Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4091: Tom Buhrows Überseeclub-Rede

Samstag, November 5th, 2022

Warum beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) bei aller Geldverschwendung, der Vetternwirtschaft, allen obszönen Ruhegehältern, prallen Pensionskassen und fischigen Beraterverträgen, über die seit langem gestritten wird, immer noch nicht mehr Klarheit herrscht, zeigt die Rede des WDR-Intendanten (seit 2013) und ARD-Vorsitzenden (seit zwei Jahren), Tom Buhro (WDR), im Hamburger Übersee-Club. Was ihren rundfunkpolitischen Willen angeht, bleibt sie weithin schwammig. Trotzdem zeigt sie manche Mängel und Defizite auf. Warum Gremien, Politik und Rechnungshöfe nie Alarm geschlagen haben, mag verstehen, wer zu höheren Sphären Zugang hat. Vielleicht hat Tom Buhro seine Rede aber auch so gehalten, wie er es getan hat, weil er den ARD-Vorsitz im Januar abgibt.

Angeblich hat er ja nicht als Intendant, sondern als Privatmann gesprochen. Die Sender berufen sich stets auf Staatsverträge und Landesrundfunkgesetze. Brauchen wir ARD und ZDF nebeneinander? Brauchen wir so viel „Kultur“? Buhro will die Rundfunk-Orchester vernichten. Die ARD unterhält 16 Ensembles, Orchester, Bands, Chöre, sie haben etwa 2000 festangestellte Mitglieder. Brauchen wir 64 Hörfunkwellen? „Hört sich Beethoven in Heidelberg anders an als in Halle oder Hamburg?“ Brauchen wir in der ARD mehrere Radios für klassische Musik? Brauchen wir so viele Schlager- oder Info-Radios? Fragen über Fragen (Aurelie von Blazecovic/Claudia Tieschky, SZ 5./6.11.22; Laura Hertreiter, SZ 5./6.11.22). Dass natürlich eine linke Flitz-Piepe wie Willi Winkler (SZ 4.11.22) bei der Kommentierung der Angelegenheit weit über’s Ziel hinausschießt, ist nicht überraschend. Wir müssen stets dafür sorgen, dass Winkler seine Meinung frei äußern kann. Mehr Verantwortung sollten man wohl nicht übertragen.

4088: Peter Demetz 100

Montag, Oktober 31st, 2022

Der in Prag geborene Peter Demetz ist emeritierter Germanistik-Professor in Yale. Er lebt in den USA und wird 100 Jahre alt. Er hat sehr viele Rezensionen und Kritiken für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Seine Mutter stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Böhmen, sie starb in Theresienstadt, väterlicherweits stammte er von ladinischen Südtirolern ab. Die Nazis hatten ihn zur Zwangsarbeit verpflichtet. Demetz promovierte an der Prager Karls-Universität. Als die Sowjets die Tschechoslowakei übernahmen, verließ er das Land. Ingeborg Harms hat Peter Demetz für die „Zeit“ (20.10.22) interviewt.

Zeit: Warum haben Sie Prag nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen?

Demetz: Ich war noch Student an der Prager Universität, als ich mein erstes Buch „Kafka und Prag“ gemeinsam mit drei Leuten herausgegeben habe. … Kafka war bei den Kommunisten verrufen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner damaligen Freundin Hanna das Weite zu suchen und nach Deutschland zu gehen.

Zeit: Wie ging es dort weiter?

Demetz: Wir landeten im einzigen deutschen Kinderlager, weil ich deutsch und englisch sprach: Ich wurde Stellvertreter des Erziehungsdirektors in Bad Aibling in Oberbayern. Durch Vermittlung eines Prager Intellektuellen bin ich nach zwei Jahren zum „Radio Free Europe“ nach München gekommen und war vier Jahre lang Kulturredakteur. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Zeit: Sie haben bei René Wellek promoviert, der von der Prager Universität kam. Sind Sie ein Schüler seiner werkimmanenten Interpretation?

Demetz: Ja, ich bin ihm immer nahegestanden, vielleicht habe ich nicht in allen Büchern dasselbe „close reading“ praktiziert.

Zeit: Stehen Ihnen einige deutsche Autoren näher als andere?

