Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4063: Die Lage beim RBB

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Aurelie von Blazekovic (SZ 11.10.22) interviewt Jo Goll, seit 26 Jahren beim RBB, der als Investigativjournalist mit vier Kollegen die Vorwürfe gegen den RBB recherchiert:

SZ: Welche Rechercheergebnisse halten Sie für am wichtigsten?

Goll: Unsere Recherchen zu Beraterverträgen, die man offenbar an Kontrollinstanzen im eigenen Haus vorbeigelenkt hat, 0bwohl das nach Vergaberecht mehr als problematisch war. Oder dass man Personen, die missliebig waren, in den Vorruhestand geschickt hat. Da gab es einen Mitarbeiter in der RBB Media, der solte da offenbar weg. Also wurde er mit 57 Jahren in den Vorruhestand geschickt, mit Bezügen von rund 100.000 Euro jährlich. Zu zeigen, dass das in unserem Haus möglich war, das führte dazu, dass auch der Letzte begriffen hat, dass es so nicht weitergehen kann.

SZ: Welche Fragen bleiben offen?

Goll: Wie soll denn nun das Bonussystem für Hauptabteilungsleiter und Abteilungsleiter eigentlich beendet werden? Werden da nun alle Verträge neu ausgehandelt? Und will man sich weiterhin 40 außertarifliche Verträge leisten? Aus meiner Sicht muss sich auch dringend ändern, dass der Journalismus als niedere Tätigkeit bewertet wird. Um den muss es eigentlich gehen, das ist das, was der Beitragszahler von uns erwarten darf.

SZ: Journalismus wird im RBB gering geschätzt?

Goll: Das ist der Eindruck, der sich bei mir über die Jahre eingestellt hat. Man hat immer an der Struktur gearbeitet, an der Verpackung. Der Inhalt ist immer weiter in den Hintergrund gerückt. Man kann aber nicht endlos sparen und glauben, dass der Tanker schon auf hoher See bestehen wird. Das tut er nicht.

SZ: Wie lange wird der Fall Schlesinger den RBB noch beschäftigen?

Goll: Das wird Jahre nachwirken. Wir können nur eines machen: Gutes Programm auf die Beine stellen. Dann kommt der Beitragszahler vielleicht wieder zu dem Schluss, dass sein Geld gut investiert ist, und dass wir tatsächlich eine Säule der Demokratie sind.

4062: Steffen Mau: Die deutsche Gesellschaft ist gar nicht tief gespalten.

Dienstag, Oktober 11th, 2022

Nach der Auffassung des Berliner Soziologen Steffen Mau, 53, ist die deutsche Gesellschaft gar nicht tief gespalten. Das erläutert er in einem Interview mit Anant Agarwala und Anna-Lena Scholz (Zeit, 22.9.22).

Zeit: Sie meinen, wir Medien schreiben Konflikte herbei, in völliger Missachtung der Realität?

Mau: Ja. Ich muss es so drastisch formulieren. Ständig lese ich Aussagen über „die Gesellschaft“ und frage mich: Woher weiß man das eigentlich? Thesen wie jene von der gespaltenen Gesellschaft sind so erfolgreich, weil sie immer wieder ungeprüft nacherzählt werden. Das liegt nicht allein an den Medien. Ungelöste Konflikte sind auch Gelegenheitsmärkte für Polarisierungsunternehmer.

Zeit: Woher diese Faszination für die Spaltung?

Mau: Der Diskurs kommt vor allem aus den Vereinigten Staaten. Dort haben wir die gespaltene Gesellschaft ja tatsächlich, es ist also auch ein Angstszenario. In den USA gibt es bei allen möglichen Fragen klare Frontstellungen, bis hin zu dem, was wir affektive Polarisierung nennen. Also Gefühle von Hass, Abschau, Ekel gegenüber der Gegenseite. Wenn man seiner Anhängerschaft predigt, dass die anderen verdammenswert sind und das Land zugrunde richten wollen, kann man nicht mehr über Sachthemen diskutieren.

Zeit: 2021 haben Sie den Leibniz-Preis erhalten. Mit dem Geld forschen Sie aktuell selbst zur gesellschaftlichen Spaltung. Wie gehen Sie vor?

