Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3868: Günter Wallraff unterstützt Julian Assange.

Dienstag, Mai 17th, 2022

Der Investigativ-Reporter Günter Wallraff, 79, der sich um den deutschen Journalismus schon mehrfach verdient gemacht hat, obwohl er Kommunist ist, u.a. als Mitarbeiter von „Bild“. setzt sich in einem „taz“-Interview mit Michael Sontheimer für den australischen Journalisten Julian Assange ein, den Begründer von Wikileaks.

taz: Sie selbst haben jahrelang ausbeuterische Arbeitsverhältnisse enthüllt wie auch den Zynismus der ‚Bild‘-Redaktion. Wie sehen Sie ihre journalistische Praxis im Vergleich zu der von Wikileaks?

Wallraff: In einem Aspekt steht mir Assange sehr nahe. Es geht darum, Dinge aufzudecken, die mächtige Interessen verheimlichen. Wobei er in die politischen Machtzentren eindringt, zum Beispiel ins Hauptquartier der CIA, und ich mich nach unten Situationen aussetze, die verborgen bleiben sollen. Assange macht es im Großen, ich im Kleinen.

taz: Hat er deshalb wesentlich schärfere Konsequenzen zu ertragen als Sie?

Wallraff: Auf jeden Fall. Ich kann mich nicht beklagen. Ich wurde in Deutschland zwar von Geheimdiensten überwacht, musste aber für meine Aktionen nie ins Gefängnis. Das passierte in anderen Ländern, etwa in Griechenland zur Zeit der Militärdiktatur. Hier leben wir in einem Rechtsstaat. So hat der Bundesgerichtshof meine Recherchemethoden auch gegen einen übermächtigen Gegner wie den Springer-Verlag in der sogenannten Lex Wallraff mit der Begründung bestätigt: Gehlt es um gravierende Missstände, hat die Gesellschaft ein Recht, darüber informiert zu werden, auch wenn diese Informationen durch Täuschung erlangt wurden.

3864: Polen lenkt ein.

Montag, Mai 16th, 2022

Die polnische Regierung hat signalisiert, sich mit der EU über Rücknahme einzelner Justizreformen einigen zu wollen. Dann können die Euro-Milliardenfür den Corona-Aufbau-Fonds fließen. Die umstrittene Disziplinarkammer für Richter soll aufgelöst werden. U.a. dadurch war die Unabhängigkeit der Justiz in Polen quasi abgeschafft worden. Der EuGH verurteilte die Disziplinarkammer als rechtswidrig. Viele Europaparlamentarier beurteilen die Zugeständnisse der polnischen Regierung als völlig unzureichend (VGR, SZ 16.5.22).

3860: EZB kündigt Leitzinserhöhung für Juli 2022 an.

Donnerstag, Mai 12th, 2022

Die EZB kündigt für Juli eine Leitzinserhöhung an. Die Inflationsraten steigen seit über einem Jahr. In den USA und Großbritannien haben die Notenbanken bereits die Zinsen erhöht. In der Eurozone lag die Inflationsrate im April 2022 bei 7,5 Prozent. Weit oberhalb der Marke von zwei Prozent, die sich die EZB als Obergrenze gesetzt hat. Hohe Inflationserwartungen können zu einer gefährlichen Lohn-Preis-Spirale führen. In Deutschland liegt die Teuerungsrate bei 7,4 Prozent, dem höchsten Stand seit 1981. Hauptsächlich wegen des Anstiegs der Energiepreise.

Die EZB hatte den Leitzins seit 2016 bei null Prozent gehalten. Bereits 2014 hatte die Institution begonnen, den Einlagezins der Banken in den negativen Zins zu bringen. Der Satz liegt bei 0,5 Prozent, was die Kreditwirtschaft auf die Kunden umlegt (Markus Zydra, SZ 12.5.22).

3858: Die dritte Bundesrepublik

Mittwoch, Mai 11th, 2022

1. Die erste Bundesrepublik war am Ende dadurch gekennzeichnet, dass Helmut Kohl davon sprechen konnte, dass der nächste russische Panzer nur wenige hundert Kilometer von seinem Schreibtisch entfernt stehe.

2. Die zweite haben wir Michael Gorbatschow zu verdanken mit der Wiedervereinigung. Deswegen wird er von den Russen so gehasst.

3. Die dritte, nun kommende, verdanken wir dem Massenmörder Putin, der uns die Realität vor Augen geführt hat. Wenn wir uns nicht verteidigen, übernimmt er das Kommando.

4. Die Illusionen der Ära Merkel sind zerstoben.

5. Eine Zeit lang erschien es ja – perverserweise – beinahe so, als seien wir vor Donald Trumps irrsinniger Politik durch einen verlässlichen Partner in Moskau geschützt.

6. Wenn deutsche Intellektuelle in Talkshows den ukrainischen Botschafter belehren, dann lernen wir daraus, wie es nicht geht.

