Litauen, Lettland und Polen sind im Krisenmodus. Sie gehören der NATO an. Der Grund liegt in der gezielten Migration in die EU mit der Hilfe Weißrusslands (Belarus). 2014 annektierte Russland die Krim. 2016 überquerten Tausende von Migranten aus dem Mittleren Osten Russlands Grenze nach Norwegen. Diktator Lukashenko drohte mehrfach, „Drogen und Migranten“ oder „bewaffnete Muslime“ in die EU zu transportieren. Eine Reise mit dem Bus von Bagdad nach Deutschland kostet weniger als tausend Dollar. Litauische Beamte haben Menschen aus 40 afrikanischen und asiatischen Ländern an ihrer Grenze registriert. Die EU setzt inzwischen die Grenzschutzbehörde Frontex ein. Es gibt eine 550 Kilometer lange grüne Grenze zwischen Litauen und Belarus. In Polen tobt ein Meinungskampf um die Flüchtlinge. Zur Zeit läuft das alle vier Jahre stattfindende Großmanöver „Sapad“ (Westen) von Russland und Belarus. Die EU setzt wirtschaftliche Sanktionen ein (Gerhard Gnauck, FAS 12.9.21).
Archive for the ‘Außenpolitik’ Category
3560: Weißrussland (Belarus) schleust Migranten in die EU.
Mittwoch, September 15th, 20213558: Niall Ferguson: Der neue Kalte Krieg
Sonntag, September 12th, 2021Der bekannte Historiker Niall Ferguson ist von Alexander Armbruster (FAZ 11.9.21) interviewt worden:
FAZ: Blicken Sie mal in die Zukunft: Wie entwickelt sich die Welt in den nächsten 10 bis 15 Jahren?
Ferguson: Ich habe schon sehr früh gesagt, dass wir uns in einem neuen Kalten Krieg befinden, in einem zwischen den USA und China, das ist für mich offensichtlich. Und es spielt keine Rolle, dass die beiden Supermächte stärker voneinander abhängig sind, als dies im ersten Kalten Krieg der Fall war. Das hält sie nicht auf, sondern macht es einfacher, weil die Chinesen viel mehr Spionage betreiben können, solange es ‚Chimerica‘ in irgendeiner Form gibt. Es ist für die Chinesen sogar einfacher, das zu tun, was die Sowjets getan haben, nämlich systematisch zu stehlen, weil sie über ein riesiges Spionagenetz verfügen, das die Sowjets so nicht hatten. Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges um Taiwan in den nächsten, sagen wir, drei Jahren, muss zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich hoch sein. Wir wissen, dass sich Xi Jinping enorm um Taiwan sorgt. Wir wissen, dass Taiwan wie Kuba plus Berlin plus der Persische Golf im ersten Kalten Krieg ist.
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3556: Steinmeier dankt Türken in Deutschland.
Samstag, September 11th, 2021Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Aufbauleistung von Türken und anderen Zuwanderern in Deutschland gewürdigt und ihnen dafür gedankt. Zugleich prangerte er die immer noch bestehehnden Benachteiligungen für Menschen mit Migrationshintergrund an. „Nehmen Sie sich den Platz, der ihnen zusteht, den Platz in der Mitte, und füllen Sie ihn aus“, sagte Steinmeier zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei (SZ 11.9.21).
3553: Kolesnikowa: 11 Jahre Straflager
Mittwoch, September 8th, 2021Es scheint mittlerweile fast gesetzmäßig zu sein, dass große Diktaturen, die durch Willkür, Rechtlosigkeit und Gewalt gekennzeichnet sind, von ihren Satrapen in ihrer Brutalität noch übertroffen werden. So wie Russland von Weißrussland (Belarus). Das harte Urteil gegen die Musikerin Maria Kolesnikowa, die in Minsk ein Kulturzentrum leitet, auch in Deutschland studiert hatte und deutsch spricht, war von Beobachtern erwartet worden. Kolesnikowa bezeichnete das Urteil als einen Beweis für die Gesetzlosigkeit des „Polizeistaats“. Das Verfahren gegen sie und einen Mitangeklagten fand hinter geschlossenen Türen statt. Nur die Urteilsverkündung war wegen ihrer propagandistischen Wirkung öffentlich.