Demetz: Ganz sicher. Einer der ersten, die mir auffielen, war Heimito von Doderer. Seine „Strudlhofstiege“ habe ich Österreich irgendwo unterrichtet. Ich kann mich an sommerliche Tage erinnern, wo ich nichts anderes gelesen habe, um mich vorzubereiten. Ich weiß nur nicht, wozu. Alfred Andersch war mir auch ans Herz gerwachsen, aber durch seine Abenteuer mit den Behörden war er mir zugleich etwas fern. Böll hatte den Hang ins Transzendente und war mir sehr fremd. Nelly Sachs kannte ich von früher, aber sie hat keine Spuren hinterlassen. Max Frisch bin ich oft begegnet und habe ihn als Dramtiker sehr geschätzt. Es mag sein, dass mein von den Russen verbotenes Stück Max Frisch nachgeschrieben war.

Zeit: Sehen Sie die hiesige Gegenwartsliteratur optimistischer?

Demetz: Eigentlich nicht. …

4085: Überfischung im Nordostatlantik

Samstag, Oktober 29th, 2022

Makrele, Hering und Blauer Wittling sind im Nordatlantik die wirtschaftlich wertvollsten Hochseefische. Wie Recherchen zeigen (E. Brandstätter, D. Drepper, A. Pedroni, R.W. Poulsen, SZ 27.10.22), droht ihnen seit Jahren die Überfischung. Die Küstenstaaten einigen sich bisher jedes Jahr bei der North East Atlantiv Fishery Commission (NEAFC) über die Fangquoten. Grundlage dafür ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) von 1982.

Streit gibt es regelmäßig bei der Aufteilung der Quote. Alle Anrainer-Staaten fangen zusammen viel zu viele Fische. Letztlich entscheidet konkret jeder Staat alleine. Selbst Russland, das keine eigene Küstenlinie im Nordatlantik hat, nimmt traditionell an den Verhandlungen teil. Wegen des Ukraine-Kriegs dieses Jahr nicht. Als im vergangenen Jahr Großbritannien, Norwegen und die EU über die Fangquoten verhandelten, stammten 40 der 75 teilnehmende EU-Vertreter aus der Fischindustrie, 3 kamen von NGOs und 30 von einzelnen Staaten. Die EU hat es schwer, weil sie durch den Brexit einen Großteil ihrer Küstengewässer verloren hat. Die Kabeljau-Bestände im Nordatlantik sind bereits zusammengebrochen.

4082: Zwei Ruangrupa-Kuratoren Professoren in Hamburg

Freitag, Oktober 28th, 2022

Reza Afisina und Iswanto Hartono gehörten zum Ruangrupa-Kollektiv, das die diesjährige, gescheiterte Documenta kuratiert hatte. Ihnen war es nicht gelungen, antisemitische Objekte zu verhindern. Sie hatten partiell ihre eigene Ahnungslosigkeit in Bezug auf Antisemitismus zugegeben. Die beiden sind für ein Jahr zu Professoren an die Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg berufen worden. Deren Präsident Martin Köttering ließ verlauten: „An der HFBK gibt es keinen Platz für Antisemitismus.“ Bei der Semestereröffnung gab es in der Aula Proteste gegen die neuen Professoren (Alexander Diehl, taz 14.10.22).

4081: Jüdischer Professor teilweise entlastet und wieder im Dienst

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Eine Untersuchungskommission der Universität Potsdam hat den Gründer und Rektor der Rabbinerschule Abraham-Geiger-Kolleg, Walter Homolka, von dem Vorwurf entlastet, sexuelles Fehlverhalten seines Lebenspartners gegenüber Studenten geduldet zu haben. Der hatte einen pornografischen Clip an einen Studenten geschickt.

Als bestätigt sah die Kommission den Vorwurf des Machtmissbrauchs an. „Immerhin wurde die Furcht, Herrn Prof. Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonstwie zu erregen, so oft und konsistent dargestellt, dass sie nicht als individuelle Idiosynkrasie erscheint. Es ist nicht unplausibel, sie als tatsächlich vorhanden anzunehmen.“ Homolka weist das zurück: „Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht gleich Machtmissbrauch.“ Homolkas Lebenspartner war nach seinem Fehlverhalten gleich gekündigt worden. Homolka: „Was mein Partner getan hat, war grundfalsch.“ Laut Universität Potsdam ergeben sich aus dem Bericht keine rechtlichen Konsequenzen. Homolka ist seit 1. Oktober wieder als Professor tätig (Annette Zoch, SZ 27.10.22).

