Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3658: Der liebe Gott braucht nicht gegendert zu werden.

Freitag, November 26th, 2021

Die neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, eine ehemalige westfälische Präses, ist von Reinhard Bingener in der FAS (21.11.21) interviewt worden.

FAS: Die katholische Jugend hat eine Debatte darüber angestoßen, auch Gott zu gendern, indem man zum Beispiel „Gott*“ schreibt. Haben Sie dafür Verständnis?

Kurschus: Gott kann nicht auf ein Geschlecht festgelegt werden. Diese Offenheit wird schon in der Bibel deutlich, indem für Gott unterschiedliche Schreibweisen und Namen verwendet werden. Luther hat das hebräische Tetragramm JHWH mit den vier Großbuchstaben HERR übersetzt. Das meint bei Luther keinen Mann, sondern das ist eine genderübergreifende Machtansage. Dennoch hören darin viele – und wer wollte es ihnen verdenken – eine eindeutig männliche Bestimmung. Die Anrede „Gott“ ist aus meiner Sicht aber offen genug. Insofern sehe ich persönlich keinen Grund, das Wort zu gendern.

3657: 2020: 139 Frauen von Partnern getötet

Freitag, November 26th, 2021

Im Jahr 2020 ist alle zweieinhalb Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Insgesamt 139 Frauen wurden Opfer von Partnerrschaftsgewalt, 30 Männer. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) rief dazu auf, in solchen Fällen von Gewalt zu sprechen und nicht von „Familientragödie“ (SZ 24.11.21).

3656: Wir wünschen der Ampel-Koalition Fortüne !

Donnerstag, November 25th, 2021

Der Koalitionsvertrag umfasst 177 Seiten und trägt den Titel „Mehr Fortschritt wagen“, angelehnt an Willy Brandts „mehr Demokratie wagen“. Nun, der Wähler hat so gewählt, wie er gewählt hat, da sind nur wenige große Würfe, einiges Mittelmaß und auch Fehlentscheidungen zu erwarten. Die SPD erhält (einschließlich des Kanzlers) acht Ministerien, die Grünen fünf und die FDP vier. Angesichts der Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft wünschen wir der Ampel insgesamt eine glückliche Hand. Es ist keine Zeit für parteipolitische Hampeleien. Und die Lobbyisten krakeelen immer. Besonders die jungen. Klare Fehlbesetzungen sind Annalena Baerbock (Grüne) als Außenministerin und Marco Buschmann (FDP) als Justizminister. Erstaunlich ist, wie gestern noch Christian Lindner (der neue Finanzminister von der FDP) den künftigen Kanzler Olaf Scholz (SPD) gelobt hat. Er könne auch Menschen repräsentieren, die nicht die SPD gewählt hatten, und werde ein starker Kanzler sein.

Es gibt einen Mindestlohn von zwölf Euro. Rentenkürzungen und eine Anhebung des Renteneintrittsalters sind nicht vorgesehen (das lässt zu viele Fragen offen). Für Hartz IV ist ein Bürgergeld vorgesehen. Es soll eine Kindergrundsicherung geben. Das soziokulturelle Existenzminimum wird neu festgelegt. Der Kohleausstieg soll „idealerweise“ 2030 kommen. Die Bewohner der Kohlereviere in Sachsen und Nordrhein-Westfalen fürchten sich zu Recht. Wie der kommende Vizekanzler und für Klimaschutz zuständige Minister Robert Habeck (Grüne) sagte, soll der Emissionspreis für Kohlendioxyd nicht unter 60 Euro fallen. Bis 2030 sollen 15 Millionen elektrische Pkw zugelassen werden. Bis dahin sollen 80 Prozent des erforderlichen Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. Das öffentliche Planungsrecht wird beschleunigt. Jährlich sollen 400.000 neue Wohnungen gebaut werden, davon 100.000 öffentlich geförderte (Nico Fried, SZ 25.11.21).

Mehr war wohl nicht drin. Das Ganze wird sehr, sehr teuer.

