Archive for the ‘Medien’ Category

4064: Saul Friedländer 90

Mittwoch, Oktober 12th, 2022

Der aus einer deutschsprachigen Prager Familie stammende Saul Friedländer wurde in den sechziger Jahren regelmäßig krank, wenn er von der Pariser Uni aus zur Forschung nach Deutschland fuhr. Ihm fehlte es noch an Selbstbewusstsein. Seine Eltern waren von den Nazis ermordet worden. Er selbst hatte, als katholischer Internatsschüler getarnt, den Zweiten Weltkrieg in Frankreich überlebt. In Deutschland bestimmten nach 1945 zunächst Ex-Nazis wie Martin Broszat, der Leiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, wer über den Nationalsozialismus forschen durfte.

Friedländer wurde Israeli und baute das Land mit auf. Zunächst als Landwirtschaftsschüler, dann als Professor für Geschichte. Schließlich ging er in die USA. Dort erschien sein Hauptwerk „Das dritte Reich und die Juden“. Dafür hat er den Pulitzer-Preis bekommen. Seit langem ist Saul Friedländer als Forscher eine international angesehene Kapazität. Er wird 90 Jahre alt. Mit Dan Diner, einem Kind polnisch-litauischer Holocaust-Überlebender, begründete er die Zeitschrift „History & Memory“. 1978 und 2016 veröffentlichte Friedländer die Autobiografien „Wenn die Erinnerung kommt“ und „Wohin die Erinnerung führt“. Er sagt: „Die Vertrautheit mit Deutschland ist mit den Jahren wieder gewachsen.“ (Ronen Steinke, SZ 11.10.22)

4063: Die Lage beim RBB

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Aurelie von Blazekovic (SZ 11.10.22) interviewt Jo Goll, seit 26 Jahren beim RBB, der als Investigativjournalist mit vier Kollegen die Vorwürfe gegen den RBB recherchiert:

SZ: Welche Rechercheergebnisse halten Sie für am wichtigsten?

Goll: Unsere Recherchen zu Beraterverträgen, die man offenbar an Kontrollinstanzen im eigenen Haus vorbeigelenkt hat, 0bwohl das nach Vergaberecht mehr als problematisch war. Oder dass man Personen, die missliebig waren, in den Vorruhestand geschickt hat. Da gab es einen Mitarbeiter in der RBB Media, der solte da offenbar weg. Also wurde er mit 57 Jahren in den Vorruhestand geschickt, mit Bezügen von rund 100.000 Euro jährlich. Zu zeigen, dass das in unserem Haus möglich war, das führte dazu, dass auch der Letzte begriffen hat, dass es so nicht weitergehen kann.

SZ: Welche Fragen bleiben offen?

Goll: Wie soll denn nun das Bonussystem für Hauptabteilungsleiter und Abteilungsleiter eigentlich beendet werden? Werden da nun alle Verträge neu ausgehandelt? Und will man sich weiterhin 40 außertarifliche Verträge leisten? Aus meiner Sicht muss sich auch dringend ändern, dass der Journalismus als niedere Tätigkeit bewertet wird. Um den muss es eigentlich gehen, das ist das, was der Beitragszahler von uns erwarten darf.

SZ: Journalismus wird im RBB gering geschätzt?

Goll: Das ist der Eindruck, der sich bei mir über die Jahre eingestellt hat. Man hat immer an der Struktur gearbeitet, an der Verpackung. Der Inhalt ist immer weiter in den Hintergrund gerückt. Man kann aber nicht endlos sparen und glauben, dass der Tanker schon auf hoher See bestehen wird. Das tut er nicht.

SZ: Wie lange wird der Fall Schlesinger den RBB noch beschäftigen?

Goll: Das wird Jahre nachwirken. Wir können nur eines machen: Gutes Programm auf die Beine stellen. Dann kommt der Beitragszahler vielleicht wieder zu dem Schluss, dass sein Geld gut investiert ist, und dass wir tatsächlich eine Säule der Demokratie sind.

4062: Steffen Mau: Die deutsche Gesellschaft ist gar nicht tief gespalten.

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Nach der Auffassung des Berliner Soziologen Steffen Mau, 53, ist die deutsche Gesellschaft gar nicht tief gespalten. Das erläutert er in einem Interview mit Anant Agarwala und Anna-Lena Scholz (Zeit, 22.9.22).

Zeit: Sie meinen, wir Medien schreiben Konflikte herbei, in völliger Missachtung der Realität?

