Mitglieder der katholischen Düsseldorfer Gemeinde St. Margareta wollen nicht, dass Kardinal Rainer Maria Woelki zur Firmung kommt. Bei der Firmung salbt der Bischof in einer feierlichen Zeremonie die Jugendlichen mit Chrisam-Öl und spricht ihnen den heiligen Geist zu. In der Gemeinde waren früher zwei Priester tätig, denen Übergriffe vorgeworfen werden. Einen kannte Woelki aus Jugendtagen, den anderen beförderte er sogar. Inzwischen ist das Vertrauen vieler Gläubiger in die Kirchenleitung nachhaltig zerstört. „Wie lange will Woelki so weitermachen? Der Vorgang zeigt, dass er keine Autorität mehr hat. Nur noch Macht.“ (Annette Zoch, SZ 25.5.21)
Archive for the ‘Philosophie’ Category
3419: Kardinal Woelki: ausgeladen
Mittwoch, Mai 26th, 20213418: Lukashenko agiert für Putin.
Dienstag, Mai 25th, 2021Belarus ist alleine nicht wirtschaftlich überlebensfähig. Es kriegt riesige Subventionen aus Russland. Verlässlich. Und ebenso verlässlich agiert der belarussische Diktator Alexander Lukashenko für den russischen Diktator Wladimir Putin. Bis hin zum organisierten Staatsterrorismus in Form von Flugzeugentführungen mit Hilfe von Kampfjets. Dies um so mehr, als er keine Mehrheit hat und Wahlen fälscht. Das ist bei diesen postsozialistischen Herren nichts Besonderes. Und Sanktionen sind ihnen hauptsächlich gleichgültig.
Ihre Macht erhalten sie mit Hilfe von Polizei, Geheimdienst und Militär, mit Gewalt also. Nach den gefälschten Wahlen in Belarus wurden Tausende friedliche Demonstranten gefoltert, führende Oppositionelle eingesperrt oder ins Ausland vertrieben. Eine freie Presse gibt es nicht. Alles wie in Russland.
Ob dies eine grün-rot-rote Bundesregierung (unter Einschluss der linken Russlandfreunde) erkennen und entsprechend darauf reagieren würde?
Und was ist eigentlich mit Nordstream 2?
3416: Lauterbach meldet 48.850 Euro nach.
Dienstag, Mai 25th, 2021Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat bei der Bundestagsverwaltung Nebeneinkünfte von 48.850 Euro nachgemeldet. 31.000 Euro erhielt er als Vorschuss für ein Buchprojekt. Der SZ (25.5.21) sagte er: „Sie glauben gar nicht, wie peinlich mir das ist. Das ist ein beschämender Vorgang.“ Vortragsgelder wolle er für Kinder in Indien spenden. Vor Lauterbach hatten die Grünen-Politiker Annalena Baerbock und Cem Özdemir Zahlungen nachgemeldet.
3415: Götz Aly über den Umgang mit Raubgut
Montag, Mai 24th, 2021Götz Aly hat schon häufiger gegen den Mainstream der Historiker gestanden. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit deutschem Raubgut aus der Südsee:
Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2021, 240 S.; 21 Euro.
