Archive for the ‘Kunst’ Category

4120: Verlage fordern Freilassung von Assange.

Dienstag, November 29th, 2022

Die Verlage des „Spiegels“, der „New York Times“, des „Guardian“, von „Le Monde“ und „El Pais“ fordern in einem offenen Brief von der US-Regierung, den Wikileaks-Gründer Julian Assange freizulassen. Die Anklage gegen Assange sei „ein gefährlicher Präzedenzfall und ein Angriff auf die Pressefreiheit“ (SZ 29.11.22).

4111: Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch: eine „Zerfetzung“

Sonntag, November 20th, 2022

Nach Jahrzehnten, in denen er zurückgehalten wurde, ist nun der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) erschienen. Ein Ereignis! Über 1.000 Seiten dick, die Hälfte davon Kommentar.

Ingeborg Bachmann/Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Mit Briefen von Verwandten, Freunden und Bekannten. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann, Koordination: Barbara Wiedemann. München – Berlin – Zürich (Piper/Suhrkamp), 1.039 Seiten.

Die Beziehung ging von 1958 bis 1963 und endete mit einem Zusammenbruch von Ingeborg Bachmann. Von Anfang an gab es nicht nur rauschhafte Liebe, sondern auch Zweifel und Trennungsgedanken. Frisch: „Wir wären Unheil füreinander. Aber auch so ist kein Heil.“ 1959 bekam Max Frisch Hepatitis. Und Ingeborg Bachmann fuhr nach Rom. Mit ihrem neuen Liebhaber Hans Magnus Enzensberger. Laut Briefwechsel war diese Affäre viel gravierender als bisher bekannt. Auf Wunsch Bachmanns hat Enzensberger einige ihrer Briefe vernichtet. Das Krankenhaustagebuch Frischs fand Bachmann nach der Trennung, sie war entsetzt und verbrannte es. Ein Vertrauensbruch.

Ingeborg Bachmann versuchte ein Leben zu führen, wie es seinerzeit für Frauen nicht vorgesehen war. Selbstbestimmt. „Max, es ist so schwer zu erklären, aber ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter Dir oder hinter Dir. Du hast es bestimmt nicht gewollt, aber es bringt dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brechtmädchen sagen würden, nichts gefallen.“

Frisch fühlte sich Bachmann (und Paul Celan) als Schriftsteller unterlegen. Auch intellektuell. Die beiden erkannten sich als Schriftsteller an, halfen sich sogar bei ihren Werken, das war bisher unbekannt. „Sie liebt nicht mich, sowenig wie einen anderen, sondern sie liebt die Liebe und sich selbst als Liebende.“ Zunächst liebte sie den italienischen Germanisten Paolo Chiarini. Und sie war allmählich tablettenabhängig geworden, ein Verhängnis. Anscheinend neigte sie zur Sucht. Dazu kam, dass Frisch sich seinerzeit in die 28 Jahre jüngere Marianne Oellers verliebte. Der Briefwechsel zerstört aber bisher geläufige Bachmann-Mythen: sie hat keinen Selbstmordversuch unternommen und keine Abtreibung vornehmen lassen. Allerdings unterhielt sie inzwischen eine intensive Beziehung zu Paul Celan. Allmählich lief ihr Leben auf einen Zusammenbruch zu. Hier liefert der Briefwechsel erschreckende Einblicke. An Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat Ingeborg Bachmann intensiv mitgewirkt, schon weil sie in der Figur der Lila selbst porträtiert wurde. Frisch akzeptierte ihre Veränderungsvorschläge. Kurze Zeit später behauptete sie, in seinem Roman missbraucht worden zu sein. Bei der Dämonisierung Max Frischs hat anscheinend auch ein fragwürdiger Psychotherapeut eine Rolle gespielt.

Max Frisch war aber bei weitem nicht der Popanz, als der er in der Bachmann-Literatur gerne dargestellt wird. Die Lesart, dass Max Frisch an Ingeborg Bachmanns Unglück alleine schuldig geworden sei, erweist sich, das schreibt die Bachmann-Expertin Ina Hartwig ausdrücklich, als falsch (SZ 19./20.11.22). Hartwig findet in dem Briefwechsel auch keine neues Geheimnis, sondern sieht die weiteren Erkenntnisse der Bachmann-Philologie als bestätigt an. Frisch und Bachmann waren beide Alkoholiker, sie zudem tablettensüchtig, weshalb sie immer wieder Kliniken aufsuchen musste. Beide waren krankhaft eifersüchtig. Nicht immer ohne Grund. Tatsächlich kennen wir ja heute bei der Betrachtung biografischer Details kaum noch Tabus. Ingeborg Bachmanns literarische Größe war Max Frisch stets bewusst. Er unterstützte sie bei „Wildermuth“. Sie verwandte das Motiv des brachialen, pedantischen, mörderischen Mannes für „Malina“. Max Frisch hat nach Bachmanns Tod ein Resümée in „Montauk“ (für mich, W.S., sein größtes Werk!) gezogen.