Kolesnikowas Anwälte wollen das Urteil vor dem Obersten Gericht anfechten. Sie war vor einem Jahr festgenommen worden, weil sie in der Demokratiebewegung gegen Alexander Lukaschenko mitgewirkt hatte. Andere Oppositionelle wie deren Anführerin Swetlana Tichanowskaja sahen sich zur Flucht ins Ausland gezwungen. Kolesnikowa hatte einen Koordinierungsrat mitbegründet, der die politische Krise auf friedliche Weise lösen und zu freien Wahlen beitragen sollte. Ihm gehörten Wirtschaftsexperten, Juristen, Gewerkschafter und Kulturschaffende an. Das erklärte Diktator Lukaschenko für verfassungswidrig.
Aussichten auf eine demokratische Entwicklung in Weißrussland gibt es kaum. Mehrere Parteien im deutschen Bundestag verurteilten die Gerichtsentscheidung in Minsk. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) sagte, es handle sich um „ein brutales und politisch willkürliches Urteil des Unrechtsregimes Lukaschenko“ (Silke Bigalke, SZ 7.9.21).
3551: Es gibt zu viele Bundestagsabgeordnete.
Dienstag, September 7th, 2021Die Normgröße des Bundestags beträgt 598. Gegenwärtig haben wir wegen der Überhang- und Ausgleichsmandate 709 Abgeordnete. Und wenn die Bundestagswahl am 26. September 2021 so ausgeht, wie einige Umfragen es voraussagen, könnten im nächsten Parlament über 900 Volksvertreter sitzen. Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte vor acht Jahren die Abgeordneten aufgefordert, das Wahlrecht zu ändern. Die große Koalition hatte zunächst einmal ein halbes Jahrzehnt nichts getan und sich dann auf eine wirkungslose Reform verständigt. Ein vollständiges Versagen.
Es riecht nach Selbstbedienung. Es geht nicht nur um zusätzliche Diäten. Jeder Abgeordnete darf auf Kosten der Steuerzahler mehrere Mitarbeiter beschäftigen. Die Büros für alle gibt es kostenlos oberdrauf. Die große Zahl der Abgeordneten ist nicht nur teuer, sie gefährdet auch die Funktionsfähigkeit des Parlaments. Im Wirtschaftsausschuss etwa sitzen jetzt bereits fast 50 Abgeordnete. Die Bemühungen von Union und SPD sind gescheitert. Wir dürften in jedem Fall mehr als 800 Volksvertreter bekommen. Auch weitere Probleme sind ungelöst. Was ist mit dem Wahlalter, mit der Verlängerung der Legislaturperiode, dem Frauenanteil. Er liegt heute bei 31 Prozent (Robert Rossmann, SZ 6.9.21).
3550: Angela Merkel war keine Klimakanzlerin.
Sonntag, September 5th, 2021Prof. Dr. Claudia Kemfert, 52, leitet die Energie- und Klimaabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Vizevorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Sie wurde von Michael Bauchmüller (SZ 4./5.9.21) interviewt:
SZ: Frau Kemfert, 2010 hat die Regierung von Angela Merkel die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert – und 2011 im Handstreich gekürzt. Was war der größere Fehler?
Kemfert: Dieser doppelte Ausstieg vom Ausstieg war ein unnötig teures Unterfangen, auch durch die immensen Entschädigungen für die AKW-Betreiber. Der viel größere Fehler aber war, dass man nie die gesamte Energiewende im Blick hatte, sondern immer nur über Atomkraft diskutiert hat. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wurde nicht konsequent angegangen, aber vor allem der Umgang mit Kohle wurde politisch ignoriert. Man hielt stur daran fest: Kohle war nahezu sakrosankt. Diesen klimapolitischen Fehler bezahlen wir heute doppelt – mit hohen CO2-Emissionen und unnötigen Abfindungen für den nun unvermeidlichen Kohleausstieg.
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SZ: Als Merkel antrat, betrug der Ökostromanteil zehn Prozent. Nun sind es fast 50.
