Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3660: Mordaufrufe gegen Ministerpräsident Kretschmer (CDU)

Montag, November 29th, 2021

In Sachsen haben sich trotz Teil-Lockdowns an verschiedenen Orten Hunderte Menschen versammelt, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Darunter Verschwörungsideologen und Reichsbürger. Einige riefen zum Mord an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) auf. Das sind Kriminelle, die dingfest gemacht werden müssen. Der Verfassungsschutz zeigt sich alarmiert (SZ 29.11.21).

3659: Chinesiche Tennisspielerin: erst vergewaltigt, dann versteckt

Sonntag, November 28th, 2021

Peng Shuai stand bis vor zwei Jahren an der Spitze der Weltrangliste im Damendoppel. Seither hat sie kein Spiel mehr bestritten. Am 2. November beschuldigte sie im chinesichen Netzwerk Weibo den heute 75-jährigen ehemaligen Vizepremierminister Zhang Gaoli, sie mehrfach vergewaltigt zu haben. Seither war Peng Shuai aus der Öffentlichkeit verschwunden. Jeder, der die Methoden der kommunistischen Diktaturen kennt, weiß, wie die Partei- und Staatspropaganda mit solchen „Abweichlern“ umgeht. Gnadenlos. Allerdings hat Peng Shuai offenbar das Propagandasystem ins Wanken gebracht. Es wurde häufig über ihre Vorwürfe berichtet. Und es würde doch zu weit gehen, eine Olympiasportlerin wegzusperren, während im eigenen Land die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Aber die chinesische Propaganda ist erfindungsreich und kreativ. Und hat ihre willfährigen Helfer. So zum Beispiel den IOC-Präsidenten Thomas Bach aus Deutschland. Er ist für seine Nähe zu Diktatoren bekannt. Hat sich von Menschen wie Horst Dassler (adidas) sponsern lassen. Etc. Bach ließ sich in einer Videokonferenz mit Peng Shuai filmen, nachdem diese irgendwo (aber wo?) wieder aufgetaucht war. Die Botschaft: Peng Shuai geht es gut. So hat die chinesiche Propaganda doch noch ihr Ziel erreicht. Und Thomas Bach knüpft da an, wo er sich 2014 anlässlich der Olympischen Winterspiele in Sotschi und angesichts der russischen Annektion der Krim mit Wladimir Putin und Champagner fotografieren ließ (Johannes Knuth, SZ 23.11.21; Christoph Giesen, SZ 23.11.21).

3658: Der liebe Gott braucht nicht gegendert zu werden.

Freitag, November 26th, 2021

Die neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, eine ehemalige westfälische Präses, ist von Reinhard Bingener in der FAS (21.11.21) interviewt worden.

FAS: Die katholische Jugend hat eine Debatte darüber angestoßen, auch Gott zu gendern, indem man zum Beispiel „Gott*“ schreibt. Haben Sie dafür Verständnis?

Kurschus: Gott kann nicht auf ein Geschlecht festgelegt werden. Diese Offenheit wird schon in der Bibel deutlich, indem für Gott unterschiedliche Schreibweisen und Namen verwendet werden. Luther hat das hebräische Tetragramm JHWH mit den vier Großbuchstaben HERR übersetzt. Das meint bei Luther keinen Mann, sondern das ist eine genderübergreifende Machtansage. Dennoch hören darin viele – und wer wollte es ihnen verdenken – eine eindeutig männliche Bestimmung. Die Anrede „Gott“ ist aus meiner Sicht aber offen genug. Insofern sehe ich persönlich keinen Grund, das Wort zu gendern.

3657: 2020: 139 Frauen von Partnern getötet

Freitag, November 26th, 2021

Im Jahr 2020 ist alle zweieinhalb Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Insgesamt 139 Frauen wurden Opfer von Partnerrschaftsgewalt, 30 Männer. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) rief dazu auf, in solchen Fällen von Gewalt zu sprechen und nicht von „Familientragödie“ (SZ 24.11.21).