3655: Rudolf Steiner: Der Ideologe der Impfgegner

Mittwoch, November 24th, 2021

Die Soziologen Oliver Nachtwey und Nadine Frei haben in einer Studie nachgewiesen, dass es starke Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Impfgegnern und „Querdenkern“ gibt. Besonders in Baden-Württemberg. Woran liegt das? Dazu hat Alex Rühle (SZ 24.11.21) den Anthroposophie-Experten

Prof. Dr. Helmut Zander (Uni Fribourg)

befragt, der eine Rudolf Steiner-Biografie verfasst hat und systematisch zur Anthroposophie forscht. Er antwortet (in Auszügen) u.a. zur Wissenschaftsskepsis folgendermaßen:

„Aus einem anthroposophischen Wissenschaftsverständnis, das wir an der Universität nicht mehr mittragen. Rudolf Steiner meinte, man müsse das, was die Naturwissenschaften erforschen, auf anderem Weg erreichen mit geisteswissenschaftlichen Methoden übersinnlicher Erkenntnis.“

„Unser Wissenschaftsverständnis setzt dagegen Wissen auf Zeit voraus, Dateninterpretation, Diskurs, Wahrscheinlichkeit.“

„Steiner glaubte, dass das Impfen grundsätzlich problematisch sei, weil es dazu führe, den Menschen ‚die Hinneigung zur Spiritualität auszutreiben‘, wie er 1917 sagte.“

„Von der Schulmedizin wird die Impfnotwendigkeit hingegen epidemiologisch-statistisch begründet. Der Nutzen für die Allgemneinheit ist größer, wenn wir impfen, als wenn wir nicht impfen.“

„Ich finde es in dem Zusammenhang problematisch, wenn sich der Bund der Waldorfschulen hinsichtlich von Steiners Rassismus mit windelweichen Formulierungen positioniert.“

„Es gibt (in den Waldorfschulen) immer wieder überproportional viele Infektionen. An der Waldorfschule St. Georgen in Freiburg gab es einen Corona-Ausbruch mit 117 Infektionen. Von den 600 Schülern hatten 55 Maskenatteste, die laut ‚Tagesspiegel‘ fast alle ungültig waren. An der Überlinger Schule gab es sieben mal so viele Infektionen wie im Landesdurchschnitt.“

„Verschwörungstheorien gehören salopp gesagt zur DNA der Schriften Steiners. Das liegt daran, dass er fest davon überzeugt war, dass es wirkmächtige Geheimgesellschaften gebe, im Guten wie im Schlechten, …, ein internationales Netzwerk, dass sich vor dem Ersten Weltkrieg gegen Deutschland positioniert habe.“

„Konsequenterweise kritisierte Steiner immer wieder Parteien und Parlamente, er war halt im Kaiserreich sozialisiert. Dahinter steht das schon erwähnte grundlegende Problem: Es fällt im anthroposophischen Milieu wahnsinnig schwer, sich von problematischen Positionen Steiners grundsätzlich zu verabschieden. Insofern ist es für mich nicht wirklich überraschend, dass das Milieu für Impfkritiker, die sich auf Steiner berufen, immer wieder einen großen Echoraum bildet.“

3654: Mathias Döpfner in der Krise

Dienstag, November 23rd, 2021

Der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, 58, steht in der Gefahr, als Vorsitzender des „Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger“ (BDZV) (seit 2016) abgewählt zu werden (Basisinformationen in Wilfried Scharf: Grundzüge der Kommunikationspolitik des BDZV, sozialwissenschaftliche Diplomarbeit, Göttingen 1972). Grund dafür ist eine SMS an einen Schriftsteller,  in der Döpfner behauptet hatte, der „Bild“-Chefredakteur sei der letzte und einzige Journalist, der noch „mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ in Deutschland aufbegehre. Viele Zeitungsverleger sahen dadurch ihre Branche verunglimpft und forderten den Rücktritt Döpfners. Sollte er abberufen werden, müsste eine BDZV-Delegiertenversammlung einen Nachfolger wählen.

Döpfner studierte Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete seit 1982 als Musikkritiker für die FAZ. Er wechselte zu Gruner & Jahr und wurde Chefredakteur der „Wochenpost“ und der „Hamburger Morgenpost“. 1996 wurde er Chefredakteur der Springer-Zeitung „Die Welt“, 1999 Vorstandsmitglied bei Springer und 2001 Vorstandsvorsitzender. Eine glänzende Karriere. Döpfner verkaufte die „Berliner Morgenpost“, das „Hamburger Abendblatt“ und die „Hörzu“ und investierte massiv in Internetgeschäfte. Mit großem Erfolg! 2019 holte er den US-Finanzinvestor KKR als gleichberechtigten Partner an Bord. Bei Springer gibt es keine Rücktrittsforderungen. Döpfner besitzt 22 Prozent der Anteile und übt 45 Prozent der Stimmrechte aus. Friede Springer schätzt Döpfner sehr und und hat ihn zu ihrem De-facto-Erben gemacht (Caspar Busse, SZ 23.11.21).

