Archive for the ‘Kunst’ Category

3724: Hardy Krüger ist gestorben.

Sonntag, Januar 23rd, 2022

Im Alter von 93 Jahren starb der deutsche Schauspieler und Schriftsteller Hardy Krüger in Palm Springs/Kalifornien. Er hat eine einmalige Karriere, auch im Ausland, gemacht. Als Angehöriger der Nazi-Elteschule (Napola) Sonthofen begann er damit 1944 in Alfred Weidenmanns Nazi-Propagandafilm „Junge Adler“ nach einem Drehbuch von Herbert Reinecker. In dem er neben Willy Fritsch und Dietmar Schönherr spielte. Er wurde noch zur Wehrmacht eingezogen, überlebte, desertierte. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 1957 mit „Einer kam durch“ über den deutschen Offizier Franz von Werra, dem die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager im UK gelang. In der Folge arbeitete viel in Großbritannien und den USA. U.a. spielte er 1960 in Howard Hawks „Hatari“ neben John Wayne. Hardy Krüger kam immer wieder nach Deutschland zurück, wo seine KInder Schauspieler geworden sind. 1961 drehte er neben Loni von Friedl mit „Zwei unter Millionen“, einen Film, dessen Dreharbeiten während des Baus der Mauer in Berlin begannen. Sein ziemlich abenteuerliches Leben hat Krüger danach auch im Bücherschreiben ausgewertet (Susan Vahabzadeh, SZ 21.1.22).

3717: Bestseller 2021

Mittwoch, Januar 12th, 2022

Media Control gibt bekannt, dass 2021 in Deutschland 273 Millionen Bücher verkauft worden sind. Verteilt auf mehr als eine Million Titel. Nummer eins ist der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ der US-Autorin Delia Owens, der schon 2019 vorne lag. Inzwischen verkauft sich die Taschenbuchausgabe sehr gut. Auf Platz vier und Platz sieben Sebastian Fitzek mit „Playlist“ und „Der erste letzte Tag“. Julie Zeh mit „Über Menschen“ liegt auf Platz zwei (MASC, SZ 12.1.22).

3714: Peter Bogdanovitchs Filme werden im Himmel gespielt.

Sonntag, Januar 9th, 2022

Den Durchbruch schaffte er mit „The last Picture Show“ (1971): Peter Bogdanovitch, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Der Sohn eines serbischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter hatte bei Roger Corman, dem Meister des B-Pictures, gelernt. Ins Kino kamen die Teenager damals, weil sie dort die ersten Küsse und Berührungen austauschen konnten. Das Objekt der Begierde war Cybill Shepherd. In „Is was, Doc“ (1972) war es Barbara Streisand. „Aber es war die Aufgabe der Männer, den Mut und die Schönheit dieser Frauen zu inszenieren.“ (Claudius Seidl, FAZ 8.1.22) Wir sind heute noch schockiert von ihrer erotischen Risikobereitschaft.

Peter Bogdanovitch ging noch einen Schritt weiter. „Einer der Teenager hat endlich das Mädchen, das er so gern küssen möchte, zu einem Kino-Date überreden können. Doch als sie da im Dunkeln sitzen und sie sich ihm zuwendet und die große Knutscherei endlich losgehen könnte, ist er so gebannt von der flimmernden, glitzernden Leinwand, dass er sich lieber den Film weiter anschaut.“ (David Steinitz, SZ 8./9.1.22) An diese beiden Riesenhits konnte Bogdanovitch nie wieder anschließen, obwohl er die Inszenierungskunst eines Orson Welles, die narrative Ökonomie eines Howard Hawks un die emotionale Integrität eines John Ford studiert hatte. Er arbeitete wieder als Journalist. Für das Magazin der SZ hat er Kirk Douglas, Lauren Bacall, Jack Nicholson und Jerry Lewis interviewt.

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3708: Eugen Ruge: Julian Assange nicht an die USA ausliefern !

Sonntag, Januar 2nd, 2022

Eugen Ruge ist vor allem durch seine beiden Erfolgs-Romane „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2011) und „Metropol“ (2019) hervorgetreten. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird („Die Zeit“ 16.12.21). Ruge stellt fest, dass Assange seit Jahren durch Einzelhaft und Isolation gefoltert wird. Er hatte zahlreiche Kriegsverbrechen der USA nach 1945 aufgedeckt und partiell mit Videos belegt. Beispielsweise hatte er gezeigt, wie GIs irakische Zivilisten ermorden. In den USA drohen Assange ca. 120 Jahre Hadt.