3656: Wir wünschen der Ampel-Koalition Fortüne !

Donnerstag, November 25th, 2021

Der Koalitionsvertrag umfasst 177 Seiten und trägt den Titel „Mehr Fortschritt wagen“, angelehnt an Willy Brandts „mehr Demokratie wagen“. Nun, der Wähler hat so gewählt, wie er gewählt hat, da sind nur wenige große Würfe, einiges Mittelmaß und auch Fehlentscheidungen zu erwarten. Die SPD erhält (einschließlich des Kanzlers) acht Ministerien, die Grünen fünf und die FDP vier. Angesichts der Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft wünschen wir der Ampel insgesamt eine glückliche Hand. Es ist keine Zeit für parteipolitische Hampeleien. Und die Lobbyisten krakeelen immer. Besonders die jungen. Klare Fehlbesetzungen sind Annalena Baerbock (Grüne) als Außenministerin und Marco Buschmann (FDP) als Justizminister. Erstaunlich ist, wie gestern noch Christian Lindner (der neue Finanzminister von der FDP) den künftigen Kanzler Olaf Scholz (SPD) gelobt hat. Er könne auch Menschen repräsentieren, die nicht die SPD gewählt hatten, und werde ein starker Kanzler sein.

Es gibt einen Mindestlohn von zwölf Euro. Rentenkürzungen und eine Anhebung des Renteneintrittsalters sind nicht vorgesehen (das lässt zu viele Fragen offen). Für Hartz IV ist ein Bürgergeld vorgesehen. Es soll eine Kindergrundsicherung geben. Das soziokulturelle Existenzminimum wird neu festgelegt. Der Kohleausstieg soll „idealerweise“ 2030 kommen. Die Bewohner der Kohlereviere in Sachsen und Nordrhein-Westfalen fürchten sich zu Recht. Wie der kommende Vizekanzler und für Klimaschutz zuständige Minister Robert Habeck (Grüne) sagte, soll der Emissionspreis für Kohlendioxyd nicht unter 60 Euro fallen. Bis 2030 sollen 15 Millionen elektrische Pkw zugelassen werden. Bis dahin sollen 80 Prozent des erforderlichen Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. Das öffentliche Planungsrecht wird beschleunigt. Jährlich sollen 400.000 neue Wohnungen gebaut werden, davon 100.000 öffentlich geförderte (Nico Fried, SZ 25.11.21).

Mehr war wohl nicht drin. Das Ganze wird sehr, sehr teuer.

3655: Rudolf Steiner: Der Ideologe der Impfgegner

Mittwoch, November 24th, 2021

Die Soziologen Oliver Nachtwey und Nadine Frei haben in einer Studie nachgewiesen, dass es starke Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Impfgegnern und „Querdenkern“ gibt. Besonders in Baden-Württemberg. Woran liegt das? Dazu hat Alex Rühle (SZ 24.11.21) den Anthroposophie-Experten

Prof. Dr. Helmut Zander (Uni Fribourg)

befragt, der eine Rudolf Steiner-Biografie verfasst hat und systematisch zur Anthroposophie forscht. Er antwortet (in Auszügen) u.a. zur Wissenschaftsskepsis folgendermaßen:

„Aus einem anthroposophischen Wissenschaftsverständnis, das wir an der Universität nicht mehr mittragen. Rudolf Steiner meinte, man müsse das, was die Naturwissenschaften erforschen, auf anderem Weg erreichen mit geisteswissenschaftlichen Methoden übersinnlicher Erkenntnis.“

„Unser Wissenschaftsverständnis setzt dagegen Wissen auf Zeit voraus, Dateninterpretation, Diskurs, Wahrscheinlichkeit.“

„Steiner glaubte, dass das Impfen grundsätzlich problematisch sei, weil es dazu führe, den Menschen ‚die Hinneigung zur Spiritualität auszutreiben‘, wie er 1917 sagte.“

„Von der Schulmedizin wird die Impfnotwendigkeit hingegen epidemiologisch-statistisch begründet. Der Nutzen für die Allgemneinheit ist größer, wenn wir impfen, als wenn wir nicht impfen.“

