Archive for the ‘Philosophie’ Category

4089: Bosch-Chef lobt Bundesregierung.

Mittwoch, November 2nd, 2022

Der Bosch-Chef  Stefan Hartung lobt die Krisenbewältigung der Bundesregierung. „Angesichts der vielen Herausforderungen ist das schon beeindruckend“, sagt der Manager. Er wisse nicht, ob er es besser könne. Also wolle er nicht kritisieren. Das gelte auch für das gescheiterte Regierungskonzept der Gasumlage. „Das kann jedem einmal passieren.“ (SZ 2.11.22)

4087: Charlotte Knobloch 90

Sonntag, Oktober 30th, 2022

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (2006-2010), Charlotte Knobloch, wird 90. Überlebt hatte die geborene Müchenerin den Nationalsozialismus nur, weil eine ehemalige Haushälterin ihres Onkels, Kreszentia Hummel, bereit war, Charlotte als ihr uneheliches Kind auszugeben. So wuchs Frau Knobloch in dem fränkischen Dort Arberg auf, das heute 2.000 Einwohner hat. Sie gehörte zu den Dorfkindern, arbeitete mit auf dem Feld und wusste ursprünglich nicht, was ein „Judenkind“ ist. Kreszentia Hummel wurde nach ihrem Tod in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Charlotte Knobloch heiratete mit 19 Jahren einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Sie bekam drei Kinder, eine Tochter lebt in Israel. 1985 übernahm Knobloch die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Ihre verbandspolitische Linie war nicht immer unumstritten. So trat sie gegen die Verlegung von Stolpersteinen ein. Das Thema, das Charlotte Knobloch stets begleitete, ist der Antisemitismus, der gerade wieder stärker wird. Seit Jahren wird Frau Knobloch bei öffentlichen Auftritten von Bodyguards begleitet (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 29./30.10.22).

4086: Wolf Biermann hat schon 2007 vor Putin gewarnt.

Samstag, Oktober 29th, 2022

Wolf Biermann wurde 1976 von der DDR die Wiedereinreise verweigert. Er war dorthin als 16-jähriger 1953 von Hamburg ausgereist. Er stammt aus einer jüdisch-kommunistischen Familie. Sein Vater Dagobert war Widerstandskämpfer gegen die Nazis und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Biermanns Protestsongs konnte die DDR nicht ertragen. Manche sagen, mit Biermanns Weggang aus der DDR habe deren Niedergang begonnen. Von vielen Kommunisten wird Biermann heute und seit langem gehasst.

Er hatte 2007 in seiner Laudatio auf Angela Merkel anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises gesagt:

„Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht für höchst instabil; denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert seinen blutigen Vorgänger Stalin.“

In einem Interview mit Alexandra Föderl-Schmid (SZ 29./30.10.22) ergänzt Wolf Biermann seine Perspektive:

SZ: Sie selbst bezeichnen sich als „kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind“ und haben einmal erklärt, Sie waren immer für den Frieden, aber niemals ein Pazifist. Gilt das immer noch?

Biermann: Ich kann ja kein Pazifist sein. Wenn nicht amerikanische und russische, englische Soldaten ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten im Kampf gegen die Nazis, dann würde einer wie ich gar nicht leben. Also wäre das eine verlogene Pose, wenn Biermann Pazifist wäre.

SZ: Nun gibt es in Deutschland Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine. Gerade in der SPD und bei den Linken tut man sich mit diesem Thema sehr schwer.

Biermann: Na ja, das sind Dummheiten aus Klugscheißer-Motiven. Natürlich ist das Liefern von Waffen schrecklich. Was hat mein Vater getan? Sabotage gegen Waffenlieferungen im Hamburger Hafen, wo die Schiffe mit Waffen abgingen für den Faschisten, den Putschgeneral Franco. Dann kam mein Vater sechs Jahre ins normale Gefängnis und wurde dann nach Auschwitz gebracht und ermordet. Aber es ist immer ein großer Unterschied, ob man Leuten Waffen liefert, die für ihre Freiheit kämpfen, oder für Leute, die andere Völker überfallen, besetzen und ausrauben wollen.

