Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3904: Nawalnys Aufenthalt: unbekannt

Mittwoch, Juni 15th, 2022

Der Aufenthalt des bekannten Kremlkritikers Alexej Nawalny ist Angehörigen und Anwälten nicht bekannt. Bisher war er in der Strafkolonie in Pokrow, 100 Kilometer östlich von Moskau. Dort war er inhaftiert, weil er angeblich gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Im März wurde Nawalny zusätzlich zu neun (9) Jahren Haft verurteilt, weil er Spendengelder veruntreut und eine Richterin beleidigt haben soll. Das Gericht ordnete die Verbringung in ein Hochsicherheitsgefängnis an. Nawalnys Sprecherin sagt: „Solange wir nicht wissen, wo Alexej ist, ist er allein mit dem System, das bereits versucht hat, ihn zu töten.“ (SIBI, SZ 15./16.6.22)

W.S.: Hoffentlich ermorden die Russen Nawalny nicht!

3901: Dienstpflicht-Vorschlag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stößt auf Ablehnung.

Dienstag, Juni 14th, 2022

Der Vorschlag von Bundespräsident Frank-Walter Seinmeier für eine allgemeine Dienstpflicht in Deutschland stößt auf massive Ablehnung. Steinmeier hatte gefragt, ob es unserem Land nicht gutun würde, wenn sich Frauen und Männer für eine gewisse Zeit in den Dienst der Gesellschaft stellen würden. Das müsse nicht bei der Bundeswehr sein, sondern könne auch in Seniorenheimen, Obdachlosenunterkünften und bei der Betreuung behinderter Menschen stattfinden. Es müsse kein Jahr dauern. „Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn.“

Die grüne Familienministerin Lisa Paus sieht darin einen unangemessenen Eingriff in die persönliche Freiheit der jungen Menschen. Auch Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner setzen auf Freiwilligkeit. Der Koalitionsvertrag sieht einen solchen Dienst nicht vor.

Aber solche Plätze sind bei den jungen Menschen beliebt. Knapp 100.000 junge Menschen engagieren sich jedes Jahr im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres (FSJ). Dabei verdienen sie bestenfalls 423 Euro. Auch der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie lehnt den Steinmeier-Vorschlag ab. Freiwilligkeit müsse entscheidend bleiben. In der Jugendstudie 2022 sprechen sich 40 Prozent der 16- bis 26-Jährigen für eine Dienstpflicht aus, 49 Prozent sind dagegen. Familienministerin Paus (Grüne) möchte den Jungen die freiwillie Entscheidung belassen. So sieht es auch Bundesbildungsminsieterin Bettina Stark-Watzinger (FDP). (Sophie Kobel, SZ 14.6.22)

W.S.: Ja, liebe Verantwortliche, wenn bei uns alles so gut geregelt ist, dann lasst doch alles beim Alten.

3899: Volker Beck Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG)

Montag, Juni 13th, 2022

Der ehemalige Grünen-Politiker Volker Beck ist zum Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) gewählt worden. “ Die Deutsch-Israelische Gesellschaft fordert von der Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Freundschaft mit Israel.“ „Wenn die Generalversammlung oder der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen Israel häufiger verurteilt als den Rest der Welt, dann ist etwas mächtig faul.“ Die Deutsch-Israelische Gesellschaft ist nach eigenen Angaben die größte bilaterale Freundschaftsorganisation in Deutschland mit rund 6.000 Mitgliedern an 55 Standorten (SZ 13.6.22).

3898: „Der Zölibat kann problemlos weg!“

Sonntag, Juni 12th, 2022

Hermann Häring, 84, hat in Tübingen bei Josef Ratzinger und Hans Küng Theologie studiert. Er war Jesuit und 25 Jahre Professor für Theologie in den Niederlanden. Mittlerweile ist seit langem aus dem Jesuitenorden ausgetreten und verheiratet. Evelyn Finger interviewt ihn zu Fragen der Kirchenreform (Zeit 25.5.22):

Zeit: Was denken Sie heute über den Zölibat?

