Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3439: „Panorama“ wurde schon immer von der Union angegriffen.

Mittwoch, Juni 9th, 2021

„Panorama“ wird 60 Jahre alt und steht in der beachtlichen Reihe politischer Magazine von ARD und ZDF („Monitor“, „Report München“, „Report Baden-Baden“, „Kontraste“, „Fakt“, „Frontal“) gut da. Unumstritten war die Sendung nie. Hauptsächlich wurde sie von der Union angegriffen, obwohl die Redaktionsleiter durchaus verschiedene politische Farben trugen:

Gert von Paczensky, Rüdiger Proske, Joachim Fest, Peter Merseburger.

„Nach der gestrigen ‚Panorama‘-Sendung scheint kein Zweifel mehr daran zu bestehen, dass ihre öffentlich-rechtliche Anstalt nunmehr dazu übergegangen ist, wohl angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl, offen, unverhüllt und frech Wahlpropaganda für die Linke zu betreiben. (…) Darf ich fragen, woher sie den traurigen Mut hernehmen, für eine solche Fülle von Gemeinheiten auch noch höhere Zwangsgebühren zu verlangen?“ Das klingt nach Sachsen-Anhalt 2021, stammt aber aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 1969. Die Union hatte schon damals Ossi-Qualitäten (wie Haseloff).

Der gegenwärtige „Panorama“-Redaktionsleiter (seit 2009) Volker Steinhoff (ausgebildet an der Georgia Augusta) verweist darauf, dass solche Angriffe für „Panorama“ nichts Besonderes seien. Beim ersten NDR-Fernseh-Chefredakteur, Gert von Paczensky, forderte „Bild“ 1963 „Der Spitzbart muss weg.“. Diese prinzipiell gegen den SED-Generalsekretär Walter Ulbricht gerichtete Formel ließ sich in der Meinung von „Bild“ gut auf Paczensky anwenden. 1971 schaltete August von Finck senior, ein ehemaliger Hitler-Bewunderer, eine zweiseitige Anzeige gegen „Panorama“. Heute finanziert er zum Teil die Eskapaden von Peter Gauweiler (CSU) gegen Europa. Das liegt alles auf einer Linie.

Ein Artikel in der „Bild“-Zeitung bewirkte, dass ein bereits abgenommener „Panorama“-Film, in dem eine Abtreibung zu sehen war, nicht gesendet werden durfte. Das erinnert uns an Polen 2021. Franz-Josef Strauß (CSU)  bezeichnete den NDR als „Reichsfernsehkammer“. Das ist heute alles wie gehabt (René Martens, taz 4.6.21). Haseloff lässt grüßen.

 

3438: Die Universitäten sind schuld an den Plagiatsaffären.

Dienstag, Juni 8th, 2021

1. „Der Doktorgrad ist beschädigt. Den einen ist er zum Signum karrieregeiler Hochstapler und halbseidener Schummlerinnen geworden, anderen war die Titelhuberei immer schon Ausdruck intellektueller Überheblichkeit.“

2. „Schuld an dieser Entwicklung sind zwei Gruppen. Zunächst natürlich die Plagiatoren selbst: Karl Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, Franziska Giffey und andere. … Und dann die Universitäten, sie haben der schleichenden Degradierung ihres wichtigsten Grades jahrelang zugesehen. Das gilt insbesondere für die

medizinischen und juristischen,

auch für einige philosophische Fakultäten.“

3. „Warum die eine ihren Doktortitel behalten durfte

(wie Ursula von der Leyen),

der andere ihn aberkannt bekam, der nächste ihn freiwillig zurückgab? Unklar. Warum die Ex-Doktoranden angeklagt wurden, betreuende Professorinnen aber nicht? Man weiß es nicht.“

4. „In der Öffentlichkeit sind die Universitäten nicht als souveräne Institutionen aufgetreten, die hohe wissenschaftliche Standards verteidigen.“