4080: Selbstbedienungsanstalt öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Die üppigen Gehälter von Intendanten, Direktoren und Geschäftsleitungen bei ARD und ZDF sind bekannt. Dazu kommt bei manchen Sendern noch die Einbeziehung in ein Bonussystem, auch dann, wenn dafür gar nichts geleistet wird. Aber das ist noch nicht alles (Aurelie von Blazecovic, SZ 27.10.22)

Das Politikmagazin „Kontraste“ brachte ans Licht, dass die juristische Direktorin des RBB, Susann Lange, ein Grundgehalt von 195.000 Euro brutto plus eine „variable Vergütung“ von 8,33 Prozent erhält. Zudem steht Frau Lange ein „Ruhegeld“ zu. Ein „Ruhegeld“ ist eine Zahlung, die nach der Amtszeit fließt, auch wenn ein Mitarbeiter noch nicht im Rentenalter ist. In Langes Fall ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Daraufhin wurde sie vom RBB freigestellt. Dem RBB-Programmdirektor steht von seinem ersten Diensttag an ein „Ruhegeld“ von 8.000 Euro monatlich und lebenslang zu. Seit 2003 sind solche Ruhegelder Bestandteil von Verträgen der RBB-Geschäftsleitung gewesen. Im Todesfall werden Ehepartner, Waisen und Halbwaisen mit Sterbegeldern bedacht. Ehepartner mit 60 Prozent des Ruhegeldes, Waisen mit 20 und Halbwaisen mit 12 Prozent.

Auch in anderem Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt dieses „Ruhegelder“.

Laura Hertreiter (SZ 27.10.22) schreibt dazu: „Wo Gremien, Politik, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, Rechnungshöfe von der Selbstbedienung im großen Stil nichts bemerkt haben wollen, muss Geld in obszönem Überfluss da sein.“ “ Es gibt bei der ARD – um diese Feststellung kommt der größte Fan nicht herum – nicht nur Einspartotential, es gibt eine Einsparpflicht. Nur: Wo ist jemand in der ARD, der die Sache anpackt?“

Dazu fehlt es wohl auch an Anstand.

Das hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland in eine gefährliche Krise gebracht. Ob sie überhaupt zu bewältigen ist, steht dahin. Zugleich wird dadurch unsere Demokratie gefährdet. Es ist Wasser auf die Mühlen von „Querdenkern“, „Reichsbürgern“ und Rechtsextremisten.

4079: Andrea Wulf erklärt uns die Romantik.

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Die für ihre Publikationen schon vielfach ausgezeichnete Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf, geb. 1967, hat ein neues Buch vorgelegt, über das sie in einem Interview mit Fritz Habekuß (Zeit, 13.10.22) spricht:

Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. München (Bertelsmann) 2022.

Darin schildert sie die vielen Köpfe und Kapazitäten, die sich in den 1790er Jahren in Jena versammelt hatten. Um den Superstar Friedrich Schiller. Das waren Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte, August-Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Schelling, Caroline Schlegel, Wilhelm und Alexander Humboldt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie haben dort die Romantik als internationale Bewegung eingeläutet, auch wenn am Ende nicht alle bei der Stange blieben.

„Sie wandten sich vor allem gegen das rein empirische Denken der Aufklärung und glaubten, dass deren rationaler Ansatz Distanz zur Natur schuf. Diese wurde nur noch aus einer sogenannten objektiven Perspektive untersucht. Dagegen wehrten sie sich.“

„Er (Friedrich Schelling) erklärte, dass der Mensch und die Natur eins sind, und lieferte die philosophische Grundlage für ein Gefühl, das fast alle Menschen kennen: Natur beruhigt. Natur heilt. Sie spricht zu etwas in uns, was nicht der Verstand ist.“