Kemfert: Das klingt wie eine Erfolgsgeschichte , ist aber keine. Der Anteil erneuerbarer Energien könnte heute schon bei 80 Prozent liegen, wenn die Kanzlerin gewollt hätte. Die erneuerbaren Energien wurden immer mehr ausgebremst. Man hat das Fördersystem so verändert, dass sich Investitionen weniger rechnen. Man hat zu wenig für die Energiewende geworben und stattdessen Diskussionen über angeblich ausufernde Kosten angezettelt. Hätte Merkel das Projekt wirklich am Herzen gelegen, dann hätte sie das alles nicht zugelassen. Nein, von zehn auf 50 Prozent ist weit unter unseren Möglichkeiten. Von zehn auf 80, das wäre einer starken Ingenieursnation wie Deutschland würdig gewesen!
…
SZ: Also ist sie gar keine Klimakanzlerin?
Kemfert: In den ersten Jahren ihrer Amtszeit war sie das, da hat sie auch international viel bewegt. Danach hat das stark nachgelassen, was auch an den jeweiligen Koalitiomnen gelegen haben mag. Aber in Sachen Klima und Energiewende hätte sie definitiv mehr aus ihrem Amt machen können. Da war mehr drin.
3547: Steuer-Meldeportal umstritten
Freitag, September 3rd, 2021Der baden-württembergischen Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) hat eine anonyme Meldeplattform für Steuersünder eingerichtet. Dieser
gefeierte Aufklärer im Wirecard-Skandal
hat damit massive Kritik auf sich gezogen. Annalena Baerbock und Robert Habeck, die sich mit ihm solidarisiert haben, ebenfalls. Dabei können seit jeher den Finanzbehörden per Anruf oder Brief anonym Hinweise gegeben werden auf Unternehmen oder Personen, die nicht ordnungsgemäß ihre Steuern zahlen.
Wenn „Bild“ das „Steuer-Stasi“ nennt, oder die FDP „Blockwart-Mentalität“, dann sollte uns das nicht zu stark irritieren. Auch der finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lothar Binding, sagt: „Das fördert eine Kultur des Misstrauens, der Missgunst, Unterstellung und Denunziation.“ Klar ist doch, dass damit Whistleblower geschützt werden und wir als Steuerbürger Klarheit erhalten. Auch auf der Website des Bayerischen Landesamtes für Steuern gibt es eine Anleitung, wie man Steuerhinterziehung erkennt. Ist das auch eine Anleitung zur Denunziation? Die gespielte Empörung soll den Grünen das Image einer Verbotspartei anhängen und der Denunziation. Das ist Wahlkampf-Tamtam (Cerstin Gammelin, SZ 3.9.21).
3546: Herfried Münkler: Was nun mit Afghanistan geschieht.
Donnerstag, September 2nd, 2021Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler (vgl. hier 3533) analysiert, was nun mit Afghanistan geschieht (taz 28./29.8.21). Ich gliedere seine Ausführungen stärker:
1. „Die Entscheidung zum Truppenabzug war die Entscheidung, Afghanistan aufzugeben. Das hätte man kaum getan, wenn man sich den Zugriff auf die dortigen Bodenschätze hätte sichern oder das Land am Hindukusch als Bastion einer geopolitischen Kontrolle Zentralasiens hätte ausbauen wollen.“
2. Terrorbekämpfung allein kann nicht das Ziel des Afghanistan-Einsatzes gewesen sein.
3. Die permanente Bekämpfung von Terroristen hätte man mit einer Kombination von Kampf- und Spähdrohnen und einem gelegentlichen Einsatz von Spezialkommandos sehr viel billiger haben können.
4. Ziel muss infolgedessen die politische, gesellschaftliche und mentale Umgestaltung der afghanischen Gesellschaft gewesen sein, die aus den Fesseln von islamistischer Ideologie und bäuerlicher Tradition befreit werden sollte.
5. Die Sowjetunion hatte das ein Jahrzehnt früher auch schon nach ihren Vorstellungen versucht und war dabei gescheitert.