„Ich finde es in dem Zusammenhang problematisch, wenn sich der Bund der Waldorfschulen hinsichtlich von Steiners Rassismus mit windelweichen Formulierungen positioniert.“

„Es gibt (in den Waldorfschulen) immer wieder überproportional viele Infektionen. An der Waldorfschule St. Georgen in Freiburg gab es einen Corona-Ausbruch mit 117 Infektionen. Von den 600 Schülern hatten 55 Maskenatteste, die laut ‚Tagesspiegel‘ fast alle ungültig waren. An der Überlinger Schule gab es sieben mal so viele Infektionen wie im Landesdurchschnitt.“

„Verschwörungstheorien gehören salopp gesagt zur DNA der Schriften Steiners. Das liegt daran, dass er fest davon überzeugt war, dass es wirkmächtige Geheimgesellschaften gebe, im Guten wie im Schlechten, …, ein internationales Netzwerk, dass sich vor dem Ersten Weltkrieg gegen Deutschland positioniert habe.“

„Konsequenterweise kritisierte Steiner immer wieder Parteien und Parlamente, er war halt im Kaiserreich sozialisiert. Dahinter steht das schon erwähnte grundlegende Problem: Es fällt im anthroposophischen Milieu wahnsinnig schwer, sich von problematischen Positionen Steiners grundsätzlich zu verabschieden. Insofern ist es für mich nicht wirklich überraschend, dass das Milieu für Impfkritiker, die sich auf Steiner berufen, immer wieder einen großen Echoraum bildet.“

3654: Mathias Döpfner in der Krise

Dienstag, November 23rd, 2021

Der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, 58, steht in der Gefahr, als Vorsitzender des „Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger“ (BDZV) (seit 2016) abgewählt zu werden (Basisinformationen in Wilfried Scharf: Grundzüge der Kommunikationspolitik des BDZV, sozialwissenschaftliche Diplomarbeit, Göttingen 1972). Grund dafür ist eine SMS an einen Schriftsteller,  in der Döpfner behauptet hatte, der „Bild“-Chefredakteur sei der letzte und einzige Journalist, der noch „mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ in Deutschland aufbegehre. Viele Zeitungsverleger sahen dadurch ihre Branche verunglimpft und forderten den Rücktritt Döpfners. Sollte er abberufen werden, müsste eine BDZV-Delegiertenversammlung einen Nachfolger wählen.

Döpfner studierte Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete seit 1982 als Musikkritiker für die FAZ. Er wechselte zu Gruner & Jahr und wurde Chefredakteur der „Wochenpost“ und der „Hamburger Morgenpost“. 1996 wurde er Chefredakteur der Springer-Zeitung „Die Welt“, 1999 Vorstandsmitglied bei Springer und 2001 Vorstandsvorsitzender. Eine glänzende Karriere. Döpfner verkaufte die „Berliner Morgenpost“, das „Hamburger Abendblatt“ und die „Hörzu“ und investierte massiv in Internetgeschäfte. Mit großem Erfolg! 2019 holte er den US-Finanzinvestor KKR als gleichberechtigten Partner an Bord. Bei Springer gibt es keine Rücktrittsforderungen. Döpfner besitzt 22 Prozent der Anteile und übt 45 Prozent der Stimmrechte aus. Friede Springer schätzt Döpfner sehr und und hat ihn zu ihrem De-facto-Erben gemacht (Caspar Busse, SZ 23.11.21).

3653: Markus Anfang ist nicht mehr Trainer von Werder Bremen.

Montag, November 22nd, 2021

Die Verträge des Fußballtrainers Markus Anfang, 47, und seines Assistenten Florian Junge mit Werder Bremen sind aufgelöst. Grund ist ein Ermittlungsverfahren der Bremer Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Nutzung eines gefälschten Zertifikats. Der Impfstatus von Anfang war letztlich ungeklärt. Werder Bremen hatte ihn zunächst gestützt, konnte daran aber wegen einer „anderen Sachlage“ nicht mehr festhalten. Finanzvorstand Klaus Filbry sprach von einer „sehr klaren Indizienlage“. Anscheinend hat Markus Anfang den Klub, seine Fans und die Öffentlichkeit belogen. Werder Bremen hat einen enormen Imageschaden („Werder-Familie“), einen sportlichen und finanziellen Schaden erlitten.