Mau: Wir kartieren Deutschland entlang von vier Konfliktarenen:

oben/unten – da geht es um Klassen,

innen/außen – das bezieht sich auf die Migrationsfrage,

wir/sie – das ist die Identitätspolitik;

sowie heute/morgen – hier stehen klimapolitische Fragen und Generationenkonflikte im Zentrum.

Neben der Befragung lassen wir auch Menschen unterschiedlicher Milieus miteinander diskutieren, um herauszufinden, welche moralischen Repertoires sie nutzen, um sich in gesellschaftlichen Fragen zu positionieren. Wir wollen verstehen, warum es bei bestimmten Themen richtig knallt, was Menschen triggert.

4061: Günter Lamprecht ist tot

Montag, Oktober 10th, 2022

Wir kannten ihn alle als Franz Biberkopf in Rainer Werner Fasbinders Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Günter Lamprecht, einen waschechten Berliner, der zunächst Handwerker gewesen war und nur auf verschlungenen Pfaden zum Schauspiel kam. Er war ins Max-Reinhardt-Seminar gelangt und hatte dann lange am Schillertheater gespielt. Er ist jetzt im Alter von 92 Jahren gestorben. Er konnte Proleten, treuherzig, brutal und liebesbedürftiges Kind. Raumgreifend. Franz Biberkopf war er schon immer gewesen. Fassbinder wurde gar auf ihn eifersüchtig. Aber da war Lamprecht ja nicht der einzige.

Lamprecht hatte schon in Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ gespielt. Und 1970 im ersten Tatort „Taxi nach Leipzig“. Zwischendurch war er in Bochum, wo er den 68ern nicht links genug war. Am Ende schrieb er begeistert. Etwa „Und wehmütig bin ich immer noch“ 2002. Lamprecht hatte als Fünfzehnjähriger das Kriegsende mit allen Schrecken erlebt. Er brillierte dann noch lange im „Tatort“ als Kommissar Franz Markowitz. 1999 verübte ein Attentäter in Bad Reichenhall einen Anschlag auf ihn und seine Freundin Claudia Amm und verletzte die beiden schwer. Lamprecht war in fast jeder Hinsicht einzigartig. In „Babylon Berlin“ hatte er noch eine Gastrolle (Willi Winkler, SZ 8./9.10.22).

4060: Putin versucht weiter, uns Angst zu machen.

Montag, Oktober 10th, 2022

„Indem er den Eindruck erweckt, erobertes Territorium stehe fortan unter Russlands nuklearem Schutzschirm, versucht er, die konventionelle Unzulänglichkeit seiner Streitkräfte und seine eigene Unfähigkeit als Militärstratege mit der atomaren Erpressung wettzumachen. Der Westen sieht sich im Kreml einem scheinbar vollends enthemmten Imperialisten und routinierten Massenmörder gegenüber, dessen Willkürherrschaft im Innern keine erkennbaren Grenzen mehr gesetzt sind. Natürlich ist nun äußerste Vorsicht das Gebot. Nur: worin besteht sie ?

Jeder, der Putin nun nachgeben möchte, muss ehrlicherweise auch sagen, wie weit: Bis Charkiw? Bis Kiew? Bis Lemberg? Oder gleich bis Warschau und Dresden? Gefährlicher als die nukleare Erpressung ist nur die Kapitulation vor ihr. So gute Gründe es geben mag, der Ukraine diesen oder jenen Waffenwunsch zu verweigern, so trügerisch ist die nicht zuletzt in Deutschland anzutreffende Sehnsucht, Putin durch weniger oder vielleicht auch gleich durch gar keine Waffen mehr für die Ukraine zur Raison zu bringen. Für den Despoten wäre es nur der Beweis, dass er mit seinen Drohungen mehr zuwege bringt als seine hochdekorierten Generäle mit Panzern und Haubitzen.“ (Daniel Brössler, SZ 8./9.10.22)

