Archive for the ‘Literatur’ Category

3862: Documenta weiter unter Antisemitismus-Verdacht ?

Freitag, Mai 13th, 2022

1. Das in Jakarta/Indonesien ansässige Künstler-Kollektiv „Ruangrupa“, das die im nächsten Monat beginnende Documenta in Kassel verantwortet, hat sich mit einem Essay direkt an die Kunstöffentlichkeit gewandt: „Antisemitismus-Vorwürfe gegen Documenta: Wie ein Gerücht zum Skandal wurde“.

2. Einige der geladenen Künstler stehen im Verdacht, der Initiative „Boykott, Divestment an Sanctions“ (BDS) nahezustehen, die zum kulturellen Boykott Israels aufruft, manche meinen sogar, das Existenzrecht Israels bestreitet. Der Deutsche Bundestag hat 2019 mit großer Mehrheit BDS als antisemitisch und damit nicht förderungswürdig eingestuft.

3. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in einem Brandbrief an die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), unterstrichen, dass seiner Meinung nach das Documenta-Programm eine antisemitische Schlagseite hat.

4. Ruangrupa: „Wir treten diesen Anschuldigungen entschieden entgegen und kritisieren den versuch, Künstler:innen zu delegitimieren und sie auf Basis ihrer Herkunft und ihrer vermuteten politischen Einstellungen präventiv zu zensieren.“

5. Es sei „in Deutschland schwierig, beide Perspektiven – diejenige, die von Antisemitismus betroffen ist, und diejenige, die von antimuslimischem und antipalästinensischem Rassismus betroffen ist – in ein gemeinsames Gespräch zu bringen.“ (Catrin Lorch, SZ 12.5.22)

Kurzkommentar W.S.: Der größte Stein des Anstoßes dürfte die Ablehnung der Zwei-Staaten-Theorie durch Israel sein.

3857: Christian Schultz-Gerstein, der „lodernde Verreißer“

Dienstag, Mai 10th, 2022

Willi Winkler rezensiert in der SZ (10.5.22) den von Klaus Bittrermann herausgegebenen Band von Kritiken Christian Schultz-Gersteins:

Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen. Berlin (Tiamat) 2021, 448 S., 26 Euro.

Christian Schultz-Gerstein ist bei uns als derjenige bekannt, der Marcel Reich-Ranicki als „furchtbaren Kunstrichter“ bezeichnet hatte. Seit 1970 arbeitete er bei der „Zeit“, weil „ich nicht mehr wusste, wie es mit mir weitergehen sollte“. Er identifizierte sich mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper. Keine guten Voraussetzungen für ein befriedigendes Leben. In seinem Kritiker-Urteil erscheint uns Schultz-Gerstein heute noch als klarsichtiger Analytiker. Das arbeitet Willi Winkler heraus.

Verblüffend, dass Schultz-Gerstein schon vor 40 Jahren das „Herrenreitertum“ eines Botho Strauß erkannt hat. Rainald Goetz betrachtete er als „rasenden Mitläufer“. Das Verschwinden von Karin Struck bedauerte er zutiefst. Peter Sloterdijk apostrophierte er schon 1983 als „philosophierenden Busengreifer“. Ein zentraler Punkt für Schultz-Gerstein war es immer, dass Reich-Ranicki am Lob Wolfgang Koeppens festhielt, obwohl dieser gar nichts mehr schrieb. Schriftsteller wie Gerhard Zwerenz nahm unser Kritiker gar nicht erst ernst. Er hat mit Peter Handke Fußball geschaut und von Jean Améry gelernt, was es heißt, im Konzentrationslager gefoltert worden zu sein.

