Archive for the ‘Literatur’ Category

3650: Oswalt Wiener ist tot.

Samstag, November 20th, 2021

Mit 86 Jahren ist der Künstler und Philosoph Oswalt Wiener (1935-2021) an einer Lungenentzündung gestorben. Schon 1960 hatte er mit

„Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman“

ein Buch vorgelegt, das allen Regeln des Betriebs widersprach. Es war ein Sprachexperiment. Wiener war schon in Wien in Skandale verwickelt, wo er sich mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Gerhard Rühm als Neo-Dadaist beim Jazz präsentierte. Oder mit Otto Mühl und Günter Brus provozierte. 1968 publizierte er „Kunst und Revolution“. Einigen Rezipienten dämmerte es, dass Oswalt Wiener viel weiter dachte. Er musste Österreich verlassen und ging nach West-Berlin. Dort wurde er ein legendärer Kneipenwirt, studierte mit 50 Mathematik. Von 1992 bis 2004 gab er in Düsseldorf sein Wissen als Kunstprofessor weiter. Er machte den „homo sapiens“ lächerlich. Als einer der Ersten hatte er die Sinnlosigkeit der Welt begriffen.

3648: Willi Sitte-Ausstellung in Halle

Donnerstag, November 18th, 2021

Der Maler Willi Sitte (1921-2013) wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden. Aber er wird wohl nicht gefeiert, weil er im Ruf steht, ein „DDR-Staatskünstler“ gewesen zu sein. Tatsächlich war er mehrere Jahre Vorsitzender des Verbands bildender Künstler der DDR, Mitglied im ZK der SED, genoss die Privilegien der Nomenklatura (etwa Westreisen). Das Museum Moritzburg in Halle, wo Sitte 60 Jahre gelebt hat, widmet ihm nun ein Gesamtschau. Und das ist verdienstvoll. Weil es erstmals fast vollständig geschieht und auch politische Schlüsse zulässt.

Je mehr Dinge über Willi Sitte ans Licht kamen, um so ungünstiger für seinen Ruf. Es war z.B. gelogen, dass er sich 1944 in Italien den Partisanen angeschlossen hatte. Aber damit festigte er seinen Ruf im Arbeiter- und Bauern-Staat. Sitte war frühzeitig als sehr begabter Zeichner und Maler aufgefallen. Technisch früh fertig. Er verarbeitete Einflüsse der klassischen Moderne (etwa Picasso). Sitte musste sich zwischendurch Vorwürfe des „bürgerlichen Formalismus“ und der „westlichen Dekadenz“ gefallen lassen. Aber dafür konnte er nichts. Das war die Beschränktheit des realen Sozialismus. In den sechziger Jahren (mit dem Mauerbau 1961) erlebte er persönliche Krisen und den ersten großen Ruhm. Er wurde vielfach ausgezeichnet. Er verurteilte den Vietnamkrieg und rechtfertigte den Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten in die CSSR 1968. Willi Sitte war u.a. ein Meister des Akts. Aber moralische Urteile des Gegenwart, das würde den weiblichen Körper an den männlichen Blick ausliefern, sind natürlich lächerlich. Was denn sonst?

„Man muss diesen Sitte nicht lieben. Doch die Ausstellung bietet Gelegenheit, sich mit dem Menschen und dem Künstler auseinanderzusetzen – und interessant ist Sitte aus zwei Gründen: wegen seiner exemplarischen Karriere im untergegangenen deutschen Staat, mit allem, was dazu gehörte, besonders dem Unerquicklichen; und wegen seiner überquellenden Produktivität, deren Resultat noch der Sichtung harrt. Wenige andere Künstler dürfte es geben, wo das völlig Misslungene derart krass neben den überraschendsten und beglückendsten Funden steht.“ (Burkhard Müller, SZ 10.11.21)

3630: Verschwinden Lokalzeitungen, steigt die Kriminaltät.