4059: Literaturnobelpreis für Annie Ernaux

Sonntag, Oktober 9th, 2022

Die 1940 in Lillebonne/Normandie geborene Arbeitertochter Annie Ernaux hat bis 2000 als Lehrerin gearbeitet, zwei Kinder großgezogen, daneben relativ spät mit dem Schreiben begonnen. Das hat sie aber nachhaltig beeinflusst. Und manche Nachahmer gefunden. Mit Ernaux gibt es ein neues autobiografisches Schreiben. Dafür hat sie jetzt – völlig zu Recht – den Literaturenobelpreis bekommen. Ihre Eltern hatten eine kleinen Lebensmittelladen mit Kneipe. 1984 erschien mit „Der Platz“ die Geschichte ihres Vaters, ein Leben unter französischen Klassenverhältnissen. Das Buch über ihre Mutter heißt „Die Scham“, es erzählt u.a. von einem Gewalteinbruch in der Familie. Ernaux blieb stets ganz bei ihren Individuen und schilderte dadurch um so glaubwürdiger die teilweise erbärmlichen französischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Auf deutsch erscheinen Ernauxs Bücher seit 2017 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Sonja Finck, ein Sprung nach vorne. Zuletzt kam „Das Ereignis“ heraus, die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs. Insofern sind die Bücher von Ernaux wahrscheinlich gerade für Frauen sehr wichtig. Sie hat auch Theoretiker verarbeitet: Bourdieu, Foucault, Barthes, Lacan, Chomsky, Baudrillard, Ivan Illich. Annie Ernaux ist eine großartige Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ7.10.22).

4058: Florian Illies liebt Gottfried Benns Gedichte immer noch.

Freitag, Oktober 7th, 2022

In einem Kurzessay (Zeit, 6.10.22) erläutert Florian Illies uns, dass und warum er Gottfried Benns Gedichte immer noch liebt:

„Denn ich wurde zu oft enttäuscht in meiner naiven Hoffnung, dass die sanfte Weisheit und schwingende Wehmutsmelodie der Gedichte Benns von einer zartbesaiteten Seele stammen müsse. Doch nein, je tiefer man sich hineinbegibt in seine Biografie, in die schnöde Eiseskälte, mit der er seine Geliebten abserviert und seine Tochter abschiebt, und in den blinden Wahn, mit dem er 1933 die Nazis begrüßt, umso fremder wird er einem – und umso fremder werde ich mir: Wie nur kann ich die Gedichte dieses Menschen lieben? Wieso kann ich mich in Gedichten von jemandem finden, der so verloren war? Gottfried Benn schrieb aus seiner Lust am Untergang Verse, die unsinkbar sind. Dieses Paradox muss aushalten, wer ihm verfallen ist. Er saß missmutig und verloren in seiner düsteren Praxiswohnung im Erdgeschoss am überfüllten Schreibtisch voll Zetteln und Aschenbechern, leichter Zigarettenrauch vernebelte den Raum. Aus diesem Zwielicht der Vierziger- und Fünfzigerjahre steigen nur seine Verse manchmal aus dem Parterre auf, in die Zukunft, zu uns.

Ganz gemäß dem vielleicht größten der Bennschen Verse: ‚Leben ist: Brückenschlagen über Ströme, die vergehn.‘ Nur dort, in den geschwungenen Brücken und den ehernen Pfeilern seiner Gedichte, kann man Benn finden. Nicht im Fluss darunter, nicht bei den Menschen, die er noch getroffen hat, nicht in den lapidaren Weihnachtskarten oder Rezeptzetteln für Schlafmittel, nicht in den Bänden seiner Briefe, nicht an seinem Grab, und auch nicht am Bayerischen Platz, an dem er wohnte. Benn selbst steckt nur in seinen Versen. Näher kann man ihm nicht kommen. Er zwingt jeden zur Fernbeziehung. Als wisse er, dass nur so unsere Sehnsucht nie versiegen wird.“

W.S.: Wir erinnern uns wehmütig an unsere Lesung von Benn-Gedichten am 2. Mai 1986, seinem hundertsten Geburtstag, um 22.30 Uhr im Jungen Theater Göttingen.

4057: Wolfgang Kohlhaase ist gestorben.

