Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3282: CDU Sachsen-Anhalt braucht keine Frauen.

Dienstag, Februar 23rd, 2021

Der CDU Sachsen-Anhalt ist das Kunststück gelungen, der Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 auf 18,18 Euro nicht zuzustimmen. Aber das ist noch nicht alles. In keinem Bundesland ist der Frauenanteil niedriger. Auf der Wahlliste zur Landtagswahl findet sich auf den ersten 14 Listenplätzen nur eine Frau. Und das, obwohl es in der CDU-Landessatzung heißt: „Frauen sollen an Parteiämtern in der CDU und an öffentlichen Mandaten mindestens zu einem Drittel beteiligt sein.“ Die CDU Sachsen-Anhalt ist noch nicht so weit. Sie tritt dadurch hervor, dass sie manchmal von der AfD kaum zu unterscheiden ist. Nirgendwo ist die CDU rückständiger als in Sachsen-Anhalt.

Der Bundesvorstand der CDU hat demgegenüber eine Frauenquote beschlossen. Er ist sich bewusst, dass sich auf diesem Gebiet in der Partei einiges ändern muss, will sie nicht ihre eingeplanten Wahlerfolge gefährden. Sogar im Bundesvorstand der Jungen Union, der lange Zeit auch rückständig war, ist der Frauenanteil von 23 auf 41 Prozent gestiegen. Auf das Wahlergebnis bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dürfen wir gespannt sein (UZ, SZ 23.2.21; Robert Rossmann, SZ 23.2.21).

3281: Sabine Töpperwien ist nur noch Fan.

Montag, Februar 22nd, 2021

Die langjährige Radio-Sport-Chefin des WDR, Sabine Töpperwien, ist nur noch Fan, nämlich im Ruhestand. 1997 hatte sie die Reportage vom Uefa-Cup-Finale Inter Mailand gegen Schalke o4 mit Manni Breuckmann abgeliefert (Stern 4.2.21). Sie hat bei uns studiert (Institut für Publizistik, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Zentrum für interdisziplinäre Kommunikationswissenschaft). Wir waren das gefragteste Fach in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät (Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie, Sozialpolitik, Publizistik).

2001 gab es für 42 Publizistik-Numerus-Clausus-Plätze 1.347 Bewerbungen. Meine eigenen Zahlen (1980-2010) kenne ich natürlich: 364 Examensarbeiten, 630 mündliche Prüfungen, 145 Vorträge, 406 Klausuren. Einige bekannte Studierende haben bei uns absolviert: Werner Blinda (Radio Bremen), Matthias Naß (Die Zeit), Rolf Töpperwien (ZDF), Ekkehard Launer (Tagessschau), Wolfgang Kapust (WDR), Michael Darkow (GfK), Klaus Gietinger (Autor, Regisseur), Katharina Wolkenhauer (Tagesthemen), Kay Meiners (Gewerkschaftliche Monatshefte), Wilhelm Tacke (NDR), Christine Jüttner (Göttinger Tageblatt), Eckhart Pohl (NDR), Bernhard Möllmann (ARD-Programmdirektion), Sabine Töpperwien (WDR), Volker Steinhoff (Panorama), Justus Demmer (dpa), Hans-Christian Winters (Cuxhavener Nachrichten), Peter-Matthias Gaede (Geo), Katja Reider (Autorin), Daniel Satra (NDR), Okka Gundel (WDR), Normen Odenthal (ZDF) und viele andere. An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen forscht und lehrt Prof. Dr. Martina Thiele Kommunikationswissenschaft.

3280: Unsere deutschen Interessen

Montag, Februar 22nd, 2021

Jacques Schuster hat sich schon mehrfach dadurch verdient gemacht, dass er unsere deutschen politischen Interessen klar benannt hat. Das scheint banal, ist aber wichtiger, als wir denken, weil es darauf ankommt, dass wir wissen, was wir wollen (und was nicht). Nun hat sich Schuster wieder zum Thema geäußert (Die Welt 20.2.21):

1. Drei Hauptinteressen: a) der Erhalt und die Stärkung des Westens, b) der Aufbau eines unabhängigen und verteidigungsfähigen Europas, c) stabile und friedliche Beziehungen zu Russland.

