Archive for the ‘Geschichte’ Category

3543: Karl Liebknecht 150

Montag, August 30th, 2021

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind für immer dadurch verbunden, dass sie Anfang 1919 von der Reichswehr ermordet wurden. Und zwar von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Hauptmann i.G. Waldemar Pabst (nach Rücksprache mit Gustav Noske, dem sozialdemokratischen Volksbeauftragten für Heer und Marine). Ein fürchterliches Verbrechen. Und wir fragen uns stets, ob mit Luxemburg und Liebknecht ein Weg des deutschen Kommunismus diesseits von Leninismus und Stalinismus (ab 1929) und Walter Ulbricht möglich gewesen wäre. Einiges spricht dafür, anderes lässt zweifeln. Leider wissen wir es nicht.

Karl Liebknecht gilt als Agitator. Er hatte am 9. November 1918 vor dem Berliner Schloß (heute: Humboldt-Forum) die sozialistische Republik verkündet. Er wird 150. Zur Jahreswende 1919 gehört er zu den Mitbegründern der KPD. Er ist vor allem Antimilitarist und ein Pfahl im Fleisch der SPD, die sich 1914 dem „Burgfrieden“ des Kaisers unterwirft und schließlich den Kriegskrediten zustimmt. Karl Liebknecht stimmt als einziger dagegen (2.12.1914). Damit beginnt die Spaltung der SPD.

Geboren wird Karl Liebknecht am 13. August 1871 in Leipzig als zweiter von fünf Söhnen des SPD-Mitbegründers Wilhelm Liebknecht. Er studiert Jura. Der Vater leitet den „Vorwärts“, der Sohn promoviert „magna cum laude“ und wird Sozius in der Kanzlei eines Bruders. Er heiratet die umschwärmte Julia Paradies. Liebknecht gilt als erfolgreicher Strafverteidiger. Er spricht bereits von der „Klassenjustiz“. Die SPD hat sich 1891 in Erfurt den Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu eigen gemacht. Seinerzeit gibt es noch das preußische Dreiklassenwahlrecht. Frauen dürfen ohnehin nicht wählen. Bei der Reichstagswahl 1912 gewinnt Karl Liebknecht zum ersten Mal den Wahlkreis Potsdam – Spandau – Osthavelland. 1907 hatte er für die Jugendarbeit der SPD die Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ verfasst. Das ist glasklarer Pazifismus. „Die Kolonialarmee, die sich vielfach aus dem Abhub der europäischen Bevölkerung zusammensetzt, ist das bestialischste und abscheulichste aller Werkzeuge unserer kapitalistischen Staaten.“

Karl Liebknecht ist kein Illusionist: „Das Proletariat ist in seiner überwiegenden Mehrheit noch nicht klassenbewusst, auch nicht sozialdemokratisch aufgeklärt, geschweige denn in jedem Fall für jene antipatriotische Aktion zu haben, die ebensoviel Opferwilligkeit und kalten Mut wie Besonnenheit im Strudel der leidenschaftlichsten chauvinistischen Brandung heischt.“ Für seine Aussage, dass die Soldaten nicht bei der Fahne bleiben würden, wenn sie zu denken anfingen, muss er ins Gefängnis. Dort kann er sich frei bewegen und nutzt die anderthalb Jahre zur Weiterbildung. Dann tritt eine zweite Frau in sein Leben, die er nach dem Tod seiner Frau 1912 heiratet, Sophie Ryss.

1910 hat Karl Liebknecht die USA bereist, von denen er wie sein Vater recht angetan ist. Am 28. Juni 1914 fallen die Schüsse von Sarajevo. Der Erste Weltkrieg beginnt. Der Kaiser kennt „keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr, (…) nur noch deutsche Brüder“. Am 2. Dezember stimmt Karl Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite. Er proklamiert: „Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land.“ Er bezieht die Massaker an den Armeniern im verbündeten Osmanischen Reich ein. 1916 spaltet sich die SPD in MSPD und USPD.