„Was hier seit zehn Jahren passiert, ist eine widerwärtige Verhöhnung jener Werte, die die westliche, besonders natürlich die US-amerikanische Politik unaufhörlich in Anspruch nimmt, um ihre Invasionen und Sanktionen zu rechtfertigen.“

Die schwedische Justiz hatte sich bemüht, Assange der Vergewaltigung zu bezichtigen, um ihn so an die USA ausliefern zu können. „Nein, Assange ist kein Engel. Er hat Fehler gemacht. Er ist, hört man, kein sympathischer Typ. … Worum es hier geht, ist, dass statt des Verbrechers derjenige plattgemacht werden soll, der das Verbrechen offengelegt hat.“ „Trotzdem bitte ich diese neue Bundesregierung, auch im Namen vieler anderer, aber vor allem im Hinblick auf jene verbindlichen und verbindenden Werte, die unsere Verfassung bewahrt, der Auslieferung von Julian Assange ihr Möglichstes entgegenzusetzen.“

3707: Barenboim dirigiert Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Samstag, Januar 1st, 2022

Daniel Barenboim ist seit 1992 Musikchef der Staatsoper Unter den Linden und ihrer Staatskapelle. In diesem Jahr wird der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Musiker 80 Jahre alt. Für Berlin und Deutschland ist er ein Glück. Dank seiner Musikalität, Weltoffenheit und seinem Einsatz für die Aussöhnung zwischen Juden und Palästinensern. Nach 2009 und 2014 dirigiert er in diesem Jahr zum dritten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Es wird in 90 Länder übertragen und erreicht 50 Millionen Zuhörer und Zuseher. (Reinhard J. Brembeck, SZ 31.12.21)

3699: Inge Jens ist tot.

Montag, Dezember 27th, 2021

Die Herausgeberin und Autorin Inge Jens ist mit fast 95 Jahren in Tübingen gestorben. Dort hatte sie seit 1949 Germanistik studiert und Walter Jens geheiratet. Der Rowohlt Verlag wurde ihre publizistische Heimat. Sie hat mannigfache Bausteine zur deutschen Erinnerungskultur geliefert. Maßstäbe hatte sie für ganze Generationen von Germanisten gesetzt mit der zweiten Hälfte der Tagebücher Thomas Manns. 2003 erschien „Frau Thomas Mann“ und wurde ein sensationeller Erfolg. Inge Jens war eine Repräsentantin der Friedensbewegung, die sich etwa 1984 an den Sitzblockaden in Mutlangen beteiligte. 1990 versteckte das Ehepaar Jens während des Goldkriegs längere Zeit zwei desertierte US-Soldaten in ihrem Haus (Uwe Naumann, SZ 27.12.21).

3693: Gottfried Benn spendierte Morphium.

Freitag, Dezember 24th, 2021

Wie Jörg Magenau (SZ 21.12.21) so treffend schreibt, ist Hans Fallada „gründlich ausbiografiert“. Trotzdem hat der Vorsitzende der Hans-Fallada-Gesellschaft, Michael Töteberg, einen neuen Roman vorgelegt:

Falladas letzte Liebe. Berlin (Aufbau) 2021, 336 Seiten.

Er befasst sich nur mit der Zeit von 1945 bis zu Falladas frühem Tod 1947. Die Sowjets hatten ihn zum Bürgermeister im mecklenburgischen Feldberg gemacht, eine Aufgabe, die den Schriftsteller völlig überforderte. Er floh mit seiner jungen zweiten Frau Ulla nach Berlin und in die Drogen. Permanent herrschte deswegen Geldknappheit. Es waren Akte der gegenseitigen Selbstzerstörung. Manchmal spendierte Dr. Gottfried Benn eine Portion Morphium. Fallada schrieb trotzdem in einem einzigten Monat „Jeder stirbt für sich allein“, einzigartig in unserer Literatur.

3679: John Heartfield – ein politischer Aktivist und Medienkünstler

Sonntag, Dezember 12th, 2021

Geboren wurde er in Berlin als Sohn des Schriftstellers Franz Herzfeld und der Textilarbeiterin Alice Stolzenberg, wuchs aber weithin bei Pflegeeltern in der Schweiz und Österreich (bei Salzburg) auf und erschien zeitlebens so, als sei nirgends richtig zu Hause: John Heartfield. Er machte eine Lehre bei einem Buchhändler in Wiesbaden und freundete sich, nachdem er früh aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war, mit dem jungen Künstler Georg Ehrenfried Groß (George Grosz) an. Beide gaben sich englisch klingende Namen, das sollte weltläufiger klingen. Der Dritte im Bundes war Heartfields Bruder Wieland Herzfelde, der spätere Eigner des Malik-Verlags. Sie gaben eine pazifistische Zeitschrift heraus: „Neue Jugend“ und wurden zu Mitbegründern der Dada-Bewegung.  Ihr Kampf galt dem Krieg und dem Kapitalismus. Sie traten der KPD bei.