2. Deutschland könnte allein auf sich gestellt keine großen Ziele erreichen, es braucht den Westen.

3. Die Gespräche zum Abschluss eines Freihandelsabkommens TTIP sollten so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Einbezogen werden sollte Südamerika. Das dürfen wir nicht den Chinesen überlassen.

4. Die NATO muss gestärkt werden. Und die EU muss die USA militärisch entlasten. Senkungen des Militäretats kommen nicht in Frage.

5. Wir müssen die wirtschaftlichen Beziehungen zu China pflegen, auch wenn es sich dabei um eine totalitäre Diktatur handelt (genau wie Russland).

6. Beinahe der wichtigste Punkt: Die Balkanstaaten müssen so schnell wie möglich in die EU aufgenommen werden.

7. Die Flüchtlinskrise wird bleiben.

8. Wir brauchen europäische Rüstungsprojekte und sinnvolle Spezialisierungen. Und ein europäisches Kommando (unter besonderer Berücksichtigung Frankreichs).

9. Der Parlamentsvorbehalt des Bundestages muss gekippt werden.

10. Voraussetzung für das Gelingen des Projekts sind gedeihliche Beziehungen zu Russland (trotz dessen diktatorischer Struktur).

3279: Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“

Samstag, Februar 20th, 2021

Als vor fünfzig Jahren, 1971, John Rawls (1921-2002) „Theorie der Gerechtigkeit“ erschien, lag die politische Philosophie ziemlich danieder. Rawls mischte sie wieder auf und entwickelte sie so, dass sie bis heute aktuell geblieben ist. Er lieferte eine akademische Kritik des Utilitarismus. Sein Ansatz stammte aus der Zeit von John Locke, 1632-1704, („Ein Versuch über den menschlichen Verstand“ 1690) und Immanuel Kant, 1724-1804, („Kritik der Urteilskraft“ 1793). Rawls hat viel Widerspruch gefunden. Etwa bei Robert Nozick, Michael Sandel und Michael Walzer. Sie haben im Grunde Rawls weiter entwickelt. „Viel Feind, viel Ehr.“ Treten heute Probleme auf, etwa bei der Bildung, dann wünschen wir uns Bildungsgerechtigkeit, etwa beim Klima, dann wünschen wir uns Klimagerechtigkeit. Anscheinend muss das politische Denken der Gegenwart John Rawls herausragende Theorie erst noch verwinden. Schale Lösungsversuche kommen nicht mehr in Frage.

3278: Steinmeier: Aufklärung ist „Bringschuld des Staates“.

Samstag, Februar 20th, 2021

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat auf der Gedenkveranstaltung für die neun Ermordeten von Hanau 2020 die Aufklärung des Falls als „Bringschuld des Staats“ bezeichnet. Die Behörden müssten sich bemühen, die Hintergründe der Tat sowie mögliche Fehler der Polizei zu klären. Angehörige der Opfer kritisierten, dass dies nur unzureichend geschehe. Steinmeier plädierte dafür, dass wir es nicht zulassen dürften, dass die Tat uns spaltet (MAD, SZ 20./21.2.21).

In der letzten Zeit hat es in zentralen Fällen wie NSU und Anis Amri Staatsversagen gegeben.

3277: Flick wehrt sich gegen AfD.

Samstag, Februar 20th, 2021

Der Trainer des FC Bayern München, Hansi Flick, hat per einstweiliger Verfügung eine Unterlassung gegen den AfD-Bundestagsabgeordntenen Johannes Huber erwirkt. Dieser hatte ein Bild von Flick mit der Überschrift „Bayern-Trainer Flick kontert Lauterbach.“ gepostet und Flick mit dem Satz zitiert: „Man kann die sogenannten Experten langsam nicht mehr hören.“ Dadurch sah sich Flick sinnentstellt zitiert. Johannes Huber hat den Post inzwischen gelöscht. Flick hat sich mit Lauterbach mittlerweile ausgesprochen (FAZ 20.2.21).