Sonntag, November 7th, 2021

Eine wissenschaftliche Studie in den USA von Jonas Heese (Harvard), Gerardo Perez Cavazos (San Diego) und Caspar David Peter (Rotterdam) belegt, dass dann, wenn Lokalzeitungen verschwinden, die Fälle von Betrug, Finanzvergehen, Wasser- und Luftverschmutzung sowie Verstöße gegen das Arbeitsschutzrecht zunehmen. Das Fehlen einer Lokalpresse wird anscheinend als Freifahrtsschein für Betrug und Regelverletzungen betrachtet.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die verkaufte Auflage aller US-Lokalzeitungen etwa halbiert. An manchen Orten gibt es gar keine freie Presse mehr. Die Forscher verwandten den „Violation Tracker“ der gemeinnützigen Organisation „Good Jobs First“, der auflistet, wie viele Strafzahlungen die 44 wichtigsten Ministerien und Regulierungsbehörden einem Unternehmen über einen gewissen Zeitraum aufgebrummt haben. Die „Deutsche Bank“ etwa und ihre Töchter  haben seit 2000 76 Regelverstöße begangen und dafür 18,3 Milliarden Dollar an Buße gezahlt.

In Kreisen, in denen es gar keine Lokalzeitungen mehr gab, erhöhte sich die Summe der Bußen um 36 Prozent. Der Ausstoß giftiger Gase stieg in Regionen, in denen Zeitungen geschlossen wurden, um 18,3 Prozent. „Ohne Lokalzeitung gibt es niemanden mehr, an den sich Mitarbeiter skrupelloser Unternehmen mit Informationen wenden können.“ Wenn es keine Lokalzeitung mehr gibt, kann ein bestraftes Unternehmen seiner Verurteilung nachkommen, ohne dass jemand darüber berichtet.

Das entspricht übrigens den Ergebnissen einer Stdie aus dem Jahr 2019 von Penjie Gao, Chang Lee und Dermott Murphy von den Universitäten Illinois und Notre Dame.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass Lokalzeitungen weithin ihre Überwachungsfunktion wahrnehmen und nicht nur Anhängsel von Anzeigenkunden sind.

(Claus Hulverscheidt, SZ 21.10.21)

3624: Jenny Erpenbecks „Kairos“ – ein Liebesroman zum Ende der DDR

Freitag, November 5th, 2021

Die 1967 in Ostberlin geborene Jenny Erpenbeck stammt aus einer Schriftsteller- und Künstlerfamilie (Fritz Erpenbeck, Hedda Zinner, Doris Kilias, John Erpenbeck) der DDR. Sie hat schon mehrfach bemerkenswerte Literatur hervorgebracht („Die Geschichte vom alten Kind“, „Heimsuchung“, „Gehen, ging, gegangen“), die regelmäßig von der Kritik sehr gelobt wurde. Ihr gilt infolgedessen unsere Aufmerksamkeit.

Bei ihrem neuen Roman „Kairos“ (nach dem Gott des glücklichen Augenblicks) handelt es sich um einen Liebesroman und Untergangsroman der DDR. Dabei kommt Jenny Erpenbeck neben ihren großen literarischen Fähigkeiten ihre exakte Kenntnis der DDR-Gesellschaft und Berlins zugute. Mehr als irgendwo sonst erkennen wir, warum so viele Mitglieder der Intelligenzia und Nomenklatura den Untergang der DDR als Verlust empfinden und ihn betrauern. Erpenbeck: „Was mich immer interessiert hat, auch in diesem Buch, ist diese Parallelität zwischen privaten und politischen Beziehungsstrukturen: die Mechanismen von Macht, die Zuweisung von Schuld.“ Dazu nimmt sie „Tiefenbohrungen“ vor.