Liebknecht wird 1915 einberufen und erlebt die ganzen Demütigungen und Misshandlungen des Militärdienstes am eigene Leibe mit. 1916 wird er aus der SPD ausgeschlossen. Wegen seiner permanenten Agitationen wird er zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Am 3. November 1918 hat mit dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution begonnen. Friedrich Ebert hasst sie „wie die Pest“. Die SPD-Führung schließt ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung. Es führt zur Ermordung Luxemburgs und Liebknechts. Der Spartakusaufstand vom 5. bis 12. Januar 1919 scheitert mangels Massenbasis. So scheitert auch Karl Liebknecht. Er hat Humanismus gewollt (Christoph Dieckmann, Die Zeit 22.7.21).

Vertiefend: Klaus Gietinger (Hrsg.): Karl Liebknecht oder Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung! Berlin (Dietz) 2001, 200 S. 12,00 Euro.

3539: Georg Stefan Troller wird 100.

Freitag, August 27th, 2021

Einer der Großen im deutschen Journalismus, der am 10. Dezember 1921 in Wien geborene Georg Stefan Troller, wird bald 100 Jahre alt. Wer sich je einmal auf seine Präsentationen eingelassen hatte, stand fortan in seinem Bann, auch dem seiner Stimme. Er bestimmte das „Pariser Journal“ beim WDR und „Personenbeschreibung“ beim ZDF in den sechziger und siebziger Jahren. Im Vorlauf zu seinem Geburtstag wurde Troller von seinem Freund, dem Schriftsteller Peter Stefan Jungk, der in Paris lebt, in seinem Landhaus in der Normandie interviewt (Literarische Welt, 14.8.21).

Jungk: Ich weiß, du bist kein Freund der Psychoanalyse. Was sagt dir deine Selbstanalyse?

Troller: Ich habe mein Leben lang versucht, ein neuer Mensch zu werden – Transformation, Wandlung – das war mein Um und Auf. Ich wollte nicht der kleine, verhasste typische Jude sein, den man auf der Straße anspucken konnte. Dazu gehört, dass ich nie mit jüdischen Frauen geschlafen habe, die ich als meine Schwestern empfand, oder als mich selbst.

Jungk: Dein Vater hatte etwas Despotisches an sich, scheint mir.

Troller: Man durfte vor ihm nie von Sexualität sprechen. Als er mich einmal mit einem Buch von Sigmund Freud erwischte, es war „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, hat er mir das Buch aus der Hand gerissen: „Wir befassen uns nicht mit diesem Schmutzzeug.“ Dabei ging es doch bloß um jüdische Witze.

Jungk: Deine Stimme macht ja 50 Prozent der Wirkung aus!

Troller: Das wollte ich nie wahrhaben. Aber es war wirklich so, dass meine Texte, mein Kommentare, meine Interview-Fragen ihr eigenes Gewicht einbrachten. Ich hatte seinerzeit in der Schule bei „Faust“-Lesungen im Klassenzimmer das Gretchen zu lesen, weil meine Stimme so mädchenhaft klang. Und dann kam ich nach Amerika, arbeitete als erstes in einem Konfektionsladen, und da gab es viele schwarze Frauen. Eine von ihnen sagte zu mir: „Oh Mister – Ihre Stimme ist so schön! Sie sollten zum Radio gehen!“ Das war das erste Mal, dass ich so etwas zu hören bekam.

Jungk: Aber du hast diese Gefühle nie mit deiner jüdischen Herkunft verbunden?

Troller: Das Judentum hat mich immer etwas fremd gelassen. Das heißt nicht, dass ich mich zu einer anderen Religion bekehrt hätte, aber zu einer Art Pantheismus. Alles ist göttlich. Auch die menschliche Seele. Ich glaube allerdings nicht an Seelenwanderung, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben unsere Chance gehabt in dieser Welt. Das Göttliche mitgespürt zu haben, ist es schon wert, gelebt zu haben. Es war schön, wenn Mutter einem nachrief, als man mit den Männern zur Synagoge ging: „Bet‘ dir alles Gute aus!“ Das ist doch ergreifend.