3276: Die Grünen und das Einfamilienhaus

Freitag, Februar 19th, 2021

Die Grünen haben gute Umfragewerte. Und wenn ihr Fraktionsvorsitzender Toni Hofreiter ein Interview gibt, in dem die Wörter „Einfamilienhaus“ und „Verbot“ vorkommen, dann macht er dort im Wesentlichen nichts anderes, als auf die umweltpolitische Fragwürdigkeit von Einfamilienhäusern hinzuweisen. Sie leisteten der Zersiedlung Vorschub. Das stimmt. Deshalb müssten Kommunen das Recht haben, Baugebiete ohne Einfamilienhäuser auszuweisen. Bis hierhin hat Hofreiter nicht den umweltpolitischen Konsens verlassen. Und doch hat er in der modernen Kommunikationsgesellschaft dadurch einen Fehler begangen, dass nun die Gegner der Grünen versuchen können, den Eindruck zu erwecken, als wollten die Grünen

dem deutschen Spießer sein liebstes Kind wegnehmen, sein Einfamilienhaus.

Gepflegt wird auch das Image der Grünen als „Verbotspartei“. Das kommt nicht gut an, zumal in Corona-Zeiten, wenn die Menschen auf ihre eigenen vier Wände zurückgeworfen sind. Wir brauchen uns doch bloß umzuschauen, wie unsere Grünen in und um Göttingen in ihren Einfamilienhäusern leben. Ein ähnliches Problem bekommt der CDU-Vorsitzende Armin Laschet, wenn er davon spricht, dass die Pandemie-Politik, die er selbst mit beschlossen hat, die Menschen „wie unmündige Kinder“ behandelt. Auch er dürfte als Unions-Kanzlerkandidat nicht ohne Grünen-Klischees auskommen und behaupten, sie wollten den Bürgern alles Mögliche verbieten, Autofahren, Fernreisen, Fleischessen und eben das Bewohnen von Einfamilienhäusern. Den Grünen-Vorsitzenden ist es bisher gelungen, die durchaus dirigistischen Tendenzen der Partei zu verbergen, die wir in den Links-Koalitionen in den Bundesländern beobachten können (Josef Kelnberger, SZ 18.2.21).

 

3275: „Die Kirche kann es nicht allein.“

Donnerstag, Februar 18th, 2021

Angesichts der unfassbar vielen und häufig schwerwiegenden Verbrechen des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, zuletzt haben wir überwiegend aus dem Erzbistum Köln gehört, verwundert es nicht, dass Betroffene einen offenen Brief dazu in „Christ und Welt“ publiziert haben (SZ 18.2.21). Zwei Mitglieder des Betroffenenrats im Erzbistum Köln,

Patrick Bauer und Karl Haucke,

und der Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“,

Matthias Katsch,

fordern die Einsetzung einer Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission durch das Parlament. Sie wollen bei ihrer Arbeit mehr Unterstützung durch die Politik. Die Kommission soll „den Aufarbeitungsprozess für das jahrzehntelange systematische institutionelle Versagen“ in den Kirchen begleiten.

„Die Kirche kann es nicht allein.“

Die Stärkung, Vernetzung und juristische Beratung von Betroffenen soll von den Kirchen finanziell unterstützt werden. Die Autoren schlagen die Gründung eines „Opfergenesungswerks“ vor, das trotz kirchlicher Finanzierung unabhängig arbeiten soll. Gefordert wird ebenso eine angemessene Entschädigung. „Bis heute hat Kirche nach unserer Beobachtung nicht akzeptiert und verstanden, dass sie als Institution schuldig geworden ist und für die Folgen haften muss.“ Auch für die Evangelische Kirche müsse eine klare institutionelle Verantwortungsübernahme durchgesetzt werden.

Über die bisherige Rolle der Politik zeigen sich die drei Betroffenen-Vertreter enttäuscht. „Es entsteht der Eindruck, man wünscht in einer neutralen Rolle zu bleiben, weil Kirche und Staat in vielen Feldern Partner sind. … Schont die Politik etwa die Kirchen, weil man genau um die gemeinsamen Leichen im Keller weiß, etwa beim dunklen Kapitel der Heimerziehung?“

3274: Klaus Theweleit: Warum mordete Tobias R. aus Hanau.

Mittwoch, Februar 17th, 2021

Klaus Theweleit hatte uns 1977 seine „Männerphantasien“ geliefert. 2015 erschien von ihm

„Das Lachen der Täter. Breivik und andere.“

Seine Erkenntnisse wendet er auf den Mörder von Hanau, Tobias R., an (taz 13./14.2.21).