Häring: Der Pflichtzölibat kann problemlos weg! Er ist nur deshalb so ein Zankapfel, weil das Priestertum als heilig gilt und Sexualität als das Gegenteil. Ein primitiver Gedanke! Zumal Frauen von dieser Art Sakralität ausgeschlossen sind.

Wer zölibatär leben will, darf das ja weiterhin tun.

Zeit: Nun hat die evangelische Kirche weibliche Pfarrer und Bischöfe. Trotzdem schrumpft sie.

Häring: Beiede Kirchen müssen ihr Menschenbild, ihr Gottesbild überprüfen. Dennoch wünsche ich mir als Katholik, dass wir aufhören, uns über uns selbst zu belügen. Viele Gemeinden verurteilen ihren Pfarrer keineswegs, wohl wissend, dass er heimlich eine Partnerin oder einen Partner hat. Ich hoffe, dass endlich einmal ein Bischof den Mut hat, zuzugeben, dass auch er nicht als Heiliger lebt.

3897: Garri Kasparow über Putin und Deutschland

Samstag, Juni 11th, 2022

Der 1963 in Baku (damals Sowjetunion) geborene aserbeidschanische Schachweltmeister Garri Kasparow lebt seit 2013 mit seiner dritten Frau und zweien seiner drei Kinder in den USA. Mit 22 wurde er Schachweltleister und hat seinen Titel vielfach verteidigt. 2005 zog er sich vom Schach zurück. In Russland gehörte er zur Opposition. Tanja Rest (SZ 11./12.6.22) hat er ein Interview gegeben.

SZ: 2015, nach der Besetzung der Krim, ist ein Buch erschienen, dass Sie „Winter is Coming“ genannt haben, nach Ihrer Lieblingsserie „Game of Thrones“. Wenn man es heute liest, ist es verblüffend, wie präzise Sie Putins nächste Schritte vorhergesagt haben.

Kasparow: Jahre bin ich für dieses Buch geächtet worden. Dabei gab es genügend Vorzeichen, und alle deuteten auf Krieg hin. Die Geschichte zeigt: Diktatoren sagen uns immer, was sie als Nächstes tun werden. Wie Hitler in „Mein Kampf“. Die Annexion der Krim war ein Test – null Reaktion aus dem Westen, das war eine Einladung für Putin. Ich wusste, dass er nicht stoppen würde. Er wollte die russisch-imperiale Grandeur zurückerobern, und ohne die Ukraine gibt es kein russisches Reich.

SZ: Sie lassen keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass Sie recht hatten.

Kasparow: Weil ich Putin zugehört habe und nicht will, dass die Zukunft von Leuten bestimmt wird, die immer noch glauben, man könnte mit ihm verhandeln!

SZ: Mit der Rolle Deutschlands sind Sie auch nicht besonders glücklich.

Kasparow: Mit Deutschland ist es eine Hängepartie. Scholz! Ich frage mich, ob er als Kanzler angetreten wäre, wenn er geahnt hätte, dass er jeden Morgen vor Angst schwitzend aufwachen würde: Soll ich Panzer nach Charkiw schicken oder nicht? … Wer hätte gedacht, dass die Grünen die entschiedenste Kriegspartei sein würden? Aber so ist das in der Geschichte. Jahrelang passiert nichts, und dann passiert alles innerhalb weniger Monate.

SZ: Sie waren es einmal gewohnt, Ihren Gegnern in die Augen zu sehen. Putin hingegen muss in Ihrem Leben so etwas wie ein Phantom sein.

Kasparow: Er ist ein geistloser Mann mit einem kriminellen Hintergrund, aufgewachsen auf den Straßen von Leningrad, geschult vom KGB. Der Mann ist mental krank, warum sollte ich mit ihm reden wollen?

3896: Deniz Yücel gründet „PEN Berlin“.

