Archive for the ‘Literatur’ Category

3506: Berlin – heute

Sonntag, Juli 25th, 2021

Till Briegleb charakterisiert das gegenwärtige Berlin (SZ 24./25.7.21), hauptsächlich im Vergleich mit Paris und London:

„Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung ‚Berlin Global‘ im Humboldt-Forum auf 4.000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur dadurch bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London und Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt um so mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.“

„Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine relativ gemischte kulturelle und soziale Bewohnerschaft anzutreffen ist.“

„Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße wie man es in

Paris im Marais oder im Londoner Soho

längst nicht mehr antrifft, jedenfalls wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Trennung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr erlauben als die Berliner.“

„Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen.“

„Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt gekommen sind.“

„Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.“

3480: Biermann-Archiv geht nach Berlin.

Donnerstag, Juli 8th, 2021

Das private und berufliche Archiv des Liedermachers Wolf Biermann, 84, und seine privaten Tagebücher sind von der Berliner Staatsbibliothek mit Hilfe des Bundes und der Kulturstiftung der Länder erworben worden. Sie werden am 13.7.21 feierlich übergeben. Wolf Biermann wird Lieder und Gedichte dazu beitragen. Sein Werk spiegele wie kein anderes die Zerrissenheit und Vereinigung Deutschlands. „Er war eine der wichtigsten politischen Stimmen des Widerstands in der DDR. Mit seinen politischen Essays regte er im wiedervereinigten Deutschland wichtige Debatten an.“ Der Hamburger Wolf Biermann reiste 1956 in die DDR aus und lebte in Ost-Berlin. 1976 wurde er ausgebürgert, was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Auf der politischen Linken ist Biermann heute unbeliebt (dpa, SZ 8.7.21).

3479: Ernst-Wilhelm Händler über die Rolle von Schriftstellern

Dienstag, Juli 6th, 2021

Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist studierter Philosoph und hat lange Jahre das Familienunternehmen in Regensburg geführt. Seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht er Romane und Essays. 2003 wurde „Wenn wir sterben“ auf der SWR-Bestenliste als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet. In einem Interview mit Thomas E. Schmidt (Die Zeit 24.6.21) spricht er über die aktuelle Rolle von Schriftstellern.

Zeit: Das heißt auch, es gibt für den Autor keine stabile Rolle mehr, weder als Morallehrer noch als Verstörer.

Händler: Nein, überhaupt nicht mehr. Es gibt viele Rollen. Da ist der Typ, der immer gute Figur macht – die Spitze der Pyramide bildet der Bestsellerautor in der Talkshow. Ein anderes Rollenmodell ist für die Älteren: Es besteht eigentlich nur darin, schlechte Laune zu verbreiten.

Zeit: Also Kulturkritik.

Händler: Schlechte Laune als Kulturkritik verkleidet. Mit ist der publizistische Erfolg von Botho Strauß nicht erklärbar – wie man sich auf Carl Schmitt berufen kann, bleibt mir ein Rätsel. Carl Schmitt war der widerlichste von allen Nazi-Intellektuellen. …

3475: Annalena Baerbock hat Sätze von Joschka Fischer übernommen.

Montag, Juli 5th, 2021

Plagiatsjäger Stefan Weber (Salzburg) hat 29 Plagiatsfragmente bei Annalena Baerbock nachgewiesen. Darunter auch Sätze von Joschka Fischer.

Fischer (2020): „Dieses Projekt war nie energiepolitisch, sondern immer geopolitisch motiviert seitens Russlands. Das Ziel war die Umgehung der Ukraine und Osteuropas, nicht Gaslieferungen nach Westeuropa.“

Baerbock (2021): „Diese Pipeline war seitens Russlands nie energiepolitisch, sondern immer geopolitisch motiviert. Das Ziel ist die Umgehung der Ukraine und Osteuropas, es sind nicht die Gaslieferungen nach Westeuropa.“

Die 29 Plagiatsfragmente bestehen fast durchgehend nur aus einzelnen Sätzen oder Satzteilen, die Baerbock offenbar übernommen hat, ein Großteil davon aus dem „Spiegel“ (Roland Preuss, SZ 5.7.21).

3452: Dieter Mann 80

Sonntag, Juni 20th, 2021

Der 1941 in Berlin geborene Schauspieler, Regisseur und Intendant Dieter Mann ist auch ein zu hoher Selbstreflexion fähiger Intellektueller. In seiner Autobiografie „Schöne Vorstellung“ schrieb er: „Ich bin Parteigänger eines präzisen Theaters, bei dem mehr mitgeteilt als hingenuschelt wird. Sprache ist wichtig – sonst bin ich beleidigt, als Zuschauer oder als Schauspieler.“

Noch während eines nach einer Dreherlehre begonnenen Schauspielstudiums holte Friedo Solter Mann 1964 ans Deutsche Theater in Berlin. Dort blieb er bis 2006 fest engagiert und war von 1984 bis 1991 dessen Intendant. Seine nie kumpelhaft herabgezogenen Rollen machten ihn zu einem prägenden Schauspieler zunächst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er spielte den Clavigo, den Wehrhahn in Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“, den Wallenstein, Philipp II. und König Lear.  Er glänze in Thomas Manns Monolog „Fülle und Wohllaut“ aus dem „Zauberberg“. Dieter Mann blieb in der DDR, „weil ich daran glaubte, dass es bei uns vorwärtsgehen würde“. 2020 erhielt er den Ehrenpreis des Deutschen Schauspielpreises (Irene Bazinger, FAZ 19.6.21).