SZ: Bundeskanzler Scholz hat gesagt, es breche eine Zeitenwende an. Es werden nun hundert Milliarden ausgegeben für die Aufrüstung. Halten Sie das für richtig?

Biermann: Ja. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man sich verteidigen muss gegen ein Mordregime. …

Und stehe auch einem Volk bei, wenn es Not ist wie jetzt die Ukraine in Putins Vernichtungskrieg. Der nicht mal Krieg genannt werden darf im russischen Riesenreich dieses Diktators. Dieser kleine Bloody-Wladimir ist der legitime Sohn aus der Ehe Stalin – Hitler. Und sein Krieg ist nicht hybrid, nicht verdeckt. Es ist ein banaler blutiger, ein altmodischer Krieg mit modernen Waffen. Für mich, den Zweckpessimisten, ist es der Beginn eines Dritten Weltkrieges.

4085: Überfischung im Nordostatlantik

Samstag, Oktober 29th, 2022

Makrele, Hering und Blauer Wittling sind im Nordatlantik die wirtschaftlich wertvollsten Hochseefische. Wie Recherchen zeigen (E. Brandstätter, D. Drepper, A. Pedroni, R.W. Poulsen, SZ 27.10.22), droht ihnen seit Jahren die Überfischung. Die Küstenstaaten einigen sich bisher jedes Jahr bei der North East Atlantiv Fishery Commission (NEAFC) über die Fangquoten. Grundlage dafür ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UN) von 1982.

Streit gibt es regelmäßig bei der Aufteilung der Quote. Alle Anrainer-Staaten fangen zusammen viel zu viele Fische. Letztlich entscheidet konkret jeder Staat alleine. Selbst Russland, das keine eigene Küstenlinie im Nordatlantik hat, nimmt traditionell an den Verhandlungen teil. Wegen des Ukraine-Kriegs dieses Jahr nicht. Als im vergangenen Jahr Großbritannien, Norwegen und die EU über die Fangquoten verhandelten, stammten 40 der 75 teilnehmende EU-Vertreter aus der Fischindustrie, 3 kamen von NGOs und 30 von einzelnen Staaten. Die EU hat es schwer, weil sie durch den Brexit einen Großteil ihrer Küstengewässer verloren hat. Die Kabeljau-Bestände im Nordatlantik sind bereits zusammengebrochen.

4084: Das israelisch-palästinensische Desaster

Samstag, Oktober 29th, 2022

Peter Münch, der gewiss kundig ist, schreibt dazu (SZ 26.10.22):

„In Ramallah regiert ein greiser Präsident, der jegliche Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren hat. Vom versprochenen eigenen Staat sind die Palästinenser weiter entfernt als vor 25 Jahren. Mahmud Abbas hat also nicht geliefert und ist zum Getriebenen geworden der radikalen Kräfte wie der Hamas und nun der neuen Löwen-Miliz. Deren Motivation: Sie sind jung, sie sind wütend und sie sehen so wenig Perspektive, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.

Getrieben ist aber auch die derzeitige israelische Regierung, in der sich Übergangspremier Jair Lapid – anders als seine beiden Vorgänger – immerhin zur Zwei-Staaten-Lösung bekennt. Für das rechte Lager in Israel grenzt das allein schon an Verrat. Würde Lapid die Armee-Einsätze im Westjordanland herunterfahren, um die Lage zu beruhigen, würde ihm dies als Schwäche und Feigheit vor dem Feind ausgelegt.“

4083: Jürgen Todenhöver bei den „Querdenkern“

Freitag, Oktober 28th, 2022

Der mittlerweile 81-jährige ehemalige Hoffnungsträger der CDU und langjährige stellvertretende Burda-Geschäftsführer Jürgen Todenhöver hat sich decouvriert. 2020 hatte er die CDU verlassen, weil er dem Westen zunehmend kritisch gegenüberstand. Ein guter Schuss Antiamerikanismus war immer dabei. Todenhöver gründete die „Gerechtigkeitspartei“, die bei der Bundestagswahl 2021 0,5 Prozent erreichte. Er relativierte den Völkermord der Türken an den Armeniern 1915. Sein Geltungsdrang brachte ihn dazu, bei den „Querdenkern“ aufzutreten. Vielleicht hätte er da schon länger hingehört (Johanna Henkel-Waidhofer, kontext 22. Oktober 2022).

