Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3887: Nils Minkmar über den Rückzug des BDZV-Präsidenten

Mittwoch, Juni 1st, 2022

Der SZ-Autor Nils Minkmar schreibt (1.6.22):

„Wenn man an die Vielfalt und Exzellenz der deutschen Presselandschaft denkt und dann daran, wie diese jahrelang repräsentiert wurde, bekommt man unweigerlich die schlimmste Laune. Der vorzeitige Abgang von Mathias Döpfner wirkt da wie jener Moment nach einem absurden Traum, in dem man noch voller Empörung wach wird und sich darüber ärgert, was das Traumbewusstsein einem so zugemutet hat. Seit den von Döpfner zu verantwortenden Skandalen im von ihm geleiteten Springer-Verlag über Sex, Machtmissbrauch und Vertuschung bei der Bild-Zeitung, die für alle deutschen Journalistinnen schwer zu ertragende internationale Berichte in der New York Times und der Financial Times inspiriert haben, war allen, die sich für das Thema interessieren, klar, dass an einem Rückzug Döpfners vom Posten des BDZV-Präsidenten kein Weg vorbeiführt. Mit seinem Festhalten am ehemaligen Bild-Chef Julian Reichelt, noch lange nachdem klar war, bewies Döpfner mangelhafte Führungsqualität und wurde zur Belastung für die Branche, die er als Verlegerpräsident repräsentieren sollte.“

3885: Wegen Fachkräftemangels braucht Deutschland Zuwanderung.

Dienstag, Mai 31st, 2022

Wegen des Fachkräftemangels braucht Deutschland Zuwanderung. Das sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele. Das müsse die Politik gut erklären, „um den Scharlatanen den Wind aus den Sgelen zu nehmen“. „Es gibt keinen Wettbewerb zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Kein Deutscher verliert seinen Job, weil jemand aus dem Ausland kommt. Deutschland braucht sie alle.“

Wenn die Behörden ab 1.6. für Geflüchtete aus der Ukraine zuständig seien, könne es in einigen Großstädten zu kurzfristigen Engpässen kommen. Von den 770.000 Ukrainern hätten nur 260.000 eine Bescheinigung, dass sie legal im Land seien. Die Aussetzung von Hartz-IV-Sanktionen hält Detlef Scheele für falsch. Man müsse mit den Betreffenden ins Gespräch kommen (AHA, SZ 31.5.22).

3884: Wie Timothy Snyder die deutsche Ukraine-Politik beurteilt.

Montag, Mai 30th, 2022

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, 52, lehrt in Yale. Er ist durch seinen Weltbestseller „Bloodlands“ (2012) bekannt geworden, in dem er die Mordpolitik der Nationalsozialisten im Gebiet von Ostpreußen, dem östlichen Polen, Teilen der Ukraine, Weißrussland, dem Westteil Russlands und dem Baltikum analysiert. In einem Interview mit Jochen Bittner (Die Zeit 19.5.22) macht er folgende Bemerkungen zur deutschen Ukraine-Politik:

„Dreißig Jahre lang haben Deutsche die Ukrainer über Faschismus belehrt. Als der Faschismus tatsächlich kam, haben die Deutschen ihn finanziert, während die Ukrainer im Kampf gegen ihn sterben.“

„Seltsam ist ja auch, dass so viel ausführlichger über die Rechtslastigkeit der Regierungen in Polen oder Ungarn gesprochen wurde als über die in Russland.“

„Der Kreml hat es verstanden, den Deutschen erst ein eindimensionales Schuldgefühl einzuimpfen und dieses Schuldgefühl dann auszunutzen. Über diese psychologische Ressource sprechen manche Russen übrigens sehr offen.“

„In Russland gibt es keinerlei Debatte über russische Kollaboration mit den Deutschen. Und natürlich darf man keine öffentliche Diskussion über

Stalinismus

führen.“

Das russische Regime darf man „faschistisch“ nennen „seit Februar dieses Jahres. Seitdem führt Russland einen Zerstörungskrieg mit dem Ziel der Vernichtung eines anderen Volkes. Zudem gibt es immer stärkere Unterdrückung im Innern und einen Kult des Anführers, des Sieges, der Toten.“

„Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mit Hilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“

3883: RKI-Präsident Wieler warnt vor Corona-Herbst.

