Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3318: Rassistischer Drohbrief gegen Alfred Gislason

Mittwoch, März 17th, 2021

Der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Isländer Alfred Gislason, hat einen rassistischen Drohbrief bekommen und ihn anschließend im Netz veröffentlicht. Der Vorgang mache ihm keine Angst. Der Deutsche Handball-Bund (DHB) verurteilte den Brief und kündigte rechtliche Schritte an (SZ 17.3.21).

Der Vorfall zeigt, wie weit und tief menschenverachtender Rassismus in Deutschland verbreitet ist.

3317: Schwierigkeiten mit der Publikation eines Manuskripts

Dienstag, März 16th, 2021

Prof. Dr. Günther Schlee, 69, ist einer der beiden Gründungsdirektoren des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle. In einem Interview mit Markus C. Schulte von Drach (SZ 16.3.21) berichtet er von Problemen bei der Veröffentlichung eines Manuskripts:

„Ich hatte selbst neulich Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung eines Manuskripts. Die Herausgeber waren der Meinung, dass alte weiße Männer in der Wissenschaft ohnehin überrepräsentiert seien. Dann wurde kritisiert, dass ich das Wort ‚Muslim‘ verwendet habe. Ich hätte von „Angehörigen des islamischen Glaubens“ sprechen sollen. Aber mit dem Wort ‚Muslim‘ bezeichnen sich immerhin 1,9 Milliarden Menschen selbst. Auch konnten die Herausgeber nicht ein einziges Beispiel anführen, in dem ich das Wort ‚Muslim‘ in einem abwertenden Zusammenhang verwendet hätte. Hinter dieser Kritik steht ein Sprachverständnis, bei dem nicht mehr Sätze gelesen und ihre Aussage betrachtet werden, sondern es wird auf einzelne Wörter geachtet.“

3316: Caroline Fourest über linke Sprach- und Gedankenpolizei

Dienstag, März 16th, 2021

1. Caroline Fourest, 45, hat für „Charlie Hebdo“ gearbeitet, sie ist häufiger Gast in französischen Talkshows zum Thema Meinungsfreiheit und Laizismus und gilt als Expertin für linke Identitätspolitik.

2. Wenn es um die Frage geht, wer Amanda Gormans Gedichte übersetzen darf, nur eine junge, schwarze Amerikanerin oder auch andere.

3. Caroline Fourest definiert sich selbst als lesbische Feministin, Anhängerin des Universalismus und Antirassistin. Motor ihrer Arbeit sei Widerstand gegen das Pariarchat und Homophobie. Fourest definiert sich über ihre Berufe, sie ist auch Regisseurin. Seit langem beschäftigt sie sich mit dem Rechtsextremismus und religiösem Fanatismus.

4. Bei einer Diskusssion über Verschleierung dekretierte eine Studentin, dass nur Muslime darüber diskutieren dürften, aber nicht Fourest als Weiße. „In den Augen dieser linken Identitären war alles, was mich ausmacht, auf meine Hautfarbe reduziert.“

5. Fourest hat ein Buch über diese Art von Cancel Culture geschrieben:

Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik (Edition Tiamat), 200 S., 18 Euro.

6. „Die Identitären sind nicht die neuen Antirassisten, sondern vielmehr die neuen Rassisten.“

7. Fourest als linke, lesbische, feministische Aktivistin (fortschrittlich im Vergleich zu mir) möchte nicht hinnehmen, dass der Diskurs über Rassismus von Wächterinnen und Wächtern dominiert wird, die im Namen von Opfern oder vermeintlichen Opfern jede Diskussion abwürgen, unterstützt von einem anonymen Mob im Internet, der auf Reizworte reagiert wie ein Pawlowscher Hund.

8. Wo in Filmen nur Juden Juden spielen dürfen.

9. Nur Homosexuelle Homosexuelle.

10. „Da ist man dann nicht weit entfernt von einem DNA-Test beim Casting.“

11. „Die Kehrseite der Medaille ist die Inflation absurder und unverhältnismäßiger Kampagnen gegen Familienmütter, Prominente und Künstler.“

12. In den USA wurde ein Kindergeburtstag, der in einem japanischen Ambiente gefeiert wurde, als „Yellowfacing“ verurteilt.

13. „Zum Opfer wird, wer den Beleidigten als Opfer taugt.“

14. Rassismus ist in der Logik der Beleidigten ein Thema, das nur diejenigen öffentlich verhandeln dürfen, die Opfer von Rassismus sind.

15. Konsequent weitergedacht dürften nur Italiener noch Pizza backen.

16. Obwohl auch in Europa die Rechtspopuisten und die Rechtsextremisten stärker werden, richtet sich der Bannstrahl der linken Identitären nie gegen diese, sondern gegen liberal eingestellte Künstler und Privatpersonen.

17. Für Caroline Fourest steht fest: Die Empörung selbst ist das Ziel der identitären Kampagnen (Johanna Adorjan, SZ 12.3.21).