6. Die Fehlwahrnehmung des Westens bestand darin, die Sowjets als Unterdrücker zu sehen, sich selbst aber als Befreier, was in der afghanischen Gesellschaft anders betrachtet wurde. Sie sah den Westen als Besatzer.
7. Der Westen hatte nicht genau genug auf diejenigen geschaut, die in dem Land leben und sich der Religion und den Traditionen verbunden fühlen.
8. So kam es insbesondere in Deutschland zu einem Überbietungswettkampf der Werte, die man den Afghanen einpflanzen wollte.
9. Deswegen hielt man an dem Projekt noch fest, als sein Erfolg schon mehr als in Frage stand.
10. Das Ziel blieb die grundlegende Transformation der afghanischen Gesellschaft.
11. Den Rückzug hatte der US-Präsident Trump aus Wahlkampfgründen angeordnet. Und sein Nachfolger Biden hatte das nicht rückgängig gemacht, was möglich gewesen wäre.
12. Die USA haben sich von der Vorstellung einer wertebasierten Weltordnung verabschiedet.
13. Diese Idee weiter zu verfolgen ist zu teuer.
14. Eine Weltordnung, die zu ihrem Funktionieren auf einen Hüter angewiesen ist, steht nun ohne Hüter da.
15. Als Nachfolger kommt hauptsächlich China in Frage.
16. Wir dürfen aber auch die Nachbarn Russland, Iran und Pakistan nicht vergessen, die ebenfalls nach hegemonialem Machtgewinn streben.
17. Die Taliban haben heute schon mit China die Abmachung, dass sie sich nicht in die Unterdrückung der Uiguren dort einmischen.
18. Die Taliban brauchen wirtschaftliche Unterstützung.
19. Bei den Menschenrechten und anderen Werten haben die Taliban mit China keine Probleme, da es diese selbst nicht anstrebt.
20. Das westliche „Nation Building“ hat in Irak, Libyen und Afghanistan nicht funktioniert.
21. Die Vorstellung von einer regelbasierten globalen Ordnung lässt sich nur noch unter Minimalbedingungen aufrechterhalten.
22. Zu erwarten sind Einflusszonen: USA, China, Russland, Indien, Europäische Union (EU).
23. Der neuralgische Punkt dieser Ordnung sind die Überschneidungszonen und Zwischenräume sowie die Territorien, an denen keiner der großen Akteure wirtschaftlich interessiert ist und um die sich deswegen keiner kümmert.
24. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die als Wertebeobachter und Normverwalter auftreten, werden in globalen Fragen an Bedeutung und Einfluss verlieren.
25. Die Proliferation von Atomwaffen (siehe Iran) wird wieder eine stärkere Rolle spielen.
3544: Raul Hilberg – der erste Pionier der Holocaustforschung
Dienstag, August 31st, 2021Heute können wir es uns kaum noch vorstellen, wie lange es dauerte, bis Raul Hilbergs (1926-2007) Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ 1982 (ca. 800 Seiten) in dem kleinen Kreuzberger Verlag Olle & Wolter auf deutsch erscheinen konnte. Heute kriegt man es als Fischer Taschenbuch (1.351 Seiten) für 25,99 Euro. Diese Publikation wirft einen kritischen Blick auf die deutsche Verdrängung der Nazi-Verbrechen nach 1945.
Raul Hilberg wurde 1926 in Wien geboren. Er musste mit seinen aus Galizien stammenden Eltern seine Heimatstadt 1939 verlassen und kam in die USA. Mit 18 trat er in die US-Armee ein und wurde US-Staatsbürger. Im Zweiten Weltkrieg diente er in Europa. Hauptsächlich bei der Befragung von Kriegsgefangenen. Danach studierte er Politik und Geschichte an der Columbia-Unbiversität bei Franz Neumann („Behemoth“). Neumann gliederte die Nazi-Herrschaft in die vier Säulen
Armee, Verwaltung, Wirtschaft und Partei.