Mau: Ja. Ich muss es so drastisch formulieren. Ständig lese ich Aussagen über „die Gesellschaft“ und frage mich: Woher weiß man das eigentlich? Thesen wie jene von der gespaltenen Gesellschaft sind so erfolgreich, weil sie immer wieder ungeprüft nacherzählt werden. Das liegt nicht allein an den Medien. Ungelöste Konflikte sind auch Gelegenheitsmärkte für Polarisierungsunternehmer.

Zeit: Woher diese Faszination für die Spaltung?

Mau: Der Diskurs kommt vor allem aus den Vereinigten Staaten. Dort haben wir die gespaltene Gesellschaft ja tatsächlich, es ist also auch ein Angstszenario. In den USA gibt es bei allen möglichen Fragen klare Frontstellungen, bis hin zu dem, was wir affektive Polarisierung nennen. Also Gefühle von Hass, Abschau, Ekel gegenüber der Gegenseite. Wenn man seiner Anhängerschaft predigt, dass die anderen verdammenswert sind und das Land zugrunde richten wollen, kann man nicht mehr über Sachthemen diskutieren.

Zeit: 2021 haben Sie den Leibniz-Preis erhalten. Mit dem Geld forschen Sie aktuell selbst zur gesellschaftlichen Spaltung. Wie gehen Sie vor?

Mau: Wir kartieren Deutschland entlang von vier Konfliktarenen:

oben/unten – da geht es um Klassen,

innen/außen – das bezieht sich auf die Migrationsfrage,

wir/sie – das ist die Identitätspolitik;

sowie heute/morgen – hier stehen klimapolitische Fragen und Generationenkonflikte im Zentrum.

Neben der Befragung lassen wir auch Menschen unterschiedlicher Milieus miteinander diskutieren, um herauszufinden, welche moralischen Repertoires sie nutzen, um sich in gesellschaftlichen Fragen zu positionieren. Wir wollen verstehen, warum es bei bestimmten Themen richtig knallt, was Menschen triggert.

4061: Günter Lamprecht ist tot

Montag, Oktober 10th, 2022

Wir kannten ihn alle als Franz Biberkopf in Rainer Werner Fasbinders Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Günter Lamprecht, einen waschechten Berliner, der zunächst Handwerker gewesen war und nur auf verschlungenen Pfaden zum Schauspiel kam. Er war ins Max-Reinhardt-Seminar gelangt und hatte dann lange am Schillertheater gespielt. Er ist jetzt im Alter von 92 Jahren gestorben. Er konnte Proleten, treuherzig, brutal und liebesbedürftiges Kind. Raumgreifend. Franz Biberkopf war er schon immer gewesen. Fassbinder wurde gar auf ihn eifersüchtig. Aber da war Lamprecht ja nicht der einzige.

Lamprecht hatte schon in Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ gespielt. Und 1970 im ersten Tatort „Taxi nach Leipzig“. Zwischendurch war er in Bochum, wo er den 68ern nicht links genug war. Am Ende schrieb er begeistert. Etwa „Und wehmütig bin ich immer noch“ 2002. Lamprecht hatte als Fünfzehnjähriger das Kriegsende mit allen Schrecken erlebt. Er brillierte dann noch lange im „Tatort“ als Kommissar Franz Markowitz. 1999 verübte ein Attentäter in Bad Reichenhall einen Anschlag auf ihn und seine Freundin Claudia Amm und verletzte die beiden schwer. Lamprecht war in fast jeder Hinsicht einzigartig. In „Babylon Berlin“ hatte er noch eine Gastrolle (Willi Winkler, SZ 8./9.10.22).

4060: Putin versucht weiter, uns Angst zu machen.

Montag, Oktober 10th, 2022

„Indem er den Eindruck erweckt, erobertes Territorium stehe fortan unter Russlands nuklearem Schutzschirm, versucht er, die konventionelle Unzulänglichkeit seiner Streitkräfte und seine eigene Unfähigkeit als Militärstratege mit der atomaren Erpressung wettzumachen. Der Westen sieht sich im Kreml einem scheinbar vollends enthemmten Imperialisten und routinierten Massenmörder gegenüber, dessen Willkürherrschaft im Innern keine erkennbaren Grenzen mehr gesetzt sind. Natürlich ist nun äußerste Vorsicht das Gebot. Nur: worin besteht sie ?

