Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4603: Deborah Feldman ist unorthodox und passt in kein Schema.

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Seit ihrem Buch „Unorthodox“ über ihre Flucht aus der orthodoxen Satmarer-Sekte in New York ist Deborah Feldman ein literarischer Star. Seit zehn Jahren lebt sie in Berlin. Nun ist ihr neues Werk „Judenfetisch“ erschienen. Sie ist gefragter denn je. Ich führe hier Äußerungen von ihr auf, die sie in einem Interview mit Sonja Zekri (SZ, 21.11.23) gemacht hat:

„Meine Großeltern waren Deutsche, wurden verhaftet, mussten fliehen.“

„.. ich bin genau so berechtigt, mich als deutsche Jüdin zu Wort zu melden. Ich habe die Staatsbürgerschaft meines Urgroßvaters bekommen, ich habe hier meine Wurzeln, ich fühle mich zugehörig. Und das lasse ich mir auch nicht absprechen.“

„Die gesamte Debatte über den muslimischen Antisemitismus dient den Rechten dazu, sich vom Antisemitismus zu entlasten.“

„Solidarität mit Israel ist eine gute Lehre aus dem Holocaust, ich will das nicht anzweifeln. Seit Konrad Adenauer führt Deutschlands Weg zur Wiedergutmachung an die Seite Israels. Deutschland investiert in den Erfolg Israels und befreit sich dadurch aus seiner Verantwortung aus der Geschichte.“

„Dieses Land hat sich sehr früh darauf festgelegt, dass in der bedingungslosen Solidarität zu Israel die Erlösung liegt, vom Antisemitismus, vom Rassismus, von gesamten Hass in der Gesellschaft.“

„Es gibt schon lange eine Bewunderung der europäischen Rechten für das rechtsnationale Israel.“

„Es besteht eine Gefahr für Muslime und dann für Juden. Und das macht mir existentielle Angst als Enkelin eines Großvaters, der 1939 von der Gestapo verhaftet und zur polnischen Grenze gebracht wurde, zu Fuß zurücklief, um Frau und Kinder zu holen und gleich zu fliehen.“

„Der 7. Oktober hat mich näher an die Friedensaktivisten gebracht, an die weltoffenen Israelis und Palästinenser. Er hat mich nicht dem gesamten Judentum näher gebracht. Ich fühle mich doch nicht den rechtsextremen Siedlern in der Westbank nahe, die jetzt Jagd auf Palästinenser machen. Ich fühle mit allen Opfern und ihren Angehörigen. Das Wir, das angegriffen wurde, ist der Frieden, die Menschenrechte, der Humanismus. Für die ich mein Leben lang gekämpft habe.“

„Es gibt viele Stimmen in Israel, die diese Gewalt klar für exzessiv und unverhältnismäßig halten. Der Entzug von Wasser ist völkerrechtswidrig. Die Vertreibung ist völkerrechtswidrig. Die Inkaufnahme ziviler Opfer ist völkerrechtswidrig.“

„Mein eigener Lösungsansatz lautet wie der von vielen Menschen in Israel und in der Diaspora: Lasst uns diese Stimmen lauter machen, die nicht von ‚tilgen‘ reden. Sie sind die einzigen, die eine Lösung herbeiführen können.“

„Primo Levi, Jean Améry und Czeslaw Milosz wollten nur eines vermitteln: Entweder du bist für alle, und alle Menschen sind gleichwertig, denn nur so entgehen wir der Gefahr, dass wir ein neues Opfer aussuchen. Oder du sagst, mir ist etwas Schlimmes passiert, also darf ich wegschauen, wenn anderen etwas Schlimmes passiert. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.“

4602: Wölfe besser schießen

Samstag, Dezember 2nd, 2023

Unter Führung von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) haben die Länderumweltminister neue Richtlinien für das Abschießen von gefährlichen Wölfen beschlossen. Wenn Schutzzäune überwunden und ein Weidetier gerissen wurde, können im Umkreis von 1000 m 21 Tage lang Wölfe geschossen werden. Es gibt bekanntlich 184 Wolfsrudel in Deutschland, insbesonder im Osten. Landwirte und Weidetierhalter sind mit der Regelung noch nicht einverstanden. Einverstanden ist aber die EU-Kommission (Michael Bauchmüller, SZ 2./3.12.23).