3538: Erich Kästners „Fabian“ im Film

Donnerstag, August 26th, 2021

Erich Kästner (1899-1974) hat nicht nur „Emil und die Detektive“ (1929) geschrieben und „Das doppelte Lottchen“ (1949), sondern auch „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) (in der geschärften Version: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“). Hier gibt er mehr von sich selber preis. Eine große Portion Realitätssinn und Bitterkeit ist typisch für Erich Kästner. Er stand für die „innere Emigration“ und musste sich etwa von Walter Benjamin für seine „linke Melancholie“ tadeln lassen, wobei wir nicht genau wissen, welcher Melancholie sich Benjamin selbst verpflichtet sah, als Kommunist wahrscheinlich der sowjetischen, die konnten wir dann bis 1991 noch genießen. Und tatsächlich hat Erich Kästner (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) den „Münchhausen“ (1942) mit Hans Albers geschrieben, einen Film der Nazi-Propaganda. Alles nicht so einfach.

Erich Kästner hat nicht gewollt, dass sein „Fabian“ verfilmt wurde, so hat es Regina Ziegler geschildert, die so erfolgreiche Filmproduzentin, deren Mann Wolf Gremm (geb. 1942) 1980 den ersten „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) herausbrachte. 2021 ist Dominik Grafs (geb. 1952) „Fabian“ erschienen, ein ganz anderer Film und doch auch Kästners Geist verpflichtet. Dieser war politisch relativ illusionslos. Sein Roman hatte keinen Plot und schilderte doch das Scheitern eines aufgeklärten männlichen Zeitgenossen vom Ende der zwanziger Jahre. Ungebunden, sexuell sehr aktiv und politisch illusionslos. Er ist bei Kästner, Gremm und Graf kein Held (Elmar Krekeler, Die Welt 7.8.21).

Erich Kästner hat gesagt, dass jeder Tag für den, der ihn erlebt, das Sitzen in einem verkehrten Zug in die falsche Richtung bedeutet. Und weil es so viele Möglichkeiten gebe, und sich nur eine als Tatsache zeige, verwirkliche sich das Unwahrscheinliche. Kein hoffnungsfroher Optimismus. Aber falsch? Dominik Grafs Film ruft viel Gegenwärtiges auf. „Mein Gefühl war, es sollte ein Film sein, in dem man das Pflaster von Charlottenburg spürt, den Staub auf den Steinen, die Hitze und den Zigarettenrauch in den Kneipen.“ Nach Katja Nicodemus (Die Zeit, 5.8.21) spielt Tom Schilling den Fabian so, als sei er ein Blitzableiter, der nicht merke, dass er selbst getroffen sei. Das ist Erich Kästners gnadenloser Blick. Unabhängig von allen Ideologien und Beschönigungen der Welt. Neben Tom Schilling werden einige großartige Schauspieler wie Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Joachim Nimtz und Jeanette Hain ihren Rollen vollkommen gerecht. Der Film charakterisiert Berlin ähnlich wie „Babylon Berlin“ (Volker Kutscher) oder „Weltpuff Berlin“ (Rudolf Borchardt). Und der Regisseur sagt schließlich: „Die Stadt Berlin enthält im Film alle Zeiten, auch die Katastrophe, die geschehen wird und noch nicht geschehen ist.“ Das ist spannend.

3537: Jonathan Lethem über Berlin

Mittwoch, August 25th, 2021

Wieland Freund interviewt in der Literarischen Welt“ (7.8.21) den US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Lethem  über Berlin. Der sagt:

„Berlin hat eine mythische Kraft, nur leider wird die Stadt vor allem mit Filmen über Nazis assoziiert. Die habe auch ich zuerst kennengelernt, aber dann kamen ‚Emil und die Detektive‘, ‚Cabaret‘, ‚Berlin, Alexanderplatz‘. Das war verlockend, aber in der Vorstellung vermischt es sich natürlich mit dem, was nachher kam – fast wie in einem blödsinnigen Moralitätenspiel: Wenn du es zu bunt treibst, kommen die Nazis. Was ich sagen will: Man hat immer schon von Berlin geträumt, bevor man dort ankommt. Kennengelernt habe ich dann eine Stadt, die einerseits sehr 21. Jahrhundert ist, und in der man andererseits das Gefühl nicht los wird, auf einem Vulkan aus Geschichte zu stehen.“

3535: SPD führt.