5. „Keine Universität war dabei so überfordert wie die FU Berlin. Seit 27 Monaten versucht das Präsidium, zu einem Schluss in Sachen Giffey zu kommen. … Die Universität hat sich auf ihre Binnenperspektive beschränkt, als sei die interessierte Öffentlichkeit lästig, als sei man keine Transparenz schuldig.“

6. „Die meisten Promotionen dauern Jahre, erfordern Ausdauer, kosten Nerven, sind schlecht bezahlt. Sie bringen am Ende hochqualifizierte Arbeitnehmer hervor. Oder einen Impfstoff: …“

7. „Den Zweifel an der redlichen Promotion auszuräumen, ist Aufgabe der Universitäten: …“

8. „Ein Rückzug der Universitäten nach innen wirkte hierzulande nach den öffentlichen Plagiatsdramen wie eine Bestätigung des Vorurteils, dass der Doktortitel ja doch vor allem ein Statussymbol ist.“

(Anna-Lena Scholz, Die Zeit 27.5.21)

3437: Drosten: Sars-Cov-2 wohl von Pelztieren

Montag, Juni 7th, 2021

Der Berliner Virologe, Prof. Dr. Christian Drosten, hält Pelztierfarmen für den Ursprung von Sars-Cov-2. Er begründete das mit dem Coronavirus Sars-1, das vor knapp 20 Jahren von China aus zu einer Infektionswelle geführt habe und weltweit etwa 800 Todesopfer forderte. Sars-1 stamme aus Marderhunden oder Schleichkatzen und sei mit Sars-Cov-2 eng verwandt. Es handle sich um eine Hypothese.

In China würden Marderhunde in großem Stil für Pelze gezüchtet. Dabei würden auch wilde Marderhunde in die Zuchtbetriebe gebracht. Sie könnten zuvor Fledermäuse gefressen haben, die als Ursprung von Sars-Cov-2 gelten. „Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen. Die stoßen Todesschreie aus und brüllen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich der Mensch mit dem Virus anstecken.“ (dpa, SZ 7.6.21)

3433: Es geht der Falsche.

Samstag, Juni 5th, 2021

Das Rücktrittsgesuch von Reinhard Kardinal Marx wird in der katholischen Kirche mit Respekt und Bedauern zur Kenntnis genommen. In seinem Brief an den Papst vom 21. Mai hatte er geschrieben: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“ Es habe viel persönliches Versagen gegeben, aber auch und vor allem systemisches.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, bedauert den Schritt von Kardinal Marx. Das Rücktrittsangebot mache deutlich, dass die Kirche in Deutschland den begonnenen Synodalen Weg fortsetzen müsse. Der Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Thomas Sternberg, sagte: „Es geht der Falsche.“ Marx hatte im Prozess der Aufarbeitung der Katastrophe des sexuellen Missbrauchs eine wichtige Rolle gespielt. Der Sprecher der Betroffeneninitiative, Matthias Katsch, sagte: „Marx hat verstanden, dass diejenigen, die den Karren in den Dreck gezogen haben, ihn nicht zugleich wieder rausziehen können.“ (tja./tobs., FAZ 5.6.21)

Joachim Käppner (SZ 5./6.6.21) nimmt sich die katholische Kirche systematischer und analytischer vor. Die Zivilgesellschaft und die katholische Kirche seien sich so fremd wie nie zuvor. Die Gläubigen ließen sich heute nicht mehr bevormunden und missbrauchen, sie forderten eine Erneuerung, Reformen, einen Wandel an Haupt und Gliedern. Es gehe um die Institution Kirche als Ganzes, von der Reinhard Kardinal Marx eine weltoffene Leitfigur gewesen sei.

Es ist typisch, dass diejenigen, die als erste grundlegende Einsichten haben und auf substanzielle Verbesserungen ausgehen, manchmal als erste resignieren („toter Punkt“), während die eigentlichen Reaktionäre und Beschädiger der Kirche bleiben. Die Kirche wird sich damit selbst zur größten Bedrohung. Und demokratische Strukturen für die Verbesserung besitzt sie nicht. Sie behandelt Frauen wie Unmündige und hält mit dem Zölibat an einem vormodernen Gebot fest, das nicht der Bibel entspringt, sondern einer Fundamentalistenbewegung des Mittelalters.