Katharina, 19, und Hans, 53, verlieben sich 1986 heftig ineinander. Das gründet sich auf eine große sexuelle Anziehung. Katharina steht am Anfang ihrer Karriere, während Hans im Taumel des realen Sozialismus schon lange ein praktizierender Zyniker geworden ist, der seine Familie bedenkenlos betrügt. Er entwickelt sich immer mehr zu einem „ausgewachsenen Arschloch“. Aber sympathisch sind beide Protagonisten in der Befangenheit ihrer Perspektiven nicht. Das schildert Erpenbeck aus der Innensicht. Am Beispiel der Rollen von Ernst Busch, Hanns Eisler und Heiner Müller wird klar, welche Funktionen diese Künstler für die Selbstwahrnehmung der DDR hatten.

Anfangs überlagert der sexuelle Sturm alles, den Jenny Erpenbeck meisterhaft und glaubwürdig schildert. Überhaupt wirkt ihr Schreiben an keiner Stelle bemüht oder belehrend. Die Zeitgeschichte sickert langsam in die Liebesgeschichte ein. Das eifersüchtige und misstrauische Regime mit seiner „inneren Emigration“ verleitet Hans allmählich zum Kontrollwahn. Stasi-Mitarbeiter war er auch. Katharina wird immer mehr zu seinem Anhängsel. Ihre Liebe endet 1992, also schon in einem Deutschland, in dem sich alles zu verändern beginnt. Mit der vertrauten Welt, der Heimat, verschwindet die Liebe. Die Milieus der Protagonisten werden  abgewickelt, im Fall von Hans der DDR-Rundfunk. Die Betroffenen sind in der Seele krank geworden.

Für die „Washington Post“ und den „New Yorker“ kommt Jenny Erpenbeck für den Literatur-Nobelpreis in Frage. Aber da sind statt weißer Frauen aus Deutschland wohl erst mal andere dran.

(Volker Weidermann, Zeit 7.10.21; Thomas Winkler, taz 19.10.21; Erik Heier, tip Berlin 18/2021)

3623: Julian Assange Ehrenmitglied des deutschen PEN-Zentrums

Donnerstag, November 4th, 2021

Julian Assange ist zum Ehrenmitglied des deutsche PEN-zentrums ernannt worden. Das sei geschehen aus Sorge um seine Gesundheit und seine Haftbedingungen in London. „Wir fordern die zuständigen Behörden in England auf, Assange nicht an die USA auszuliefern, wo ihm bis zu 175 Jahre Haft drohen, sondern ihn sofort (…) aus dem Gefängnis zu entlassen. Seine fortdauernde Haft ist einzig politisch begründet und daher weder hinnehmbar noch berechtigt. Sie widerspricht dem Recht auf Meinungsfreiheit.“ (dpa, SZ 3.11.21)

3613: Kritik an linker Identitätspolitik

Donnerstag, Oktober 28th, 2021

In einem Kommentar in der „taz“ (22.10.21) kritisieren

Jan Feddersen und Philipp Gessler,

gestützt auf ihr neues Buch, linke Identitätspolitik. Sie schreiben u.a.: „Ist es, anders gesagt, nicht ein Skandal, dass Menschen wie

Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad und Necla Kelek

zu Rechten und Rechtspopulisten, insinuierend: AfD-nah und Erika Steinbach-haft, gemacht werden? In Wahrheit sind sie alle Bürgerrechtler*innen, die aus linker bis liberal-konservativer Perspektive Blicke hinter die Haustüren des Multikulturalismus warfen – und auch Unappetitliches fanden.“

3612: Deniz Yücel ist deutscher PEN-Präsident.

Donnerstag, Oktober 28th, 2021

Das deutsche PEN-Zentrum hat Deniz Yücel (u.a. „Die Welt“) zu seinem neuen Präsidenten gewählt. Seine Vorgängerin, Regula Venske, war nicht mehr angetreten. Yücel setzte sich gegen Marion Tauschwitz durch. Der 1973 in Flörsheim am Main geborene Journalist wurde 2017 in der Türkei verhaftet und saß ein Jahr in Untersuchungshaft wegen „Verunglimpfung“ der Türkei.

