Archive for the ‘Außenpolitik’ Category

3306: AfD wieder in Moskau

Dienstag, März 9th, 2021

Schon eine der Vorläuferparteien der AfD, die Deutsch-Nationale-Volkspartei (DNVP), die „Steigbügelhalter der Nazis“, war russland-freundlich. So auch die AfD. Zur Zeit ist eine kleine AfD-Delegation unter Führung der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel unter dem Motto „Modernes Russland“ in Moskau. Im Dezember befand sich eine AfD-Delegation unter dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Tino Chrupalla dort. Die AfD will ihre Beziehungen zu Moskau verbessern. Und den Covid-19-Impfstoff Sputnik V besichtigen.

Die AfD lehnt Sanktionen gegen Russland wegen der Annektion der Krim, des Kriegs in der Ukraine und des Falls Nawalny ab. Im Fall Nawalny sprach einer der leitenden Herren der AfD von „Revolvergeschichte“. Um russische Menschenrechtsverletzungen, Hackerangriffe auf den Bundestag 2015, den Auftragsmord an einem Georgier im Tiergarten 2018 kümmert die AfD sich nicht (Markus Balser, Daniel Brössler, SZ 9.3.21).

Wir haben also neben dem Russland-Lobbyisten Gerhard Schröder (SPD) ein zweites russlandfreundliches Standbein in Deutschland.

3305: Wer darf Amanda Gorman übersetzen ?

Dienstag, März 9th, 2021

Weltberühmt wurde die junge schwarze US-Lyrikerin

Amanda Gorman,

als sie bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug. Sie lieferte damit einen substanziellen Beitrag zum Ende der faschistoiden Ära Trump. In Deutschland ist ein dreiköpfiges Übersetzerinnen-Team dabei, im Auftrag des Verlags Hoffmann und Campe das Gedicht zu übersetzen.

In den Niederlanden, die generell offener und wagemutiger sind als andere westliche Staaten, hatte der Verlag Meulenhoff in Absprache mit Gorman, der Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld, 29, die Übersetzung anvertraut. Sie ist weiß und „non-binär“. Daraufhin hatte Rijneveld begeistert getwittert „Prachtig nieuws“. Drei Tage später kritisierte die schwarze niederländische Journalistin Janice Deul in der Zeitung „De Volkskrant“ diese Wahl und fragte, warum man nicht eine junge, weibliche und „unapologetically black“ Person für die Übersetzung gewonnen hatte. Daraufhin gab Rijneveld ihren Übersetzungsauftrag „schockiert“ zurück und zeigte Verständnis für die Kritik.

Ein Skandal?

Auf jeden fall ein Beispiel für Cancel Culture, in dem der Autorin das Recht abgesprochen wird, selbst zu entscheiden, wer ihre Texte übersetzen soll. Die SZ sprach von „Entmündigung“. „Von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen. Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – angefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden.“

Einmal abgesehen davon – und das wissen wir Literaturliebhaber ganz genau –

dass Lyrik überhaupt nicht übersetzbar ist,

stellt jede Übertragung in eine andere Sprache ein Wagnis dar. Marieke Lucas Rijneveld hat ihre Beweggründe jetzt in ein Gedicht verwandelt, das die FAZ publiziert hat. Früher schon gab es ähnliche Projekte, etwa da, wo Miriam Mandelkow (in den Niederlanden geboren, weiß, non-binär) James Baldwins Werke für Deutsche verständlich ins Deutsche übersetzt hatte. „Eine Übersetzung ist nie identisch mit dem Original. Sie bleibt Text.“ (Tobias Rüther, FAS 7.3.21)

3304: Giovanni di Lorenzo: Zur Lage der Mainstream-Medien

Montag, März 8th, 2021

Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, ist zu Recht dankbar und stolz, dass sein Blatt im Jahr seines 75-jährigen Bestehens die höchste Auflage seiner Geschichte hat. Eine Ausnahme im Meer der krisengeschüttelten Mainstream-Medien, in dem überall Auflagen und Einnahmen wegbrechen. Di Lorenzo hat selber große Verdienste daran. Ich habe ihn schon in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Vortragsredner in der politischen Akademie Tutzing erlebt.