Dies Muster übernahm später Hilberg . 1950 promovierte er mit mehreren hundert Seiten seines späteren Standardwerks. Neumann verschaffte ihm eine Anstellung als Auswerter von deutschen Quellen, die 1945 von der US-Army beschlagnahmt worden waren. Es ging um einen gigantischen bürokratischen Prozess, die Strukturen bei der Durchführung des Holocaust. Heute erscheint es uns unwahrscheinlich, dass ein Einzelner die riesigen Informationsmengen bewältigen konnte. Aber Raul Hilberg machte sich damit nicht beliebt. Er fand auch in den USA keinen Verlag. Da kam ihm 1961 der Eichmann-Prozess in Israel zur Hilfe. Am 31. Juli 1961 erschien sein Riesenwerk. Und blieb zunächst weithin unbekannt. Der Name „Holocaust“ wurde erst 1979 durch Marvin Chomskys Seifenoper durchgesetzt, die auch in Deutschland einen großen Einfluss auf die Rezeption hatte.
Hilberg wollte die Täter beim Namen nennen. Das war damals in Deutschland noch nicht möglich. Er belegte, dass das Geschehen nicht vorherbestimmt war, sondern auf der politischen Überzeugung von Hitler und den Nazis beruhte. Und Raul Hilberg zeigte, dass die ganze deutsche Gesellschaft am Nazi-Terror und am Holocaust beteiligt war: Kirchen, Reichsbahn, Reichspost, Universitäten, Vereine, Banken, Versicherungen, Kommunalverwaltungen etc. Die Zustimmung in der deutschen Gesellschaft für die Nazis war sehr groß. Ebenso wie der ökonomische Nutzen, den Einzelne, Firmen, staatliche Institutionen aus dem Antisemitismus und dem Holocaust zogen. Kaum ein Beamter hat sich widersetzt.
Die weitgehende Passivität der jüdischen Opfer erklärte Hilberg als Folge einer 2000-jährigen Geschichte der Anpassung und Assimilation. Als Hannah Arendt das in in ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ übernahm, kam es zum Skandal, einer heftigen innerjüdischen Kontroverse. Erst 2012 ist eine hebräische Übersetzung von Hilbergs Buch erschienen. Das zeigt die Schwierigkeiten, die Israel hat. In Deutschland stieß Hilberg auf stärkste Widerstände. Etwa beim Institut für Zeitgeschichte in München. Allein das Namensregister des Hilberg-Buchs machte die Publikation in Deutschland lange unmöglich. Ein Verdikt über diese Gesellschaft. Erst als die zahlreichen Nazis nach und nach starben, kam es zu einer Öffnung für den Holocaust in der deutschen Gesellschaft.
Raul Hilberg charakterisierte sein Buch einmal mit den Worten: „Das Buch ist voluminös und komplex. Es ist dies notgedrungen, weil die Ereignisse, die es schildert, gewaltig und verwickelt waren (…). Es verkürzt nicht, um Maßnahmen uneingeschränkt schildern zu können, die uneingeschränkt ergriffen wurden.“
Hilberg hielt den Holocaust für singulär und für vergleichbar; denn wie jedes historische Ereignis hatte es eine lange Vorgeschichte. Es ist die Geschichte des Antisemitismus.
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt er, Geschichte „lässt sich nicht ungeschehen machen, erst recht nicht die Geschichte dieses Ereignisses, das im Zentrum einer Erschütterung stand, die die Welt verändert hat. Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt sich selber nicht zu begreifen.“
(René Schlott, Die Zeit 29.7.21)
3543: Karl Liebknecht 150
Montag, August 30th, 2021Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind für immer dadurch verbunden, dass sie Anfang 1919 von der Reichswehr ermordet wurden. Und zwar von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Hauptmann i.G. Waldemar Pabst (nach Rücksprache mit Gustav Noske, dem sozialdemokratischen Volksbeauftragten für Heer und Marine). Ein fürchterliches Verbrechen. Und wir fragen uns stets, ob mit Luxemburg und Liebknecht ein Weg des deutschen Kommunismus diesseits von Leninismus und Stalinismus (ab 1929) und Walter Ulbricht möglich gewesen wäre. Einiges spricht dafür, anderes lässt zweifeln. Leider wissen wir es nicht.