3440: Tanit Koch berät Armin Laschet.

Donnerstag, Juni 10th, 2021

Tanit Koch, 43, war von 2016 bis 2018 Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung. In der Funktion war sie 2017 bei Fritz Güntzlers (CDU) Veranstaltung „Medien- Vierte Gewalt oder Motor zur Meinungsbildung?“ in Göttingen. Nach einem Zerwürfnis mit Julian Reichelt verließ Frau Koch die „Bild“-Zeitung und wurde Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion. Nun berät sie Armin Laschet (CDU) im Bundestagswahlkampf. „Wir gewinnen mit Tanit Koch eine erfahrene Journalistin und Kommunikationsexpertin – … Ich freue mich sehr.“ Tanit Koch soll u.a. Laschets Präsenz in den sozialen Medien ausbauen (SZ 10.6.21).

3438: Die Universitäten sind schuld an den Plagiatsaffären.

Dienstag, Juni 8th, 2021

1. „Der Doktorgrad ist beschädigt. Den einen ist er zum Signum karrieregeiler Hochstapler und halbseidener Schummlerinnen geworden, anderen war die Titelhuberei immer schon Ausdruck intellektueller Überheblichkeit.“

2. „Schuld an dieser Entwicklung sind zwei Gruppen. Zunächst natürlich die Plagiatoren selbst: Karl Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, Franziska Giffey und andere. … Und dann die Universitäten, sie haben der schleichenden Degradierung ihres wichtigsten Grades jahrelang zugesehen. Das gilt insbesondere für die

medizinischen und juristischen,

auch für einige philosophische Fakultäten.“

3. „Warum die eine ihren Doktortitel behalten durfte

(wie Ursula von der Leyen),

der andere ihn aberkannt bekam, der nächste ihn freiwillig zurückgab? Unklar. Warum die Ex-Doktoranden angeklagt wurden, betreuende Professorinnen aber nicht? Man weiß es nicht.“

4. „In der Öffentlichkeit sind die Universitäten nicht als souveräne Institutionen aufgetreten, die hohe wissenschaftliche Standards verteidigen.“

5. „Keine Universität war dabei so überfordert wie die FU Berlin. Seit 27 Monaten versucht das Präsidium, zu einem Schluss in Sachen Giffey zu kommen. … Die Universität hat sich auf ihre Binnenperspektive beschränkt, als sei die interessierte Öffentlichkeit lästig, als sei man keine Transparenz schuldig.“

6. „Die meisten Promotionen dauern Jahre, erfordern Ausdauer, kosten Nerven, sind schlecht bezahlt. Sie bringen am Ende hochqualifizierte Arbeitnehmer hervor. Oder einen Impfstoff: …“

7. „Den Zweifel an der redlichen Promotion auszuräumen, ist Aufgabe der Universitäten: …“

8. „Ein Rückzug der Universitäten nach innen wirkte hierzulande nach den öffentlichen Plagiatsdramen wie eine Bestätigung des Vorurteils, dass der Doktortitel ja doch vor allem ein Statussymbol ist.“

(Anna-Lena Scholz, Die Zeit 27.5.21)

3435: Friederike Mayröcker gestorben

Sonntag, Juni 6th, 2021

Im Alter von 96 Jahren ist die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker in Wien gestorben. Ihr schriftstellerisches „Ich“ war immer mittendrin, kannte den erhabenen Blick nicht, staunte. Als verheiratete Frau und Lehrerin lernte sie 1954 den Schriftsteller Ernst Jandl kennen. Für über 50 Jahre wurden sie ein Paar. Sie wollten leben, um zu schreiben. Sie zogen nie zusammen, verzichteten auf Kinder, kochten nie irgendetwas, telefonierten von einer Wohnung zur anderen und trafen sich abends bei ihm. Nach Mayröckers Frühpensionierung 1969 „sprudelte es aus ihr heraus wie aus einem Geysir“ (Julia Encke, FAS 6.6.21, Paul Jandl, Literarische Welt 5.6.21; Andreas Platthaus, FAS 5.6.21; Meike Fessmann, SZ 5./6.6.21).

