Archive for the ‘Geschichte’ Category

4534: Der doppelte Erich

Donnerstag, Oktober 19th, 2023

Erich Kästner war einer der lebendigsten deutschen Schriftsteller. Seine Romane werden als Modelle einer dynamischen Gesellschaftsentwicklung verstanden und bis heute gelesen. Insbesondere „Fabian“ (1931). (Übrigens: mein Sohn heißt Fabian.). Erich Kästner war ein scharfer Kritiker der Weimarer Republik. Und der Nationalsozialisten. Wie konnte es sein, dass er 1933 in Deutschland blieb?

Dieser Frage widmet sich gekonnt der Literaturkritiker Tobias Lehmkuhl in seinem Buch

Der doppelte Erich – Kästner im Dritten Reich. Berlin (Rowohlt) 2023, 304 Seiten, 24 Euro.

Kästner gelangte nicht sofort in die Reichsschriftumskammer, brauchte für die von ihm verfassten Drehbücher (u.a. „Münchhausen“ mit Hans Albers) eine Sondergenehmigung. Er schrieb schnell, viel und regelmäßig. Gewiss hätte er in Hollywood eine gute Chance gehabt.

Bei der Bücherverbrennung der Nazis (auch seiner eigenen Bücher) am 30. Mai 1933 soll Kästner auf dem Opernplatz in Berlin dabei gewesen sein. Nicht ungeschickt wählte er häufig das Motiv des Doppelgängers („Doppeltes Lottchen“). Beim zweiten Versuch, Mitglied der Reichsschrifttumskammer zu werden, schrieb Kästners Anwalt: Seine Mitarbeit an der „Weltbühne“ sei „nicht mit Tucholsky und anderen jüdischen Literaten“ zu vergleichen. Bei der Judenverfolgung blieb Kästner erstaunlich emotionslos. Vorsichtshalber manipulierte er sein Tagebuch. Alles unter dem Eindruck nationalsozialistischer Repression. Zum Widerstand hat es nicht gereicht.

Kleinere Ungenauigkeiten trüben den guten Eindruck von Lehmkuhls Buch. So konnte der Nazi-Autor Walter Kiaulehn nach 1945 erst in Kästners „Neuer Zeitung“ mitarbeiten, als Hans Habe, ein Nazi-Opfer, die Redaktion verlassen hatte. Kästner selbst schrieb leicht und schnell. Und ganz wird die Frage nicht beantwortet, ob seine Sprache nicht hier und da doch von der Nazipropaganda kontaminiert wurde. Tobias Lehmkuhls Buch gibt eine Lese- und Verständnishilfe (Hilmar Klute, SZ 14./15.10.23).

4533: Richard David Precht weiß nicht genug.

Mittwoch, Oktober 18th, 2023

In seinem ZDF-Podcast mit Markus Lanz, der bereits 110 mal gelaufen ist, hat sich Richard David Precht eine antisemitische Falschbehauptung geleistet. Unberechtigterweise behauptete er, orthodoxe Juden dürften nicht arbeiten, „ein paar Sachen wie Diamantenhandel und Finanzgeschäfte ausgenommen“. (Si tacuisses, philosophus mansisses.) Das ist Antisemitismus. Dagegen gab es Protest, etwa von der israelischen Botschaft. Precht und das ZDF haben sich noch nicht richtig entschuldigt. Später in der Sendung folgte eine antisemitische Falschbehauptung von Markus Lanz: die orthodoxen Juden hätten sich ganztags dem Beten verschrieben. Er meinte wohl, dass sie sich das Studium der Religion als Hauptaufgabe vorgenommen hätten. Am Ende der Sendung verkündete Lanz die Idee, in dem Podcast sollten sich die beiden doch einmal eine Folge über Religion machen. Eine Drohung. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei so einfache Jungs ein schwieriges Thema bearbeiten lässt.

Wie meinte Dieter Nuhr, der von einigen Kritikern schlicht verachtet wird, doch einmal so richtig: Wenn man keine Ahnung habe, könne man doch einfach mal den Mund halten (Susan Vahabzadeh, SZ 17.10.23; Simon Hurtz, SZ 18.10.23).

4532: In Polen gewinnt die Opposition.

Mittwoch, Oktober 18th, 2023

Die bisher in Polen regierende PIS erhielt 35,38 Prozent und wurde stärkste Kraft, kann aber selbst mit der ultrakonservativen Konferderacija (7,16 Prozent) nicht regieren. Damit können die drei Oppositionsparteien, Donald Tusks Bürgerkoalition (KO) (30,7 Prozent), der christlich-konservative Dritte Weg (14,4, Prozent) und das Linksbündnis Lewica (8,61 Prozent) die Regierung bilden. Unter einem Ministerpräsidenten Donald Tusk. Was für ein Glück für die politische Vernunft und für Europa. Wie schnell der Wechsel kommt, liegt nun bei Präsident Andrzej Duda. In der weniger wichtigen zweiten Kammer des Parlaments, dem Senat, konnten Oppositionsparteien ihre Mehrheit ausbauen (SZ 18.10.23).

