Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4108: Dopingjäger Werner Franke ist tot.

Donnerstag, November 17th, 2022

Noch an seinem 80. Geburtstag vor zwei Jahren sagte er: „Ich verachte nach wie vor den deutschen Sport.“ Der Zellbiologe und bekannteste deutsche Dopingjäger Professor Dr. Werner Franke (Heidelberg). Besonders unbeliebt war er bei den Fußballern, denen er beim VfB Stuttgart und SC Freiburg Anabolika-Missbrauch in den siebziger und achtziger Jahren vorwarf. Franke belegte, dass sich Doping auch beim Fußball zur Leistungssteigerung eignet. Er opponierte rigoros gegen den organisierten Sport in Deutschland.

Mit seiner Frau, der bekannten Diskuswerferin Brigitte Berendonk, sicherte er nach der Wiedervereinigung geheime Dokumente in der Militärmedizinischen Akademie Bad Saarow. Dadurch wurde das Staatsdoping der DDR bewiesen („Doping-Dokumente – von der Forschung zum Betrug“ 1991). Auch im westdeutschen Sport spürte Franke das Doping auf. Besonderes Augenmerk legte er auf den Radsport. Mit Jan Ulrich prozessierte er erfolgreich. Dem „Doping-Opfer-Hilfeverein“ (DOH) warf er vor, ehemalige Sportler trotz unzureichender Nachweisverfahren als Dopingopfer anzuerkennen (Sebastian Fischer, SZ 17.11.22).

4106: Ukraine – Streit um Timothy Snyder

Dienstag, November 15th, 2022

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, geb. 1969, ist ein Freund der Ukraine. Gemeinsam mit Präsident Wolodimir Selenski sammelt er für ein Drohnenabwehrsystem. In dem Moment wird sofort die Ergebnisoffenheit und Objektivitätr seiner Forschung bezweifelt. Snyder hatte 2010 seinen Welt-Bestseller „Bloodlands“ veröffentlicht. Darin hatte er die „Todeszonen“ in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg untersucht, wo hunderttausende Menschen ermordet worden sind, von Nazis, von Stalininisten und von anderen: in der Ukraine, in Weißrussland, im Baltikum, in Russland. Aber nicht entlang der Staatsgrenzen, sondern entlang der Todeszonen. So habe Stalin versucht, im Hungerwinter („Holodomor“) die Ukraine auszulöschen. Snyder unterstellt Stalin durchaus ähnliche Völkermordabsichten wie Hitler. Er nennt aber auch die Helfer der Nazis und der Stalinisten: Ukrainer, Balten, Polen. Ohne sie wäre die Shoah schwerer durchzuführen gewesen. Snyder nennt die Kreml-Lüge, die Ukraine sei ein Nazi-Staat, eine Lüge (Sonja Zekri, SZ 14.11.22).

4104: Strafprozesse sollen künftig mitgeschnitten werden.

Montag, November 14th, 2022

Nach einem Referentenentwurf des Bundesjustizmninisteriums von Marco Buschmann (FDP) sollen Strafprozesse in Deutschland durch eine Veränderung der Strafprozessordnung künftig mit Mikrofon und Kamera mitgeschnitten werden. Ab 2030. Das gilt für Land- und Oberlandesgerichte. Bisher sind elektronische Mitschnitte in Strafprozessen nicht erlaubt (SZ 14.11.22).

4102: Auch der Papst hat schuld.

Sonntag, November 13th, 2022

Mit großer Wucht und Geschwindigkeit werden die Belange des Erzbistums Köln und der katholischen Kirche in ganz Deutschland vor die Wand gefahren. Kardinal Woelky ist eine große Belastung für die Kirche. Er hat Schuld auf sich geladen. Aber, wie Annette Zoch (SZ 11.11.22) zurecht schreibt, auch Papst Franziskus trägt eine Mitschuld. Etwa indem er das Rücktrittsgesuch Woelkys nicht angenommen hat.