1. Das Ziel des Mörders: die Elimination dessen, was ihn „bedroht“. Das war das gleiche bei den Mördern in Hanau, Halle, München, Utoya, Christchurch, Charleston, Philadelphia etc.

2. Für Tobias R. mussten rund zwei Dutzend Völker von Marokko bis zu den Philippinen vernichtet werden.

3. Die Morde von Einzeltätern in den letzten Jahrzehnten waren stets sorgfältig vorbereitet.

4. Der Tätertyp ist der des „einsamen Wolfs“, der es nicht geschafft hat, tragfähige persönliche und soziale Bindungen aufzubauen.

5. Tobias R. hatte seit 18 Jahren keine Beziehung mehr zu einer Frau.

6. In der Vorstellung der Täter steuern geheime Zirkel die Welt: Juden, Muslime, Kulturmarxisten.

7. Der Täter selbst ist ein „Auserwählter“.

8. Tobias R. hat neun Menschen ermordet. Fünf von ihnen mit deutschen Pässen, aber mit folgenden „Herkünften“: kurdisch, türkisch, bosnisch, rumänisch, bulgarisch, polnisch, darunter drei Roma.

9. Die Opfer sollen Juden, Schwarze, Muslime, „Ungläubige“ sein.

10. Wissenschaftliche Begriffe wie Schizophrenie und Narzissmus reichen heute nicht mehr aus, die mörderischen Phänomene voll zu erfassen. Das genügt nicht für die paar Hundert Killer.

11. Die Analytiker hängen noch an den alten Bezeichnungen wie Chrakter, Persönlichkeit, Individuum, Mensch.

12. Wir haben es heute mit Segment-Ichs zu tun, die sich aus vielerlei Spaltungen zusammensetzen.

13. Der Einzelne ist ein Split-Ego. Gerade damit werden die Killer nicht fertig. Sie verlangen die Wiederherstellung der nicht haltbaren Einheitlichkeit des Subjekts.

14. Dazu nehmen sie Nation, Rasse, Natur, Geschlecht.

15. Getötet werden müssen diejenigen, die mit der realen Uneinheitlichkeit leben können.

16. Die Killer leben in einer weitgehend halluzinativ wahrgenommenen Welt.

17. Die Bedrohung kommt aus dem Inneren und der Entwicklung eines „Fragmentkörpers“. Es ist kein Körper herangewachsen, der beziehungsfähig ist.

18. Vermindert sind die Beziehungsfähigkeit, die Liebespotenz und die Zuneigungsenergie.

19. Die Welt wird zwanghaft hierarchisch geordnet, Gleichheitsforderungen bedrohen körperlich.

20. Es herrscht die Angst, verschlungen zu werden, den Boden unter den Füßen zu verlieren, schwindlig zu werden.

21. Die äußeren Ursachen der Bedrohung sind die Fremden, die Farbigen, das Verschlingende des weiblichen Körpers.

22. „Natürlich ist dann ein ‚rechter‘ Körper in Meck-Pomm oder Hessen bedroht, wenn ein Iraner illegal die bayerische Landesgrenze überschreitet.“

23. Je stärker die inneren Ängste, desto bedrohlicher die Außenwelt: nur Feinde. Wenn solche Wahrnehmung bestimmend wird, kann oder muss womöglich geschossen werden.

24. Eine Zeitung: „Den Sicherheitsbehörden war R. bis zum Mittwochabend nicht aufgefallen.“

3273: Urs Jaeggi gestorben

Dienstag, Februar 16th, 2021

1969 erschien sein „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ und wurde das zentrale Werk der 68er-Zeit. Urs Jaeggi explizierte Begriffe wie „Herrschaft“, „bürgerliche Demokratie“, „links“ und „konservativ“. Das saß. Er prägte die Wahrnehmung einer ganzen Generation. Zu seinen Schülern zählte Rudi Dutschke. Später wurde er ein erfolgreicher Erzähler, der 1981 sogar den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Noch später wechselte er zur bildenden Kunst. Nun ist Urs Jaeggi im Alter von 89 Jahren gestorben (Gustav Seibt, SZ 16.2.21).