Natürlich verweist er nochmals darauf, dass und wie Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Chefredakteurin, Mitte der fünfziger Jahre den deutsch-nationalen Geist des damaligen Chefredakteurs Richard Tüngel überwunden hat. Das Blatt steuerte von da an einen liberalen Kurs, der darin bestand, „abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik am Bestehenden nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.“

Worauf di Lorenzo aber auch hinweist, und dies ist sein größtes Verdienst in diesem Beitrag, ist die Tatsache, dass Journalisten zwar in Russland und auf Malta mit ihrer Ermordung rechnen müssen, aber auch bei uns Journalisten drangsaliert und bedroht werden. Als Beispiel wählt di Lorenzo verdienstvollerweise leitende Redakteure und Kollegen der Springer-Presse, die von links bedroht werden. „Die Journalisten dort und auch ihre Wohnungen und Häuser müssen immer wieder gesichert werden, und der Chefredakteure der ‚Bild‘-Zeitung wird sogar in einer gepanzerten Limousine gefahren.“

Worauf Giovanni di Lorenzo aber hinauswill, und dies überzeugt vollkommen, ist die Kritik an der Herrschaft der

Identitätspolitik

auch im Journalismus. Er verweist auf einen Shitstorm, den eine weiße Kolumnistin der „New York Times“ auf sich gezogen hatte, weil sie zwei Frauen mit asiatischen Wurzeln kritisiert hatte. Di Lorenzo weist hin auf den weltberühmten US-Basketballer, der sich nicht getraut hatte, einen ergreifenden Nachruf auf einen schwarzen Kollegen in der „Zeit“ zu veröffentlichen, weil der schwarz war. Und er gibt das Beispiel des berühmten Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil wieder von der „New York Times“. Der hatte irgendwann auf einer Schülerreise seiner Zeitung vor Jahren das N-Wort zitiert. „Dagegen liefen aber nicht irgendwelche repressiven Mächte aus Politik, Wirtschaft oder Kirche Sturm, sondern 150 der weit über tausend Angestellten der Zeitung. Chefredakteur und Herausgeber der NYT knickten ein und drängten McNeil nach 45 Jahren aus der Redaktion.“ (Giovanni di Lorenzo, Die Zeit 25.2.21).

3303: Neuer Waffenfund bei Bundeswehrsoldaten

Sonntag, März 7th, 2021

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass im öffentlichen Dienst (Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr) einige Gruppen von Rechtsextremisten tätig sind. Das erklärt womöglich einiges Versagen (NSU, Anis Amri usw.). Es ist brandgefährlich. Denn hier soll ja unsere innere und äußere Sicherheit gewährleistet werden.

Nun sind wieder Waffen, Munition und sogar ein Umsturzplan gefunden worden. Bei einem 21-jährigen Hauptgefreiten der Bundeswehr aus Glashütten im Hochtaunuskreis, der in Pfullendorf/Baden-Württemberg stationiert ist. Er ist von Spezialkräften der hessischen Polizei festgenommen worden. Arretiert wurden auch sein Vater und sein Bruder. Es wurde ein Manifest gefunden mit dem Titel „Wie man die Macht in Deutschland übernehmen könnte“. Die Ex-Freundin des Mannes hatte der Polizei einen Tipp gegeben.

Sichergestellt wurden umfangreiche Beweismittel: scharfe Waffen, diverse Munition, Spreng- und Explosivstoff. Die Bundeswehr erklärte, dass sie die Strafverfolgungsbehörden bei ihren Ermittlungen unterstützen würde. Zuletzt hatte mehrfach das Komando Spezialkräfte (KSK) im Zusammenhang mit Munitionsvorfällen Schlagzeilen gemacht. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte den Verband schließlich komplett durchleuchten lassen. Wir können ihr dabei nur Glück wünschen. Denn ihre Vorgänger*innen, zuletzt Ursula von der Leyen (CDU), waren an dem Vorhaben gescheitert. Wir müssen befürchten, dass es in der Bundeswehr rechtsextreme Netzwerke gibt. Das kann für die Bundesrepublik lebensgefährlich werden (Mike Szymanski, SZ 2.3.21).