3652: Cem Özdemir sollte Bundesminister werden.

Sonntag, November 21st, 2021

Da beißt die Maus keinen Faden ab. Am Ende von Koalitionsverhandlungen stehen auch Personalentscheidungen. Die Ampel-Verhandler haben sich dabei bisher fast vorbildlich zurückhaltend benommen. Gut und weiter so!

Das Problem war ja wieder die FDP. Allein wenn wir an die törichten Behauptungen von Marco Buschmann zur Corona-Pandemie denken.

Nun habe ich das Gerücht gehört, dass Annalena Baerbock Außenministerin werden soll. Liebe Freunde von den Grünen, bei all euren Verdiensten, ihr habt doch bei der Bestimmung der Spitzenkandidatin gesehen, welche Auswirkungen solche Formelkram-Entscheidungen haben. Kommt zur Vernunft!

Die Grünen haben ja hervorragende Kandidaten. Zum Beispiel unseren Schwaben Cem Özdemir, einen bewährten Realo. Der sollte auf jeden Fall Bundesminister werden. Das bringt Leistung. Constanze von Bullion (SZ 20./21.11.21) schreibt dazu: „Doch es gibt Widerstände. Bekäme Realo Özdemir das Ressort Verkehr, müsste der Parteilinke Anton Hofreiter weichen, etwa aufs Feld Landwirtschaft. Das Problem mit der Vielfalt wäre dann gelöst, das Gleichgewicht der Geschlechter und Parteiflügel womöglich gestört.“ Ja, wenn man stets nach Quoten geht, kommt nichts Gutes dabei heraus. Aus Grünen-Kreisen höre ich die Ablehnung von Cem Özdemir. Ja, meine Freunde, dann ist euch nicht zu helfen. Verspielt nicht alle Möglichkeiten.

Nebenbei: Es hat auch in der vergangenen, von der großen Koalition getragenen Regierung gute Minister gegeben: z.B. Angela Merkel (CDU) und Hubertus Heil (SPD). Versager waren Andreas Scheuer und Horst Seehofer (beide CSU).

3651: Die SPD kann ihr Verhältnis zur Bundeswehr verbessern.

Sonntag, November 21st, 2021

In den letzten Jahrzehnten war die Bundeswehr geprägt von Skandalen. Anscheinend gibt es bei den Ampel (SPD, Grüne, FDP)-Verhandlungen kein großes Begehren nach dem Verteidigungsministerium. Der Freiherr von und zu Guttenberg (CSU), Ursula von der Leyen (CDU) und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) wirkten als schlechte Minister. Bei der SPD war das einmal anders. Ich kann dies selbst gut beurteilen, weil ich in den sechziger Jahren in der Armee als Panzeroffizier gedient habe. Nie stimmte ich mit sozialdemokratischer Politik mehr überein als seinerzeit. Es war die Zeit von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Hans Apel, Georg Leber und Peter Struck. Als Bundeskanzler hat Helmut Schmidt den NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt.

Traditionell musste die SPD ihr prinzipiell schlechtesa Verhältnis zur Armee erst korrigieren, bevor es so weit kommen konnte. Das Verhältnis änderte sich erst langsam seit 1955. „Aber kaum eine andere Partei hat sich – aus dieser Erfahrung heraus – so verdient um die Nachkriegsarmee gemacht wie die SPD.“ (Mike Szymanski, SZ 20./21.11.21) Die Bundeswehr wurde zur Einsatzarmee. Frauen kamen dazu. Und Kasernen wurden nicht mehr nach Nazi-Generälen benannt. „Die SPD trug oft Verantwortung für die Bundeswehr, wenn sie besser wurde. Das sicherte ihr zugleich Rückhalt unter Soldaten.“

Gegenwärtig ist das Verhältnis der SPD zur Bundeswehr eher ablehnend-kritisch. Wie das der ganzen Gesellschaft. Die Mützenich-SPD hat bis vor kurzem Kampf-Drohnen abgelehnt. Das sollte wohl Friedenspolitik sein. Die mögen die Lukashenkos und Putins besonders gerne. Aber die SPD hat jetzt die Chance, ihr Verhältnis zur Bundeswehr (einem notwendigen Übel) nachhaltig zu verbessern. Wenn sie das Verteidigungsministerium übernimmt.