Montag, Mai 30th, 2022

RKI-Präsident Lothar Wieler warnt vor einem schwierigen Corona-Herbst. Für den Fall, dass die Infektionszahlen stiegen, brauche man einen gesetzlichen Rahmen zur Bekämpfung der Pandemie; umfassende Maßnahmen müssten zumindest möglich sein. Wieler steht damit in einer Reihe mit den renommiertesten Wissenschaftlern, die besorgt sind. Die Experten sind sich einig, dass das Virus zurückkomen wird. Man weiß nur noch nicht, wie krank es die Menschen dann macht. Eine unangenehme Welle droht. Die Bevölkerung muss darauf eingestimmt werden, dass dann wieder Masken getragen werden. Dafür braucht es ein wirksames, neues Infektionsschutzgesetz (das alte läuft am 23.9.22 aus). Wir haben ja gegenwärtig die Möglichkeit, Tests, Masken und Impfungen einzusetzen (Christina Berndt, SZ 30.5.22).

3875: Sinkiang – ein großes chinesisches Internierungslager

Mittwoch, Mai 25th, 2022

Sinkiang (Xinjiang) ist Chinas Westprovinz und die Heimat der Uiguren und anderer muslimischer Gruppen. Ein Hacker hat jetzt enthüllt, dass es sich dabei ein großes Internierungslager handelt. China entfaltet hier seine Qualtäten als Überwachungsstaat. Angeblich sollen die Menschen dort vor dem Terrorismus bewahrt werden. Deswegen leben sie in Lagern hinter Stacheldraht und mit Wachtürmen. Ehemalige Insassen haben von Misshandlungen und Vergewaltigungen berichtet. Nach chinesischen Angaben ist das Ziel dort „Gehirnwäsche“.

Viele ausländische Beobachter sprechen von „Genozid“. Ausbrecher sind zu erschießen. International zugänglich gemacht wurden jetzt Listen von Internierten und Schulungsunterlagen. Schwer bewaffnetes Personal bewacht die Internierten. Angesichts der Enthüllungen kommt der Besuch der UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet für die Chinesen höchst ungelegen. Sie will sich dezidiert in Sinkiang informieren. Die Internierungsrate ist in Sinkiang 64-mal höher als in Rest-China. Dort gibt es mehr als 1,2 Millionen internierte Uiguren. Deren „Verbrechen“ bestehen u.a. darin, ihr Handy nicht zu benutzen, um nicht überwacht werden zu können. Die Volksrepublik China bestreitet die Vorwürfe (Kai Strittmatter, SZ 25./26.5.22).

3874: Herfried Münklers Kommentare zum Ukraine-Krieg

Dienstag, Mai 24th, 2022

In einem Interview mit Stefan Reinecke (taz 14./15.5.22) macht der emeritierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler Bemerkungen zum Ukraine-Krieg:

„Alice Schwarzer und die Mitunterzeichner des offenen Briefs hätten den Polen (am Beginn des Zweiten Weltkriegs, W.S.) also geraten, sich lieber nicht zu verteidigen, um Tote und eine Eskalation zu vermeiden.“

„Man kann nicht ausschließen, dass nukleare Gefechtsfeldwaffen eingesetzt werden, etwa wenn große russische Einheiten eingeschlossen würden und deren Kapitulation für Putin als eine nicht hinnehmbare Niederlage erscheinen würden. Das ist denkbar. Dagegen ist ein nuklearer Angriff auf ein Nato-Mitglied, der wohl mit entsprechenden Gegenschlägen beantwortet würde, etwas ganz anderes. Hier wirkt die gegenseitige Vernichtungsdrohung deeskalierend.“

„Der moralische Diskurs ist hierzulande vorherrschend. Das hat auch mit der Berichterstattung der hiesigen Presse zu tun. Wir haben relativ wenig Informationen über das Kampfgeschehen. Wenn, dann stammen die aus britischen oder amerikanischen Quellen. Das Fernsehen fokussiert sich auf Opfer. Diese Fokussierung kann den Schluss nahelegen, vielleicht doch besser gleich zu kapitulieren, weil dann vermutlich die Zahl der Opfer geringer sein wird. Die Moralisierung des Geschehens birgt die Gefahr, einen kühlen, analytischen Blick auf die Konstellation zu verlieren.“