3302: Die SPD will meine Stimme nicht.

Samstag, März 6th, 2021

Unser ehemaliger Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatte am 22. 2. in der FAZ die Identitätspolitik der SPD missbilligt und mehr Miteinander gefordert. Die zweifache Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, hatte ihn unterstützt (vgl. hier Nr. 3294) und das Ganze politologisch untermauert. Nun ist Wolfgang Thierse aus dem Parteivorstand kritisiert worden. Von Saskia Esken und Kevin Kühnert. Sie finden Thierses Ausführungen „beschämend“ und setzen auf Dogmatik statt Dialog, auf Ausgrenzung statt Ausgleich. Die klassische Kernwählerschaft der SPD haben sie wohl schon aus dem Auge verloren.

Was die Sache so bitter und aussichtslos macht, ist die Tatsache, dass Wolfgang Thierse zu einer Gruppe gehört, die von den politischen Ideologen ohnehin bereits vollständig abgeschrieben ist, „die alten weißen Männer“. Thierse ist 77. Auch ich gehöre mit 75 zu dieser Gruppe. Wir werden von den Verkündern des modernen Zeitgeists nur noch diskriminiert. Fast reihen sich Esken und Kühnert bei den Toni Hofreiters (Grüne) und Bernd Riexingers (Die Linke) ein und bilden damit eine Riege, die für die Politik der Bundesrepublik ungeeignet ist.

Aber das ist noch nicht alles. Denn der ehemalige Hamburger Bürgermeister und Bundesminister Klaus von Dohnany hat in einem Interview mit Jana Werner (Die Welt, 6.3.21) verlangt, dass Saskia Esken und Kevin Kühnert sich bei Wolfgang Thierse für ihre „Entgleisung“ entschuldigen sollten. Hier wird nun völlig klar, dass die „alten weißen Männer“ in der SPD nur Unheil anrichten. Dohnany ist 92. Der hätte spätestens mit 75 automatisch aus der SPD ausgeschlossen gehört. Toni Hofreiter mit seinen 50 Jahren können wir noch durchgehen lassen, Bernd Riexinger mit seinen 65 gehört schon zu den „alten weißen Männern“. Die SPD liegt zur Zeit bei 16 Prozent, mit ihrer Identitätspolitik schafft sie es noch auf zehn (10) (Joachim Käppner, SZ 6./7.3.21).

Meine Stimme will die SPD ja anscheinend nicht.

3300: Alternative zum Begriff „Rasse“ im GG

Samstag, März 6th, 2021

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) haben sich darauf geeinigt, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 GG zu ersetzen durch die Formulierung, dass eine Diskriminierung aus „rassistischen Gründen“ verboten ist. Kommende Woche soll der Entwurf dazu vom Bundeskabinett beschlossen werden. Eine Verfassungsänderung erfordert eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat (FAZ 6.3.21).

3296: Michail Gorbatschow 90

Mittwoch, März 3rd, 2021

In Deutschland ist der Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sehr beliebt. Viele Deutsche glauben, dass sie ihm die Einheit Deutschlands verdanken. In Russland sehen ihn die meisten als Zerstörer der Sowjetunion. Er ist 90 Jahre alt geworden. Er war 1985 mit 54 Jahren zum Generalsekretär der KPdSU geworden und hatte versucht, den real existierenden Sozialismus durch Glasnost und Perestroika zu verbessern. Dazu betrieb er u.a. eine Entspannungs- und Abrüstungspolitik. Die Bevormundung osteuropäischer Staaten im Warschauer Pakt fuhr er zurück.

Gegenwärtig befindet Gorbatschow sich wegen der Corona-Pandemie in einer Klinik. Der Leiter des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts, Lewada, Lew Gudkow, sagt über ihn: „Ich verehre ihn, trotz seiner Fehler. Er hat Reformen begonnen, das Monopol der Kommunisten zerschlagen, die Entspannung mit dem Westen und das Ende des Afghanistan-Kriegs – all das sind seine Verdienste.“ Gescheitert ist Gorbatschow vor allem an der wirtschaftlichen Schwäche der Sowjetunion (Frank Nienhuysen, SZ 2.3.21).