3432: Wie rechts ist der Osten ?

Freitag, Juni 4th, 2021

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Marco Wanderwitz (CDU, 1975 in Chemnitz geboren), bescheinigte den Ostdeutschen „gefestigte nichtdemokratische Ansichten“. Sie seien „teilweise in einer Weise diktatursozialisiert, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen“ sind. Von den AfD-Wählern sei nur ein geringer Teil „potentiell rückholbar“. Es bleibe das Hoffen „auf die nächste Generation“.

So kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni 2021 hören das die Wahlkämpfer nicht gerne.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch forderte von Wanderwitz, seine Aussagen zurückzunehmen und sich bei den Ostdeutschen zu entschuldigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) meinte, Wanderwitz habe „Probleme angesprochen, die uns alle Sorgen machen“. Es sei natürlich „beschwerlich, dass Menschen sich von unserer Demokratie abwenden“. Sie werde sich aber „nie damit abfinden, dass man das als gegeben hinnimmt“.

Die Ministerpräsidenten von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD), und Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD) kritisierten Wanderwitz. Woidke störte sich insbesondere an dem Begriff „diktatursozialisiert“. „Wir dürfen es uns in der Politik nicht so leicht machen, Menschen abzuschreiben, weil sie vielleicht andere Auffassungen haben als wir.“ (Nico Fried, SZ 4.6.21)

Die Lage ist schwierig: Marco Wanderwitz hat zwar recht, aber die Wahlkämpfer müssen die Stimmen der Ostdeutschen gewinnen.

3430: In der Literatur über die DDR fehlen die Mitläufer.

Dienstag, Juni 1st, 2021

Felix Stephan macht in einem sehr gut durchdachten Beitrag (SZ 31.5.21) darauf aufmerksam, dass in der Literatur über die DDR die Mitläufer fehlen. Es kommen vor die überzeugten Täter (SED und nationale Front) und die Menschen im Widerstand, aber nicht die Mitläufer. Sie machen in jeder Gesellschaft den Löwenanteil aus, ohne sie geht gar nichts. Deswegen dürfen sie gerade in der Literatur nicht fehlen.

Nun gibt es ja viele Romane über die DDR, darunter sehr überzeugende. Felix Stephan nennt dafür die folgenden Autoren: Ines Geipel, Lutz Seiler, Alexander Osang, Helga Schubert, Eugen Ruge und Uwe Tellkamp. Das trifft zu. Was fehlt, sind Auseinandersetzungen über die persönliche Verantwortung. „Von den Einverstandenen und den Profiteuren, den Passiven und den Karrieristen ist in den DDR-Erzählungen der Nachwende kaum die Rede.“ Das betrifft breite Bevölkerungsschichten. Die Stasi (180.000 Mitarbeiter) hatte 1989 nur noch 2.500 Menschen als organisierte Widerständler registriert. Vorherrschend waren die Kollaborateure.

„Die allermeisten DDR-Bürger haben sich jahrzehntelang für die Anpassung entschieden, in der ostdeutschen Nachwendeliteratur jedoch tauchen sie kaum auf.“ In der Vereinigung haben sie „Erniedrigungen“ erfahren: Arbeitslosigkeit, Ausverkauf, Abwanderung. In der Literatur musste der Markt bedient werden, der vorwiegend aus westdeutschen Lesern bestand. Nach 1945 waren es gerade Karl Jaspers und Hannah Arendt gewesen, die sich mit der persönlichen Verantwortung der Mitläufer auseinandersetzten. Sie untersuchten die Formen der Verdrängung.