Mittwoch, August 25th, 2021

Erstmals seit 15 Jahren liegt die SPD bei einer Wahlumfrage von Forsa mit 23 Prozent vor CDU/CSU mit 22 Prozent (Grüne 18, FDP 12, AFD 10, Linke 6). 22 Prozent sind für die Union der schlechteste Wert, den Forsa jemals berechnet hat. Nach dem Sieg von Armin Laschet (CDU) über Markus Söder (CSU) bei der Wahl zum Unions-Kanzlerkandidaten lag die Union im April 2021 aber schon einmal bei 22 Prozent. Die Zahl der Nichtwähler und Unentschlossenen liegt mit 26 Prozent so hoch wie noch nie (SZ 25.8.21).

3534: Gedenken an Peter Fechter

Dienstag, August 24th, 2021

Am 17. August 1962 wurde Peter Fechter bei dem Versuch erschossen, gemeinsam mit seinem Kollegen Helmut Kubeik die Berliner Mauer zu überwinden. Eine Stunde ließen die DDR-Grenzer ihn in seinem Blut liegen, bis sie ihn bargen. West-Berliner Polizisten durften ihn nicht bergen. Auch die US-Amerikaner am Checkpoint Charlie unternahmen nichts. Kurz darauf war er tot.

Lange Zeit erinnerte ein schlichtes Holzkreuz an die Tötung. 1999 schuf Karl Biedermann eine Stele, die vom Axel-Springer-Verlag gestiftet wurde. Hier versammeln sich in jedem Jahr am 13. August Berliner Bürger und Politiker, um seiner zu gedenken. In diesem Jahr waren das u.a. die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Bürgermeisterin Ramona Pop (Grüne) sowie die Spitzenkandidaten im Wahlkampf, Bettina Brasch (Grüne), Franziska Giffey (SPD) und Kai Wegner (CDU). Für den Springer Verlag war Vorstand Jan Bayer anwesend, für die Linke Petra Pau.

Peter Fechters Schwester sagte 2021: „Die Wochen vor dem 13. August waren aber aufgrund vieler Fluchten in den Westen schon angespannt. Bevor wir in den Sommerurlaub fuhren, schärften wir unseren Nachbarn ein: ‚Wir türmen nicht, wir fahren wirklich nur in den Urlaub.‘ Damals kam es vor, dass staatliche Stellen Wohnungen aufbrachen, leerräumten und neu vergaben, wenn Mieter längere Zeit nicht auftauchten.“ (mh, Die Welt 16.8.21)

3533: Herfried Münkler 70

Dienstag, August 24th, 2021

Prof. Dr. Herfried Münkler ist einer der wichtigsten Politikwissenschaftler in Deutschland. Vielleicht der wichtigste. Er wird 70 Jahre alt. Zu seinen vielen Publikationen fügt er mit

Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch. Berlin (Rowohlt) 2021; 720 S.; 34 Euro

eine relativ dicke Schwarte hinzu (Alexander Cammann, Die Zeit 12.8.21). Er behandelt darin drei Revolutionäre der bürgerlichen Epoche. Sie werden selten zusammen gesehen und in einem Atemzug genannt.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) schreibt über Münkler (FAZ 14.8.21): „Münkler nimmt nicht nur die Wissenschaft in die Pflicht, sondern fordert uns alle – indem er sich für die deliberative Demokratie starkmacht. Indem er auf den öffentlichen Prozess des Nachdenkens und Abwägens pocht. Indem er den Bürgern zumutet, sich zu informieren, zu lernen und die eigene Urteilskraft zu entwickeln – auch aus Sorge, dass die Demokratie sonst von ihren Wurzeln her austrocknen könne. Der Wissenschaftler argumentiert als verantwortungsbewusster Citoyen, der die besonderen Herausforderungen der Deutschen in ihrer Mittellage im Blick hat – noch so ein Begriff, den der Wissenschaftler im öffentlichen Diskurs wieder fruchtbar gemacht hat. Denn Deutschlands geografische Position in der Mitte Europas erfordert laut Münkler eine ‚kluge Bürgerschaft‘. Es zeichnet ihn aus, dass er selbst dazu seit Jahren einen Beitrag leistet.“

In einem Interview mit Ralph Bollmann (FAS 8.8.21) antwortet Herfried Münkler auf die Frage

Gibt es ein Zurück hinter diese Entzauberung der Welt?

