Archive for the ‘Medien’ Category

4363: Gunnar Hinck: Die DDR bleibt umstritten.

Mittwoch, Juni 7th, 2023

Gunnar Hinck hat 2007 das Buch „Eliten in Ostdeutschland“ veröffentlicht. Jetzt beschäftigt er sich (taz 3.-9.6.23) mit den gerade publizierten Trotzbüchern Dirk Oschmanns „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ und Katja Hoyers „Diesseits der Mauer“. Es herrscht offenbar weiter großer Gesprächsbedarf über den Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Wirkungsvoll sind die beiden Trotzbücher, weil sie nicht differenzieren. Oschmann findet es beispielsweise empörend, dass Franziska Giffey 2018, als sie Familienministerin wurde, als Quotenfrau bezeichnet wurde. So sieht man es heute noch in ostdeutschen Kleingärten und Kantinen. Es ist dort nicht gelungen, individuelle Lebenserfahrungen mit dem diktatorischen DDR-Staatsrahmen zu verbinden. Geredet wird von flächendeckenden Kitas und der „wirtschaftlichen Unabhängigkeit“ der Frauen. Verschwiegen wird der Verfall der Altbauten und die Wohnungsnot.

Die Ostdeutschen möchten sich ihr eigenes Leben nicht von anderen entwerten lassen. Wer sich in einem FDJ-Ferienlager zum ersten Mal verliebt hat, vergisst darüber gerne, dass die FDJ eine Zwangsorganisation des Staates war. Vergessen werden die gesundheitlichen Schäden in Chemiekombinaten und die Stasi-Haft. Die Erinnerung richtet sich auf das kommode Leben bei genügendem Opportunismus. „Die DDR war ein Gefängnis für sehr viele, aber wer aus sogenannten einfachen Verhältnissen kam, mitmachte und funktionierte, konnte Karrierewege einschlagen, die ihm in der frühen Bundesrepublik wahrscheinlich verwehrt geblieben wären.“

Diejenigen DDR-Bürger, die in staatsnahen Berufen gearbeitet haben, erlebten die Wiedervereinigung häufig als beruflichen Abstieg. Nicht zur Kenntnis genommen wurde der relativ stabile Sozialstaat. Die aus dem Westen in die neuen Bundesländer kommenden Führungskräfte wurden oft als arrogantes Pack identifiziert. So kam es schnell zur Resignation. Die Arbeit der Treuhandanstalt wurde nicht verstanden. Nötig wäre auch ein inner-ostdeutsches Gespräch über die bisher weithin beschwiegenen Konflikte in der DDR. „Wer als Kind von SED-Kadern Auslandserfahrungen machen konnte, hatte in der Bundesrepublik bessere Startchancen als der renitente Akademiker, der in der DDR mit Hilfsarbeiterjobs bestraft wurde.“ Und solange die unterschiedlichen Post-DDR-Milieus in ihren abgeschotteten Diskursblasen sitzen bleiben, wird es keine Besserung geben.

W.S.: Gunnar Hinck hat in Göttingen Sozialwissenschaften studiert, darunter auch Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

4362: „Wagner-Gruppe“ – russische Landsknechte mit Sonderaufträgen

Dienstag, Juni 6th, 2023

Die „Wagner-Gruppe“ gehört zu den brutalsten und prägendsten Gruppen auf russischer Seite beim Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Gegründet wurde sie 2014 gegen die Demokratiebewegung auf dem Maidan (Kiew). Russland brauchte kampfkräftige Gruppen, die nicht als Angehörige der Armee zu erkennen waren. „Wagner“-Führer Jewgenij Prigoschin genießt das Privileg, die Armee öffentlich kritisieren zu dürfen. Das ist in das Propaganda-Konzept Russlands integriert. Rekrutiert werden die „Wagner“-Angehörigen überwiegend aus dem Knast. Dort befindet sich in Russland ein großes Reservoir.

„Wagner“ hatte schon in Syrien und in der Zentralafrikanischen Republik aufgetrumpft. Dabei konnten die Kämpfer auch eigenen Geschäftsinteressen nachgehen. Eine Spezialtät von ihnen ist das Foltern. Sie verfolgen Journalisten. Nach dem Ende ihrer „Wagner“-Mitgliedschaft verlassen viele Kämpfer aber auch Russland. Dort sind sie wohl nicht sicher. Sie hinterlassen eine Spur von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Sie haben den Ruf, effektivere Kämpfer zu sein als die Armeeangehörigen, unter denen es die Unlust zu kämpfen zu geben scheint (Frank Nienhuysen, SZ 6.6.23).

4361: Henri Kissinger 100

Dienstag, Juni 6th, 2023

Hundert Jahre alt ist der US-amerikanische Politiker geworden, von dem viele Analytiker glauben, er habe großen Einfluss auf die Weltpolitik gehabt: Henri Kissinger. Geboren in Fürth/Bayern, promoviert über Fürst Metternich. Und von 1969 bis 1977 Sicherheitsberater des US-Präsidenten Richard Nixon, dann dessen Außenminister. Er galt und gilt als „Erzrealist“, womit auch eine große Portion Zynismus gemeint sein dürfte. Er hat den Vietnam-Krieg ausgeweitet und in Chile Pinochet an die Macht verholfen. Alles im vorgeblichen Interesse der USA. Gebildet hatte er sich an Immanuel Kant und solchen Sozialwissenschaftlern wie Oswald Spengler und Arnold Toynbee. Metternich sah er durchaus kritisch. Kissinger ist auch mitverantwortlich für die falsche Russland-Politik des Westens (Stefan Kornelius, SZ 27./28.5.23).

4360: EKD-Vorsitzende rät Kirche zu mehr Mut.