Schließlich landete er beim „Spiegel“ und war mit Rudolf Augstein befreundet. Aber auch mit dem verkrachte er sich: „Du und deine Karaseks können einfach nicht ertragen, dass es auf Gottes Erdboden möglicherweise noch klügere, noch findigere, noch gerissenere Menschen gibt als Spiegel-Redakteure.“ Christian Schultz-Gerstein starb 1987 mit 41 Jahren. „Es heißt, er habe sich zu Tode getrunken, Liebeskummer soll auch dabei gewesen sein. Märchen aus uralten Zeiten, aber leider auch noch wahr.“

3853: Neuer Dokumentarfilm über Sigmund Freud

Sonntag, Mai 8th, 2022

Von Billie Wilder ist die Anekdote überliefert, wie er 1926 als Berliner Journalist Sigmund Freud in der Berggasse 19 interviewen wollte und direkt herauskomplimentiert wurde. Freud mochte wohl keine Journalisten. Daraus machte Wilder den Satz, dass Freuds ganze Theorien auf der Analyse sehr kleiner Leute beruhte. Ein Gespräch zwischen Sigmund Freud und Billie Wilder wäre natürlich Pflichtlektüre auf der ganzen Welt geworden. Dass Freud als Erzähler (mindestens in Schriftform) ein großer Entertainer war, bestreitet heute keiner mehr.

Der französische Dokumentarist David Teboul verwendet in seiner Dokumentation („Sigmund Freud, un Juif sans Dieu“, 2020, 97 Minuten) nur Originalquellen. Sehr viel Neues hat er trotzdem nicht zu bieten, dazu ist Freud zu gut erforscht und dokumentiert. Die legendäre 1.000-seitige Biografie von Peter Gay bleibt unübertroffen. Und Anna Freud bekommt in Tebouls Film die ihr zustehende große Rolle. Es wird gezeigt, dass Freud sehr auf den Zeitgeist bezogen agierte. So erschien die „Traumdeutung“ erst 1900, obwohl sie vorher fertig war, weil Freud sich bewusst war, dass damit eine neue Epoche eingeleitet wurde. Wie recht er hatte. Der Film enthält beeindruckende Dokumente des späten, bereits nach London emigrierten Freud. Dabei spielen auch seine Zigarren die gebührliche Rolle. Und der Gaumenkrebs, der einen Verwesungsgeruch verströmte, der sogar Freuds geliebten Hund Yofie abschreckte (David Steinitz, SZ 5.5.22).

3845: Novalis 250

Dienstag, Mai 3rd, 2022

Am 2. Mai 1772 wurde Friedrich von Hardenberg geboren, der sich seit seiner ersten literarischen Veröffentlichung Novalis („der Neuland Rodende“) nannte. Sein „Heinrich von Ofterdingen“ ist das protagonistische Werk der Frühromantik. Weiter erschienen Sammelwerke wie „Blütenstaub“ und „Glauben und Liebe“. Hardenberg arbeitete als Bergassessor. Die Todessehnsucht wurde ein es seiner geläufigsten Motive. Vor allem seit dem Tod seiner Verlobten Sophie von Kühn. Friedrich von Hardenberg starb schon mit 28 Jahren. Novalis‘ Werk wurde von Friedrich und August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck wissenschaftlich stark bearbeitet. Friedrich Schlegel schrieb 1792 an seinen Bruder: „Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand gegeben, aus dem Alles werden kann.“ Novalis‘ Denken war bestimmt von seiner Erkenntnis: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ Heinrichs Traum von der notorischen blauen Blume ist nicht bloß als schwärmerische Kulisse zu verstehen, sondern als Botschaft eines Naturbilds, das durch geologische Messungen und Analysen auf eine nahezu unendliche Dauer zurückweist. Romantische Sehnsucht hat hier ihren historisch datierbaren Kern (Andreas Bernard, SZ 30.4./1.5.22).

3801: Wegen Korruption ist die russische Armee schwach.

Samstag, März 26th, 2022

Der ukrainische Schriftsteller und PEN-Präsident Andrej Kurkow hat in Osnabrück studiert und spricht fließend deutsch. Hilmar Klute (SZ 26./27.3.22) hat er ein Interview gegeben.

SZ: Die Europäer und ihre Verbündeten fürchten, dass sie den Dritten Weltkrieg auslösen, wenn sie dergestalt eingreifen.

Kurkow: Dieser Krieg wird ohnehin weitergehen. Das muss man endlich begreifen. Der Krieg wird nicht in der Ukraine bleiben. Putin will ja, dass auch Belarus seine Armeen dorthin schickt. Die zweite Front von Belarus wird in der Nähe Polens verlaufen. Und sicher werden auch einige Raketen auf polnisches Territorium fallen.