Karl Liebknecht gilt als Agitator. Er hatte am 9. November 1918 vor dem Berliner Schloß (heute: Humboldt-Forum) die sozialistische Republik verkündet. Er wird 150. Zur Jahreswende 1919 gehört er zu den Mitbegründern der KPD. Er ist vor allem Antimilitarist und ein Pfahl im Fleisch der SPD, die sich 1914 dem „Burgfrieden“ des Kaisers unterwirft und schließlich den Kriegskrediten zustimmt. Karl Liebknecht stimmt als einziger dagegen (2.12.1914). Damit beginnt die Spaltung der SPD.
Geboren wird Karl Liebknecht am 13. August 1871 in Leipzig als zweiter von fünf Söhnen des SPD-Mitbegründers Wilhelm Liebknecht. Er studiert Jura. Der Vater leitet den „Vorwärts“, der Sohn promoviert „magna cum laude“ und wird Sozius in der Kanzlei eines Bruders. Er heiratet die umschwärmte Julia Paradies. Liebknecht gilt als erfolgreicher Strafverteidiger. Er spricht bereits von der „Klassenjustiz“. Die SPD hat sich 1891 in Erfurt den Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu eigen gemacht. Seinerzeit gibt es noch das preußische Dreiklassenwahlrecht. Frauen dürfen ohnehin nicht wählen. Bei der Reichstagswahl 1912 gewinnt Karl Liebknecht zum ersten Mal den Wahlkreis Potsdam – Spandau – Osthavelland. 1907 hatte er für die Jugendarbeit der SPD die Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ verfasst. Das ist glasklarer Pazifismus. „Die Kolonialarmee, die sich vielfach aus dem Abhub der europäischen Bevölkerung zusammensetzt, ist das bestialischste und abscheulichste aller Werkzeuge unserer kapitalistischen Staaten.“
Karl Liebknecht ist kein Illusionist: „Das Proletariat ist in seiner überwiegenden Mehrheit noch nicht klassenbewusst, auch nicht sozialdemokratisch aufgeklärt, geschweige denn in jedem Fall für jene antipatriotische Aktion zu haben, die ebensoviel Opferwilligkeit und kalten Mut wie Besonnenheit im Strudel der leidenschaftlichsten chauvinistischen Brandung heischt.“ Für seine Aussage, dass die Soldaten nicht bei der Fahne bleiben würden, wenn sie zu denken anfingen, muss er ins Gefängnis. Dort kann er sich frei bewegen und nutzt die anderthalb Jahre zur Weiterbildung. Dann tritt eine zweite Frau in sein Leben, die er nach dem Tod seiner Frau 1912 heiratet, Sophie Ryss.
1910 hat Karl Liebknecht die USA bereist, von denen er wie sein Vater recht angetan ist. Am 28. Juni 1914 fallen die Schüsse von Sarajevo. Der Erste Weltkrieg beginnt. Der Kaiser kennt „keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr, (…) nur noch deutsche Brüder“. Am 2. Dezember stimmt Karl Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite. Er proklamiert: „Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land.“ Er bezieht die Massaker an den Armeniern im verbündeten Osmanischen Reich ein. 1916 spaltet sich die SPD in MSPD und USPD.
Liebknecht wird 1915 einberufen und erlebt die ganzen Demütigungen und Misshandlungen des Militärdienstes am eigene Leibe mit. 1916 wird er aus der SPD ausgeschlossen. Wegen seiner permanenten Agitationen wird er zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Am 3. November 1918 hat mit dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution begonnen. Friedrich Ebert hasst sie „wie die Pest“. Die SPD-Führung schließt ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung. Es führt zur Ermordung Luxemburgs und Liebknechts. Der Spartakusaufstand vom 5. bis 12. Januar 1919 scheitert mangels Massenbasis. So scheitert auch Karl Liebknecht. Er hat Humanismus gewollt (Christoph Dieckmann, Die Zeit 22.7.21).
Vertiefend: Klaus Gietinger (Hrsg.): Karl Liebknecht oder Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung! Berlin (Dietz) 2001, 200 S. 12,00 Euro.