3315: Bari Weiss: Die pädagogische Indoktrination

Montag, März 15th, 2021

Bari Weiss war bis Juli 2020 Redakteurin der „New York Times“. Dann verließ sie das Blatt, weil sie dessen „Meinungskorridor“ als zu eng empfand und das Klima in der Redaktion als „illiberal“. Jetzt ist in der „Welt“ (13.3.21) eine Abrechnung von Weiss mit der pädagogischen Indoktrination in Prep- und High-Schools in den USA erschienen:

Die sind sehr teuer und kosten teilweise 50.000 Dollar pro Jahr. Dafür versprechen sie Karrierechancen. Und sie haben einen „antikapitalistischen Kurs“, der rigoros durchgesetzt wird. Dagegen mögen Eltern und Kinder nicht mehr ihre Stimme erheben. Die Angst vor sozialer Bloßstellung geht um. Unentwegt geht es um Anti-Rassismus und Inklusion (an diesen exklusiven Schulen). Weiß-Sein gilt als Makel. Den Kindern wird eingebleut, sie würden „inhärent unterdrückt“.

An Highschools ist die Botschaft noch deutlicher. Den Schülern wird etwa gesagt, „wenn du weiß und männlich bist, dann sprich erst nach den anderen“. Zu Hause hören die Eltern: „Mom, ich habe gerade herausgefunden, dass ich ein Rassist bin und weiße Europäer bevorzuge.“ An den von Weiss untersuchten Schulen herrscht eine regelrechte Ideologie. Eine Mutter bekennt: „Ich möchte nicht emotional werden, aber ich fühle mich hilflos. Ich schaue mir die Schulen an und bin erschüttert. Ich kann nicht fassen, was sie all den Menschen antun. Ich bin auch verängstigt. Ich habe zu viel Angst, um laut meine Meinung zu sagen. Ich fühle mich so feige. Ich kann nur so wenig ausrichten. Es ist die Angst vor Vergeltung. … Würde es dazu führen, dass uns andere Menschen ausgrenzen? Das ist bereits geschehen.“

Kommentar W.S.: Falls der Bericht von Bari Weis auch nur annähernd stimmt, und ich kann das im vollen Umfang nicht wirklich beurteilen, dann erklärt diese pädagogische Hetze einiges an den 74 Millionen Trump-Wählern. Die Wähler nehmen quasi Rache an dem pädagogischen Terror in den Schulen. Der Teufel wird mit Beelzebub ausgetrieben.

3314: Marvin Hagler ist tot.

Montag, März 15th, 2021

Die meisten von uns verstehen nichts vom Boxen (das macht nichts). Ich schon. Habe bei der Armee im Schwergewicht geboxt. Und insbesondere die Weltklasseboxer aus den USA im Fernsehen bewundert. Für mich als Kind waren die Helden in den fünfziger Jahren Sugar Ray Robinson und Gene Fullmer. Typischerweise Mittelgewichtler (ca. 66-72 Kilo) (die Box-Gewichtsklassen: Fliegen, Bantam, Feder, Leicht, Welter, Mittel, Halbschwer, Schwer; neuerdings Superschwer).

Die besten Mittelgewichtler haben häufig die Beweglichkeit und technische Finesse der leichteren Klassen und fast die Schlagkraft der schwereren. Wunderbar. In den achtziger Jahren gab es nochmals eine Hochzeit im Boxen. Im Mittelgewicht durch Marvin Hagler, Sugar Ray Leonard, Roberto Duran und Thomas Hearns. Marvin („Marvellous“) Hagler war Weltmeister von 1980 bis 1987. Ein Jahrhundert-Kampf war der von 1985 gegen Thomas („Hitman“) Hearns. Der war sehr hochgewachsen, seinen Spitznamen hatte er von seinen hart geschlagenen Geraden und Haken, ein wunderbarer Boxer. Hagler und Hearns mochten sich nicht. Daher bekam ihr Kampf im „Cesar’s Palace“ in Las Vegas 1985 das Label „The War“. Hagler griff unerbittlich („Beinarbeit“) an, zermürbte Hearns und schlug ihn der in der dritten Runde k.o. Danach trat er zurück und wurde Schauspieler. Im Alter von 66 Jahren ist er nun gestorben (David Pfeifer, SZ 15.3.21).

3313: Kurt Kister wünscht sich Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin.

Sonntag, März 14th, 2021

Der ehemalige SZ-Chefredakteur Kurt Kister wünscht sich im SZ-Leitartikel vom 13./14.3.21 Annalena Baerbock (Grüne) als Kanzlerkandidatin. Er erwartet einen Grünen-Sieg in Baden-Württemberg und, weniger sicher, eine Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz. CDU und CSU sind durch die Maskenaffäre schwer beschädigt. Sie könnten im Bund unter 30 Prozent fallen. „In Baden-Württemberg zeichnen sich jene parteipolitischen Verhältnisse ab, die es in Zukunft auch im Bund geben könnte.“ Die AfD sieht Kister als eine Art Anti-Merkel-Partei (Euro-, Flüchtlings-, Energiepolitik).

„Olaf Scholz wiederum verkörpert das Dilemma der SPD: Er ist ein, für SPD-Funktionärsverhältnisse unlinker Pragmatiker und steht als solcher in einer Reihe mit seinen Kandidaten-Vorgängern

Steinbrück, Steinmeier und Schulz.