Heartfield entwickelt nach seinem Kunststudium (Grafikdesign) provokante Collagen. Er ist der eigentliche Begründer der Fotomontage in einer Zeit, als man noch mit der Schere arbeitet. Mit Bertolt Brecht ist er befreundet. Sein Lebensthema ist die Grausamkeit und Absurdität des Krieges. Er erreicht Millionen, die sich keine Kunst leisten können, weil er für kommunistische Publikationen und Buchverlage arbeitet. Auch die SPD verschont er nicht mit seiner politischen Kritik. Er wirft ihr vor, häufig ohne Not zu stark mit konservativen Parteien zusammenzuarbeiten. Das ändert sich erst, als Ende der zwanziger Jahre der Siegeszug Adolf Hitlers beginnt. Heartfield arbeitet inzwischen vorzugsweise für die „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ). Den Kommunismus verschont er überwiegend mit seiner Kritik. Auch als Josef Stalin sein Terror-Regime („Stalinismus“) begründet (ab 1929). 1931 bereist Heartfield ein Jahr lang die Sowjetunion.

„In den Monaten vor und nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten läuft der Künstler zu großer Form auf. Der angehende Diktator Adolf Hitler erscheint bei ihm mal als schmieriger

Wiedergänger des letzten Hohenzollern-Kaisers,

als Lügner mit grotesk kurzen Beinen, als Günstling deutscher Großkapitalisten oder, absolut realistisch, als Chef einer Mörderbande, der seine eigenen Getreuen kaltblütig liquidieren lässt (mit Gewehren ‚Modell Krupp‘, die den ‚Gruß vom Führer‘ übermitteln, oder in einer anderen Darstellung auch mit dem ‚Ehrendolch‘) – eine Reaktion auf die Ermordung Ernst Röhms und anderer SA-Führer und Konservativer im Juni 1934.“ (Christian Mayer, SZ 11./12.12.21)

Heartfield kann 1933 gerade so noch vor den Nazis nach Prag fliehen, wohin auch der Malik-Verlag emigriert ist. Regimekritiker werden inzwischen in Konzentrationslagern umgebracht. Heartfield arbeitet über den Reichstagsbrand-Prozess. Die Leichtigkeit der Dada-Zeit ist längst vorbei. 1938 muss Heartfield weiter nach London fliehen, wo er dafür dann zeitweise als „feindlicher Ausländer“ eingestuft wird. Hier findet er die Liebe seines Lebens, seine dritte Frau „Tutti“. Erst 1950 geht Heartfield, wohl eher aus Pflichtgefühl, in die DDR. Er lässt sich in Leipzig nieder, gilt aber als „Westemigrant“, als destruktiv und „dekadent“, das tragische Schicksal eines großen deutschen Kommunisten. Erst 1956 kann Heartfield in die SED eintreten. Er arbeitet auch als Bühnenbildner und wieder für Bertolt Brecht. 1968 stirbt er in Ost-Berlin.

 

3650: Oswalt Wiener ist tot.

Samstag, November 20th, 2021

Mit 86 Jahren ist der Künstler und Philosoph Oswalt Wiener (1935-2021) an einer Lungenentzündung gestorben. Schon 1960 hatte er mit

„Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman“

ein Buch vorgelegt, das allen Regeln des Betriebs widersprach. Es war ein Sprachexperiment. Wiener war schon in Wien in Skandale verwickelt, wo er sich mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Gerhard Rühm als Neo-Dadaist beim Jazz präsentierte. Oder mit Otto Mühl und Günter Brus provozierte. 1968 publizierte er „Kunst und Revolution“. Einigen Rezipienten dämmerte es, dass Oswalt Wiener viel weiter dachte. Er musste Österreich verlassen und ging nach West-Berlin. Dort wurde er ein legendärer Kneipenwirt, studierte mit 50 Mathematik. Von 1992 bis 2004 gab er in Düsseldorf sein Wissen als Kunstprofessor weiter. Er machte den „homo sapiens“ lächerlich. Als einer der Ersten hatte er die Sinnlosigkeit der Welt begriffen.