Dazu interviewt ihn Ijoma Mangold in der „Zeit“ (12.5.21). Aly sagt:
„Wir verfügen in Berlin über etwa 65.000 Objekte aus der Südsee. Weit überwiegend sind sie auf räuberische oder unredliche Art zu uns gelangt. Das Luf-Boot, das einzige, das von Hunderten solcher Boote die Zeit überdauert hat, ist hier in Berlin konserviert. Es ist ein Stück Weltkulturerbe. Mit solchen Schiffen wurde die Südsee vor vielen tausend Jahren, als wir in Europa noch in Höhlen lebten, gezielt erschlossen. Wir haben es mit einer Hochkultur zu tun, davon legt das Boot Zeugnis ab. Die Umstände, unter denen es von einem deutschen Händler beschafft wurde, sind sehr, sehr unschön, sie beruhen auf Krieg, Ausrottung, Menschenverachtung und Rassismus. Aber das Luf-Boot ist nun einmal hier, Kuratoren haben dieses Prachtboot und tausende andere Objekt sorgfältig gepflegt – wir stehen bewundernd und neugierig davor. Was tun? Zunächst sollten wir uns – konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen.“
3414: Andrej Sacharow 100
Montag, Mai 24th, 2021Der Physiker, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1975, Andrej Sachacharow, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. In der Sowjetunon hatte er zunächst eine steile Karriere gemacht. 1947 absolvierte er seine Promotion und wurde in der Folge in den „militärisch-industriellen Komplex“ kommandiert, um an der Entwicklung der Atombombe mitzuwirken. Mit 32 Jahren 1953 wurde er jüngstes Mitglied in der Akademie der Wissenschaften. In dem Jahr zündete die UdSSR ihre erste Wasserstoffbombe.
Ab 1957 entwickelte sich Sacharow zum Rüstungskritiker. Mit guten Argumenten. Einer seiner Partner im Westen war Heinrich Böll. Sacharow verfasste viele Memoranden zur Abrüstung, Friedenspolitik und zur friedlichen Koexistenz. Er setzte sich für die Rückübersiedlung Russlanddeutscher nach Deutschland ein. Durch den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 fühlte Sacharow sich bestätigt. Er forderte die Welt zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 auf. Er wurde in Moskau auf der Straße verhaftet und in die Verbannung nach Gorki geschickt. Mit seiner Frau, Jelena Bonner, lebte er dort bis 1986, als Michail Gorbatschow an die Macht kam. 1989, in seinem Todesjahr, wurde er Abgeordneter der Duma. Auch hier noch äußerte er sich kritisch zur offiziellen Politik der UdSSR (Gerhard Gnauck, FAS 23.5.21).
3413: BBC
Sonntag, Mai 23rd, 2021„Für die BBC geht es jetzt um alles. Die British Broadcasting Corporation steht seit fast 100 Jahren für all das, was öffentlich-rechtlichen Rundfunk und guten Journalismus ausmacht: Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Trotz mancher Fehltritte erwuchs über die Jahrzehnte ein Vertrauen in die BBC, das nun zutiefst erschüttert wurde. Eine Untersuchung kam zu einem vernichtenden Urteil: 1995 kam das Interview mit Prinzessin Diana, einer der größten Scoops in der Geschichte der BBC, offensichtlich nur zustande, weil ein Reporter sich das Vertrauen mit gefälschten Dokumenten erschlich.
Dieser Betrug trifft die BBC in ihren Grundfesten. Ein Mitarbeiter hat gegen jene Leitlinien verstoßen, die den Granden der BBC stets heilig waren. Die Guidelines sind eine Art Glaubensbekenntnis, und darin heißt es: ‚Unser Publikum vertraut uns und erwartet von uns, dass wir uns an die höchsten redaktionellen Standards halten.‘ Es liegt jetzt an der BBC zu beweisen, dass dieser Satz trotz des Skandals noch gültig ist.
Einfach wird das nicht, denn einige der größten BBC-Kritiker sitzen in der Regierung. Und die wird den Skandal zum Anlass nehmen, das zu tun, was sie ohnehin vorhatte: die Macht der BBC beschneiden, womöglich die Rundfunkgebühr abschaffen und die Aufsichtsgremien nach ihrem Gusto besetzen. Die BBC muss um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Und damit um das, was sie so bedeutend gemacht hat: unbestechlichen und unparteiischen Journalismus.“ (Alexander Mühlauer, SZ 22./23./24.5.21)
3412: Bob Dylan 80 – auf ihn können wir nicht bauen.
