Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4053: Edgar Reitz wird 90

Montag, Oktober 3rd, 2022

Einer unserer größten Filmemacher, Edgar Reitz, hat seine Memoiren geschrieben:

Filmzeit, Lebenszeit, Erinnerungen. Berlin (Rowohlt) 2022, 672 S., 30 Euro.

Reitz wird demnächst 90 Jahre alt. Bekannt ist er für seine „Heimat“-Trilogie: „Heimat – Eine deutsche Chronik“, „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ und „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“. Darin wird der Heimat-Begriff in dem Ort Schabbach so vielfältig, intelligent und virtuos durchbuchstabiert, dass der Begriff seine deutschen Rückständigkeiten verliert.

Edgar Reitz stammt aus dem Hunsrück. Ab 1952 hat er in München studiert und dort Wurzeln geschlagen. Er gehört zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ 1962, hat aber nie die großen Gemeinsamkeiten unter den Regisseuren empfunden. Relativ viel zusammengearbeitet hat er mit Alexander Kluge: „Die Reise nach Wien“ 1973, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ 1974. Auch dokumentarisch hat Reitz gearbeitet. Bekannt ist sein Spielfilm „Mahlzeiten“ (1966/67). Reitz Stärke war es, das Privatleben „kleiner Leute“ ernst zu nehmen. Daher seine große Glaubwürdigkeit. Reitz‘ Buch geht über das Filmemachen und enthält eine Theorie des Erzählens. Nie hat ihn sein Sinn für Poesie verlassen. Er schreibt: „Die Sehnsucht will weg von der Heimat, die Wehmut will zurück zu ihr.“ (Susan Vahabzadeh, SZ 17./18.9.22)

4052: Günter Wallraff 80

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Bei „BILD“ war er Hans Esser, für sein Buch „Ganz unten“ der Türke Ali: die Ikone des Investigativjournalismus Günter Wallraff. Er wird 80 Jahre alt. Heute ist er weithin beliebt, wird aber immer noch auch von vielen gehasst. Wallraff hat aufgeklärt, die sozialen Mängel der Bundesrepublik benannt, ihren Rassismus. Trotz der vielen Gerichtsverfahren, mit denen er überzogen wurde, blieb Wallraff ein Aufdecker. Noch heute arbeitet er mit seinem Team für RTL. Die Bundesrepublik, über die er anfangs aufklärte, das war die von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Deren Rückständigkeit und ihr Rassismus sind heute noch nicht überwunden, wie wir verlässlich wissen. Wallraff war bei McDonald’s, Thyssen und sonstwo. Auch im Ausland war er aktiv. So etwa im von Obristen regierten Griechenland. Nie hat er gegen das öffentliche Interesse gehandelt, er glaubt daran, dass die Welt verändert werden kann. Und wenn unser Staat ein bisschen sensibler geworden ist, dann ist das auch Günter Wallraffs Verdienst (Holger Gertz, SZ 1./2./3.10.22).

4051: Polen und Deutschland uneins über die Oder-Verschmutzung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Polen und Deutschland konnten sich nicht auf einen gemeinsamen Schlussbericht zur Oder-Verschmutzung einigen. Nicht einmal ein gemeinsames Vorwort war möglich. Offenbar war es ja die Goldalge, die für das massenhafte Fischsterben und die Ausrottung von Muschelarten in der Oder verantwortlich war. Hervorgerufen durch einen zu hohen Salzgehalt. Der stammt von polnischen Einleitungen (Papierfabriken, Kupferminen, Bergbau). Die Wojwodschaft Oberschlesien gilt als das industrielle Herz Polens. In Polen wird auch der Mythos der sauberen Oder gepflegt. Dort gibt es sehr viele Hobbyangler.

Im aktuellen Fall waren wohl ein zu hoher Salzgehalt, Industrieeinleitungen, die Trockenheit und die hohe Sonneneinstrahlung für die Ausbreitung der Goldalge ursächlich. Die ist tödlich für Fische und Muscheln. Die polnische Seite hatte 282 illegale Einflüsse in die Oder registriert und eigenen Angaben zufolge 57 davon der Polizei gemeldet. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) verlangt, die illegalen Einleiter namhaft zu machen. Dies ist nicht die erste Kontroverse zwischen Polen und Deutschland in Umweltfagen. Greenpeace dazu: „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Umweltkatastrophe zu einem großen Teil menschengemacht ist.“ „Das Problem ist, dass in Polen die Oder verschmutzt ist, weil es eben ging.“ (Viktoria Grossmann/Jan Heidtmann, SZ 1./2./3.10.22)

4050: Marcel Fratzscher zur wirtschaftlichen Entwicklung

Sonntag, Oktober 2nd, 2022

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, äußert sich in einem Interview mit Marc Beise und Alexander Hagelüken (SZ 1./2./3.10.22) zur wirtschaftlichen Entwicklung:

