Auf der Documenta sind neue antisemitische Bilder aufgetaucht. „Ein Bild zeigt einen roboterartigen Soldaten mit Davidstern auf dem Helm, der einen erschrockenen Jungen an den Kopf greift. Im Hintergrund sind Arme und Beine erkennbar, die schlaff aus dem Boden ragen – wohl ein Massengrab. Auf einem anderen Bild nimmt eine Frau einem Soldaten mit Hakennase und einem Davidstern auf dem Helm ihr Knie in den Bauch.“ (Jörg Häntzschel, SZ 28.7.22) Die „Kunstwerke“ stammen von einer algerischen Gruppe aus dem Jahr 1988. Geschäftsführer Alexander Fahrenholz teilte mit, dass eine Frau schon vor drei Wochen auf die Stücke aufmerksam gemacht habe. Behörden und Documenta-Leitung seien aber zu dem Schluss gekommen, dass „es nicht um die Diffamierung von jüdischen oder vermeintlich jüdischen Personen geht“. Deswegen liegen die Stücke im Fridercianum weiter öffentlich aus. Leider sei die Besucherin, die darauf aufmerksam gemacht habe, nicht informiert worden. Fahrenholz: „Was ich in den Bildern gesehen habe, waren nur die israelischen Soldaten, die möglichst unsympathische Darstellung von militärischer Gewalt gegen die, an deren Seite sich die algerischen zeichner fühlten.“ Nun soll es einen erklärenden Text zu dem Vorgang geben. Die Serie „Guernica Gaza“ und die Pro-Palästina-Filme von Subversive Film sind beide noch auf der Documenta zu sehen.
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
3959: Neue antisemitische Stücke auf der Documenta
Donnerstag, Juli 28th, 20223958: Mehr arbeiten wegen Fachkräftemangels ?
Dienstag, Juli 26th, 2022Als der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel den Vorschlag machte, etwas mehr zu arbeiten, damit die Menschen wieder mehr verdienen, kam gleich der Verdacht auf, dass Gabriel nur die Seiten zum Kapital gewechselt habe. Dabei ist die Lage für Arbeitnehmer tatsächlich besser geworden. Vielleicht noch nicht genug, aber immerhin: stabile Löhne und Sozialleistungen, hohe Mitarbeiterzufriedenheit. Und: Krieg, Pandemie und eine krisenhafte Weltwirtschaft bleiben ohnehin.
Was heute fehlt, sind Menschen, die arbeiten wollen und können.
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fehlen in Deutschland derzeit 1,5 Millionen Fachkräfte. Bis 2030 sinkt die Zahl der Arbeitnehmer von heute 45 Millionen um 3 Millionen, bis 2040 nochmals um 3 Millionen. Das kostet Innovation, Wachstum und Wohlstand. Die Finanzierung der Sozialsysteme wird zunehmend gefährdet.
„Deshalb ist es so wichtig, dass das Ideal nicht lautet: Lasst uns immer weniger arbeiten. Sondern es muss in der Summe mehr, aber eben auch flexibel und attraktiv gearbeitet werden.“ Im Kranken- und Pflegesektor etwa werden nicht mehr Menschen arbeiten, weil die Arbeitszeiten kurz sind, sondern nur, wenn sie bessere Arbeitsbedingungen haben. „Ohnehin würden vermutlich Menschen, wenn es sich denn für sie lohnte, mehr arbeiten wollen. Erst recht, wenn das Leben immer teurer wird.“ (Marc Beise, SZ 26.7.22)
Sigmar Gabriel hat recht.
3957: Tour de France – Mythos und Verhängnis
Montag, Juli 25th, 2022In diesem Jahr hat es bei der Tour de France keine Dopingfälle gegeben. Wer das glaubt, befindet sich in der Sphäre zwischen Traum und Propaganda. Schon Bertolt Brecht wusste ja: „Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.“ Das tut der Attraktivität der Veranstaltung offenbar keinen Abbruch. Auch wenn Asphalttemperaturen von 60 Grad üblich geworden sind. Das Peloton führt reichlich Nahrungsergänzungsmittel mit sich. Das Bild der Tour wird beim Publikum (hauptsächlich dem Fernsehpublikum) vom Leiden der Fahrer, der Volkshelden, bestimmt. Sie verkörpern Warnung und Werbung zugleich. Und die Werbung ist es, welche die Tour am Leben erhält. Ich sehe tagelang die gleichen Fahrer und Teams, ich sehe auch die gleichen Schaumweine und Weichkäse (Holger Gertz, SZ 25.7.22).
3956: USA vor dem Scheitern
Sonntag, Juli 24th, 20221. Die Untersuchungen zum 6. Januar 2021 beim Sturm auf das Kapitol haben ergeben, dass der Putsch von Donald Trump gewollt war.