Sonntag, Mai 23rd, 2021Der Dichter, Liedermacher und Folksänger Bob Dylan wird 80, Nobelpreisträger für Literatur ist er auch. Und trotzdem können wir auf ihn nicht bauen, was er möglicherweise von Bertolt Brecht gelernt hat. Sein Prinzip ist Distanz, Widerruf, Wechsel, systematisch erfüllt er unsere Erwartungen nicht. Vielleicht hat er auch gar nichts, das zu erfüllen ist.
Dabei hatte alles doch so schön fortschrittlich angefangen. Mit dem „Marsch auf Washington“ 1963, wo Martin Luther King uns mittteilte „I have a dream“. Die Kubakrise überlagerte alles andere. Barry McGuire meinte 1965 mit „Eve of Destruction“ den Weltuntergang. Gudrun Ensslin und Bernward Vesper sammelten Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe.
Bob Dylan inszenierte sich selbst. Mir erschien es manchmal so, als habe er von Politik gar keine Ahnung. Und sicher bin ich mir auch heute noch nicht. Er hatte von Bertolt Brecht gelernt. Vor allem aber 1965 in Newport die Gitarre eingestöpselt. Von da an war alles anders auf der Welt. „Like a Rolling Stone“. Dylan ging nach Nashville, wurde Zionist, dann Christ. Manchmal im eiligen Wechsel. Seinen Fans erschien er meist glaubwürdig. Er sang vor dem Papst und machte gleich danach Werbung für die Unterwäsche von „Victoria’s Secret“. Wie Willi Winkler schreibt (SZ 22., 23.24.5.21), hätte Bob Dylan 1966 bereits ausgesorgt gehabt, falls er Gottfried Benns Verdikt gefolgt wäre, dass der beste Dichter nicht mehr als nur fünf gute Gedichte zustandebringe.
Manche seiner ehemaligen Fans halten Bob Dylan vor, er sei nicht mehr der Protestsänger, der seine Stimme erhebt gegen das Unrecht in der Welt, der Partei nimmt für Minderheiten und Ausgestoßene. Bob Dylan erklärte den Tag von Dallas, an dem John F. Kenndy 1963 ermordet wurde, zum Tag der Schande, an dem das Zeitalter des Antichrist begann. Vielleicht. Man kann einfach nicht auf ihn bauen.
Wolf Biermann, fünf Jahre älter als Bob Dylan, schreibt (Literarische Welt 22.5.21): „Unter den Lebenden ist Bob Dylan mein hellster Stern am Liederhimmel. Und er brauchte nicht auch noch den Nobelpreis, um den Ton seiner Epoche so voll zu treffen. Eher umgekehrt: Die Literatenjury … brauchte diesen widerborstigen Kandidaten, um endlich wieder auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.“
3411: KPD-Überläufer zur NSDAP 1933
Freitag, Mai 21st, 2021Sozialstrukturell war die NSDAP eine Partei der Mitte. Das zeigen alle wissenschaftlichen Analysen ihrer Mitglieder, Wähler und Anhänger. 1933 aber kam es dazu, dass auch relativ viele Kommunisten aus dem Widerstand zur Nazi-Partei überliefen. Das zeigt eine Untersuchung von Udo Grasshoff:
Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Göttingen (Wallstein) 2021, 471 Seiten, 52 Euro.
Ausgewertet worden sind dazu die Daten von ca. 400 Personen (Renegaten, Abtrünnige, Polizeispitzel, Aussagewillige), Listen des Geheimdienstapparates der KPD, Gehaltslisten der Gestapo, Akten der Stasi, nach Moskau geschickte Berichte der KPD. Nach Aussagen aus der Gestapo sind sogar 70 Prozent der 1933 neu in die SA aufgenommenen Mitglieder Kommunisten gewesen. Die Gestapo verfügte über die unumschränkte Macht, sie bot soziale Sicherheit und materielle Absicherung, und sie konnte durch Haft, Folter und Zwang fast alles, was sie wollte, erreichen. Die Kommunisten genießen grundsätzlich den Ruf, stabil und widerstandsfähig zu sein. Aber in einer schwierigen Sondersituation wie 1933 wurden doch mehr von ihnen schwach. Menschlich vollkommen verständlich (Knud von Harbou, SZ 17.5.21).