„Putins Sprecher Dmitri Peskow hat kürzlich von erheblichen Verlusten des russischen Militärs gesprochen. Die mit solchen Fragen unerfahrene deutsche Presse hat getitelt: Die Russen geben Verluste zu. Dabei hat der Kreml tatsächlich das Narrativ verändert. In die Richtung: „Wir müssen unsere Ziele jetzt erst recht erreichen. Das ist das Vermächtnis unserer heroischen Gefallenen.“ In Deutschland wurde das nicht verstanden, weil man sich hierzulande Opfer nur als Verlust von individuellem Leben vorstellen kann und nicht als geheiligtes oder, profaner gesagt, bewundertes Opfer, das der Nation oder Gemeinschaft gebracht wird.“

3873: Der Holocaust bleibt einmalig.

Sonntag, Mai 22nd, 2022

Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München, Andreas Wirsching, räsoniert über die Einmaligkeit des Holocaust (Die Zeit 5.5.22):

1. Der Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine könnte die deutsche Erinnerungskultur massiv verändern.

2. Der Holocaust könnte relativiert werden.

3. In den fünfziger Jahren fanden konservative Historiker einen bequemen Ausweg aus dem deutschen Geschichtsdilemma des Nationalsozialismus, in dem sie diesen als ein Resultat der Vermassung und Vereinzelung des Menschen verstanden.

4. Verbunden damit wurde die „Dämonisierung“ Adolf Hitlers und seine Charakterisierung als Alleinschuldiger.

5. Solche Vorstellungen machen sich in der Geschichtswissenschaft allmählich wieder breit.

6. Manche der entsprechenden Äußerungen sind antisemitisch unterlegt.

7. Der Holocaust soll in die postkoloniale Betrachtung des Kolonialismus integriert werden.

8. Die genozidale Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904 durch kaiserliche Truppen habe eine Vernichtungskapazität begründet, an deren Ende Auschwitz stehe.

9. Die singuläre Betrachtung des Holocaust sei „provinziell“.

10. So würde begonnen, die verbrecherischen Vergangenheiten gegeneinander aufzurechnen.

11. Die Kaiserzeit wird als einigermaßen demokratisch charakterisiert.

12. Einen deutschen „Sonderweg“ habe es nicht gegeben.

13. Das klingt so, als habe der deutsche Nationalstaat von 1871 bis 1945 nicht genug gewalttätige Demokratiefeinde hervorgebracht.

14. 1933 erscheint wie ein zufälliger Betriebsunfall.

15. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat kürzlich gemeint, dass die Deutschen nicht mehr beweisen müssten, dass sie keine Nazis seien.

16: Aber: eine Nationalgeschichte, die den industriellen Massenmord an den Juden hervorbrachte, kann nicht geheilt, wiedergutgemacht, durch andere Verbrechen überschrieben oder durch eine weniger auffällige Geschichte ersetzt werden.

3872: Verkleinerung des Bundestages

Donnerstag, Mai 19th, 2022

Aus den Kreisen der Ampel-Koalition (SPD, Grüne, FDP) im Bund liegt tatsächlichen ein praktikabler Vorschlag vor, den Bundestag zu verkleinern. Das wird höchste Zeit. Die große Koalition hat das nicht geschafft. Und CDU und CSU wollen es nicht, weil sie dadurch Macht verlören.

Die federführenden Politiker Sebastian Hartmann (SPD), Till Steffen (Grüne) und Konstantin Kuhle (FDP) wollen den Bundestag bei 598 Sitzen belassen und 299 Wahlkreisen. Gegenwärtig hat der Bundestag auf Grund der Überhang- und Ausgleichsmandate 736 Mitglieder. Die Wähler sollen drei statt bisher zwei Stimmen abgeben können. Auf Basis der Zweitstimmen (Listenstimmen) soll errechnet werden, wie viele Sitze die Parteien bekommen. Erzielt eine Partei über die Erststimme (Personenstimme) mehr Direktmandate, dann gehen die Kandidaten mit dem schlechtesten Personenstimmen-Ergebnis im Land leer aus. Bisher dürfen sie diese Überhangmandate behalten, die anderen Parteien erhalten dafür Ausgleichsmandate. Mit einer zweiten Erststimme, der sogenannten Ersatzstimme, haben die Wähler eine weitere Präferenz. Die für den nicht zum Zuge gekommenen Direktkandidaten abgegebene Ersatzstimme wird dann den Erststimmen des angekreuzten Bewerbers zugeschlagen. Das Mandat erhält demgemäß derjenige Kandidat, auf den die insgesamt meisten Stimmen entfallen.