2. Er hat sich das Ganze im Fernsehen angesehen.
3. Die USA sind zerrissen.
4. Unter den Republikanern könnten nur Personen wie Liz Cheney zur Aufklärung beitragen.
5. Bei all diesen Vorgängen handelt es sich um Produkte von jahrzehntelangen Prozessen, die mit Ronald Reagan begonnen haben.
6. Seither haben sich die „Lager“ radikalisiert.
7. Die USA sind ohne Mitte.
8. Die Republikaner waren bemüht, das Wahlrecht in ihrem Sinn zu manipulieren.
9. Im Wesentlichen bestehen die Republikaner aus religiösen Eiferern, skrupellosen Machtmenschen und Dummköpfen.
10. Der Supreme Court weitet die Rechte von Waffenbesitzern aus und beschränkt die von Frauen.
11. 45 Millionen Menschen in den USA haben keine Krankenversicherung.
12. Die Pharma-Lobby hat es geschafft, dass in den USA Insulin etwa 15 mal so teuer ist wie in anderen westlichen Ländern.
13. Im Grunde deutet der Albtraum USA darauf hin, dass das Scheitern dieses Modells nicht mehr aufzuhalten ist.
14. Als Führungsmacht des Westens sind USA inzwischen ungeeignet (Christian zaschke, SZ 23./24.7.22).
3955: Mythos Lohn-Preis-Spirale
Samstag, Juli 23rd, 2022Die Legende von der Lohn-Preis-Spirale geht wieder um. Gedroht wird mit der Stagflation (hohe Inflation bei gleichzeitig geringem Wachstum). Aber eine Lohn-Preis-Spitale kann nur unter zwei Bedingungen entstehen: 1. Wenn Arbeitnehmer und Gewerkschaften die Preise diktieren können, und 2. wenn sie sich bei ihren Lohnforderungen nicht an der realistischen Inflationsrate orientieren. Das ist in der Vergangenheit praktisch kaum vorgekommen. Und in der Gegenwart ist damit nicht zu rechnen. Die Kaufkraft wird bei einer Lohnerhöhung von 4 bis 5 Prozent und einer Inflationsrate von 7 Prozent sinken. Dabei fahren einige große Unternehmen hohe Gewinne ein und schütten entsprechende Dividenden aus. Der Anstieg der Lohnstückkosten ist eher moderat.
Die Macht der Gewerkschaften ist in der letzten Zeit erkennbar gesunken. Weniger als die Hälfte der Beschäftigten ist heute über Tarifverträge abgedeckt. Und je stärker die Kaufkraft schrumpft, desto höher ist in der Regel der Schaden für die Wirtschaft. Insofern ist es generell am besten, wenn es Arbeitgebern und Gewerkschaften gelingt, sich zu verständigen. Unternehmerischer Erfolg und hohe Löhne gehören zusammen. Deutschland hat bisher von der hohen Produktivität und der Qualität seiner Produkte profitiert. Ohnehin sollten die Kosten von Pandemie, Krieg und Inflation von den stärksten Schultern getragen werden (Marcel Fratzscher, taz 12.7.22).
3954: Vatikan stoppt „Synodalen Weg“.
Samstag, Juli 23rd, 2022Der Vatikan hat die von der Deutschen Bischofskonferenz und vom Zentralkomitee deutscher Katholiken (ZdK) 2019 auf den Weg gebrachte geistliche Reformbewegung „Synodaler Weg“ gestoppt. Sie sei nicht befugt, neue Ausrichtungen der katholischen Lehre und der Moral zu beschließen. Nach der Aufdeckung der Missbrauchsskandale wollten die Reformer mehr Mitwirkung von Laien bei der Bischofswahl, die Zulassung von Frauen zum Diakonissinnen-Amt, eine Reform des Zölibats, die Zulassung von verheirateten Männern zum Priesteramt und die Segnung von homosexuellen Paaren. Geradezu tragisch ist die Tatsache, dass die Reformer überwiegend eng mit der Kirche verbundene Christen sind.
„Dass Papst Franziskus dem Synodalen Weg in Deutschland kritisch gegenübersteht, ist nicht neu. Erst kürzlich erzählte er, dass er dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gesagt habe, es gebe bereits eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland, man brauche keine zweite. Mal abgesehen davon, dass noch nie ein Papst so lobende Worte für die evangelkische Kirche gefunden hat, entlarvte die Aussage auch, wie viel augenrollende Genervtheit in Rom bei dem Thema herrscht.“ (Annette Zoch, SZ 22.7.22)
3953: Uwe Seeler ist gestorben.