Donnerstag, Oktober 6th, 2022

Er war einer unserer größten Drehbuchautoren. In der DDR und im vereinten Deutschland. Wolfgang Kohlhaase, der jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Im Jahr 2000 liefert er das Buch für Volker Schlöndorffs „Die Stille nach dem Schuss“, die Geschichte der in die DDR geflohenen RAF-Mitglieder. Eine zutiefst deutsche Geschichte. Kohlhaase hat zahlreiche Drehbücher für wichtige Regisseure geschrieben: 1957 „Berlin – Ecke Schönhauser“ (Gerhard Klein), 1968 „Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf), 1980 „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, Co-Regie Kohlhaase), 1982 „Der Aufenthalt“ (Frank Beyer), 2015 „Als wir träumten“ (Andreas Dresen), 2017 „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (Matti Geschonneck). Die DDR sah Kohlhaase durchaus kritisch, aber mit menschlichem Blick. Er wurde selbst Opfer der ideologischen Filmpolitik (11. Plenum des ZK der SED 1966). Im vereinten Deutschland blieb er erfolgreich. Wolfgang Kohlhaase hat sehr viel mit jungen Regisseuren zusammengearbeitet, daher wohl die Frische und Jugendlichkeit vieler seiner Filme. Er konnte auch Verlierer glaubwürdig zeichnen. Und dabei sogar Hoffnung durchschimmern lassen. Wir haben einen großen Verlust erlitten (Fritz Göttler, SZ 6.10.22).

4056: Kollaboration zwischen Rechtspopulisten und Christdemokraten

Mittwoch, Oktober 5th, 2022

In einem Interview mit Johan Schloemann (SZ 5.10.22) erläutert der Populismus-Forscher Jan-Werner Müller, 52, (Princeton) seine Vorstellungen vom Rechtspopulismus:

SZ: Welche Rolle spielen die „klassischen“ konservativen Parteien, wenn Rechtspopulisten an die Macht kommen? In Schweden und Italien helfen sie dabei mit, in Deutschland hält noch die sogenannte Brandmauer der CDU/CSU gegenüber der AfD.

Müller: Zunächst eine Bemerkung zu Silvio Berlusconi. Dass seine Forza Italia jetzt oft als gemäßigtere christdemokratische Partei dargestellt wird, zeigt schon, wie sehr sich die Maßstäbe verschieben können. Schließlich hat Berlusconi schon in den neunziger Jahren eindeutig rechtspopulistisch agiert. Und damit ist schon das Grundproblem berührt: die Gefahr einer schleichenden Anpassung von Mitte-Rechts-Pareteien an die äußerste Rechte.

SZ: Ist die etwa gefährlicher als der Aufstieg der Rechtspopulisten selbst?

Müller: Ja. Diese kommen nicht zwangsläufig, wie es das Bild von der Welle suggeriert, an die Macht; es braucht – ich verwende das Wort bewusst – einen Willen zur Kollaboration seitens des sogenannten Mainstreams. …

SZ: Welche Folgen hat das für die konservativen Parteien selbst?

Müller: Wenn man gewisse menschenverachtende Diskurse erst einmal legitimiert hat, kann man nicht einfach wieder zurück: Ist der Damm gebrochen, bleibt er offen. Zudem ist dieser Weg meist auch strategisch-instrumentell unklug, weil die Anbiederung selten Wähler zurückholt. Die Anpassung wird leider auch dadurch befördert, dass konservative und

vor allem christdemokratische Parteien nicht mehr wissen, wofür sie eigentlich stehen.

Jahrelang hat man von der Krise der Sozialdemokratie gesprochen, obwohl sozialdemokratische Ideale immer noch vergleichsweise klar sind. Aber die Essenz der Christdemokratie im 21. Jahrhundert ist immer schwerer zu definieren. …

4055: Russland hat den Sprengstoff bereits beim Bau der Pipeline angebracht.

Dienstag, Oktober 4th, 2022

In einem Interview mit Kathrin Kalweit und Bernhard Odehnal (SZ 4.10.22), behauptet Andrij Koboljow, dass Russland den Sprengstoff für seinen Sabotageakt schon beim Bau der Pipeline angebracht hat. Koboljow war von 2014 bis 2021 Chef des ukrainischen Energieversorgers Naftogaz.