SZ: Was wird dann passieren?

Kurkow: Ich weiß es nicht, ich bin kein Kriegsanalytiker. Aber es gibt viele Menschen in Litauen und in Estland, die nicht darauf vertrauen, dass die Nato sie verteidigen wird, falls Russland sie angreift.

SZ: Sie haben einmal gesagt, Putin definiere bei jedem Konflikt den kommenden Konfliktort. Wo wird der sein?

Kurkow: Das kann Polen sein oder Litauen. Ich glaube, Moldawien ist auch in Gefahr. Man kann von Putin alles erwarten. Er ist alt und will endlich in die russischen Geschichtsbücher eingehen als jemand, der ein neues Imperium gebaut und dafür gesorgt hat, dass alle Welt Angst vior Russland hat.

SZ: Wie kann ein Staatspräsident eine derartige Gewalt über sein Volk gewinnen?

Kurkow: Wladimir Putin herrscht jetzt beinahe zwanzig Jahre. Die Opposition ist physisch zerstört. Entweder vergiftet, ermordet oder im Gefängnis. Alle, die Putin kritisieren, gelten als Vaterlandsfeinde. Es gibt sogar eine Liste der angeblich mit Russland verfeindeten Schriftsteller.

SZ: Wenn der Westen auf die Ukraine schaut, dann fragt er sich als Erstes: Was passiert mit uns? Haben wir zuviel Angst vor Putin?

Kurkow: Ich glaube, die Angst vor Putin kann viele westliche Länder paralysieren. Nur Leute, die keine Angst vor Putin haben, können die Lage der Ukrainer begreifen.

SZ: Überschätzen wir Putin?

Kurkow: Ich glaube, ihr überschätzt ihn. Vor allem hat die Welt, bevor dieser Krieg ausbrach, die russische Armee maßlos überschätzt. Die Armee ist schwach, übrigens dank russischer Korruption. Ich bin ja sehr zufrieden damit, dass Russland so korrupt ist und sogar das Geld vom eigenen Armeebudget geklaut hat.

3798: Martin Walser 95

Donnerstag, März 24th, 2022

Unter anderem für Martin Walser ist der Begriff des „Großschriftstellers“ geprägt worden. Er wird 95 Jahre alt. Eine Zeit lang ging er keinem Streit aus dem Wege und bezog auch eigentümliche Positionen. Manchmal kehrte er sein Inneres nach außen. Das stellen wir fest beim Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal und bei Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, wo er seinem Hass auf Marcel Reich-Ranicki freien Lauf ließ. Das brachte ihm u.a. den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Inzwischen hat das Literaturarchiv in Marbach Walsers Privatbibliothek übernommen und 75 Bände seiner Tagebücher. Der Mann will öffentlich diskutiert werden. Sexualität spielt bei ihm eine große Rolle. Nun erscheinen seine „Postkarten aus dem Schlaf“. Da kann er nicht lügen, findet Martin Walser, weil die Geschichten aus dem Traum kommen. Von Sigmund Freuds Theorie des Traums hält er nichts, bezieht sich aber immer wieder darauf. „Man konnte nichts sagen, weil er immer schon wusste, was man sagen würde.“ „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden. Sie sind mir deutlich genug.“ Walser schreibt auch über Prominente wie Thomas Mann, Rudolf Augstein und Pete Sampras (Marie Schmidt, SZ 24.3.22).

3797: Michael Haneke 80

Mittwoch, März 23rd, 2022

Unter vielen ernstzunehmenden Cinéasten gilt der Österreicher Michael Haneke als der größte Filmregisseur der Gegenwart. Er hat den Oscar, zwei Goldene Palmen, zwei Golden Globes und zahlreich europäische Filmpreise gewonnen. Er wird 80 Jahre alt. Begonnen hatte er seine Karriere Ende der sechziger Jahre beim Südwestfunk (SWF) als Fernsehdramaturg. Die meisten Drehbücher gefielen ihm nicht. Also schrieb er selber welche. Mit dem „Siebenten Kontinent“ (1989) gelang ihm sein erster großer Erfolg. Er zeigt eine Familie, die in ihrer Wohnung alles zerstört und Selbstmord begeht. Schon hier bezieht Haneke das Publikum als ohnmächtige Zeugen und begierige Voyeure zentral ein.