Mittwoch, Juni 8th, 2022

Nachdem der Versuch von Deniz Yücel in Gotha vor dreieinhalb Wochen gescheitert war, den deutschen PEN zu modernisieren und wirkungsvoller zu organisieren, warteten wir auf die weitere Entwicklung. Nun will Yücel mit vielen anderen einen „PEN Berlin“ gründen, eine NGO-Alternative zum alten PEN. Seine wichtigsten Helfer sind Ralf Nestmeyer und Joachim Helfer. Dabei sind aber auch die von mir außerordentlich geschätzten Schriftstellerinnen Eva Menasse und Elke Schmitter. Hauptziel von „PEN Berlin“ ist die Förderung von Meinungsfreiheit und offenem Diskurs. In der Führung sollen keine „Präsidenten“ und andere Titel eine Rolle spielen. Der Fokus der Arbeit von „PEN Berlin“ soll auf der materiellen und idellen Unterstützung verfolgter Kolleginnen und Kollegen liegen. Unterstützer des Projekts sind auch die von mir als Schriftsteller hoch geschätzten Christian Kracht, Thea Dorn, Judith Schalansky, Seyran Ates, Jan Fleischhauer, Feridun Zaimoglu und Julia Frank. Die Senioren Ursula Krechel und Herbert Wiesner sind auch dabei. Angestrebt wird die Anerkennung durch den internationalen PEN und die finanzielle Förderung durch den/die Beauftragte(n) der Bundesregierung für Kultur und Medien (Cornelius Pollmer, SZ 8.6.22).

3894: Neuer Medienstaatsvertrag im Herbst

Montag, Juni 6th, 2022

In unseren bewegten Zeiten ist allen vernünftigen Zeitgenossen bewusst, wie wichtig ein gut funktionierender öffentlich-rechtlicher Rundfunk (Radio und Fernsehen) ist. Das heißt nicht, dass er fehlerfrei ist. Aber er liefert eine gute Basis für eine noch bessere Informationspolitik. In Zeiten, wo anderswo ausschließlich Propaganda getrieben wird. Der Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist

Information, Bildung, Beratung, Unterhaltung.

Nun bekommen wir im Herbst einen neuen Medienstaatsvertrag. Die Vorsitzende der Rundfunkländerkommission, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentein Malu Dreyer (SPD), sagt, der Markenkern von ARD und ZDF „ist die Kultur, die Bildung, die Information, die Beratung und das ist auch die Unterhaltung, wenn sie einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entspricht.“

Einig sind sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten auch, dass Rundfunkräte und Verwaltungsräte mehr Mitwirkungsrechte bei den Qualitätsstandards und beim Kostencontrolling bekommen sollen. In der Wahrnehmung vieler Bürger gibt es zu viel Berichterstattung, bei der nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich um objektive Berichterstattung handelt oder um eine Meinung oder alles gemischt. Das ist ein zentraler Punkt.

Verpflichtend ausgestrahlt werden müssen Das Erste, das ZDF, die Dritten, 3 Sat und Arte. Anderes kann als Webangebot geliefert werden. Wir können uns künftig den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Inhalteproduzent fürs Digitale mit angeschlossenem Fernsehen vorstellen. Die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dringen seit eh und je auf eine Verkleinerung. Das hat sich bisher noch nicht durchgesetzt. Auch wenn die Blockade der Beitragserhöhung durch Sachsen-Anhalt 2021 ein schlimmes Beispiel rundfunkpolitischer Kurzsichtigkeit war. Richtung AfD. Zum Glück hat hier – wieder einmal – das Bundesverfgassungsgericht korrigiert (Claudia Tieschky, SZ 4./5./6.6.22).

3893: Gene bestimmen unser Leben.

Sonntag, Juni 5th, 2022

1. Immer noch heißt es vielmals, und nicht nur in der Psychologie, sondern auch in vielen Sozialwissenschaften, wir kämen als weißes, unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt. Das werde dann im Laufe des Lebens beschrieben (Stefanie Kara/Rudi Novotny, Die Zeit 19.5.22)

2. Diese Aussage ist falsch.

3. 2018 haben 3,2 Millionen Menschen einen Psychotherapeuten aufgesucht.

4. Die Seele ist heute mehr und mehr Menschen geläufig.

5. In Studien werden diejenigen, die weniger über psychische Gesundheit wissen, häufiger als depressiv eingestuft.

6. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeitslose, Kranke oder Alleinlebende leiden deutlich häufiger unter Depressionen als andere.