3650: Oswalt Wiener ist tot.

Samstag, November 20th, 2021

Mit 86 Jahren ist der Künstler und Philosoph Oswalt Wiener (1935-2021) an einer Lungenentzündung gestorben. Schon 1960 hatte er mit

„Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman“

ein Buch vorgelegt, das allen Regeln des Betriebs widersprach. Es war ein Sprachexperiment. Wiener war schon in Wien in Skandale verwickelt, wo er sich mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Gerhard Rühm als Neo-Dadaist beim Jazz präsentierte. Oder mit Otto Mühl und Günter Brus provozierte. 1968 publizierte er „Kunst und Revolution“. Einigen Rezipienten dämmerte es, dass Oswalt Wiener viel weiter dachte. Er musste Österreich verlassen und ging nach West-Berlin. Dort wurde er ein legendärer Kneipenwirt, studierte mit 50 Mathematik. Von 1992 bis 2004 gab er in Düsseldorf sein Wissen als Kunstprofessor weiter. Er machte den „homo sapiens“ lächerlich. Als einer der Ersten hatte er die Sinnlosigkeit der Welt begriffen.

3649: Es ist zum Heulen

Freitag, November 19th, 2021

Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. Lothar Wieler, spricht von 400 unvermeidbaren Corona-Todesfällen täglich in der nächsten Zeit und von „schlimmen Weihnachten“. „Daran ist nichts mehr zu ändern.“

Werner Bartens (SZ 9.11.21) kommentiert das: „Behaupten Politiker wie Markus Söder dreist, Wissenschaftler hätten die Bedrohung nicht kommen sehen, ist das unverschämt. Lassen sich 15 Millionen Erwachsene noch immer nicht impfen, ist das unverantwortlich und verdient keinerlei Rücksicht. Beides ist schlichtweg: zum Heulen.“

3648: Willi Sitte-Ausstellung in Halle

Donnerstag, November 18th, 2021

Der Maler Willi Sitte (1921-2013) wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden. Aber er wird wohl nicht gefeiert, weil er im Ruf steht, ein „DDR-Staatskünstler“ gewesen zu sein. Tatsächlich war er mehrere Jahre Vorsitzender des Verbands bildender Künstler der DDR, Mitglied im ZK der SED, genoss die Privilegien der Nomenklatura (etwa Westreisen). Das Museum Moritzburg in Halle, wo Sitte 60 Jahre gelebt hat, widmet ihm nun ein Gesamtschau. Und das ist verdienstvoll. Weil es erstmals fast vollständig geschieht und auch politische Schlüsse zulässt.

Je mehr Dinge über Willi Sitte ans Licht kamen, um so ungünstiger für seinen Ruf. Es war z.B. gelogen, dass er sich 1944 in Italien den Partisanen angeschlossen hatte. Aber damit festigte er seinen Ruf im Arbeiter- und Bauern-Staat. Sitte war frühzeitig als sehr begabter Zeichner und Maler aufgefallen. Technisch früh fertig. Er verarbeitete Einflüsse der klassischen Moderne (etwa Picasso). Sitte musste sich zwischendurch Vorwürfe des „bürgerlichen Formalismus“ und der „westlichen Dekadenz“ gefallen lassen. Aber dafür konnte er nichts. Das war die Beschränktheit des realen Sozialismus. In den sechziger Jahren (mit dem Mauerbau 1961) erlebte er persönliche Krisen und den ersten großen Ruhm. Er wurde vielfach ausgezeichnet. Er verurteilte den Vietnamkrieg und rechtfertigte den Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten in die CSSR 1968. Willi Sitte war u.a. ein Meister des Akts. Aber moralische Urteile des Gegenwart, das würde den weiblichen Körper an den männlichen Blick ausliefern, sind natürlich lächerlich. Was denn sonst?

„Man muss diesen Sitte nicht lieben. Doch die Ausstellung bietet Gelegenheit, sich mit dem Menschen und dem Künstler auseinanderzusetzen – und interessant ist Sitte aus zwei Gründen: wegen seiner exemplarischen Karriere im untergegangenen deutschen Staat, mit allem, was dazu gehörte, besonders dem Unerquicklichen; und wegen seiner überquellenden Produktivität, deren Resultat noch der Sichtung harrt. Wenige andere Künstler dürfte es geben, wo das völlig Misslungene derart krass neben den überraschendsten und beglückendsten Funden steht.“ (Burkhard Müller, SZ 10.11.21)