Yücel wollte sich nicht auf die Rolle des „deutschtürkischen Journalisten, der im Kerker des Kalifen saß“ festlegen lassen. Er habe aber gemerkt, dass diese Rolle auch Verantwortung mit sich bringe und nahelege, sich für andere einzusetzen. Yücel sprach sich für die „intellektuelle, politische und kulturelle Auseinandersetzung mit den Feinden der offenen Gesellschaft“ aus.

Yücel nahm Stellung zu den jüngsten Debatten auf der Frankfurter Buchmesse. Man müsse ertragen können, wenn jemand bei einer offiziellen Veranstaltung plötzlich ans Mikrofon dränge wie die Stadtverordnete Mirrianne Mahn (Grüne), um zu kritisieren, dass „schwarze Frauen auf der Buchmesse nicht willkommen“ gewesen seien. Befremdlich findet Yücel die Reaktion von Oberbürgermeister Peter Feldmann (CDU), daraufhin sofort nachzugeben und sich für den Ausschluss bestimmter Verlage auszusprechen (wiel, FAZ 28.10.21).

3610: Schwarze Frauen sind auf der Frankfurter Buchmesse durchaus willkommen.

Dienstag, Oktober 26th, 2021

Die Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Frankfurt, Mirrianne Mahn (Grüne), hatte einen fulminanten Auftritt, als sie bei der Begrüßungsrede des Frankfurter Oberbürgermeisters, Peter Feldmann (CDU) auf der Buchmesse, diesen unterbrach und behauptete, dort seien schwarze Frauen nicht willkommen.

Aber das stimmt gar nicht.

Warum hat ihr nur keiner widersprochen? Die meisten sind dazu zu feige. Im übrigen waren auf der Buchmesse sehr viele schwarze Frauen da. Wie schon in den Jahren zuvor. Hier spazieren alle Geschlechter, Generationen und Hauttypen durch die Flure. Lediglich aus juristischen Gründen geduldet sind die Rechtsextremen. Sie selber würden solch eine Veranstaltung wie die Buchmesse sofort verbieten, wenn sie es könnten. Diese Messe verkörpert all jene Werte, welche die Rechtsextremen so hassen. Diese selbst erscheinen den meisten Besuchern als irrelevant. Aber diese mangelnde Aufmerksamkeit kann bei den Rechtsextremisten durchaus der Grund sein für die Anwendung von Gewalt. Dem muss die Messeleitung mit sicherheitspolitischen Vorkehrungen begegnen.

„Das Europa des Jahres 2021 mit seinen sicher noch nicht perfekten, aber vielfältigen Gesellschaften, ist übrigens das sozialste, glücklichste, inklusivste Europa, das es je gab.“ (Nils Minkmar, SZ 26.10.21)

Europa hat den Totalitarismus überwunden.

„Heute können wir dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Dazu bedarf es neben einer Haltung noch eines eminent wichtigen Werkzeugs, der Sprache. Man wäge seine Worte.“

3598: Deutsche Verlage haben Angst.

Mittwoch, Oktober 20th, 2021

Literarische Texte haben in einzelnen Fällen schon immer Aufregung verursacht. Denken wir an Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974). Oder an Wolf Biermanns Votum gegen den Bundespräsidenten und ehemaligen Nationalsozialisten Karl Carstens: „Heil Hitler, teurer Wandersfreund, wie geht’s mit ihren Füßen/ich soll Sie von Herrn Filbinger mit deutschem Gruße grüßen.“ Aber den Streit darüber hielten deutsche Verlage seinerzeit aus. Heute haben sie vielfach Angst. Sie holen Textprüfinitiativen ins Haus für „Sensitivity Reading“, die Manuskripte auf ihre Wokeness-Kompatibilität überprüfen. Wokeness heißt wach zu sein für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Unterdrückung (Frauen, Schwule, Ausländer etc.). Darüber gerät manchmal die „normale“ soziale Ungerechtigkeit, etwa der Trennung von Arm und Reich, aus dem Blick. Das stellt z.B. Sarah Wagenknecht fest.