„Die hoffnungsvolle Nachricht ist: Wir sehen keine tiefe Rezession, verglichen mit Corona. Die Wirtschaft wird 2023 wohl nur leicht schrumpfen, vor allem weil die Verbraucherinnen und Verbraucher weniger konsumieren. Auch wird die Arbeitslosigkeit nicht stark steigen. Jetzt die schlechte Nachricht: Die Entwicklung ist höchst unsozial, vor allem wegen der anhaltend hohen Inflation, die auch Lohnerhöhungen weit übertreffen wird. Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen zahlen den höchsten Preis für die Krise. Wir sehen eine weiter zunehmende soziale Polarisierung.“

„Die Regierung ist gut, wenn es darum geht, die Energieversorgung sicherzustellen. Dass die Gasspeicher wieder fast voll sind, hätte doch niemand erwartet. Auch die bisherigen Entlastungspakete zeigen Wirkung. Aber das reicht alles nicht, um den Menschen und Unternehmen ausreichend zu helfen. In einer Notlage wie dieser ist eine stärkere Entlastung bei Energie dringend geboten, …“

„(Eine Gaspreisbremse) wäre am besten schon zum 1. September gekommen. Außerdem: die Gaspreisbremse ist nicht zielgenau. Weil sie alle gleich behandelt, die man nicht gleich behandeln sollte. Es profitieren auch Bürger mit hohen Einkommen, die die Inflation wenig trifft. Die Preisbremse kann nur ein erster Schritt sein. Wir brauchen noch mehr Entlastung für Geringverdiener. Ein vierköpfiger Haushalt mit einem Jahreseinkommen von 35.000 Euro hat bis zu 5.000 Euro Mehrkosten.“

„Schulden sind per se nicht schlecht. Die Frage ist nicht, wie viel gibt der Staat aus, sondern wofür. Wenn das Geld zur Bewältigung der Krise genutzt wird oder für die Energiewende, sind es Investitionen in die Zukunft.“

„Wir brauchen eine neue China-Politik. Wir sind ja viel abhängiger von China als China von uns. Das macht uns erpressbar. Ökonomen sprechen von einer asymmetrischen Beziehung. Chinesische Firmen haben viel besseren Zugang zum europäischen Markt als europäische und deutsche Unternehmen in China, wo man in Finanzen, Verkehr und anderen Branchen kaum investieren kann. Europas Politik hat den Fehler gemacht, das zuzulassen.“

4049: Antisemitismusbeauftragter kritisiert Schweizer Kurienkardinal

Samstag, Oktober 1st, 2022

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert den Schweizer Kurienkardinal und Ökumene-Minister des Vatikans, Kurt Koch. Der hatte die katholische Reformbewegung „Synodaler Weg“ mit den „Deutschen Christen“ bei den Nazis gleichgesetzt. Klein fand das „irritierend“. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erwartet von Koch eine eindeutige Distanzierung (SZ 1./2./3.10.22).

W.S.: Es ist schon erstaunlich, wie viele katholische geistliche Herren es gibt mit abstrusen politischen Vorstellungen, es sind gewiss nicht alle. Um so leichter lassen sich die Gläubigen malträtieren.

4048: Sonntagsfrage aktuell

Samstag, Oktober 1st, 2022

Die Sonntagsfrage hat gegenwärtig das folgende Ergebnis (SZ 1./2./3.10.22):

CDU/CSU 27 (-1), Grüne 22 (-1), SPD 18 (-1), AfD 14 (+1), FDP 7 (+1), Linke 5 (+/- 0), Sonstige 7 (+1).

4047: Was hat 1989 mit den aktuellen Protesten zu tun ?

Freitag, September 30th, 2022

Der Leipziger Soziologe Alexander Leistner erforscht an der Universität Leipzig „Das umstrrittene Erbe von 1989“. In einem Interview mit Iris Meyer (SZ 19.9.22) erläutert er die teilweise sehr komplizierten Beziehungen, die es von 1989 in die aktuellen Protestbewegungen gerade in Ostdeutschland (Pegida, freie Sachsen, Querdenker usw.) hinein gibt. Ich vereinfache manchmal, insbesondere um besser verständlich zu sein:

1. Manchmal handelt es sich einfach um Anti-Amerikanismus.

2. Noch aus der DDR stammt die Faszination für autoritäre Bewegungen.

3. Es gibt eine Nähe zur russischen Propaganda.

4. Viele Ostdeutsche verstehen nicht, warum sie mit der Ukraine solidarisch sein sollen.

5. Verbreitet ist das simple Schwarz-Weiß-Denken.

6. Beliebt ist das Stereotyp „Wir da unten, ihr da oben.“.

7. Viele Ostdeutsche haben noch nicht begriffen, dass mit der Ukraine in Putins verbrecherischem Krieg auch die westlichen Demokratien angegriffen werden.