7. In der ersten Bundesrepublik schien es so, als sei ein Mensch dann zufrieden, wenn er materiell abgesichert und privat gut aufgehoben war. Mit Werten und Trieben wollte man sich nicht befassen. Ein Fehler.

8. Es ist für Russland klassischerweise so, dass den jeweiligen Despoten die Zukunft ihrer Landsleute vollkommen gleichgültig ist. Und diese stimmen dem dann noch zu.

9. Die dritte Bundesrepublik wird wegen der hohen Kosten für die Bewältigung der großen aktuellen Aufgaben ärmer werden.

10. Die Superreichen auf der ganzen Welt, darunter die russischen Oligarchen, müssen demokratisch an die Kandarre genommen werden.

(Nils Minkmar, SZ 11.5.22)

3855: Sloterdijk: „Baerbock und Habeck tragen … die graue Kutte der Machtpolitik.“

Montag, Mai 9th, 2022

Der Philosoph Peter Sloterdijk, 74, von dem ich fürchte, dass zu viele Menschen ihn nicht verstehen, hat ein Buch über die Farbe grau geschrieben. Im Gespräch mit Peter Neumann (Zeit 28.4.22) kommt er auf die Bedeutung des Grauen für die Politik der Grünen zu sprechen. Er sagt:

„Baerbock und Habeck tragen ab jetzt die graue Kutte der Machtpolitik. Die Grünen müssen gerade etwas nachvollziehen, was im innerparteilichen Streit mit dem Realo-Flügel seit jeher für Spannungen gesorgt hat. Die Reinheit der Farbe lässt sich nur wahren, wenn man im programmatischen Stadium verharrt. Dann genießt man noch die Ohmacht und die Reinheit. Sobald jemand nach den Hebeln der Macht greift, färbt das Praxisgrau ab. Bei grünen Politikern kommt es unweigerlich zu einer Grün-Grau-Verschiebung, so wie es im 20. Jahrhundert zu der epochalen Rot-Grau-Verschiebung kam, von der ich im Buch im Blick auf die DDR und die Sowjetunion ausführlich spreche.“

3854: Die Doktorarbeiten von Mathias Doepfner (Springer) und Martin Huber (CSU)

Montag, Mai 9th, 2022

Die Doktorarbeiten von Doepfner (Vorstandsvorsitzender von Springer) und Huber (Generalsekretär der CSU) sollen gefälscht sein. Das wird jetzt überprüft.

3853: Neuer Dokumentarfilm über Sigmund Freud

Sonntag, Mai 8th, 2022

Von Billie Wilder ist die Anekdote überliefert, wie er 1926 als Berliner Journalist Sigmund Freud in der Berggasse 19 interviewen wollte und direkt herauskomplimentiert wurde. Freud mochte wohl keine Journalisten. Daraus machte Wilder den Satz, dass Freuds ganze Theorien auf der Analyse sehr kleiner Leute beruhte. Ein Gespräch zwischen Sigmund Freud und Billie Wilder wäre natürlich Pflichtlektüre auf der ganzen Welt geworden. Dass Freud als Erzähler (mindestens in Schriftform) ein großer Entertainer war, bestreitet heute keiner mehr.

Der französische Dokumentarist David Teboul verwendet in seiner Dokumentation („Sigmund Freud, un Juif sans Dieu“, 2020, 97 Minuten) nur Originalquellen. Sehr viel Neues hat er trotzdem nicht zu bieten, dazu ist Freud zu gut erforscht und dokumentiert. Die legendäre 1.000-seitige Biografie von Peter Gay bleibt unübertroffen. Und Anna Freud bekommt in Tebouls Film die ihr zustehende große Rolle. Es wird gezeigt, dass Freud sehr auf den Zeitgeist bezogen agierte. So erschien die „Traumdeutung“ erst 1900, obwohl sie vorher fertig war, weil Freud sich bewusst war, dass damit eine neue Epoche eingeleitet wurde. Wie recht er hatte. Der Film enthält beeindruckende Dokumente des späten, bereits nach London emigrierten Freud. Dabei spielen auch seine Zigarren die gebührliche Rolle. Und der Gaumenkrebs, der einen Verwesungsgeruch verströmte, der sogar Freuds geliebten Hund Yofie abschreckte (David Steinitz, SZ 5.5.22).

3850: Offener Brief für Waffenlieferungen an die Ukraine

Donnerstag, Mai 5th, 2022

In einem offenen Brief ermutigen zahlreiche Literaten, Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Lieferung von Waffen an die Ukraine. In dem Schreiben heißt es:

„Auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für ihre klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen ‚Nie wieder‘ ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.“

U.a. haben bisher unterschrieben:

Gerhart Baum, Marieluise Beck, Maxim Biller, Marianne Birthler, Mathias Döpfner, Michel Friedman, Ralf Fücks, Rebecca Harms, Wolfgang Ischinger, Wladimir Kaminer, Dimitrij Kapitelman, Daniel Kehlmann, Gerald Knaus, Gerd Koenen, Ilko-Sascha Kowalczuk, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Sascha Lobo, Ahmad Mansour, Marko Marin, Jagoda Marinic, Carlo Masala, Markus Meckel, Eva Menasse, Herta Müller, Armin Nassehi, Hedwig Richter, Karl Schlögel, Peter Schneider, Constanze Stelzenmüller, Sebastian Turner, Marina Weisband, Deniz Yücel. Und viele andere.