Häufig protokolliert Haneke die Vorgänge in ihrer nackten, unerklärlichen Dimension. Immer wieder ist Gewalt das Thema. „Funny Games“ (1997) zeigt zwei Widerlinge, die eine bürgerliche Familie ohne jeden Grund einfach „zum Spaß“ beim Wochenendausflug überfallen und abschlachten. Die mediale Selbstreflexion macht alles nur noch schlimmer. In „Die Klavierspielerin“ (2001) nach Elfriede Jellinek (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Jane Campion) brilliert Isabelle Huppert.

„Das weiße Band“ (2009) (Goldene Palme in Cannes) spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, einer gefährlichen Zeit, in einem norddeutschen Dorf und zeichnet nach, wie die Grausamkeiten der Welt im grausamen Umgang mit Kindern wurzeln. Für mich, der aus einem norddeutschen Dorf stammt, Hanekes bester Film. Auch ein Panorama des Protestantismus. „Liebe“ (2012, zweite Goldene Palme) zeigt das Siechtum und Sterben eines alten Ehepaares, er bringt sie am Ende um (die Hauptrollen gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, in einer Nebenrolle Isabelle Huppert). Überwältigend. In seinem letzten Film „Happy End“ (2017) schaut Michael Haneke einer französischen Großbürgerfamilie bei ihrem Zerfall zu. Und viele Fragen bleiben offen (Philipp Stadelmaier, SZ 23.3.22).

3796: „Junge Welt“: eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“

Dienstag, März 22nd, 2022

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden, dass die „Junge Welt“ eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“ ist und insofern in Verfassungsschutzberichten auftauchen darf. Das hatte die Zeitung im Eilverfahren verhindern wollen. Dafür sah das Verwaltungsgericht keinen ausreichenden Grund. Es sei der Zeitung zuzumuten, das Hauptsacheverfahren abzuwarten (SZ 22.3.22).

3786: Evangelische Journalistenschule gefährdet

Donnerstag, März 17th, 2022

Mehr als 500 Journalisten und Kirchenvertreter haben in einem offenen Brief den Erhalt der Evangelischen Journalistenschule (EJS), Berlin, gefordert. Anscheinend ist beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) deren Bestand gefährdet. Bei der Kirche ist das Geld knapp. Unterschrieben haben u.a.

Anne Will, Pinar Atalay, Caren Miosga, Carolin Emcke, Ingo Zamperoni.

Das sagt wohl alles. Nie ist es eine so kompetente und unabhängige Schule wie die EJS so wichtig gewesen wie heute. Und vieles von dem, das wir gerne wie selbstverständlich nehmen, ist nicht selbstverständlich. Auf dem Gebiet des freien Journalismus hat die evangelische Kirche größte Verdienste.

Bei der Verabschiedung des 13. Jahrgangs 2021 sagte der SZ-Journalist Heribert Prantl: „Kirche ist eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere. Sie darf nicht sprach- und sprechunfähig werden. Also braucht es diese Journalistenschule.“ (Clara Lipkowski, SZ 16.3.22)

3769: Matthias Brandt über das Arschloch Putin

Samstag, März 5th, 2022

Der große Schauspieler Matthias Brandt wird in der SZ (5./6.3.22) von Peter Laudenbach interviewt. Grund ist Brands Mitwirken in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ am Berliner Ensemble. Brandt kehrt ans Theater zurück.

Er sagt am Anfang des Interveiws: „… Im Moment ist aber meine Wahrnehmung sowieso vollkommen überschattet von dem, was in der Ukraine passiert. Es erscheint mir fast obszön, hier über meine Nebensächlichkeiten zu sprechen. Dann denke ich wieder, ich lass mir doch von diesem Arschloch Putin nicht vorschreiben, worüber ich gerade nachdenke. …“