8. Die AfD verliest auf Kundgebungen die Namen ihr missliebiger Journalisten.

9. Wenn man an die Ermordung Walter Lübckes durch einen Rechtsextremisten denkt, muss man froh sein, dass nicht noch mehr passiert ist.

10. „In einigen Regionen Ostdeutschlands kämpfen wir tatsächlich um den Fortbestand der Demokratie.“

4046: Peter Richters Fazit der Documenta

Donnerstag, September 29th, 2022

Peter Richter zieht ein hoch-substantielles Fazit der Documenta 15 (SZ 23.9.22). Ich bringe hier nur Ausschnitte:

„Eine mit deutschen Steuergeldern finanzierte Ausstellung, die kommentarlos Propagandafilme zeigt, welche den Terrorismus palästinensischer Gruppen feiern, und sich jedes Einspruchs dagegen mit Argumenten von Kunstfreiheit und Zensur zu entledigen versucht, macht sich an dieser Stelle Voraussetzungen zunutze, gegen die sie ansonsten eigentlich zu Felde zieht. Angesichts der ethischen Anspruchshöhe der ganzen Veranstaltung wirkt dieser Widerspruch bestenfalls taktisch, eigentlich aber zynisch. Denn die ‚Kontextualisierung‘, nach der immer gerufen wurde, fand ja statt: Mit distanzierenden Beipackzetteln wären wirklich historische Dokumente daraus geworden. Die Documenta heißt aber Documenta, weil sie einst den Stand der ‚Weltkunst‘ dokumentieren wollte. Diesen Anspruch hat sie schon länger verabschiedet, trägt ihn aber wie den Nachnamen eines geschiedenen Ex-Partners weiter mit sich – und sie adelt damit am Ende auch Filme, die das Töten von Juden glorifizieren.“

„Die andere Lesart der Vorfälle, die dieser Documenta auf die Füße gefallen sind, ist nämlich die, dass hier unbedingt und mit allen Mitteln

die radikale Gegnerschaft zum Staat Israel auch im Kulturbetrieb der Bundesrepublik

als Position etabliert und normalisiert werden sollte. Diese Bestrebungen sind zur Zeit auch sonst nicht zu übersehen. Auch die eben zu Ende gegangene Berlin-Biennale hat sich geradezu obsessiv mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, auch sie in hundertprozentiger Einseitigkeit, nur professioneller, also weniger dilettantisch als die Documenta in Kassel.“

„Jetzt, zu ihrem Abschluss, wäre es vielleicht ganz gut, wenn die Mitglieder der Findungskommission dieser Documenta allmählich mal aus dem opaken Kollektiv Nummer 1 hinter all diesen Kollektiven heraustreten und sich im einzelnen erklären könnten. Noch besser wäre nach alledem aber womöglich, wenn nächstes Mal zur Abwechslung ein paar andere Leute drinsäßen.“

4045: Berliner Wahl wohl ungültig

Donnerstag, September 29th, 2022

Der Berliner Verfassungsgerichtshof hält nach einer vorläufigen Einschätzung die Wiederholung der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin für erforderlich. Zahlreiche Pannen und organisatorische Probleme hätten dazu geführt, dass die Wahl vor einem Jahr wohl ungültig war. Das erklärte Gerichtspräsidentin Ludgera Selting bei einer mündlichen Verhandlung. Die schweren Wahlfehler seien mandatsrelevant gewesen. Sie hätten Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Parlaments und die Verteilung der Mandate gehabt (SZ 29.9.22).

4044: Übernahme von ARD-Bildmaterial durch BILD-TV rechtswidrig

Mittwoch, September 28th, 2022

Das Kammergericht Berlin hat entschieden, dass die Übernahme von ARD-Bildmaterial durch BILD-TV am Abend der Bundestagswahl am 26.9.2021 urheberrechtswidrig war. Es bestätigte damit ein Urteil des Landgerichts Berlin vom Dezember 2021. Sowohl die Übernahme der Wahlprognosen als auch der Hochrechnungen war rechtswidrig. Beide Live-Übernahmen im privaten Fernsehen des Springer Konzerns seien ohne jede Absprache mit der ARD erfolgt.

Das Haus Springer prüft die Einlegung von Rechtsmitteln. Weiter heißt es: Mit der Entscheidung leiste das Gericht gerade angesichts der aktuellen Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine „unangemessene Schützenhilfe für einen dominierenden exklusiven Erstzugriff“ der beitragsfinanzierten Sender auf Politik und Politiker, insbesondere an Wahlabenden (AVOB, SZ 21.9.22).