„Die Idee des Fortschritts, die das 19. und 20. Jahrhundert angetrieben hat, ist aufgrund begrenzter Ressourcen an ein Ende gekommen. Selbst der späte Marx beschäftigte sich mit ökologischen Fragen, Wagner stellte die Idee des Weltenbrands ins Zentrum, und Nietzsche schuf die Figur des letzten Menschen. Alle drei hatten einen Blick dafür, dass das Projekt der materiellen Ausbeutung der Erde endlich ist – und dass es eine Dimension der Selbstzerstörung hat.“

3532: H.A. Winkler über die Fehler des Westens in Afghanistan

Montag, August 23rd, 2021

Der Historiker Prof. Dr. H. A. Winkler, 82, ein Sozialdemokrat, der bis 2007 Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin gelehrt hat, gibt Marc Reichwein in einem Interview (Lit. Welt 21.8.21) Auskunft über die Fehler des Westens in Afghanistan.

Lit. Welt: Zwanzig Jahre lang gaben sich die westlichen Länder der Illusion hin, in Afghanistan Menschenrechte und Demokratie aufzubauen. Dann werden die Truppen abgezogen, und im Handstreich sind die Taliban wieder an der Macht. Wie bewerten Sie die Situation?

Winkler: Es ist ein Desaster für den gesamten transatlantischen Westen. Die Irrtümer der ersten Stunde rächen sich. Die Annahme, man könne ein sehr stark von islamistischen Fundamentalismus geprägtes Land wie Afghanistan binnen weniger Jahre in eine westliche Demokratie verwandeln, war naiv. Insbesondere das Nation Building war eine Illusion. Im Nachhinein wäre es vernünftig gewesen, die Intervention in Afghanistan nach der militärischen Ausschaltung von al-Quaida abzuschließen. Für das Debakel sind alle westlichen Nationen verantwortlich, an erster Stelle die USA. Es ist bestürzend zu sehen, wie die amerikanischen Geheimdienste, das Pentagon und das unter Trump ausgedünnte State Department sich in der Analyse vertan haben. Auch Biden muss sich vorwerfen lassen, die aktuelle Situation falsch eingeschätzt zu haben. …

Die deutsche Beteiligung am Engagement der NATO in Afghanistan war ebenso gerechtfertigt wie das deutsche Nein zur Beteiligung an dem völkerrechtlich nicht legitimierten Krieg in Irak. Bei solchen Entscheidungen kommt es darauf an, vom Ende her zu denken, also die voraussehbaren Konsequenzen, Kosten und möglichen Entwicklungen einzukalkulieren. Deswegen kann jede Entscheidung über einen Auslandseinsatz der Bundeswehr nur von Fall zu Fall getroffen werden. Der Fall Afghanistan unterstreicht die Notwendigkeit einer systematischen Abwägung möglicher Folgen eines westlichen Engagements.

Lit. Welt: Von postkolonialistischen Autoren wird die singuläre Stellung des Holocaust in der deutschen Gedenkkultur zunehmnend infragegestellt und als „Katechismus“ der Deutschen kritisiert. Wie nehmen Sie die Debatte wahr?

Winkler: Die verstärkte Beschäftigung mit den deutschen Kolonialverbrechen, vor allem dem Völkermord an den Herero und Nama auf dem Gebiet des heutigen Namibia, ist dringend notwendig. Nur: Vergleichbares gab es auch bei anderen Kolonialmächten, die später keine Entwicklung zu einem radikalfaschistischen System genommen haben, sondern Demokratien blieben. Die Ermordung der europäischen Juden, die Zentraltatsache der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, ist kein Genozid unter anderen.

3530: Wölfe schießen ist keine Lösung.