Jeder, der Putin nun nachgeben möchte, muss ehrlicherweise auch sagen, wie weit: Bis Charkiw? Bis Kiew? Bis Lemberg? Oder gleich bis Warschau und Dresden? Gefährlicher als die nukleare Erpressung ist nur die Kapitulation vor ihr. So gute Gründe es geben mag, der Ukraine diesen oder jenen Waffenwunsch zu verweigern, so trügerisch ist die nicht zuletzt in Deutschland anzutreffende Sehnsucht, Putin durch weniger oder vielleicht auch gleich durch gar keine Waffen mehr für die Ukraine zur Raison zu bringen. Für den Despoten wäre es nur der Beweis, dass er mit seinen Drohungen mehr zuwege bringt als seine hochdekorierten Generäle mit Panzern und Haubitzen.“ (Daniel Brössler, SZ 8./9.10.22)

4059: Literaturnobelpreis für Annie Ernaux

Sonntag, Oktober 9th, 2022

Die 1940 in Lillebonne/Normandie geborene Arbeitertochter Annie Ernaux hat bis 2000 als Lehrerin gearbeitet, zwei Kinder großgezogen, daneben relativ spät mit dem Schreiben begonnen. Das hat sie aber nachhaltig beeinflusst. Und manche Nachahmer gefunden. Mit Ernaux gibt es ein neues autobiografisches Schreiben. Dafür hat sie jetzt – völlig zu Recht – den Literaturenobelpreis bekommen. Ihre Eltern hatten eine kleinen Lebensmittelladen mit Kneipe. 1984 erschien mit „Der Platz“ die Geschichte ihres Vaters, ein Leben unter französischen Klassenverhältnissen. Das Buch über ihre Mutter heißt „Die Scham“, es erzählt u.a. von einem Gewalteinbruch in der Familie. Ernaux blieb stets ganz bei ihren Individuen und schilderte dadurch um so glaubwürdiger die teilweise erbärmlichen französischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Auf deutsch erscheinen Ernauxs Bücher seit 2017 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Sonja Finck, ein Sprung nach vorne. Zuletzt kam „Das Ereignis“ heraus, die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs. Insofern sind die Bücher von Ernaux wahrscheinlich gerade für Frauen sehr wichtig. Sie hat auch Theoretiker verarbeitet: Bourdieu, Foucault, Barthes, Lacan, Chomsky, Baudrillard, Ivan Illich. Annie Ernaux ist eine großartige Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ7.10.22).

4057: Wolfgang Kohlhaase ist gestorben.

Donnerstag, Oktober 6th, 2022

Er war einer unserer größten Drehbuchautoren. In der DDR und im vereinten Deutschland. Wolfgang Kohlhaase, der jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Im Jahr 2000 liefert er das Buch für Volker Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“, die Geschichte der in die DDR geflohenen RAF-Mitglieder. Eine zutiefst deutsche Geschichte. Kohlhaase hat zahlreiche Drehbücher für wichtige Regisseure geschrieben: 1957 „Berlin – Ecke Schönhauser“ (Gerhard Klein), 1968 „Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf), 1980 „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, Co-Regie Kohlhaase), 1982 „Der Aufenthalt“ (Frank Beyer), 2015 „Als wir träumten“ (Andreas Dresen), 2017 „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (Matti Geschonneck). Die DDR sah Kohlhaase durchaus kritisch, aber mit menschlichem Blick. Er wurde selbst Opfer der ideologischen Filmpolitik (11. Plenum des ZK der SED 1966). Im vereinten Deutschland blieb er erfolgreich. Wolfgang Kohlhaase hat sehr viel mit jungen Regisseuren zusammengearbeitet, daher wohl die Frische und Jugendlichkeit vieler seiner Filme. Er konnte auch Verlierer glaubwürdig zeichnen. Und dabei sogar Hoffnung durchschimmern lassen. Wir haben einen großen Verlust erlitten (Fritz Göttler, SZ 6.10.22).

4054: Was wird am Westen so gehasst ?

Montag, Oktober 3rd, 2022

Der Soziologe Armin Nassehi macht sich Gedanken darüber, warum der Westen manchmal so gehasst wird (SZ 27.9.22). Ich vereinfache seine Aussagen:

1. Der Russische Ideologe Alexander Dugin kämpft gegen die „fortschreitende Befreiung des Individuums von allen Formen  der kollektiven Identität“ und gegen die Idee des individuellen Entscheidens über die eigenen Lebensverhältnisse.