„Denkt der Papst eigentlich auch an die Gläubigen im Erzbistum Köln? An die Missbrauchsbetroffenen, die mit ansehen müssen, wie der Kardinal sich als oberster Aufklärer inszeniert und gegensätzlich handelt? An die Menschen, die ihre geistliche Heimat verlieren, die Brautpaare, die Eltern von Kommunionskindern, die Firmlinge? An die vielen Mitarbeitenden der Kirche, die an ihrem Arbeitgeber schier verzweifeln? Dass vom großen und stolzen Erzbistum Köln vielleicht irgandwann nur noch ein Trümmerhaufen übrig ist, das hat am Ende auch Papst Franziskus zu verantworten.“

4100: Esoterik – anschlussfähig an Nazis und Neonazis

Donnerstag, November 10th, 2022

Die Psychologin Pia Lamberty und die Autorin Katharina Acun haben schon mehrere Bücher über Geheimwissen und Antisemitismus verfasst. Ihr gegenwärtiger Band

Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Köln (Quadriga) 2022, 300 Seiten, 22 Euro

hat es auf die Shortlist des NDR-Sachbuchpreises 2022 geschafft. Die Autorinnen sprechen darüber mit Julia Wertmann (SZ 10.11.22).

Lamberty und Ocun sehen falsche Heilsversprechen, finanzielle Ausbeutung und unterlassene medizinische Hilfeleistung. Esoterik ist dem Wortsinn nach Geheimwissen, etwas, zu dem nicht alle Zugang haben. Ein Element ist der Glaube an die Gerechtigkeit („Jeder bekommt, was er verdient.“). In der Esoterik hat das Bauchgefühl mehr Gewicht als rationale Argumente. Auf Esoterik-Messen haben Lamberty und Ocun Geschäftstüchtigkeit kennengelernt und die Verbreitung von Angst.

Die Esoterik richtet sich eher an Frauen als an Männer. Das verspricht eine gewisse Aufwertung in einer von Sexismus geprägten Welt. Eine Zielgruppe sind insbesondere die Frauen mit Kinderwunsch. Auch bei den 68ern gab es elitäre esoterische Kulte. Ein Feindbild sind die profitorientierten Pharmakonzerne. Nicht jede Esoterik ist rechtsextrem. Was wir aber überall finden, ist Antifeminismus und Antisemitismus. Deshalb ist der Anschluss an Nazis, Querdenker, Reichsbürger auch so leicht. Esoteriker geben sich gerne den Anstrich, links, feministisch und emanzipatorisch zu sein. Tatsächlich gilt das Gegenteil.

4098: Josef Schuster: Annie Ernaux ist BDS-Unterstützerin.

Mittwoch, November 9th, 2022

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, befasst sich in einem Beitrag für die SZ zum 9. November mit aller wünschenswerten Klarheit mit der Bedeutung dieses Gedenktags für Deutschland:

1. In einer wohlorganisierten Aktion zerstörten die Nazis und ihre Helfer am 9. November 1938 ca. 1.400 Synagogen, verwüsteten 7.500 Wohnungen und Geschäfte, ermordeten hunderte Juden und verbrachten 30.000 Juden ins Konzentrationslager.

2. Danach konnte nur die physische Vernichtung aller europäischen Juden folgen.

3. Der Fall der Berliner Mauer fand auch am 9. November statt, 1989. Aber: „Volksfeststimmung mit Würtstchenbuden und Bierzelten, die der Freude über die Niederreißung der Mauer angemessen sind, taugen nicht zum Gedenken an die Millionen von Toten des Nazi-Terrors.“

4. Gegenwärtig erleben wir einen Paradigmenwechsel in Kultur und Wissenschaft in Deutschland: Die Erinnerung an die Shoah wird ersetzt durch die Erinnerung an den Kolonialismus. Das hat den Zweck, auch Israel als Kolonialmacht diffamieren zu können.

5. Auf der Documeta in Kassel konnten wir in diesem Jahr bereits erkennen, wozu der Paradigmenwechsel führt. Wir erlebten abstoßende antisemitische Darstellungen, ohne dass die Kuratoren einschritten.

6. Mit Annie Ernaux erhält in diesem Jahr eine Autorin den Literaturnobelpreis, die Unterstützerin des vom Deutschen Bundestag als antisemitisch deklarierten BDS ist (W.S.: Ähnliches haben schon bei der Verleihung an Peter Handke erfahren, der ein Unterstützer des serbischen Diktators Milosevic war.)