4601: In Russland ist LGBTQI verboten.

Freitag, Dezember 1st, 2023

Der Oberste Russische Gerichtshof hat LGBTQI als „extremistisch“ eingestuft und verboten. Das ist ein typisches Beispiel für die politische Rückständigkeit Russlands insbesondere in Bezug auf die Menschen- und Bürgerrechte. Bisher schon waren queere Personen dort großen Repressalien ausgesetzt. Das nimmt nun noch zu. Die Betreffenden sollen mundtot gemacht werden. Ein Regime, das so brutal gegen Minderheiten vorgeht, schreckt auch vor anderen Grausamkeiten nicht zurück (SZ 1.12.23).

4600: Krankschreibung per Telefon

Donnerstag, November 30th, 2023

Künftig sollen sich Patientinnen und Patienten telefonisch von ihrer Arztpraxis krankschreiben lassen können. Das war schon einmal während der Corona-Pandemie eingeführt worden. Der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken will darüber am 7. Dezember entscheiden. Geplant ist ein sogenanntes „rückwirkendes Inkrafttreten“ (SZ 30.11.23).

4599: Adania Shibli verliert gegen die „taz“.

Dienstag, November 28th, 2023

Die palästinensische Schriftstellerin (mit israelischem Pass) Adania Shibli hat einen Preis auf der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman „Eine Nebensache“ doch nicht bekommen. In der „taz“ war vorher ein für sie sehr kritischer Artikel erschienen. Darin wurde sie u.a. als „engagierte BDS-Aktivistin“ bezeichnet. Nach einer Klage von Shibli hat das Landgericht Hamburg beide Äußerungen als vom Recht auf freie Meinungsäüßerung gedeckt bezeichnet. In dem Satz „In diesem Kurzroman sind alle Israelis anonyme Vergewaltiger und Killer, die Palästinenser hingegen Opfer“ werde laut Hamburger Gericht vom Durchschnittsleser als „zuspitzende Wertung des Inhalts des Buches“ betrachtet. Diese Annahme ist möglicherweise gewagt (Felix Stephan, SZ 28.11.23).

Shibli hatte außerdem vor 16 Jahren einen offenen Brief des BDS unterschrieben. Wenn das genügt, um sich gerichtsfest als BDS-Aktivistin bezeichnen lassen zu müssen, dann wären davon auch die anderen Unterzeichner

Michael Ondaatje, Arundhati Roy, Angela Davies, A.L. Kennedy und der Literaturnobelpreisträger J.M Coetzee u.a.

betroffen. Damit wären sie vom deutschen Kulturbetrieb weithin ausgeschlossen. Tatsächlich haben der Deutsche Bundestag, die „taz“ und das Hamburger Landgericht solche Äußerungen als sanktionswürdigen Antisemitismus wahrgenommen. Ein Votum für die Meinungsäußerungsfreiheit.

4598: Ungarn versucht, die EU zu erpressen.

Montag, November 27th, 2023

EU-Ratspräsident Charles Michel bemüht sich, Ungarn davon abzubringen, die Beitrittsgespräche mit der Ukraine durch ein Veto zu torpedieren. In solchen Fällen neigt Ungarn zur Erpressung. Gleiches gilt für weitere 50 Milliarden Euro an Finanzhilfe. Das wäre ein „Triumph für Russland“. Und wer weiß, was der Verbrecher Putin Victor Orban versprochen hat. Ähnlich gelagerte Fälle haben wir eventuell bei den Wahlerfolgen der Rechtspopulisten Robert Fico und Geert Wilders.