„Ist man unausgesprochen übereingekommen, dass die Verbrechen, die innerhalb des staatlichen Legitimationsrahmens der DDR begangen wurden – die Mordanschläge, die Zersetzung, die willkürlichen Verhaftungen – zwischen dem Holocaust, den Demütigungen durch die Treuhand und dem neu erwachten Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte verblassen? Oder hat man es hier doch mit einer vorbewussten Auslassung zu tun, liegt hier nicht doch eine Wunde offen?“

3429: Grüne: Höherer Spritpreis und Tempolimit 130 km/h

Dienstag, Juni 1st, 2021

Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock teilte mit, dass die Partei eine weitere Erhöhung des Spritpreises und auf Autobahnen ein Tempolimit von 130 km/h will. Das ist wenig überraschend. „Sechs Cent Preiserhöhung gab es jetzt zum Jahresbeginn, weil erstmals auch ein CO2-Preis auf Benzin eingeführt worden ist. Wir sagen, dass das schrittweise weiter angehoben werden muss auf .. 16 Cent, …“ Beim Tempolimit von 130 km/h sind sich die Grünen mit der SPD einig (SZ 1.6.21).

3428: Marx-Engels-Forum – ein deutscher Platz

Montag, Mai 31st, 2021

Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) sind zwei einmalige deutsche Philosophen und Politiktheoretiker. Man kann sie leicht abwürgen, wenn man sie für den realen Sozialismus verantwortlich macht. Aber dafür sind de facto mit Wladimir I. Lenin (1870-1924) und Josef W. Stalin (1878-1953) ein Russe und ein Georgier (Grusinier) hauptverantwortlich (Sie stehen für die seit Zarenzeiten rückständige russische politische Kultur, die wir heute in den Personen Waldimir Putin und Alexander Lukashenko wiedererkennen). Die DDR wurde gegründet noch ganz unter den stalinistischen (1929-1956) Vorzeichen. Dafür konnten die deutschen Kommunisten nichts.

Sie haben sich dann bemüht, Marx und Engels gerecht zu werden. Weil diese beiden weltweit vereinnahmt wurden, war das gar nicht leicht. Immerhin kam es dann 1986 mitten in Berlin zur Eröffnung des Marx-Engels-Forums zwischen dem Palast der Republik und dem Alexanderplatz mit einem Denkmal für Marx (sitzend) und Engels (stehend). Der hatte schon einen Ausreiseantrag gestellt (entsprechende Witze wurden von unseren Berlinern gerissen). Mit knapp vier Metern hatte das Monument eine angemessene Dimension, verweigerte den Titanismus der totalitären Denkmale. Die Ostberliner mochten das Marx-Engels-Forum (seinerzeit hieß die S-Bahn Station „Hackescher Markt“ auch noch „Marx-Engels-Forum“).

Mit der Vereinigung kam dann die (privat initiierte) preußische Rückbesinnung mit Schloss und allen entsprechenden Schikanen. Heute das Humboldt-Forum. Wo gerade die Bearbeitung der umfangreichen Raubkunst glatt in die Hose geht. 2010 wurde das Marx-Engels-Denkmal Unter den Linden gegenüber dem Berliner Dom versetzt. Dort hat es anscheinend einen würdigen und geeigneten Platz auf Dauer gefunden. Und in der Mitte unserer Hauptstadt charakterisiert eine bunte Mischung aus Bauwerken das Zentrum (Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert, Neptunbrunnen, das Rote Rathaus, der Berliner Regierungssitz, ein Denkmal Martin Luthers, der 1969 eingeweihte Fernsehturm). Lassen wir es so. Damit unsere Gäste ein Bild von der Vielfalt deutscher Geschichte bekommen.

3427: Sachsen-Anhalt: CDU vor AfD

Sonntag, Mai 30th, 2021

Die Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni haben bei der Forschungsgruppe Wahlen (a) und bei Infratest dimap (b) folgendes Ergebnis:

CDU 29/28, AfD 23/24, Linke 11/10, SPD 11/10, Grüne 9/9, FDP 8/8.