Der linke SPD-Parteivorstand um den wenig sichtbaren Norbert Walter-Borjans und die sehr hörbare Saskia Esken ist von Scholz weiter entfernt als Lafontaine damals von Schröder – mit dem Unterschied, dass Lafontaine und Schröder charismatische Vollblutpolitiker waren.“

3312: Das System Ratzinger hat versagt.

Sonntag, März 14th, 2021

Als Chef der Glaubenskongregation und als Papst hat Joseph Kardinal Ratzinger bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche versagt. Das belegt das Buch

Doris Reisinger/Christoph Röhl: Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger. München (Piper) 2021, 320 Seiten, 23 Euro

(Die Zeit 25.2.21).

3311: Wolfgang Petersen 80

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Petersens größter Film war „Das Boot“ (1981 nach einem Roman von Lothar-Günther Buchheim). Mit einem Großaufgebot an Stars: Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig, Günther Lamprecht, Jan Fedder, von denen einige hier den Karriere-Durchbruch schafften. Der Film lebte vom Mythos des deutschen U-Boot-Fahrers und schmückte diesen noch gekonnt aus. Deswegen wurde er ja ein so großer ökonomischer Erfolg. Er versöhnte die deutsche Gesellschaft mit dem Krieg. Der Film ebnete Petersen endgültig den Weg nach Hollywood. Der einzige Kritiker, der sich traute, den Film zu verreißen, war Fritz J. Raddatz (Die Zeit). Er sah in dem Film eine Trivialschnulze und einen „Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung“. Damit hatte Raddatz zwar ganz und gar recht, stand aber allein.

Wolfgang Petersen gelangen in Hollywood u.a. „Enemy mine“ (1985 mit Dennis Quaid) und „Air Force One“ (1987 mit Harrison Ford). Er konnte Kriegs- und Gewaltfilme. In seinem Spätwerk findet sich 2016 „Vier gegen die Bank“ (mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Jan Josef Liefers). Ziemlich am Anfang der Karriere des Sohns eines Mariners stand 1977 mit dem „Tatort“ „Reifezeugnis“ ein unvergesslicher Film mit Nastassja Kinski und Christian Quadflieg (nicht „Will“, wie Dietmar Dath in der FAZ, 13.3.21, schreibt. Das war der Vater von Christian, den die meisten von uns aus Gustaf Gründgens „Faust“-Film, 1962, kennen). Wolfgang Petersen wird 80 Jahre alt.

3310: Wolfgang Kohlhase 90

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Kohlhase war der bedeutendste deutsche Drehbuchautor nach 1945. Zuerst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er ist 90 Jahre alt geworden. Zuletzt hat er Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2017) in einen Film übersetzt (Matti Geschonnek). Er hatte vorher aber auch den Film nach Hermann Kants „Der Aufenthalt“ (1982) geschrieben. Kohlhase verzichtete auf die Hollywood-Schule des Drehbuchschreibens. Er gab seinen Charakteren die Zeit, sich zu erklären (z.B. in den Filmen Konrad Wolfs und Frank Beyers).

Seine Wurzeln lagen im Neo-Realismus (Vittorio de Sica, Luchino Visconti, Federico Fellini, Roberto Rossellini). Schauen wir in die Literatur, dann bei William Faulkner und Ernest Hemingway.

Wolfgang Kohlhase  ist ein Sozialist mit westlichen Wurzeln.

Er hat nie das Schicksal der „einfachen Leute“ aus den Augen verloren. „Der Ton existentieller Ratlosigkeit … ist selten in der DDR-Literatur der siebziger Jahre; und vielleicht wäre Kohlhase, wenn er ihn weiter verfeinert hätte, eine der wichtigsten schriftstellerischen Stimmen seines Landes geworden. Stattdessen blieb er der wichtigste deutsche Kinoautor.“ (Andreas Kilb, FAZ 13.3.21)

3309: Ostdeutsche lesen kaum überregionale Tageszeitungen.

Freitag, März 12th, 2021

Nach den Ergebnissen einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung lesen Ostdeutsche kaum überregionale Tageszeitungen. Produziert werden diese Blätter auch im Westen. Von der SZ werden 2,5 Prozent der Gesamtauflage im Osten verkauft (FAZ: 3,4; Spiegel 4,0; Zeit 6,0). 1989/90 waren 130 neue Blätter in Ostdeutschland auf den Markt gekommen. Sie konnten sich nicht halten. Die Berichterstattung fand mit westdeutschem Blick statt. Ist das verwunderlich?

Bis auf den heutigen Tag fühlen sich Westdeutsche als Teilnehmer des Diskurses, Ostdeutsche nicht. Deutschland ist tief gespalten. Das schlägt sich im unterschiedlichen Wahlverhalten nieder. 2021 haben wir sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Wir registrieren verstetigte (Ost-)Identitäten bei Jüngeren und ein selbstbewussteres Auftreten der Ostdeutschen. Wenn es knapp wird, könnten die Minderheiten im Osten den Ausschlag geben (Cerstin Gammelin, SZ 13.3.21).