Freitag, Juli 22nd, 2022Mit 85 Jahren ist Uwe Seeler gestorben. Er war ein Klassefußballer, kam 1954 mit 18 Jahren in die Nationalelf und absolvierte dort viele Spiele und schoss viele Tore. Obwohl Seeler Angebote aus dem Ausland hatte, blieb er in Deutschland und sogar beim HSV, den er 1960 zur Meisterschaft geführt hatte. Legendär sind Seelers Beteiligungen an den Fußballweltmeisterschaften 1966 (Großbritannien) und 1970 (Mexiko). Nebenbei arbeitete er als Sportartikelvertreter. Dabei verkörperte stes das „Normale“. Bodenständige, Einfache. Seinerzeit riefen die Fans bei Länderspielen „Uwe, Uwe“. Ich habe Uwe Seeler einige Male in unserem Weserstadion (gegen Werder Bremen) erlebt und auf dem Oldenburger Donnerschwee (wo der VfB Oldenburg spielte). Seeler blieb es nicht erspart, sich angesichts des Missmanagements beim HSV in den neunziger Jahren in die Pflicht nehmen und zum Präsidenten wählen zu lassen, wo er scheiterte. Das tut seinem guten Ruf keinen Abbruch. Er passte wohl nicht mehr ganz zum modernen Kommerzfußball.
3952: Michael Kretschmers (CDU) gefährliche Ahnungslosigkeit
Donnerstag, Juli 21st, 2022Der Vorschlag des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine „einzufrieren“ und uns weiter von Rohstofflieferungen aus Russland abhängig zu machen, ist auf scharfe Kritik gestoßen. Der FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai sagte: „Gott sei dank ist dieser Mann nicht verantwortlich für unsere Außenpolitik.“ Er habe „offensichtlich bis zu heutigen Tage nicht verstanden, wie gefährlich Russland ist“. Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Johann Wadepuhl sagte, es gehe für die Ukraine nicht um Gebietsabtretungen oder Verzicht. „Das erreichen wir zur Zeit nur durch jede nur mögliche Unterstützung der Ukraine gegen die russische Aggression.“ Für die Grünen-Abgeordnete Jamila Schäfer zeugt Kretschmers Haltung von gefährlicher Ahnungslosigkeit. Der ehemalige ukrainische Botschafter Andrij Melnik schrieb: „Die Ukrainer treten dafür ein, dass Sie Ihren Kopf in ein Tiefkühlregal stecken, um ihre heißen Russland-Fantasien einzufrieren. Ihre ewige Anbiederung an Kriegsverbrecher Putin ist ekelerregend.“
Kretschners Forderung geht an der Wirklichkeit komplett vorbei. Aber er inszeniert sich als „Vertreter der Mehrheitsmeinung der Gesellschaft“. So sind sie, unsere Sachsen. Vielleicht trifft das den Nerv derjenigen, denen egal ist, was in der Welt passiert, solange es nur zu Hause bequem bleibt (Iris Mayer, SZ 21.7.22).
3951: Die Interessen der Palästinenser werden missachtet.
Dienstag, Juli 19th, 20221. 1948 erreichten die Juden mit ihrem militärischen Sieg in Palästina die Voraussetzung für ihre Staatsgründung. Die Palästinenser erlebten die Nakba, ihre Katastrophe.
2. Israel sah sich als Nation der Opfer. Jeder Dritte war Holocaust-Überlebender.
3. Insofern zahlen die Palästinenser seit über siebzig Jahren den Preis für den deutschen Holocaust.
4. In der deutschen Erinnerungskultur kommt die Nakba bisher kaum vor.
5. Der Holocaust ist die alle anderen Faktoren überschattende Ursache der israelischen Staatsgründung.
6. Inzwischen hat Israel mehr als 500 palästinensische Dörfer unbewohnbar gemacht.
7. Der deutsche Völkermord hat für die meisten Israelis im Hinblick auf Schutz und Identifikation eine Bedeutung, die der Zionismus vorher nicht hervorgebracht hatte.
8. Die Palästinenser stehen letzten Endes mit leeren Händen da.
9. Um so beschämender ist es, dass jüngst in Berlin sämtliche Veranstaltungen zum Jahrestag der Nakba vorab verboten wurden.
(Charlotte Wiedemann, taz 13.7.22)
3950: Alexander Fahrenholtz ist neuer Documenta-Geschäftsführer.
Dienstag, Juli 19th, 2022Alexander Fahrenholtz ist am Montag zum neuen Documenta-Geschäftsführer bestimmt worden. Die Gesellschafter seien froh, einen so erfahrenen und renommierten Kulturmanager gefunden zu haben, hieß es. Er werde seine Aufgabe bereits am 19.7.2022 übernehmen. Sein Vertrag sei bis zum 30.9. befristet. Fahrenholtz war an der Realisierung der Documenta 9 beteiligt und Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes. Der Bund soll wieder in den Aufsichtsrat der Documenta einziehen (SZ 19.7.22).