3410: Giffeys Vorgehen – nicht hinnehmbar.
Donnerstag, Mai 20th, 2021Franziska Giffey hat ihr Amt als Familienministerin niedergelegt, weil sie annimmt, dass ihr die Freie Universität Berlin den Doktortitel aberkennt. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst tritt sie als Spitzenkandidatin der SPD trotzdem an. Sie hat hinzugefügt: „Wer ich bin, was ich kann, ist nicht abhängig von diesem Titel.“
Ja, warum hat sie den denn im Jahr 2010 angestrebt?
Franziska Giffeys Verhalten erscheint manchen im Gegensatz zu dem anderer Betrüger klug und taktisch geschickt. Ihr Verhalten wird ausgesprochen milde beurteilt (Nico Fried, SZ 20.5.21; Lothar Müller, SZ 20.5.21; Roland Preuss, SZ 20.5.21).
Aber dazu ist kein Anlass.
Franziska Giffey beschädigt
– die Bundesregierung,
– die Freie Universität Berlin,
– die SPD,
– sich selbst,
– vor allem trägt sie dazu bei, die Institutionen der Promotion und der Dissertation weiter nachhaltig zu beschädigen. In Jura und Medizin ist der Ruf der Dissertation schon fast vollständig dahin. Das ist ungerecht gegenüber denjenigen, die sich – wie eh und je – redlich bemühen, der Wissenschaft zu dienen. Sie werden heute mehr denn je gebraucht und dürfen nicht von denjenigen desavouiert werden, die manchmal vorsätzlich, manchmal leichthin schlampig und unwissenschaftlich arbeiten oder
Diebstahl geistigen Eigentums
begehen. Darunter einige Prominente. Das sind Betrüger. Wie Herr Guttenberg. Der hat sein Know how dann ja noch
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zur Verfügung gestellt. Das ist keine Privatsache. „Ein Doktortitel macht keinen besseren Menschen. Aber auch keinen schlechteren.“ Wobei im Fall von Frau Giffey die Freie Universität Berlin gerade unprofessionell vorgegangen ist. Für sie ist diese Angelegenheit kein Ruhmesblatt.
Ein ähnlich schwerwiegender Fall lag vor bei der medizinischen Dissertation (Arbeit aus dem Jahr 1990) von Ursula von der Leyen. Das kann man allein bei Wikipedia nachlesen. Sie kam 2016 bei der Nachbegutachtung der Medizinischen Hochschule Hannover allein deshalb davon, weil sie Beziehungen in das Entscheidungsgremium hatte. Prof. Dr. Gerhard Dannemann (Humboldt Universität Berlin) meinte seinerzeit, bei 32 Plagiaten auf 62 Seiten in von der Leyens Doktorarbeit könne man ein systematisches Vorgehen pauschal nicht verneinen. Tatsächlich.
Zum Fall Franziska Giffey kritisierte die familienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Ekin Deligöz, es wäre für Frau Giffey besser gewesen, „früher reinen Tisch zu machen und das Amt nachzubesetzen“. In der Tat.
Es ist kein richtiges Vorgehen, die Berliner Wählerinnen und Wähler am 26. September über Franziska Giffeys Doktorarbeit abstimmen zu lassen. Die sind dafür nicht das richtige Gremium. Entscheiden muss die Promotions-Kommission. Aber wissenschaftlich.
Franziska Giffey sollte sich aus der Politik zurückziehen.
3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren
Mittwoch, Mai 19th, 20211771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung
Heinrich Heine.
Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.
Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).
Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.
An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)
Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.
„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“