Wie der Fall Kimmich zeigt, kann dadurch der deutsche Fußball schwer geschädigt werden.

Klaus Filbrich: „Für uns ist die Akte Markus Anfang geschlossen.“ (Thomas Hürner, SZ 22.11.21)

3651: Die SPD kann ihr Verhältnis zur Bundeswehr verbessern.

Sonntag, November 21st, 2021

In den letzten Jahrzehnten war die Bundeswehr geprägt von Skandalen. Anscheinend gibt es bei den Ampel (SPD, Grüne, FDP)-Verhandlungen kein großes Begehren nach dem Verteidigungsministerium. Der Freiherr von und zu Guttenberg (CSU), Ursula von der Leyen (CDU) und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) wirkten als schlechte Minister. Bei der SPD war das einmal anders. Ich kann dies selbst gut beurteilen, weil ich in den sechziger Jahren in der Armee als Panzeroffizier gedient habe. Nie stimmte ich mit sozialdemokratischer Politik mehr überein als seinerzeit. Es war die Zeit von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Hans Apel, Georg Leber und Peter Struck. Als Bundeskanzler hat Helmut Schmidt den NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt.

Traditionell musste die SPD ihr prinzipiell schlechtesa Verhältnis zur Armee erst korrigieren, bevor es so weit kommen konnte. Das Verhältnis änderte sich erst langsam seit 1955. „Aber kaum eine andere Partei hat sich – aus dieser Erfahrung heraus – so verdient um die Nachkriegsarmee gemacht wie die SPD.“ (Mike Szymanski, SZ 20./21.11.21) Die Bundeswehr wurde zur Einsatzarmee. Frauen kamen dazu. Und Kasernen wurden nicht mehr nach Nazi-Generälen benannt. „Die SPD trug oft Verantwortung für die Bundeswehr, wenn sie besser wurde. Das sicherte ihr zugleich Rückhalt unter Soldaten.“

Gegenwärtig ist das Verhältnis der SPD zur Bundeswehr eher ablehnend-kritisch. Wie das der ganzen Gesellschaft. Die Mützenich-SPD hat bis vor kurzem Kampf-Drohnen abgelehnt. Das sollte wohl Friedenspolitik sein. Die mögen die Lukashenkos und Putins besonders gerne. Aber die SPD hat jetzt die Chance, ihr Verhältnis zur Bundeswehr (einem notwendigen Übel) nachhaltig zu verbessern. Wenn sie das Verteidigungsministerium übernimmt.

3650: Oswalt Wiener ist tot.

Samstag, November 20th, 2021

Mit 86 Jahren ist der Künstler und Philosoph Oswalt Wiener (1935-2021) an einer Lungenentzündung gestorben. Schon 1960 hatte er mit

„Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman“

ein Buch vorgelegt, das allen Regeln des Betriebs widersprach. Es war ein Sprachexperiment. Wiener war schon in Wien in Skandale verwickelt, wo er sich mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Gerhard Rühm als Neo-Dadaist beim Jazz präsentierte. Oder mit Otto Mühl und Günter Brus provozierte. 1968 publizierte er „Kunst und Revolution“. Einigen Rezipienten dämmerte es, dass Oswalt Wiener viel weiter dachte. Er musste Österreich verlassen und ging nach West-Berlin. Dort wurde er ein legendärer Kneipenwirt, studierte mit 50 Mathematik. Von 1992 bis 2004 gab er in Düsseldorf sein Wissen als Kunstprofessor weiter. Er machte den „homo sapiens“ lächerlich. Als einer der Ersten hatte er die Sinnlosigkeit der Welt begriffen.