Max Frischs Briefe waren übrigens größtenteils nicht mehr im Nachlass Bachmanns zu finden. Wir kennen sie nur, weil Frisch davon. selbst bei banalsten Anlässen, Durchschriften angefertigt hat. Die im Affekt der ersten Verliebtheit verfassten Briefe wurden von Frisch ebenso kopiert wie die der späteren Zerrüttung. Max Frisch spricht von „Zerfetzung“ (Andreas Bernard, SZ 19./20.11.22). Im Kommentarteil ist die Überführung der Korrespondenz in poetische Werke auf beiden Seiten minutiös belegt. Frisch und Bachmann „bekämpften sich auf Leben und Tod, am Rande der Vernunft“. Das hatte Züge eines Vernichtungskriegs. „Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“ Der Briefwechsel bewegt einen sehr. Da war etwas zusammengewchsen, was nicht zusammengehörte (Helmut Böttiger, SZ 19./20.11.22).

4109: Der große Filmregisseur Martin Scorsese wird 80.

Donnerstag, November 17th, 2022

Wenn unter Kennern die größten Filmregisseure genannt werden, fällt am häufigsten der Name Martin Scorsese. Er wird 80 Jahre alt. Und er dominiert Hollywood als Regisseur, Dozent und Produzent. Seine Meisterschaft ist die des brillanten Einzelstücks. Seine Stoffe kommen aus Romanen, aus seiner Lebenserfahrung und von genialen Mitstreitern. Er kann Schauspieler entfesseln und beherrscht die Sprache von Kamerabewegung, Schnitt und Musikeinsatz. Er steht für das klassische, arbeitsteilige Filmemachen. Um „Star Wars“ und „Der Herr der Ringe“ hat er stets einen großen Bogen gemacht. Und selbst er musste sich erst durchsetzen. U.a. mit Dokumentationen. Der Olymp des Filmemachen steht nur denen offen, deren Einzelstücke sich am Ende zu einer Macht verbinden. Scorsese stammt aus dem, was wir „Little Italy“ nennen, hat sich dort aber nie festbinden lassen. Er wolte zunächst Priester werden. Die Vielfalt seines Werks ist einmalig (Tobias Kniebe, SZ 17.11.22)

Da wir fast Jahrgangsgenossen sind, bin ich mit Scorseses Filmen erwachsen geworden, habe an und in ihnen gelernt und schätze sie außerordentlich (hier nur eine kleine Auswahl der wichtigsten Filme):

1973: „Hexenkessel“, mit Robert de Niro und Harvey Keitel,

1974: „Alice lebt hier nicht mehr“,

1976: „Taxi Driver“,

1986: „Die Farbe des Geldes“,

1990: „Goodfellas“,

2002: „Gangs of New York“,

2004: „Aviator“,

2006: „Departed“,

2013: „The Wolf of Wall Street“,

2019: „The Irishman“.

Martin Scorsese hat mit einzelnen Darstellern vielfach zusammengearbeitet: Rober de Niro, Harvey Keitel, Leonardo di Caprio, Joe Pesci und mehreren anderen. Er ist zum fünften mal verheiratet. Möge er uns noch den einen oder anderen Film bescheren.

 

4105: Daniel Barenboim 80

Dienstag, November 15th, 2022

Seit 1992 ist er mittlerweile Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin. Seit 2000 auf Lebenszeit. In Berlin hat er sich größte Verdienste erworben, das hauptstädtische Musikleben geprägt: Daniel Barenboim, der 80 Jahre alt geworden ist. Geboren ist er in Buenos Aires in eine Musikerfamilie mit russisch-jüdischem Hintergrund. Er debütierte als Pianist bereits 1950 und musste dann die nächsten Jahre als „Wunderkind“ absolvieren. 1954 gewann er seinen ersten Wettbewerb. Die Familie lebte inzwischen in Israel. Keiner hat Notentexte so „frei“ interpretiert wie Barenboim. Er wurde früh zu einer Legende. Seine Stationen als Dirigent: Paris, Chicago, Mailand.