3431: Monika Maron 80

Donnerstag, Juni 3rd, 2021

Mit ihrem ersten Roman „Flugasche“ (1981) hatte sie ihren Durchbruch. Zugleich hatte sie sich damit endgültig etabliert. Monika Maron, die heute 80 Jahre alt wird. Es war der erste Umweltroman in ganz Deutschland, der natürlich nicht in der DDR erscheinen konnte, sondern in Frankfurt bei S. Fischer herauskam. Monika Maron war die Stieftochter des DDR-Innenministers Karl Maron und lebte in Ostberlin. Ihre Großeltern waren als polnische Juden im Holocaust ermordet worden.

Auf ihre Landsleute schimpfte sie manchmal ganz direkt: „Solange ich unter ihnen lebte, ist mir die außergewöhnliche Empfindsamkeit meiner ostdeutschen Mitmenschen verborgen geblieben. Im Gegenteil: Ich bin an ihrer Duckmäuserei und ihrem feigen Ordnungssinn oft verzweifelt.“ Nach der Vereinigung beklagte Monika Maron das Selbstmitleid der Ostdeutschen. Sie registrierte das Mitleid der Linken aus dem Westen, die glaubten, sich mit den ehemaligen DDR-Bürgern solidarisieren zu müssen.

Es begann Marons Weg weg von der verordneten Fortschrittlichkeit. Von 1988 bis 1992 lebte sie mit ihrem Mann in Hamburg, dann wieder in Berlin. Es erschienen ihre Romane „Stille Zeile Sechs“ (1991), „Animal triste“ (1996) und „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018). Es war nicht zu übersehen, dass Monika Maron zum Teil scharfe Kritik am Islam, an Angela Merkel, an Windenergie und gegenderter Sprache übte. „Die Wahrheit ist, dass ich vor dem Islam wirklich Angst habe. Aber warum ist das krankhaft und nicht vernünftig?“ Maron wurde immer kulturpessimistischer.

2020 kam es zur Trennung von ihrem Verlag S. Fischer, weil dieser nicht dulden wollte, dass eine Essaysammlung von Monika Maron im „Buchhaus Loschwitz“ erschien, das mit Völkischen wie Götz Kubitschek in Verbindung steht. Monika Maron fühlte sich politisch gegängelt. Sie schrieb sogar: „Nach zwölf Jahren Merkel-Herrschaft sehe ich in der politischen Figur Merkel einen Vampir, der jeder Partei und am Ende dem Parlamentarismus das Blut aussaugt.“ Starker Tobak. In der Wahrnehmung von Monika Maron gilt Aufklärung neuerdings als fundamentalistisch. Darüber hat sie schon 1998 in Bezug auf die DVU geschrieben. Sie ist sich treu geblieben. Und eine große Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ 2./3.6.21).

3430: In der Literatur über die DDR fehlen die Mitläufer.

Dienstag, Juni 1st, 2021

Felix Stephan macht in einem sehr gut durchdachten Beitrag (SZ 31.5.21) darauf aufmerksam, dass in der Literatur über die DDR die Mitläufer fehlen. Es kommen vor die überzeugten Täter (SED und nationale Front) und die Menschen im Widerstand, aber nicht die Mitläufer. Sie machen in jeder Gesellschaft den Löwenanteil aus, ohne sie geht gar nichts. Deswegen dürfen sie gerade in der Literatur nicht fehlen.

Nun gibt es ja viele Romane über die DDR, darunter sehr überzeugende. Felix Stephan nennt dafür die folgenden Autoren: Ines Geipel, Lutz Seiler, Alexander Osang, Helga Schubert, Eugen Ruge und Uwe Tellkamp. Das trifft zu. Was fehlt, sind Auseinandersetzungen über die persönliche Verantwortung. „Von den Einverstandenen und den Profiteuren, den Passiven und den Karrieristen ist in den DDR-Erzählungen der Nachwende kaum die Rede.“ Das betrifft breite Bevölkerungsschichten. Die Stasi (180.000 Mitarbeiter) hatte 1989 nur noch 2.500 Menschen als organisierte Widerständler registriert. Vorherrschend waren die Kollaborateure.

„Die allermeisten DDR-Bürger haben sich jahrzehntelang für die Anpassung entschieden, in der ostdeutschen Nachwendeliteratur jedoch tauchen sie kaum auf.“ In der Vereinigung haben sie „Erniedrigungen“ erfahren: Arbeitslosigkeit, Ausverkauf, Abwanderung. In der Literatur musste der Markt bedient werden, der vorwiegend aus westdeutschen Lesern bestand. Nach 1945 waren es gerade Karl Jaspers und Hannah Arendt gewesen, die sich mit der persönlichen Verantwortung der Mitläufer auseinandersetzten. Sie untersuchten die Formen der Verdrängung.

„Ist man unausgesprochen übereingekommen, dass die Verbrechen, die innerhalb des staatlichen Legitimationsrahmens der DDR begangen wurden – die Mordanschläge, die Zersetzung, die willkürlichen Verhaftungen – zwischen dem Holocaust, den Demütigungen durch die Treuhand und dem neu erwachten Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte verblassen? Oder hat man es hier doch mit einer vorbewussten Auslassung zu tun, liegt hier nicht doch eine Wunde offen?“