2. Als potentielle Verbündete sieht Dugin den Trumpismus und die chinesische Repression.

3. Solche Orientierungen an „natürlichen“ Ordnungen, an unvermeidlichen Gemeinschaften „docken stets an Sexualität an, vor allem an nicht-heterosexuellen Orientierungen.“

4. Es geht um die Kritik an der „Komplexität einer Gesellschaft“.

5. Auf der Documenta 15 wurde der westliche religiöse, rassistische und eliminatorische Antisemitismus zu einer Fußnote der Unterdrückungsgeschichte der Menschheit degradiert, eine Relativierung des Holocaust.

6. Der „globale Süden“ wurde dort „verkitscht“.

7. Talcott Parsons, einer der Väter der Soziologie, erklärte schon 1965, dass die USA erst dann eine vollständig moderne Gesellschaft seien, wenn die volle Inklusion der Schwarzen gelungen sei.

8. Die rechte Kritik hält dem Westen vor, dass der vollständig befreite Mensch erst recht unfrei sei.

9. „Wer sich etwa über die Verwendung heute rassistischer Begriffe bei Kant beklagt, wird feststellen, dass beides gleichzeitig vorkommt: der (zumindestens begriffliche) Rassismus und die besten Argumente gegen den Rassismus.“

10. Dass auch der Westen scheitern kann, „wird wohl in der Figur des Juden als eines inneren Fremden deutlich, dessen größtes Verbrechen darin besteht, welchen Aufwand man treiben musste, ihn als fremd zu markieren“.

4053: Edgar Reitz wird 90

Montag, Oktober 3rd, 2022

Einer unserer größten Filmemacher, Edgar Reitz, hat seine Memoiren geschrieben:

Filmzeit, Lebenszeit, Erinnerungen. Berlin (Rowohlt) 2022, 672 S., 30 Euro.

Reitz wird demnächst 90 Jahre alt. Bekannt ist er für seine „Heimat“-Trilogie: „Heimat – Eine deutsche Chronik“, „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ und „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“. Darin wird der Heimat-Begriff in dem Ort Schabbach so vielfältig, intelligent und virtuos durchbuchstabiert, dass der Begriff seine deutschen Rückständigkeiten verliert.

Edgar Reitz stammt aus dem Hunsrück. Ab 1952 hat er in München studiert und dort Wurzeln geschlagen. Er gehört zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ 1962, hat aber nie die großen Gemeinsamkeiten unter den Regisseuren empfunden. Relativ viel zusammengearbeitet hat er mit Alexander Kluge: „Die Reise nach Wien“ 1973, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ 1974. Auch dokumentarisch hat Reitz gearbeitet. Bekannt ist sein Spielfilm „Mahlzeiten“ (1966/67). Reitz Stärke war es, das Privatleben „kleiner Leute“ ernst zu nehmen. Daher seine große Glaubwürdigkeit. Reitz‘ Buch geht über das Filmemachen und enthält eine Theorie des Erzählens. Nie hat ihn sein Sinn für Poesie verlassen. Er schreibt: „Die Sehnsucht will weg von der Heimat, die Wehmut will zurück zu ihr.“ (Susan Vahabzadeh, SZ 17./18.9.22)

4052: Günter Wallraff 80

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Bei „BILD“ war er Hans Esser, für sein Buch „Ganz unten“ der Türke Ali: die Ikone des Investigativjournalismus Günter Wallraff. Er wird 80 Jahre alt. Heute ist er weithin beliebt, wird aber immer noch auch von vielen gehasst. Wallraff hat aufgeklärt, die sozialen Mängel der Bundesrepublik benannt, ihren Rassismus. Trotz der vielen Gerichtsverfahren, mit denen er überzogen wurde, blieb Wallraff ein Aufdecker. Noch heute arbeitet er mit seinem Team für RTL. Die Bundesrepublik, über die er anfangs aufklärte, das war die von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Deren Rückständigkeit und ihr Rassismus sind heute noch nicht überwunden, wie wir verlässlich wissen. Wallraff war bei McDonald’s, Thyssen und sonstwo. Auch im Ausland war er aktiv. So etwa im von Obristen regierten Griechenland. Nie hat er gegen das öffentliche Interesse gehandelt, er glaubt daran, dass die Welt verändert werden kann. Und wenn unser Staat ein bisschen sensibler geworden ist, dann ist das auch Günter Wallraffs Verdienst (Holger Gertz, SZ 1./2./3.10.22).