Von 1988 an lieferte er seinen legendären Bayreuther „Ring“ ab. Er fuhr mit den Berliner Philharmonikern nach Israel und provozierte dort mit einer Zugabe aus Richard Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“. Unangefochten wirkte er. 2005 dirigierte er in Ramallah/Westjordanland ein Konzert (u.a. mit Ludwig Van Beethovens fünfter Sinfonie) seines 1999 gegründeten West-Eastern-Divan-Orchester mit Musikern aus Israel und den umliegenden arabischen Staaten. Kaum vorstellbar in den unerbittlichen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern. Die Mauer zwischen israelischem und palästinensischem Staatsgebiet kritisierte er. Er will dem Frieden dienen und wird gerade dafür kritisiert. Drücken wir ihm die Daumen und wünschen ihm gute Besserung (Egbert Tholl, SZ 15.11.22).

4094: Claudius Seidl hat die Biografie von Helmut Dietl geschrieben.

Sonntag, November 6th, 2022

Helmut Dietl hat nie zu den volltönenden Großmäulern des jungen deutschen Films gehört. Dafür hat er bessere Filme gemacht. Das ist jetzt in einer sehr gut geschriebenen Biografie von Claudius Seidl gewürdigt worden, Bayer wie Dietl.

Der Mann im weißen Anzug. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2022, 352 S., 25 Euro.

Dietl war nach dem Studium in München beim Regionalprogramm des BR gestartet. Seine „Münchener Geschichten“ begleiteten ihn ein Leben lang. Therese Giehse und Günther Maria Halmer wirkten darin mit. 1979 folgte „Der ganz normale Wahnsinn“, 1983 die zehn Episoden von „Monaco Franze“ (mit Helmut Fischer).

Mehrere Drehbücher schrieb Dietl gemeinsam mit Patrick Süskind, der ein Freund war. 1986 folgten die sechs Episoden von „Kir Royal“, 1992 „Schtonk“ (mit Götz George, Drehbuch mit Ulrich Limmer) über die gefälschten Hitler-Tagebücher. 1997 „Rossini“, 2005 „Vom Suchen und Finden der Liebe“. Helmut Dietl hat die deutsche Komödie auf einen neuen, leichten und liebenswerten Stand gebracht. Bei „Schtonk“ hatte er gezeigt, dass er auch den hohen Stil beherrschte. Er liebte die Frauen, war viermal verheiratet. Veronica Ferres‘ Karriere ist ohne Dietl nicht denkbar. Nach „Rossini“ wandte der Regisseur sich, wie sehr viele deutsche Filmemacher, nach Berlin, die neue deutsche Filmhauptstadt. Dort aber blieb er „heimatlos“. Was wir durch und von Helmut Dietl gelernt haben, ist Melancholie. 2015 starb der Regisseur an Krebs (Günter Rohrbach, SZ 5./6.11.22).

4093: Der bombastische Stil des Feuilletons im Fernsehen

Sonntag, November 6th, 2022

Kultur im Fernsehen ist wichtig. Dort (u.a. „ttt“, „Kulturzeit“, „Druckfrisch“, „Aspekte“) pflegen ihre Sprecher einen Sound der Dringlichkeit, der Bedeutungsschwere signalisieren soll. Der ewig feierliche Ton bringt dauerhaftes Pathos mit sich. Der raunende Begleiton soll zeigen, dass die behandelten Themen es verdienen, dort diskutiert zu werden. Kulturfernsehen ist zugleich immer Marketing für Kulturfernsehen. Die präsentierten Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure, Maler, Tänzer u.a.) stehen für Aufklärung, für das Streben nach einer besseren Welt. Kunst wendet sich stets gegen Lügen und politische Intrigen. Zur Darstellung dessen werden häufig die immergleichen visuellen und dramaturgischen Schablonen eingesetzt. Das Genre Kulturfernsehen sucht weiterhin nach dem richtigen Verhältnis zu den von ihm behandelten Gegenständen (Andreas Bernard, SZ 5./6.11.22).