4082: Zwei Ruangrupa-Kuratoren Professoren in Hamburg

Freitag, Oktober 28th, 2022

Reza Afisina und Iswanto Hartono gehörten zum Ruangrupa-Kollektiv, das die diesjährige, gescheiterte Documenta kuratiert hatte. Ihnen war es nicht gelungen, antisemitische Objekte zu verhindern. Sie hatten partiell ihre eigene Ahnungslosigkeit in Bezug auf Antisemitismus zugegeben. Die beiden sind für ein Jahr zu Professoren an die Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg berufen worden. Deren Präsident Martin Köttering ließ verlauten: „An der HFBK gibt es keinen Platz für Antisemitismus.“ Bei der Semestereröffnung gab es in der Aula Proteste gegen die neuen Professoren (Alexander Diehl, taz 14.10.22).

4081: Jüdischer Professor teilweise entlastet und wieder im Dienst

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Eine Untersuchungskommission der Universität Potsdam hat den Gründer und Rektor der Rabbinerschule Abraham-Geiger-Kolleg, Walter Homolka, von dem Vorwurf entlastet, sexuelles Fehlverhalten seines Lebenspartners gegenüber Studenten geduldet zu haben. Der hatte einen pornografischen Clip an einen Studenten geschickt.

Als bestätigt sah die Kommission den Vorwurf des Machtmissbrauchs an. „Immerhin wurde die Furcht, Herrn Prof. Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonstwie zu erregen, so oft und konsistent dargestellt, dass sie nicht als individuelle Idiosynkrasie erscheint. Es ist nicht unplausibel, sie als tatsächlich vorhanden anzunehmen.“ Homolka weist das zurück: „Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht gleich Machtmissbrauch.“ Homolkas Lebenspartner war nach seinem Fehlverhalten gleich gekündigt worden. Homolka: „Was mein Partner getan hat, war grundfalsch.“ Laut Universität Potsdam ergeben sich aus dem Bericht keine rechtlichen Konsequenzen. Homolka ist seit 1. Oktober wieder als Professor tätig (Annette Zoch, SZ 27.10.22).

4080: Selbstbedienungsanstalt öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Donnerstag, Oktober 27th, 2022

Die üppigen Gehälter von Intendanten, Direktoren und Geschäftsleitungen bei ARD und ZDF sind bekannt. Dazu kommt bei manchen Sendern noch die Einbeziehung in ein Bonussystem, auch dann, wenn dafür gar nichts geleistet wird. Aber das ist noch nicht alles (Aurelie von Blazecovic, SZ 27.10.22)

Das Politikmagazin „Kontraste“ brachte ans Licht, dass die juristische Direktorin des RBB, Susann Lange, ein Grundgehalt von 195.000 Euro brutto plus eine „variable Vergütung“ von 8,33 Prozent erhält. Zudem steht Frau Lange ein „Ruhegeld“ zu. Ein „Ruhegeld“ ist eine Zahlung, die nach der Amtszeit fließt, auch wenn ein Mitarbeiter noch nicht im Rentenalter ist. In Langes Fall ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Daraufhin wurde sie vom RBB freigestellt. Dem RBB-Programmdirektor steht von seinem ersten Diensttag an ein „Ruhegeld“ von 8.000 Euro monatlich und lebenslang zu. Seit 2003 sind solche Ruhegelder Bestandteil von Verträgen der RBB-Geschäftsleitung gewesen. Im Todesfall werden Ehepartner, Waisen und Halbwaisen mit Sterbegeldern bedacht. Ehepartner mit 60 Prozent des Ruhegeldes, Waisen mit 20 und Halbwaisen mit 12 Prozent.

Auch in anderem Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt dieses „Ruhegelder“.

Laura Hertreiter (SZ 27.10.22) schreibt dazu: „Wo Gremien, Politik, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, Rechnungshöfe von der Selbstbedienung im großen Stil nichts bemerkt haben wollen, muss Geld in obszönem Überfluss da sein.“ “ Es gibt bei der ARD – um diese Feststellung kommt der größte Fan nicht herum – nicht nur Einspartotential, es gibt eine Einsparpflicht. Nur: Wo ist jemand in der ARD, der die Sache anpackt?“

Dazu fehlt es wohl auch an Anstand.