Heute gibt es verstärkt die Frage, ob eingeführte Literatur überhaupt noch gelesen werden darf. Wilhelm Raabe mit dem judenhassenden Erzähler im „Hungerpastor“ oder der rassistische Wilhelm Busch gerieten dabei schon unter die Räder. Der Monarchist Johann Wolfgang Goethe war nicht politisch korrekt. Ebenso nicht der Frauenverschlinger Bertolt Brecht. Die Literaturchefin des Piper-Verlags, Felicitas von Lovenberg, sagt: „Ich versuche Kolleginnen und Kollegen immer zu sagen: Wir sind keine Gesinnungsanstalt, sondern eine Plattform.“ Sie sieht durchaus, dass identitätspolitische Perspektiven bei jungen Autorinnen und Autoren immer mehr an Raum gewinnen. Von der Universität kämen sie schon woke in die Verlage.

Einen zentralen Punkt trifft Caroline Fourest mit ihrem Buch „Generation beleidigt“, in dem sie belegt, dass häufig die Legitimation, sich zu äußern, von der ethnischen Zugehörigkeit abhängig gemacht wird. So dürfe in der Auffassung vieler Kritiker und Kommentatoren ein Gedicht wie Amanda Gormans „The hill we climb“, das sie bei der Amtseinführung Joe Bidens vorgetragen habe, nur von einer schwarzen Frau übersetzt werden. Das Problem für viele relevante Verlage besteht darin, dass sie auch die sozialen Medien bedienen müssen. Dort sind mittlerweile Leute eingestellt, die in sozialen Medien ihre Weltanschauung gebildet haben. In einen Shitstorm (Entrüstungssturm) war Joanne K. Rowling geraten wegen ihrer Transfeindlichkeit. Inzwischen führt sie schon wieder die Bestsellerlisten an. „Wenn ein Pendel heftig ausschlägt, schwingt es irgendwann auch wieder zurück.“ Insofern setzt Literatur sich vielleicht doch fast von alleine durch. Die Autorin Sally Rooney will der Übersetzung ihres neuen Romans ins Hebräische allerdings erst dann zustimmen, wenn sich in Israel ein Verlag findet, der die Kriterien der Boykottiert-Israel-Organisation (BDS) erfüllt (Hilmar Klute, SZ 15.10.21).

3595: Gerd Ruge ist tot.

Montag, Oktober 18th, 2021

Er war einer der legendären Reporter im deutschen Journalismus nach 1945, hauptsächlich im Fernsehen. Gerd Ruge, der nun im Alter von 93 Jahren in München gestorben ist. Begonnen hatte seine Karriere 1949 noch beim Namensgeber des Adolf-Grimme-Preises, Adolf Grimme, beim NDR. 1950 war er der erste westliche Korrespondent in Jugoslaweien, 1956 ging er nach Moskau, 1964 nach Washington, später wieder nach Moskau. Zwischendurch war er für die „Welt“ in Peking (z.B. beim Tod Mao Tse Tungs 1976). Wir kennen ihn als Russland-Experten. Mit dem heftigen Nuscheln. Das erschien beinahe als Qualitätsmerkmal.

1963 hatte er mit Klaus Bölling den „Weltspiegel“ begründet, der bis heute unser deutsches Wissen über die Welt befördert. 1961 hatte Ruge gemeinsam mit Carola Stern und Felix Rexhausen die deutsche Sektion von Amnesty International gegründet. Er wurde Chefredakteur des WDR. Legendär ist seine Reportage zur Ermordung Robert Kennedys 1968, fünf Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy und zwei Monate nach der Ermordung Martin Luther Kings. Da zeigte Gerd Ruge während der Reportage menschliche Züge, er zittert und musste seine Tränen verbergen. Die offizielle Politik mied Gerd Ruge nach Kräften. Er berichtete von ihren Folgen für die Menschen. „Wer Ruge sah, musste ihn hören, musste ihm angespannt zuhören, um nur ja nichts von dem zu verpassen, was er aus dem finsteren Russland und aus dem kaum leichter zu begreifenden Amerika zu berichten hatte.“ (Willi Winkler, SZ 18.10.21)