3295: Facebook, Google und Co gefährden systematisch die Demokratie.

Dienstag, März 2nd, 2021

1. Facebook, Google et alii sind Werbeunternehmen.

2. Sie sammeln unsere Daten, verdichten sie zu Verhaltensmodellen und Persönlichkeitsprofilen. So können sie Anzeigen präzise platzieren. Dann erhalten Facebook-Nutzer, die sich für extremistische Inhalte interessieren, Werbung für Kampfausrüstungen.

3. Die von den Plattformen eingesetzten Algorithmen verstärken systematisch Desinformation und Hetze.

4. Ökonomisch zählt das Klickvolumen. Je mehr Klicks, desto mehr Umsatz. Egal welche Art von Inhalt.

5. Infolgedessen setzen sich die Plattformen permanent selbst unter Druck, weil sie zahlungskräftigen Hetzern und Extremisten als Megafon dienen und dabei untereinander konkurrieren.

6. Der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 zeigt, dass wir vor den Trümmern unserer Demokratie stehen. Das war kollektiver Wahn, genährt von den Plattformkonzernen. Und das ist noch nicht zu Ende, Trump macht weiter.

7. Donald Trump war kein Unfall, sondern das logische Ergebnis der Plattform-Entwicklung. Er bedroht den freien Westen von innen.

8. Die Menschenrechte, die Vielfalt und die Gesundheit sind in Gefahr.

9. Facebook und Co machen Verschwörungsnarrative und Halbwahrheiten zu Geld.

10. Der militante Online-Kult QAnon hat außerhalb des englischsprachigen Internets in Deutschland am meisten Follower.

11. Die wirren Ideen der Querdenker finden Anhänger im Wählerspektrum etablierter Parteien wie der CDU und den Grünen.

12. Mündige Wähler sollten erfahren, warum sie politische Werbung zu sehen bekommen, warum der Algorithmus sie ausgewählt hat und wer dafür bezahlt.

13. Die Plattformkonzerne müssen von den westlichen Demokratien kontrolliert werden.

14. Digitaler Wahlkampf muss möglich werden, die Menschenrechte sind zu wahren und Wahlkampagnen müssen auskommen ohne Datensammeln, Hassrede und Desinformation.

15. Die US-Demokratie ist so zerrüttet, dass sie sich nicht mehr alleine helfen kann. Donald Trump hat die Republikanische Partei übernommen. Die USA brauchen die Hilfe des Westens (und umgekehrt).

16. Es bedarf insofern gemeinsamer Anstrengungen der westlichen Demokratien, freie und unabhängige Wahlen zu erhalten.

17. Dass die politischen Verhältnisse in den totalitären Diktaturen Russland und China viel zerrütteter sind als im Westen, ist kein Trost und keine Hilfe.

(Ben Scott, FAZ 17.2.21)

3294: Gesine Schwan will Gemeinsamkeiten.

Montag, März 1st, 2021

Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Gesine Schwan ist Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission. Für die SPD hat sie zweimal für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert. Im Anschluss an einen Beitrag des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) in der FAZ (22.2.21), in dem er vor der Radikalisierung von Diskursen warnt, plädiert Gesine Schwan für mehr Toleranz und Gemeinsamkeiten im Diskurs. Thierse und Schwan warnen vor Identitätspolitik. So lehnen sie die Figur des „alten weißen Mannes mit heterosexueller Orientierung“ als Identitätsbeschreibung ab. „Die Rede vom strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft verleiht diesem etwas Unentrinnbares, nach dem Motto: ‚Wer weiß ist, ist schon schuldig.'“

Es geht dabei um die Frage, wie Diversität (Verschiedenheit) zur Norm werden kann. Oder müssen wir auf die Kategorie des Normalen ganz verzichten? Weithin haben etwa 50 Prozent der Schulanfängerinnen und -anfänger heute schon keine deutschen Wurzeln mehr. Oder sollen wir in unterschiedliche „Communities“ zerfallen, die jede für sich eine kollektive Identität beanspruchen und damit auf dem Weg zur Exklusion Anderer sind? Kollektive Identität lässt Individuen (Träger der Menschenrechte) gar nicht mehr die Entscheidung darüber, wohin und zu wem sie gehören wollen. Diese kollektive Identität ist ein Zwangsinstrument.