Es ist ein europäisches Elend.

Aber die EU zeigt sich richtigerweise bisher geduldig und versucht, Orban aus seiner Ecke herauszuholen. Victor Orban möchte natürlich, dass die EU die 28 Milliarden Euro an Zuschüssen für Ungarn freigibt, die bisher wegen Korruption und Rechtsstaatsproblemen gesperrt sind. Orban möchte auch erreichen, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen 2024 nicht wieder antritt (Hubert Wetzel, SZ 27.11.23).

4597: Große Kunst bleibt wichtig.

Sonntag, November 26th, 2023

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in der Kunst die Maßstäbe verschwinden. Die Findungskommission der Documenta und ein Kurator der Fotografie-Biennale sind zurückgetreten. „Offensichtlich unterschätzen manche Kuratoren und Künstlerinnen den islamistischen Terror der Hamas und seine Folgen.“ (Kia Vahland, SZ 24.11.23) Es reicht nicht, den kritischen Fokus bei diesen Betrachtungen nur auf Westeuropa und seinen Kolonialismus zu richten. Die imperialistische Macht der Gegenwart ist Russland. Und was werden die widerständigen Schülerinnen aus Teheran wohl über den islamistischen Fundamentalimus denken? Die Künstler und Kuratorinnen sollten ihre Aufmerksamkeit auf die

Bildpolitik im Gazakrieg

richten. „Die Hamas nimmt das entsetzliche Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser, ihre Ohnmacht und ihr Sterben nicht nur in Kauf, sie braucht und will genau diese unerträglichen Bilder, so wie sie zu Anfang des Krieges auch genau die unerträglichen Bilder vom Überfall auf Israel wollte und nutzte.“ Und in Europa können wir nur mit Rücktritten die Kunst nicht retten. Das würde wieder den Rechtspopulisten in die Hände spielen, die nur zu gerne die Kunstszene abwickeln würden. Das Verdienst der Kunst ist es, eine Vielzahl an Perspektiven, Fantasien und Erfahrungen zu zeigen. Große Kunst ist dem Humanismus verpflichtet.

4596: Peter Schäfer „Kurze Geschichte des Antisemitismus“

Samstag, November 25th, 2023

Peter Schäfer zeigt, dass Antisemitismus zu den Fundamenten der christlich-anemdländischen Kultur gehört. Die Trennung zwischen rassistischem Antisemitismus und christlichem Antijudaismus ist nicht voll berechtigt. Schon bei den Griechen und Römern gab es zentrale Motive der Judenfeindschaft. In den Bekenntnissen des heiligen Paulus wurde das verschärft. Jetzt wurden den Juden bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben, etwa die Rachsucht. Bis heute (Gustav Seibt, SZ 25./26.11.23).

4595: Weniger Personal in der Gastronomie

Freitag, November 24th, 2023

In Restaurants, Bars und Cafés arbeiten deutlich weniger Menschen als vor der Corona-Pandemie. Im September 2023 waren dort 6,3 Prozent weniger Beschäftigte als im September 2019. Insbesondere im Getränkeausschank. Der Gastronomie machen Kaufkraftverluste ihrer Kunden zu schaffen. Viele Angestellte haben in der Krise die Branche gewechselt. Ab Januar 2024 steigt der Mehrwertsteuersatz wieder von sieben auf 19 Prozent. Da sind weitere Einbußen zu befürchten (SZ 24.11.23).

4594: 89000 getötete Frauen

Freitag, November 24th, 2023

Nach einem UN-Bericht hat die tödliche Gewalt gegen Frauen weltweit zugenommen. Fast 89000 Frauen wurden 2022 aufgrund ihres Geschlechts getötet. Das ist die höchste Zahl in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte wurde von Familienangehörigen bzw. den Partnern der Frauen verübt. Danach wurden jeden Tag mehr als 133 Frauen oder Mädchen in ihrem Wohnraum getötet (SZ 24.11.23).