Unterschreiben kann man: http://www.change.org/KanzlerfuerUkraine   !!!

3848: Harari: Russland hat bereits verloren.

Mittwoch, Mai 4th, 2022

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari (Hebräische Universität Jerusalem) gilt als Wunderkind unter den Geschichtswissenschaftlern. In einem Interview mit Christian Staas (Die Zeit, 21.4.22) äußert er sich erfrischend offen zum russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Wünschenswert wäre es, dass sich einige unserer Hilfs-Intellektuellen davon mehr zu eigen machen würden. Damit aber ist nicht zu rechnen:

„Russland .. hat sich nach 1991 von einem militärischen Abenteuer ins nächste gestürzt, in Tschetschenien, Georgien und Syrien oder bei der Annexion der Krim. Doch diese Kriege haben Russland nicht wirklich groß gemacht. Russland ist eine zweitrangige Macht mit einer scheiternden Wirtschaft. Imperiale Kriege lohnen sich nicht mehr.“

„Russland ist im Grunde nichts anderes als eine Tankstelle mit Atomwaffen. Entscheidend im internationalen Wettstreit aber sind Wissensressourcen und Technologien, die man sich nicht mit Panzern aneignen kann. Man kann eine Ölquelle gewaltsam in Besitz nehmen, aber es wäre zwecklos ins Silicon Valley einzumarschieren, um das dortige Know-how zu erobern.“

„Das Wichtigste ist, dass der Westen zusammensteht. Solange Europa, die USA und die Demokratien Asiens geeint sind, ist der Westen der mit Abstand mächtigste Akteur – stärker als China, stärker als Russland ohnehin, dessen Wirtschaftsleistung unterhalb der italienischen liegt. Entscheidend allerdings für den Zusammenhalt des Westens wird sein, dass er die Kulturkriege zwischen links und rechts und zwischen Liberalen und Konservativen beendet, die ihn zu zerreißen drohen.“

„Europa sollte sich nach dem Krieg mit allen Mitteln für die Ukraine engagieren, das Land wieder aufbauen, es politisch konsolidieren, an Europa anbinden und helfen, es in eine propsperierende Demokratie zu verwandeln. Den Ukrainern jetzt schon diese Perspektive zu eröffnen, halte ich für äußerst wichtig. Das wird sie in ihrer Entschlossenheit stärken, und es wird sich als der beste Schutz Europas gegen ein diktatorisches Russland erweisen.“

„Wenn China sich aktiv an Putins Seite stellt, steuern wir auf neuen kalten Krieg zu, zu dessen ersten Opfern Russland selbst gehören dürfte. Es wird sich in einen chinesischen Satelliten verwandeln. Wenn die chinesische Führung vernünftig agiert, wird sie erkennen, dass es sich nicht auszahlen wird, einen Krieg zu unterstützen, dessen globale ökonomische und politische Folgen auch Chinas Wohlstand und Ansehen in Mitleidenschaft ziehen können. China hat viel zu verlieren.“

 

3846: Brigitte Berendonk 80 Jahre alt

Dienstag, Mai 3rd, 2022

Brigitte Berendonk war die erste prominente Aufklärerin über Doping in der Bundesrepublik Deutschland. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gehörte sie als Kugelstoßerin und Diskuswerferin selbst der Weltspitze an. Sie war 1958 mit der Familie aus der DDR geflohen. 1969 erschien ihr Aufsatz „Züchten wir Monstren? – Die hormonale Muskelmast“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Bei den Olympischen Spielen 1968 waren ihr die massiven körperlichen Veränderungen bei ihren Konkurrentinnen aufgefallen. Bis heute glaubt sie nicht an eine wirkliche, durchgreifende Verbesserung. „Einige erfolgsgierige Menschen sind nach wie vor auf dem falschen Weg.“ Auch heute noch müssten saubere Athleten gegen Betrüger antreten. Vielen, auch deutschen Funktionären wirft sie „Halbherzigkeit“ und „Opportunismus“ vor.

Die Oberstudienrätin für Englisch und Sport hat mit ihrem Mann, dem Molekularbiologen Werner Franke, unzählige Daten und Fakten zum Dopingbetrug gesammelt. 2004 bekamen sie dafür das Bundesverdienstkreuz. Berendonks möglicherweise größte Leistung war es, nach der Wiedervereinigung die streng geheimen DDR-Doping-Dissertationen und Forschungsarbeiten aus der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow vor dem Schreddern zu bewahren. 1991 erschien ihr Buch „Doping – von der Forschung zum Betrug“.

„Wer wissen will, was war, der kann es nachlesen.“

(Thomas Purschke, taz 2.5.22)