SZ: Wie schätzen Sie die Explosionen in der Ostsee ein?

Koboljow: Es war Russland.

SZ: Mit welchem Motiv?

Koboljow: Man muss Putin genau zuhören. In seiner Rede zur Annexion ukrainischer Gebiete hat er mehrmals die Energieversorgung erwähnt. Unter anderem fordert er die europäischen Verbraucher auf, ihre politischen Führer zu fragen, warum es nicht genug Gas und andere Energiequellen gebe. Schon daraus wird ersichtlich, worüber die europäische Politik nach wie vor nur ungern spricht: Gaslieferungen sind für Russland kein Geschäft. Sie sind eine Waffe, und Russland war immer schon bereit, diese Waffe einzusetzen, um Europa zu erpressen. Besonders die Deutschen wollten sich das nie eingestehen.

SZ: Wie also gingen die Täter an der Pipeline vor?

Koboljow: Sie haben den Sprengstoff bereits beim Bau der Pipeline angebracht. Diese Methode ist keine russische Erfindung, sondern ein Erbe der Sowjetunion. Damals war es üblich, an jeder neu errichteten kritischen Infrastruktur Sprengstoff anzubringen. Weil sie im Kriegsfall schnell zerstört werden musste. Das ist jetzt auch ein Grund, warum Pipelines, die nicht von Russen gebaut wurden, nicht gesprengt werden.

SZ: Nordstream 1 und Nordstream 2 sind jetzt also irreparabel beschädigt?

Koboljow: Aber nein: Sie sind leicht zu reparieren. Das würde nicht länger als einen Monat dauern. Dieses ganze Gerde, dass die Pipeline durch Korrosion vollständig zerstört würde, ist Unsinn; diese Pipelines wurden so gebaut, dass sie Wasser standhalten. Nach einer Reparatur würden sie wahrscheinlich nicht mehr wie geplant 50 Jahre verwendbar sein, sondern nurmehr 40 oder 30 Jahre. Aber man könnte sie wieder in Betrieb nehmen.

4054: Was wird am Westen so gehasst ?

Montag, Oktober 3rd, 2022

Der Soziologe Armin Nassehi macht sich Gedanken darüber, warum der Westen manchmal so gehasst wird (SZ 27.9.22). Ich vereinfache seine Aussagen:

1. Der Russische Ideologe Alexander Dugin kämpft gegen die „fortschreitende Befreiung des Individuums von allen Formen  der kollektiven Identität“ und gegen die Idee des individuellen Entscheidens über die eigenen Lebensverhältnisse.

2. Als potentielle Verbündete sieht Dugin den Trumpismus und die chinesische Repression.

3. Solche Orientierungen an „natürlichen“ Ordnungen, an unvermeidlichen Gemeinschaften „docken stets an Sexualität an, vor allem an nicht-heterosexuellen Orientierungen.“

4. Es geht um die Kritik an der „Komplexität einer Gesellschaft“.

5. Auf der Documenta 15 wurde der westliche religiöse, rassistische und eliminatorische Antisemitismus zu einer Fußnote der Unterdrückungsgeschichte der Menschheit degradiert, eine Relativierung des Holocaust.

6. Der „globale Süden“ wurde dort „verkitscht“.

7. Talcott Parsons, einer der Väter der Soziologie, erklärte schon 1965, dass die USA erst dann eine vollständig moderne Gesellschaft seien, wenn die volle Inklusion der Schwarzen gelungen sei.

8. Die rechte Kritik hält dem Westen vor, dass der vollständig befreite Mensch erst recht unfrei sei.

9. „Wer sich etwa über die Verwendung heute rassistischer Begriffe bei Kant beklagt, wird feststellen, dass beides gleichzeitig vorkommt: der (zumindestens begriffliche) Rassismus und die besten Argumente gegen den Rassismus.“

10. Dass auch der Westen scheitern kann, „wird wohl in der Figur des Juden als eines inneren Fremden deutlich, dessen größtes Verbrechen darin besteht, welchen Aufwand man treiben musste, ihn als fremd zu markieren“.