„Die Aufklärung behauptet, dass Wissenschaft und Gefühl nichts miteinander zu tun haben. Die Romantiker widersprachen: Die Natur und ich, das ist das Gleiche. Diese Philosophie der Einheit wurde zum Herzschlag der Romantik. Schauen Sie sich das berühmte Caspar-David-Friedrich-Bild an, auf dem ein Wanderer auf der Klippe steht und über’s Wolkenmeer guckt. Das ist dieses ‚Ich bin allein in der Natur, und ich spüre dennoch ein Zugehörigkeits-Gefühl‘.“

„Einer der wichtigsten Denker der Romantik war Fichte. Der stellte sich breitbeinig hin und sagte: Aller Realität Quelle ist das Ich! Das Ich ist der Anfang von allem! Es gibt keine absoluten oder gottgegebenen Wahrheiten! Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist, dass die Welt durchs Ich verstanden wird! Damit machte er das Ich zum Herrscher der Welt.“

„Jedenfalls steht seither das Ich im Mittgelpunkt westlicher Gesellschaften – im Guten wie im Schlechten.“

„Sie orientieren sich zunächst an Immanuel Kant und seinem kategorischen Imperativ: Handle so, dass dein Handeln Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte. Im Grunde benutzten sie ihr eigenes Leben als Theaterbühne, um das alles auszuprobieren. Die Gruppe junger Frauen und Männer machte das Ich zum Herrscher der Welt. Es ist nicht so überraschend, dass sie alle irgendwann ziemlich aufgeblasene Egos hatten. Die Verpflichtungen, mit denen Freiheit daherkommt, das funktioniert theoretisch alles sehr gut. Praktisch eher nicht.“

„Freiheit endet dort, wo die Freiheit des nächsten Menschen beginnt. Aber Theorie und Praxis haben nicht immer viel miteinander zu tun.“

„Die Romantiker waren nicht gegen den Verstand und rationale Beobachtung. Das allein reichte ihnen aber nicht, obwohl sie zum Teil selbst Wissenschaftler waren: Novalis, Humboldt, Goethe. Ich glaube, dass dieses Denken eine neue Generation anspricht. Gefühle und die Einbildungskraft mit in die Diskussion zu nehmen ist nicht unseriös oder New Age, sondern hat eine Tradition in der deutschen Geistesgeschichte.“

„Friedrich Schlegel hat damals gesagt: ‚Ich will Euklid singbar machen‘, also Mathematik und Physik in Musik verwandeln. Das ist doch wunderbar!“

 

4076: Salman Rushdie auf einem Auge blind

Dienstag, Oktober 25th, 2022

Nach dem Attentat auf ihn am 12. August 2022 ist der Schriftsteller Salman Rushdie, 75, auf einem Auge blind. Er kann eine Hand nicht mehr bewegen. Bei dem Anschlag eines 24-Jährigen im Bundesstaat New York hatte Rushdie drei schwere Wunden am Hals und 15 am Rücken und Oberkörper erlitten. Es waren Nerven durchtrennt worden. Er musste sich einer Notoperation unterziehen und wurde zeitweise beatmet. Seit seinen „Satanischen Versen“ wurde Rushdie jahrzehntelang permanent von relgiösen Fanatikern verfolgt. Der Ajatollah Chomeini hatte eine Fatwa (Todesurteil) über ihn verhängt. Seither lebt Rushdie ständig unter Polizeischutz. Sein Literaturagent teilt mit: „Ich kann keine Auskunft über seinen Aufenthaltsort geben. Aber ich kann sagen, dass er überleben wird. Und das ist das Wichtigste.“ (SZ 25.10.22)

4073: Fast 400.000 Kita-Plätze fehlen.

Sonntag, Oktober 23rd, 2022

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass im nächsten Jahr in Deutschland 384.000 Kita-Plätze fehlen. Verbände und Gewerkschaften haben Sofortmaßnahmen gegen den Fachkräftemangel gefordert. Das klappt in Deutschland wohl nicht (SZ 21.10.22).

4071: Arne Schönbohm abberufen

Samstag, Oktober 22nd, 2022

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat den Präsidenten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, abberufen. Er soll eine zu große Nähe zu Russland gehabt haben. Der Cyber-Sicherheitsrat hat diese angeblichen Verbindungen als „absurd“ bezeichnet (SZ 19.10.22).