Das entspricht weithin dem Wahlergebnis von 2016. Eine „Kenia-Koalition“ (CDU, SPD, Grüne) wäre möglich. Eventuell auch eine „Deutschland-Koalition“ (CDU, SPD, FDP). Mit der Arbeit von Ministerpräsident Reiner Haseloff sind 66 Prozent zufrieden, mit 93 Prozent ist er der bekannteste Politiker des Landes (bln, FAZ 29.5.21).

3426: Stefan Aust 75: Hauptsache, nonkonformistisch

Sonntag, Mai 30th, 2021

Stefan Aust wird 75. Er hat veröffentlicht

„Zeitreise. Die Autobiographie.“ Piper, 656 Seiten, 26 Euro.

Darin lässt er sein journalistisches Leben Revue passieren. Es begann bei „konkret“ und den „St.Pauli Nachrichten“, ging über den NDR und Spiegel TV zur Chefredaktion des „Spiegels“ (1994-2008). Heute ist Aust Herausgeber der „Welt“ im Springer Verlag. Stefan Aust hatte Ulrike Meinhofs Zwillingstöchter aus Sizilien zurück zum Vater, Klaus Rainer Röhl, nach Hamburg geholt. Seine großen Recherchen waren der RAF und dem NSU gewidmet, dem Bernsteinzimmer und Uwe Barschel.

Für die „Zeit“ haben Kathrin Gilbert und Stefan Schirmer Aust interviewt (27.5.21), für die FAS Julia Encke und Tobias Rüther (30.5.21):

Aust: Ich leugne nicht den Klimawandel, sondern hinterfrage die Erklärung dafür kritisch. Ich wäre durchaus bereit, meine Position zu ändern, bloß sehe ich im Augenblick nicht, dass ich das müsste. …

Viele Debatten sind mir zu moralisch und vor allen Dingen politisch aufgeladen. Es geht doch um die simple Frage: Wie wichtig ist CO2 für den Klimawandel? Da gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Und es muss doch möglich sein, auf diese anderen Erklärungen hinzuweisen, ohne in die rechte Ecke gedrängt zu werden.

Zeit: Schon in den Neunzigerjahren haben Sie beim ‚Spiegel‘ eine Polemik über ‚Gutmenschen‘ zur Titelstory gemacht: ‚Feldzug der Moralisten‘. Autor war

Henryk M. Broder,

ihr Bekannter seit Jugendtagen, der heute auf dem von ihm mitgegründeten Blog ‚Die Achse des Guten‘ versucht, populären Mythen auf den Grund zu gehen.

Aust: Ich erinnere mich gut. Die deutsche Belehrungskultur hat mich schon damals gestört. Ich wurde ja in den Sechzigerjahren geprägt und war schon damals weder ein Anhänger der Freigabe von Marihuana – obwohl ich auch mal einen Joint geraucht hatte – , noch konnte ich etwas mit ‚Stricken für den Frieden‘ anfangen. Und dann habe ich gesehen, wie langjährige Bekannte auf einmal zu

Bhagwan

gingen, andere zur

DKP

und die Dritten zu den

Maoisten.

Alles nicht mein Ding. Leute, die mir früher vorhielten, ich sei nicht links genug, sitzen heute im Gefängnis, weil sie den Holocaust leugnen (Horst Mahler, W.S.).

Aust: Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass dieses Land nicht mehr gut funktioniert. Es wundert mich gar nicht, dass die Regierung in der Corona-Krise unfähig war, Masken zu besorgen oder die Bevölkerung schnell zu impfen.

Zeit: Ist es Ihnen egal, ob sie als links oder rechts gelten, Hauptsache, nonkonformistisch?

Aust: Das ist mir das Wichtigste. Ich möchte mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich denken darf.

Zeit: Sie kritisieren Angela Merkels Flüchtlingspolitik hart. Was wäre die Alternative gewesen?

Aust: Es wäre richtig und notwendig gewesen, an den Grenzen illegale Einwanderer zurückzuschicken.

Aust: … ich war weder der politische Aktivist noch jemand, der größere politische Vorträge halten wollte. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich kein großer Anhänger des Sozialismus bin.