Dienstag, Juni 6th, 2023

Die Ratsvorsitzende der EKD, Annette Kurschus, hält es für falsch, wenn sich das Christentum möglichst „niedrigschwellig“ präsentiert. Gerade angesichts abnehmender Mitgliederzahlen. Die Kirche müsse Profil zeigen und „mutiger werden“. Auf dem Evangelischen Kirchentag werden ab Mittwoch 100.000 Menschen erwartet (SZ 6.6.23).

4356: „Man wünscht sich eine Talkshow mit Fabian Hinrichs.“

Sonntag, Juni 4th, 2023

Viele von uns kennen Fabian Hinrichs als Kommissar aus dem Franken-„Tatort“ (gemeinsam mit Dagmar Manzel). Kürzlich habe ich Hinrichs als Regisseur und Hauptdarsteller in „Sardanapal“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesehen. Ein Theaterskandal. Nun tritt Fabian Hinrichs mit der fünfköpfigen Satiregruppe „Browswe Ballett“ in ZDF Neo auf und überzeugt. Er parodiert als „Magnus Richter“ Markus Lanz. Dazu schreibt Marlene Knobloch (SZ 1.6.23): „Man wünscht sich eine Talkshow mit Fabian Hinrichs.“

4355: Robert Altman hat nur einen Film gemacht.

Sonntag, Juni 4th, 2023

Der berühmte Regisseur Robert Altman (1925-2006) hat am Ende seines Lebens erklärt, dass er seine letzten Jahre mit dem Spenderherzen einer jungen Frau gelebt habe. Er ist der Regisseur solch großartiger Fime wie „M.A.S.H.“ (1970), „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (1973), „Nashville“ (1975), „Komm zurück, Jimmy Dean“ (1982), „Vincent und Theo“ (1990), „Short Cuts“ (1993) und „Gosford Park“ (2001). Und dann erklärte Altman am Ende noch: „Allerdings ist es für mich so, dass ich nur einen einzigen langen Film gemacht habe. Einen Film machen, das ist wie eine Sandburg bauen am Strand. Man lädt seine Freunde ein und erschafft mit ihnen ein wunderbares Werk. Und dann sitzt man da und wartet auf die Flut und sieht zu, wie der Ozean sie wieder wegwäscht. Diese Sandburg bleibt aber im Gedächtnis zurück.“ (Josef Schnelle, SZ 3./4.6.23)

4354: CDU-Kretschmers Asyl-Obergrenze

Samstag, Juni 3rd, 2023

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hält eine jährliche Obergrenze für den Zuzug von Migranten für notwendig. Die Grenze müsse irgendwo bei 200.000 liegen, das sei seit 2015 klar. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge wurden im vergangenen Jahr etwa 244.000 Anträge auf Asyl gestellt. In diesem Jahr waren es allein im April mehr als 110.000. Kretschmer meint, dass wir die Grenzen dessen sehen müssten, was möglich ist (SZ 3./4.6.23).

Michael Kretschmer hat Recht.

4349: Meck-Pomm verlangt vom Bund Geld für Rügen.

Dienstag, Mai 30th, 2023

Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern verlangt vom Bund eine Milliarde Euro für Investitionen auf Rügen. Etwa zum Ausbau des Hafens in Mukran. Und für ein neues Schiff zur „Havariebekämpfung“. Damit soll in der Bevölkerung der Rückhalt für ein Flüssiggas-Terminal erhöht werden (SZ 30.5.23).

4348: Restitution kolonialer Raubkunst

Montag, Mai 29th, 2023

Es sollte allen klar sein, die bei der Restitution von kolonialer Raubkunst ernst genommen werden wollen, dass über die Handhabung der Objekte künftig die Herkunftsländer entscheiden und nicht wir, Deutschland. Und zwar auch dann, wenn es sich etwa bei der Rückgabe der Benin-Bronzen herausgestellt hat, dass die Bundesregierung andere Vorstellungen hatte als der nigerianische Präsident, Muhamaru Buhari. Für uns bleibt das zentrale Motiv die Revision kolonialen Unrechts. Es sollen alte Wunden geheilt werden. Dabei liegt es auf der Hand, dass europäische Postkolonialisten keine Royalisten sind. Da brauchen wir bloß an unsere Hohenzollern zu denken. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein moderner egalitärer Diskurs praktisch zur Aufwertung traditioneller Hierarchien führen kann (Ijoma Mangold, Zeit 11.5.23).

4347: Entscheidung über Picasso-Gemälde vertagt

Montag, Mai 29th, 2023

Der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags hat seine Entscheidung darüber vertagt, ob Pablo Picassos „Madame Soler“ (1903) als Raubkunst-Fall vor die Limbach-Kommission gelangt. Gemalt hatte es Picasso während seiner blauen Periode. Erworben hatte es der in Berlin lebende jüdische Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 hatte er es an den Kunsthändler Justin Thannhauser verkauft, der es 1964 an den Freistaat Bayern abgab. Sein Wert wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.

Mendelssohns Erben hatten sich direkt an den Bayerischen Landtag gewandt. Einer von ihnen, der Historiker Julius H. Schoeps, hatte im letzten Jahr ein 200 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Umgang des Freistaates Bayern mit einem spektakulären NS-Raubkunstfall“ veröffentlicht. Darin kritisiert Schoeps das in der Tat befremdliche Blockieren Bayerns. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat sich dafür ausgesprochen, „endlich den Weg dafür freizumachen, dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen einer Anrufung der Beratenden Kommission zustimmen. Das ist nun wirklich überfällig.“ Dagegen verlangt Bayern vom Bund „eine verlässliche gesetzliche Grundlage“. Picassos „Madame Soler“ wird im Picasso-Jahr 2023 nicht gezeigt (Catrin LOrch, SZ 25.5.23).