7. Wenn jedes denkbare Problem personalisiert wird, können gesellschaftliche Schwierigkeiten leichter auf den Einzelnen abgeschoben werden.

8. In Deutschland fällt es immer noch vielen Angehörigen pädagogischer Berufe schwer anzuerkennen, dass Schulleistungen mit der Veranlagung (Begabung) zu tun haben. Sie halten sich lieber an Ideologien.

9. Das „sozialökonomische Panel“, in dem 30.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche regelmäßig befragt werden und das hervorragende Ergebnisse liefert, ist neuerdings durch ein Genprofil erweitert worden (Ulrich Bahnsen/Martin Spiewak, Die Zeit 19.5.22).

10. Dadurch kann die Ungleichheit unter den Menschen besser bestimmt werden.

11. Denn wer über soziale Unterschiede forscht, bleibt ohne genetische Informationen auf einem Auge blind.

12. Unsere Anlagen bestimmen nämlich unser Leben weit mehr, als wir bisher manchmal dachten.

13. Die Wissenschaft beginnt, die Blackbox der Vererbbarkeit zu öffnen.

14. Vererbt sind unsere Körpergröße, die Anlage zum Herzinfarkt, unsere Gewissenhaftigkeit, unser Egoismus und unser beruflicher Erfolg und vieles andere mehr.

15. Vieles, auf das wir stolz sind oder über das wir uns ärgern, ist unserem Einfluss entzogen. Wir haben unsere Gene nicht verdient.

16. Sprachprobleme sind zu 90 Prozent genetisch bedingt.

17. Trotzdem hat es natürlich einen Einfluss auf Menschen, ob mit ihnen wenig gesprochen oder wenig vorgelesen wird. Gene und Sozialverhalten ergänzen sich.

18. Gene beeinflussen zwar die Wahrscheinlichkeiten unseres Verhaltens, aber sie bestimmen sie nicht endgültig. Ihnen liegen hunderte bzw. tausende von Genvarianten zugrunde.

19. Genetische Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren.

3890: Faschismus aus der Perspektive von Timothy Snyder

Samstag, Juni 4th, 2022

In einem Interview mit Konrad Schuller (FAS 5.6.22) erläutert der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder („Bloodlands“) seine Vorstellungen vom gegenwärtigen Faschismus.

FAS: Sie halten Russland für einen faschistischen Staat, warum?

Snyder: Gibt es etwas am russischen Staat, das heute nicht faschistisch ist? Hier eine Liste von Merkmalen des Faschismus, die auf Russland zutreffen:

Eins: Einparteienherrschaft.

Zwei: der Kult des Führers.

Drei: Kontrolle der Medien.

Vier: Kult des Imperiums, seiner Toten und seiner historischen Unschuld.

Fünf: Die Welt wird durch Verschwörungstheorien erklärt.

Sechs: ein Ständestaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien, nur noch radikaler.

Sieben: Vernichtungskrieg und Völkermord.

Acht: ein Kult des Willens und der Tat.

Russlands hybride Kriegsführung, diese Kombination aus Propaganda und Gewalt, kann als Triumph des Willens über die Realität gesehen werden. Und dann natürlich die Idee vom Feind. Der Ausgangspunkt des Faschismus ist der Begriff des Feindes, und der Feind Russlands in Putins Sicht ist der Westen. So hat

Carl Schmitt

das definiert: Politik heißt, zu bestimmen, wer der Feind ist.

FAS: Faschistische Denker glauben, dass Kompromisse immer nur Atempausen sind, die man hinnimmt, um für die Vernichtung des Feindes neue Kraft zu sammeln. Kann man mit Putin also einen dauerhaften Verhandlungsfrieden finden?

Snyder: Die westliche Idee vom Kompromiss lautet: Ich respektiere deine Interessen und du meine. Das ist mit Putin kaum möglich. Aber man kann trotzdem mit ihm verhandeln – wenn man zuvor einen Krieg gewonnen hat. Solange Putin glaubt, gewinnen zu können, ist das schwer denkbar.