Bekommt eine Partei weniger Wahlkreismandate als ihr nach dem Listenstimmenergebnis zustehen, werden die weiteren Mandate wie bisher über die Liste zugeteilt. Bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 kam es zu 34 Überhangmandaten. Die CSU verursachte davon 11, die CDU 12, die SPD 10 und die AfD eins (1). Folge: 104 Ausgleichsmandate.

Bei der Verkleinerung des Bundestags geht es um die Leistungsfähigkeit des demokratischen Systems. Ansonsten droht dem Parlament ein Ansehensverlust. CDU und CSU haben mit der Verkleinerung des Bundestags Probleme. Sie sollten sich jedoch klar darüber sein, dass dann, wenn sie eine Verkleinerung des Bundestags verhindern, sie ihren Ansehensgewinn von den letzten Landtagswahlen gleich wieder verlieren. Klar ist, dass viele Fraktionskollegen der drei federführenden Fachpolitiker wegen des neuen Wahlrechts ihren Sitz im Parlament verlieren würden (SZ 19.5.22; Robert Rossmann, SZ 19.5.22).

 

3871: Der Nazi Henri Nannen hat den „stern“ geprägt.

Donnerstag, Mai 19th, 2022

Jeder, der sich auch nur oberflächlich für Medien interessiert, weiß, dass Henri Nannen ein übler Nazi-Propagandist war. Und nach 1945 der Macher des „stern“. Durchaus mit Verdiensten. Auch wenn der „stern“ stets mehr „Regenbogenpresse“ war als politisches Medium. Für den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagbücher 1983 war Henri Nannen nicht mehr verantwortlich. Insofern ist es nur Public Relations, wenn die neue „stern“-Führung groß neue Enthüllungen über Henri Nannen publizieren will. Das dient nur dem Geschäft und soll die sinkende verkaufte Auflage und den fallenden Anzeigenbesatz kaschieren (Aurelie von Blazekovic, SZ 19.5.22).

3870: „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) schaltet um.

Mittwoch, Mai 18th, 2022

Unter Experten ist es seit langem kein Geheimnis, dass die SZ die beste deutsche Tageszeitung ist. Die dringend gebraucht wird. Das bezieht sich nicht nur auf die Universalität der Berichterstattung und ihre Meinungsfreude, sondern – um nur ein Beispiel zu nennen – auch auf die Medizin-Berichterstattung. Nun wurde der SZ – nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie – 2020 vom Mutterkonzern, der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), ein Sparkurs verordnet. Der hat sich negativ ausgewirkt. Wichtige Journalisten verließen das Haus. Rund 50 Stellen hat die SZ abgebaut. Gegangen sind knapp 90. Durch ein freiwilliges Ausstiegsprogramm.

Nun haben die Chefredakteure, Judith Wittwer und Wolfgang Krach, eine Kehrtwende verkündet. Sie beziehen sich auf 35 Neueinstellungen. 25 sollen noch folgen. Gestärkt werden soll neben den Bereichen Investigative Recherche und Wissen vor allem die „SZ am Wochenende“. Das begreifen sogar die Anzeigen-Hanseln der SZ. Wolfgang Krach kritisierte den Mutterkonzern für seine „viel zu pessimistischen Prognosen“. Auch die 2020 ausgerufene Kurzarbeit sei „eindeutig verkehrt“ gewesen. Als Folge davon habe die SZ, die 2020/2021 eines ihrer besten Ergebnisse seit Jahren ablieferte, „heute definitiv zu wenig Leute, um all die Ideen umzusetzen, die wir in der Redaktion jeden Tag haben“. (Steffen Grimberg, taz 12.5.22)