4530: Australiens Ureinwohner enttäuscht

Montag, Oktober 16th, 2023

Das gescheiterte Referendum, um die indigenen Völker Australiens in die Verfassung aufzunehmen, hat die Ureinwohner enttäuscht. Ihre Anfüher haben zu einer Woche des Schweigens aufgegrufen. Geplant war, ein Gremium aus Aborigines und Völkern der Inseln in der Torres-Straße zu bilden, das die Regierung in Fragen berät, die sie betreffen. Mehr als 60 Prozent der Wähler waren dagegen (SZ 16.10.23).

4529: Die neue Weltordnung

Sonntag, Oktober 15th, 2023

In seinem neuen Buch

Herfried Münkler: Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert. Berlin (Rowohlt) 2023, 528 S., 30 Euro,

erweist sich der emeritierte Politikwissenschaftler wie eh und je als wissenschaftlicher Systematiker und Realist. Illusionen vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) hat er nie nachgehangen. Endgültig recht gegeben hat ihm der Kriegsverbrecher Wladimir Putin am 24. Februar 2022 mit dem Beginn des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine. Es schälen sich fünf Machtzentren aus den Kämpfen der Gegenwart heraus:

USA, EU, China, Russland, Indien.

Dabei genießt Indien etwa angesichts seines Kastensystems, seines Rassismus und seiner sozialen Ungerechtigkeit einen viel zu guten Ruf. Aber es ist eben mittlerweile zum größten Markt herangewachsen. China ist ein Terrorsystem. Und Russland ist durch seine Kriege geschwächt, ökonomisch ohnehin nicht allzu stark. Münkler spricht aber auch deutlich die Fehler und Untaten des Westens an. Vielleicht hätte er noch deutlicher vor Donald Trump warnen müssen. Der bedroht das an sich freiheitliche System der USA. Und die EU muss solche Staaten wie Ungarn, Polen und die Slowakei durchschleppen.

Ohne zu übertreiben schildert Münkler die Fehler der Merkelschen Außenpolitik. Etwa gegenüber Russland. Der „Wohlstandstransfer“ durch die Erweiterung von Nato und EU, der von den betroffenen Staaten selbst gewollt war, hat funktioniert. Nur bei Russland mit seinem rückständigen politischen System nicht. Diese Art von Oligarchensystem verhindert wahren Fortschritt und bringt immer wieder Diktatoren an die Macht. Dienlich ist dem Weltfriedn, dass bei dem Grad der internationalen ökonomischen Verflechtung die meisten Staaten nicht mehr in der lage sind, Krieg zu führen. Was sich zunehmend wieder durchsetzt, sind Ressentiments, Populismus, Nationalismus, ideologischer Furor und kriegerischer Imperialismus. Diktaturen wie China und Russland folgen als Vordenker und Gewährsmann dem Nazi Carl Schmitt, eine immer wiederkehrende Geschichte. Aber sie stimmt (Joachim Käppner, SZ 14./15.10.23).

4528: Kein Preis für Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache“

Sonntag, Oktober 15th, 2023

Die Verleihung des Literaturpreises auf der Frankfurter Buchmesse an Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache“ wird verschoben. Vorher war der Roman bereits für den National Book Award und für den den International Book Award nominiert, ein ganz seltener Fall. An der palästinensischen Preisträgerin hält man fest.

In seiner Rezension 2022 in der SZ hatte Maxim Biller über Shiblis Roman geschrieben: „ein unliterarisches Stück Propaganda“, weil es „mit der symbolträchtigen Ermordung der verängstigten palästinensischen Ich-Erzählerin durch ein paar gesichtslose, namenlose, brutale israelische Soldaten endet“. Eva Menasse vom PEN Berlin sprach sich dafür aus, den Preis wie geplant zu vergeben. Der Präsident des Berliner PEN, Deniz Yücel: „Die Buchmesse sollte der Ort sein, solche Debatten zu führen – und nicht, sie abzuwürgen.“

Der Roman bezieht sich auf eine Massenvergewaltigung durch israelische Soldaten 1949 in der Negev-Wüste. Eine Palästinenserin stößt auf die Geschichte und fühlt sich davon persönlich sonderbar berührt. Mit einem falschen Ausweis reist sie nach Israel und will mehr darüber herausfinden. Dabei wird sie auf Grund eines Missverständnisses von israelischen Soldaten erschossen. Pointe: Obwohl hier eine Zivilistin erschossen wird, sind die Soldaten im Recht. Felix Stephan, der aktuelle Rezensent, schreibt: „Das ist wundervoll erzählt und literarisch absolut preiswürdig. Trotzdem ist es richtig, die Verleihung aufzuschieben und aus einer Buchmesse herauszulösen, die im Schatten der Anschläge der Hamas stattfindet.“ (SZ 14./15.10.23)