FAS: Sie nennen Putin einen Faschisten. Würden Sie ihn mit Hitler vergleichen?

Snyder: Ich spreche vom Faschismus, weil Faschismus viele Gestalten hat. Es gibt britische, französische, italienische, deutsche oder amerikanische Faschisten, und alle sind ein wenig anders. Wenn ich jetzt sagen würde, Putin ist wie Hitler, dann wäre das zu eng gefasst. Außerdem würde es einen riesigen Aufschrei geben: Seht her, er bricht ein Tabu. Das wäre unglaublich langweilig. Trotzdem: Wo es um Ukraine geht, sind die Ansätze der Nazis und des heutigen russischen Regimes ähnlich. Dazu gehört, dass die Ukrainer als Kolonialvolk wahrgeommen werden, dessen Elite ausgelöscht werden muss.

FAS: Wie sah die deutsche Kolonialgeschichte in der Ukraine aus?

Snyder: Die Kolonisierung der Ukraine war Hitlers Hauptziel im Zweiten Weltkrieg. Er wollte ein deutsches Großreich, dessen Industrie von der Landwirtschaft der Ukraine getragen würde. Dabei sollten Millionen von Ukrainern dem Hungertod preisgegeben oder versklavt werden. Das war es, wofür deutsche Soldaten kömpften, aber ich glaube nicht, dass viele Deutsche das in Erinnerung haben.

FAS: Dem ukrainischen Botschafter hat ein deutscher Minister am ersten Tag des Krieges angeblich gesagt: Warum sollten wir euch helfen, wenn es euch in drei Tagen eh nicht mehr gibt?

Snyder: Und wegen dieser Fehlwahrnehmung müssen die Ukrainer heute ein absurdes Ausmaß von Leid ertragen. Aber niemand sollte einen Völkermord ertragen müssen, nur um seine Existenz zu beweisen. Die Deutschen hätten die Pflicht gehabt, das schon vor dem 24. Februar 2022 zu verstehen.

FAS: Und trotzdem haben Sie neulich geschrieben: „Deutschland ist die wichtigste Demokratie Europas, vielleicht sogar der Welt.“ Warum?

Snyder: Sehen Sie sich andere große Demokratien an. Amerika zum Beispiel ist zwar mächtiger als Deutschland, aber seine Demokratie ist schwächer. Wir haben gerade erst eine versuchten Putsch gehabt, und vielleicht kommt bald der nächste. Die Deutschen sollten nicht überrascht sein, wenn bald ganz neue Aufgaben auf sie zukommen.

FAS: Soll also wieder mal am deutschen Wsen die Welt genesen?

Snyder: Die Deutschen sollten so etwas nicht herumposaunen. Aber die deutsche Demokratie ist wichtig. Die EU ist ohne das demokratische Deutschland undenkbar. Für Berlin heißt das: Die Zeit ist vorbei, in der man sich die Welt vom Spielfeldrand aus anschauen konnte. Und für die Ukraine hat Deutschland als gewesene Kolonialmacht mehr Verantwortung als jeder andere Staat der westlichen Welt.

3888: Kroatien bekommt den Euro.

Donnerstag, Juni 2nd, 2022

Kroatien ist seit einigen Jahren glücklicherweise Mitglied der EU. Mehr Europa als dort geht seit Joseph Roths „Radetzkymarsch“ nicht. Nun bekommt das Land zum 1.1.2023 den Euro und wird damit 20. Mitglied der Währungsunion. Das ist sehr gut so. Die EU-Kommission hat die dazu erforderliche positive Bewertung abgegeben. Nach der Meinung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dient das Kroatiens Wirtschaft und dem Euro (SZ 2.6.22).

EU und Nato müssen unbedingt bestrebt sein, alle Balkan-Staaten in Europa zu integrieren. Dazu bedarf es auch wirtschaftlicher Unterstützung. Ansonsten würden die bekannten Despotien (Russland, Türkei, Iran) zu viel Einfluss auf dem Balkan gewinnen.