Freitag, August 20th, 2021

Michael Bauchmüller schreibt in seinem Kommentar (SZ 16.8.21):

„Alle vier Jahre gerät der Wolf ins Fadenkreuz. In vielen ländlichen Gegenden ist er ein großes Thema, die gefährdete Art wird zunehmend wieder in Deutschland heimisch. Wo er auftaucht, reißt er Schafe und Ziegen, sehr zum Leidwesen der Landwirte. Und das wiederum befördert den Wolf regelmäßig in Wahlkämpfe. So auch jetzt.

Als erste ist diesmal Julia Klöckner darauf gekommen, die Landwirtschaftsministerin. Man müsse den Wolf ‚regional‘ bejagen, verlangte die CDU-Politikerin, sonst stehe die Weidetierhaltung vielerorts bald vor dem Aus. Und regional heißt in dem Fall logischerweise: Dort, wo der Wolf am meisten vorkommt – im Norden und Osten der Republik. Von der roten Liste gefährdeter Arten wird der Wolf kaum verschwinden. Aber in Wahlkämpfen hat so ein Tier ohnehin nichts zu sagen, und bei den Bauern kommt die Forderung nach der Flinte gut an. Das dürfte auch Klöckner wissen.

Dabei hatte diese Koalition einen guten Kompromiss verabschiedet: Wenn Wölfe ernste wirtschaftliche Schäden verursachen, dürfen sie geschossen werden. Sonst nicht. Wo Tierhalter um ihre Bestände bangen, werden sie beim Bau von Schutzzäunen großzügig unterstützt. Das sorgt am ehesten für ein friedliches Miteinander. Dieses Land ist groß genug auch für den Wolf.“

3529: „Tagesthemen“ ungefährdet

Donnerstag, August 19th, 2021

Caspar Busse und Claudia Tieschky von der SZ interviewen (16.8.21) den zweiten Chefredakteur von ARD-aktuell („Tagesschau“, „Tagesthemen“), Helge Fuhst:

SZ: Herr Fuhst, von diesem Montag an läuft die neue Nachrichtensendung „RTL direkt“. Was die Kollegen in Köln vorhaben, klingt sehr nach „Tagesthemen“. Eine Gefahr für Sie?

Fuhst: Nein! Ich glaube an das Original! Die Formate sind doch sehr unterschiedlich: Wir senden fast doppelt so lang und oft, an sieben Tagen der Woche sind wir für die Menschen da. Eines der weltweit größten Korrespondentennetzwerke im In- und Ausland bietet einen wertvollen Blick auf unseren Alltag und die Themen unserer Zeit. Die Menschen vertrauen den „Tagesthemen“ seit mehr als vierzig Jahren. Zudem gilt auch für uns: Wettbewerb befeuert und schadet nicht.

SZ: Kurz nach „RZL direkt“ startet auch „Bild TV“. Macht Ihnen das mehr Sorge?

Fuhst: Nein, aber wir schauen uns selbstverständlich alle an. Dass Liveberichterstattung und Schnelligkeit, worauf „Bild TV“ setzt, noch wichtiger geworden sind, hat die ARD längst erkannt, wobei uns die publizistische Qualität ebenso wichtig ist. Das Livestream-Angebot der „Tagesschau“ und die Liveberichterstattung auf „Tagesschau 24“ wurden ausgebaut. Auch hier gilt zwar: Wettbewerb beflügelt das Geschäft. An unseren Relevanzkriterien für Nachrichten wird sich jedoch nichts ändern. Manch ein Thema überlassen wir gerne „Bild“.

SZ: Sind weitere Veränderungen geplant?

Fuhst: Wir entwickeln uns immer weiter. Dazu gehört, dass wir nahbarer werden, weniger staatstragend. Beispielsweise lassen wir die Moderatoren und Sprecher in den „Tagesthemen“ näher aneinanderrücken. Die Übergaben werden bildlich und sprachlich weiterentwickelt. Wir haben durch die zusätzliche Sendezeit werktags bereits jetzt mehr Interviews, und das – soweit es die Corona-Situation zulässt – künftig auch häufiger mit Gästen im Studio, oder unsere Moderatorinnen und Moderatoren treffen besondere Gesprächspartner vor Ort, wie zuletzt Ingo Zamperoni den US-Außenminister.