7. Der deutsche Historiker Wolfgang Reinhard verlangte im Januar 2022 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Schlussstrich unter das Shoah-Gedenken. Bei der Erinnerung an die Shoah handle es sich um eine „Holocaust-Kultur (…) machtbesetzt und tabugeschützt“.

8. Dabei ist die Erinnerung an die Shoah konstitutiv für unser Land.

9. „Es wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, die Erinnerung an die Shoah zu bewahren und mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln.“

4096: Wirtschaftsweise empfehlen höhere Steuern.

Dienstag, November 8th, 2022

Aus dem Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen geht hervor, dass sie der Bundesregierung höhere Steuern empfehlen. Die bisherigen Regierungspakete träfen wegen der Inflation vor allem Menschen mit wenig Geld. Die Vorschläge der Weisen richten sich auch gegen die Pläne von Bundeswirtschaftsminister Christian Lindner (FDP) zur kalten Progression. Sie fordern eine Verschiebung der Pläne. Die Vorschläge spalten nochmals die Ampelkoalition. Das ist angesichts der falschen Wirtschaftspolitik der FDP kein Wunder. Bisherige Maßnahmen wie etwa der Tankrabatt seien keine vollen Erfolge gewesen, weil sie auch höheren Einkommensgruppen zugute gekommen seien.

Die Wirtschaftsweisen fordern eine Teilfinanzierung durch eine zeitlich streng befristete Erhöhung des Spitzensteuersatzes oder einen Energie-Solidaritätszuschlag für Besserverdienende. Dadurch erhielte der Staat zusätzliche Einnahmen. Den Spitzrensteuersatz der Einkommenssteuer von 42 Prozent zahlen heute fünf Prozent aller Bürger. Bei den Grünen ecken die Wirtschaftsweisen gewiss damit an, dass sie vorschlagen, Atomkraftwerke länger zu betreiben. „Eine Laufzeitverlängerung über den 15. April 2023 hinaus würde zu einer Entspannung des Strommarktes beitragen.“ (Alexander Hagelüken, SZ 8.11.22)

Herausgefordert werden durch die Vorschläge der fünf Wirtschaftsweisen vor allem die FDP und die Grünen.

4093: Der bombastische Stil des Feuilletons im Fernsehen

Sonntag, November 6th, 2022

Kultur im Fernsehen ist wichtig. Dort (u.a. „ttt“, „Kulturzeit“, „Druckfrisch“, „Aspekte“) pflegen ihre Sprecher einen Sound der Dringlichkeit, der Bedeutungsschwere signalisieren soll. Der ewig feierliche Ton bringt dauerhaftes Pathos mit sich. Der raunende Begleiton soll zeigen, dass die behandelten Themen es verdienen, dort diskutiert zu werden. Kulturfernsehen ist zugleich immer Marketing für Kulturfernsehen. Die präsentierten Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure, Maler, Tänzer u.a.) stehen für Aufklärung, für das Streben nach einer besseren Welt. Kunst wendet sich stets gegen Lügen und politische Intrigen. Zur Darstellung dessen werden häufig die immergleichen visuellen und dramaturgischen Schablonen eingesetzt. Das Genre Kulturfernsehen sucht weiterhin nach dem richtigen Verhältnis zu den von ihm behandelten Gegenständen (Andreas Bernard, SZ 5./6.11.22).

4091: Tom Buhrows Überseeclub-Rede

Samstag, November 5th, 2022

Warum beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF) bei aller Geldverschwendung, der Vetternwirtschaft, allen obszönen Ruhegehältern, prallen Pensionskassen und fischigen Beraterverträgen, über die seit langem gestritten wird, immer noch nicht mehr Klarheit herrscht, zeigt die Rede des WDR-Intendanten (seit 2013) und ARD-Vorsitzenden (seit zwei Jahren), Tom Buhro (WDR), im Hamburger Übersee-Club. Was ihren rundfunkpolitischen Willen angeht, bleibt sie weithin schwammig. Trotzdem zeigt sie manche Mängel und Defizite auf. Warum Gremien, Politik und Rechnungshöfe nie Alarm geschlagen haben, mag verstehen, wer zu höheren Sphären Zugang hat. Vielleicht hat Tom Buhro seine Rede aber auch so gehalten, wie er es getan hat, weil er den ARD-Vorsitz im Januar abgibt.