Das hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland in eine gefährliche Krise gebracht. Ob sie überhaupt zu bewältigen ist, steht dahin. Zugleich wird dadurch unsere Demokratie gefährdet. Es ist Wasser auf die Mühlen von „Querdenkern“, „Reichsbürgern“ und Rechtsextremisten.

4079: Andrea Wulf erklärt uns die Romantik.

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Die für ihre Publikationen schon vielfach ausgezeichnete Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf, geb. 1967, hat ein neues Buch vorgelegt, über das sie in einem Interview mit Fritz Habekuß (Zeit, 13.10.22) spricht:

Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. München (Bertelsmann) 2022.

Darin schildert sie die vielen Köpfe und Kapazitäten, die sich in den 1790er Jahren in Jena versammelt hatten. Um den Superstar Friedrich Schiller. Das waren Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte, August-Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Schelling, Caroline Schlegel, Wilhelm und Alexander Humboldt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie haben dort die Romantik als internationale Bewegung eingeläutet, auch wenn am Ende nicht alle bei der Stange blieben.

„Sie wandten sich vor allem gegen das rein empirische Denken der Aufklärung und glaubten, dass deren rationaler Ansatz Distanz zur Natur schuf. Diese wurde nur noch aus einer sogenannten objektiven Perspektive untersucht. Dagegen wehrten sie sich.“

„Er (Friedrich Schelling) erklärte, dass der Mensch und die Natur eins sind, und lieferte die philosophische Grundlage für ein Gefühl, das fast alle Menschen kennen: Natur beruhigt. Natur heilt. Sie spricht zu etwas in uns, was nicht der Verstand ist.“

„Die Aufklärung behauptet, dass Wissenschaft und Gefühl nichts miteinander zu tun haben. Die Romantiker widersprachen: Die Natur und ich, das ist das Gleiche. Diese Philosophie der Einheit wurde zum Herzschlag der Romantik. Schauen Sie sich das berühmte Caspar-David-Friedrich-Bild an, auf dem ein Wanderer auf der Klippe steht und über’s Wolkenmeer guckt. Das ist dieses ‚Ich bin allein in der Natur, und ich spüre dennoch ein Zugehörigkeits-Gefühl‘.“

„Einer der wichtigsten Denker der Romantik war Fichte. Der stellte sich breitbeinig hin und sagte: Aller Realität Quelle ist das Ich! Das Ich ist der Anfang von allem! Es gibt keine absoluten oder gottgegebenen Wahrheiten! Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist, dass die Welt durchs Ich verstanden wird! Damit machte er das Ich zum Herrscher der Welt.“

„Jedenfalls steht seither das Ich im Mittgelpunkt westlicher Gesellschaften – im Guten wie im Schlechten.“

„Sie orientieren sich zunächst an Immanuel Kant und seinem kategorischen Imperativ: Handle so, dass dein Handeln Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte. Im Grunde benutzten sie ihr eigenes Leben als Theaterbühne, um das alles auszuprobieren. Die Gruppe junger Frauen und Männer machte das Ich zum Herrscher der Welt. Es ist nicht so überraschend, dass sie alle irgendwann ziemlich aufgeblasene Egos hatten. Die Verpflichtungen, mit denen Freiheit daherkommt, das funktioniert theoretisch alles sehr gut. Praktisch eher nicht.“

„Freiheit endet dort, wo die Freiheit des nächsten Menschen beginnt. Aber Theorie und Praxis haben nicht immer viel miteinander zu tun.“

„Die Romantiker waren nicht gegen den Verstand und rationale Beobachtung. Das allein reichte ihnen aber nicht, obwohl sie zum Teil selbst Wissenschaftler waren: Novalis, Humboldt, Goethe. Ich glaube, dass dieses Denken eine neue Generation anspricht. Gefühle und die Einbildungskraft mit in die Diskussion zu nehmen ist nicht unseriös oder New Age, sondern hat eine Tradition in der deutschen Geistesgeschichte.“

„Friedrich Schlegel hat damals gesagt: ‚Ich will Euklid singbar machen‘, also Mathematik und Physik in Musik verwandeln. Das ist doch wunderbar!“