-Staaten-Lösung bekennt. Für das rechte Lager in Israel grenzt das allein schon an Verrat. Würde Lapid die Armee-Einsätze im Westjordanland herunterfahren, um die Lage zu beruhigen, würde ihm dies als Schwäche und Feigheit vor dem Feind ausgelegt.“