4527: Weiter Interesse an Stasi-Akten

Samstag, Oktober 14th, 2023

Jährlich werden heute noch 30.000 Anträge auf Einsicht in Stasi-Akten gestellt. Das geht aus einem Bericht des Bundesarchivs hervor, das seit 2021 für die Akten verantwortlich ist. Interesse haben Bürger, Medien und Forschende. 1990 wurden 111 Regalkilometer Stasi-Akten vor der Vernichtung bewahrt. Sie geben unter anderem darüber Auskunft, wer zu DDR-Zeiten bespitzelt wurde und wer Zuträger des Geheimdiensts war. Nach 1990 war das ein Riesenthema. Bisher wurden insgesamt 7,5 Millionen Anträge auf Aktenbeinsicht gestellt. Im Bundesarchiv sollen die Akten dauerhaft gesichert werden (SZ 14./15.10.23).

4523: Drei-Fronten-Krieg

Donnerstag, Oktober 12th, 2023

Im Norden Israels gab es Gefechte mit Artillerie und Raketen zwischen der schiitischen Hisbollah und Israel. Der Verbrecherstaat Syrien beschießt israelische Stellungen auf dem Golan. Israel steht vor der Herausforderung eines Drei-Fronten-Kriegs. Der Hamas gelang es auch am fünften Tag trotz israelischem Bombardement, Raketen auf Israels Kernland zu schießen. In Gaza hat die Hamas ein Tunnelsystem errichtet. Dort sind noch 100 bis 150 Geiseln. Sie müssen um ihr Leben fürchten. In Israel haben wir 1200 Todesopfer, in Gaza etwa genau so viele. Israel hat 300000 Reservisten mobilisiert. Ein Einsatz am Boden in Gaza birgt sehr viele schwere Risiken, aber ohne einen solchen Einsatz wären die Geiseln verloren. Nach UN-Angaben sind zur Zeit 264000 Menschen in Gaza auf der Flucht. Aber wohin? Dort leben normalerweise 2 Millionen Menschen, dicht gedrängt. Israel hat die Strom- und Wasserversorgung abgestellt. Die UN fordern die Freilassung der Geiseln. Überall kommt es zu Kriegsverbrechen. Von außerhalb kann man das gepflegt kritisieren. Aber es bringt nichts (Nicolas Freund, SZ 12.10.23).

4520: Die Union ist stabil.

Dienstag, Oktober 10th, 2023

Trotz aller Söder-Fehler hat die CSU bei den Landtagswahlen in Bayern nur 0,2 Prozent verloren, die CDU in Hessen unter Boris Rhein hat 7,6 Prozent gewonnen. Angesichts des Desasters der Ampelparteien ist diese Stabilität beachtlich. Auch wenn die AfD weiter zugelegt hat. Übrigens weithin mit Arbeiterstimmen, die früher der SPD zugutekamen. Verdient gemacht um den Unions-Erfolg hat sich auch Friedrich Merz.

Aber der hat Pech, weil er von weiten Kreisen des deutschen Journalismus verachtet wird.

Unverdient, auch wenn er natürlich eigene Fehler begangen hat. Ich frage mich manchmal, was Merz wohl für eine PR-Abteilung hat. Die Journalisten hängen vielfach noch in der Merkelmauschelei fest. Ohne klare Ziele, mit einer schlechten ökologischen Politik und einer völlig verfehlten Russland-Politik. Das will doch keiner wiederhaben. Die Union sollte angesichts ihres Zustands nicht den Fehler begehen, Markus Söder, den Beschädiger schon von 2021, wieder zum Kanzlerkandidaten zu küren. Das wäre dumm und ohne Aussicht auf Erfolg.

4519: Stasi-Denkmal eröffnet

Dienstag, Oktober 10th, 2023

An der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin ist ein Denkmal für die Opfer der kommunistischen Diktatur eingeweiht worden. Es soll an die politische Justiz in der DDR erinnern. Das teilte das Bürgerkomitee 15. Januar mit. Das Denkmal steht am Roedeliusplatz in Alt-Lichtenberg. Hier wurden zwischen 1945 und 1989 200 Menschen zum Tode und langen Haftstrafen verurteilt. Hier befanden sich auch noch zwei Polizeiinspektionen, das Stadtbetirksgericht und das Gefängnis Magdalenenstraße (SZ 9.10.23).