Angeblich hat er ja nicht als Intendant, sondern als Privatmann gesprochen. Die Sender berufen sich stets auf Staatsverträge und Landesrundfunkgesetze. Brauchen wir ARD und ZDF nebeneinander? Brauchen wir so viel „Kultur“? Buhro will die Rundfunk-Orchester vernichten. Die ARD unterhält 16 Ensembles, Orchester, Bands, Chöre, sie haben etwa 2000 festangestellte Mitglieder. Brauchen wir 64 Hörfunkwellen? „Hört sich Beethoven in Heidelberg anders an als in Halle oder Hamburg?“ Brauchen wir in der ARD mehrere Radios für klassische Musik? Brauchen wir so viele Schlager- oder Info-Radios? Fragen über Fragen (Aurelie von Blazecovic/Claudia Tieschky, SZ 5./6.11.22; Laura Hertreiter, SZ 5./6.11.22). Dass natürlich eine linke Flitz-Piepe wie Willi Winkler (SZ 4.11.22) bei der Kommentierung der Angelegenheit weit über’s Ziel hinausschießt, ist nicht überraschend. Wir müssen stets dafür sorgen, dass Winkler seine Meinung frei äußern kann. Mehr Verantwortung sollten man wohl nicht übertragen.

4088: Peter Demetz 100

Montag, Oktober 31st, 2022

Der in Prag geborene Peter Demetz ist emeritierter Germanistik-Professor in Yale. Er lebt in den USA und wird 100 Jahre alt. Er hat sehr viele Rezensionen und Kritiken für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Seine Mutter stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Böhmen, sie starb in Theresienstadt, väterlicherweits stammte er von ladinischen Südtirolern ab. Die Nazis hatten ihn zur Zwangsarbeit verpflichtet. Demetz promovierte an der Prager Karls-Universität. Als die Sowjets die Tschechoslowakei übernahmen, verließ er das Land. Ingeborg Harms hat Peter Demetz für die „Zeit“ (20.10.22) interviewt.

Zeit: Warum haben Sie Prag nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen?

Demetz: Ich war noch Student an der Prager Universität, als ich mein erstes Buch „Kafka und Prag“ gemeinsam mit drei Leuten herausgegeben habe. … Kafka war bei den Kommunisten verrufen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner damaligen Freundin Hanna das Weite zu suchen und nach Deutschland zu gehen.

Zeit: Wie ging es dort weiter?

Demetz: Wir landeten im einzigen deutschen Kinderlager, weil ich deutsch und englisch sprach: Ich wurde Stellvertreter des Erziehungsdirektors in Bad Aibling in Oberbayern. Durch Vermittlung eines Prager Intellektuellen bin ich nach zwei Jahren zum „Radio Free Europe“ nach München gekommen und war vier Jahre lang Kulturredakteur. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Zeit: Sie haben bei René Wellek promoviert, der von der Prager Universität kam. Sind Sie ein Schüler seiner werkimmanenten Interpretation?

Demetz: Ja, ich bin ihm immer nahegestanden, vielleicht habe ich nicht in allen Büchern dasselbe „close reading“ praktiziert.

Zeit: Stehen Ihnen einige deutsche Autoren näher als andere?

Demetz: Ganz sicher. Einer der ersten, die mir auffielen, war Heimito von Doderer. Seine „Strudlhofstiege“ habe ich Österreich irgendwo unterrichtet. Ich kann mich an sommerliche Tage erinnern, wo ich nichts anderes gelesen habe, um mich vorzubereiten. Ich weiß nur nicht, wozu. Alfred Andersch war mir auch ans Herz gerwachsen, aber durch seine Abenteuer mit den Behörden war er mir zugleich etwas fern. Böll hatte den Hang ins Transzendente und war mir sehr fremd. Nelly Sachs kannte ich von früher, aber sie hat keine Spuren hinterlassen. Max Frisch bin ich oft begegnet und habe ihn als Dramtiker sehr geschätzt. Es mag sein, dass mein von den Russen verbotenes Stück Max Frisch nachgeschrieben war.

Zeit: Sehen Sie die hiesige Gegenwartsliteratur optimistischer?

Demetz: Eigentlich nicht. …