Identität ist ja nichts einfach Gegebenes, sondern sie entsteht durch Erinnerung und freiwillige Identifizierung mit gemeinsamen Zielen, Werten, Werken oder Vergangenheiten. Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit muss in einen begründeten Zusammenhang gebracht werden. Je komplexer die individuellen und sozialen Identitäten ausfallen, desto besser für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Dazu gehört die Bereitschaft, auf andere zu hören. Populisten beschränken sich auf die moralische Verurteilung Anderer. Man prüft nicht mehr, man weiß ja immer schon.

„Hier ist unser aller herausfordernde Aufgabe, die Berechtigung von Ideologiekritik, die auch ‚harmlose‘ Gewohnheiten auf Vorurteile hin prüfen muss, gegen eine dogmatische Herleitung von ‚Urteilen‘ abzugrenzen, die aus sozialen Zugehörigkeiten deduziert werden. Denn exakt das ist umgedrehter Rassismus.“

Weißen grundsätzlich zu misstrauen, liegt nahe, muss aber unbedingt vermieden werden, wenn wir die Suche nach dem gemeinsamen Boden unserer Argumente nicht aufgeben wollen. Die Ansätze von Jürgen Habermas und Richard Rorty haben keine allgemein akzeptierten Antworten erbracht. Darüber müssen wir uns im Zeichen zunehmender kultureller Pluralisierung immer erneut verständigen. Auch wenn wir nicht jeden Tag alle mit allen alles neu verhandeln. Es braucht Verfassungen, Gesetze, kulturelle Gemeinsamkeiten. Aber sie gelten nicht selbstverständlich. Auf diese Weise kann anstelle der Angst, in die Minderheit zu geraten, die Zuversicht treten, dass wir gemeinsam aus eigenen Kräften eine freie Gesellschaft bauen können (SZ 27./28.2.21).

Gesine Schwan hat recht.

3292: Die Linke macht Grün-Rot-Rot unmöglich.

Sonntag, Februar 28th, 2021

Janine Wissler, die eine der beiden neuen Vorsitzenden von der Linken, erklärt: „Die Linke wird keiner Regierung beitreten, die Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließt. Bei diesem Thema gibt es keine Kompromisse.“ Damit blockiert Die Linke sich im Hinblick auf eine Regierungsbeteiligung im Bund selbst. Als 1969 mit Willy Brandt (SPD) und 1998 mit Gerhard Schröder (SPD) Kurt-Georg Kiesinger und Helmut Kohl als Unions-Kanzler abgelöst wurden, beruhte das darauf, dass die SPD die

Zugehörigkeit zum Westen verinnerlicht und die Nato akzeptiert hatte.

Das kann Die Linke nicht. Sie ist die einzige Partei, die es sich leisten kann, nicht regierungsfähig zu sein. Die Grünen hatten immerhin unter dem Eindruck der Balkan-Kriege begriffen, dass Nichtstun bei Völkermorden keine Option ist. Sinnbildlich steht dafür der gewalttätige Farbbeutel-Angriff auf Joschka Fischer 1999. Die Linke kann ihre Position vor der Bundestagswahl am 26. September nicht mehr ändern, außer sie riskiert unter die 5-Prozent-Schwelle zu fallen. Die Frage ist dann noch, ob die Union die stärkste Kraft bleibt.

Es gibt allerdings eine Variante, einen Unions-Kanzler zu verhindern: die Ampel (Grüne-FDP-SPD). Diese Version kommt wahrscheinlich schon in Baden-Württemberg nach der Landtagswahl am 14. März in Frage. Der Markenkern der Grünen ist Ökologie, der Markenkern der FDP ist die Verteidigung der Freiheit, die SPD hat zur Zeit keinen Markenkern. Sie müsste zu Arbeit, Soziales, Solidarität zurückfinden. Dann könnte sie mehr als 16 Prozent bekommen (Detlef Esslinger, SZ 27./28.2.21; Boris Herrmann, SZ 27./28.2.21; Hubertus Knabe, Die Welt 27.2.21; Konrad Schuller, FAS 28.2.21).