4088: Peter Demetz 100

Montag, Oktober 31st, 2022

Der in Prag geborene Peter Demetz ist emeritierter Germanistik-Professor in Yale. Er lebt in den USA und wird 100 Jahre alt. Er hat sehr viele Rezensionen und Kritiken für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Seine Mutter stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Böhmen, sie starb in Theresienstadt, väterlicherweits stammte er von ladinischen Südtirolern ab. Die Nazis hatten ihn zur Zwangsarbeit verpflichtet. Demetz promovierte an der Prager Karls-Universität. Als die Sowjets die Tschechoslowakei übernahmen, verließ er das Land. Ingeborg Harms hat Peter Demetz für die „Zeit“ (20.10.22) interviewt.

Zeit: Warum haben Sie Prag nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen?

Demetz: Ich war noch Student an der Prager Universität, als ich mein erstes Buch „Kafka und Prag“ gemeinsam mit drei Leuten herausgegeben habe. … Kafka war bei den Kommunisten verrufen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner damaligen Freundin Hanna das Weite zu suchen und nach Deutschland zu gehen.

Zeit: Wie ging es dort weiter?

Demetz: Wir landeten im einzigen deutschen Kinderlager, weil ich deutsch und englisch sprach: Ich wurde Stellvertreter des Erziehungsdirektors in Bad Aibling in Oberbayern. Durch Vermittlung eines Prager Intellektuellen bin ich nach zwei Jahren zum „Radio Free Europe“ nach München gekommen und war vier Jahre lang Kulturredakteur. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Zeit: Sie haben bei René Wellek promoviert, der von der Prager Universität kam. Sind Sie ein Schüler seiner werkimmanenten Interpretation?

Demetz: Ja, ich bin ihm immer nahegestanden, vielleicht habe ich nicht in allen Büchern dasselbe „close reading“ praktiziert.

Zeit: Stehen Ihnen einige deutsche Autoren näher als andere?

Demetz: Ganz sicher. Einer der ersten, die mir auffielen, war Heimito von Doderer. Seine „Strudlhofstiege“ habe ich Österreich irgendwo unterrichtet. Ich kann mich an sommerliche Tage erinnern, wo ich nichts anderes gelesen habe, um mich vorzubereiten. Ich weiß nur nicht, wozu. Alfred Andersch war mir auch ans Herz gerwachsen, aber durch seine Abenteuer mit den Behörden war er mir zugleich etwas fern. Böll hatte den Hang ins Transzendente und war mir sehr fremd. Nelly Sachs kannte ich von früher, aber sie hat keine Spuren hinterlassen. Max Frisch bin ich oft begegnet und habe ihn als Dramtiker sehr geschätzt. Es mag sein, dass mein von den Russen verbotenes Stück Max Frisch nachgeschrieben war.

Zeit: Sehen Sie die hiesige Gegenwartsliteratur optimistischer?

Demetz: Eigentlich nicht. …

4079: Andrea Wulf erklärt uns die Romantik.

Mittwoch, Oktober 26th, 2022

Die für ihre Publikationen schon vielfach ausgezeichnete Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf, geb. 1967, hat ein neues Buch vorgelegt, über das sie in einem Interview mit Fritz Habekuß (Zeit, 13.10.22) spricht:

Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. München (Bertelsmann) 2022.

Darin schildert sie die vielen Köpfe und Kapazitäten, die sich in den 1790er Jahren in Jena versammelt hatten. Um den Superstar Friedrich Schiller. Das waren Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte, August-Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Schelling, Caroline Schlegel, Wilhelm und Alexander Humboldt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Sie haben dort die Romantik als internationale Bewegung eingeläutet, auch wenn am Ende nicht alle bei der Stange blieben.

„Sie wandten sich vor allem gegen das rein empirische Denken der Aufklärung und glaubten, dass deren rationaler Ansatz Distanz zur Natur schuf. Diese wurde nur noch aus einer sogenannten objektiven Perspektive untersucht. Dagegen wehrten sie sich.“

„Er (Friedrich Schelling) erklärte, dass der Mensch und die Natur eins sind, und lieferte die philosophische Grundlage für ein Gefühl, das fast alle Menschen kennen: Natur beruhigt. Natur heilt. Sie spricht zu etwas in uns, was nicht der Verstand ist.“

„Die Aufklärung behauptet, dass Wissenschaft und Gefühl nichts miteinander zu tun haben. Die Romantiker widersprachen: Die Natur und ich, das ist das Gleiche. Diese Philosophie der Einheit wurde zum Herzschlag der Romantik. Schauen Sie sich das berühmte Caspar-David-Friedrich-Bild an, auf dem ein Wanderer auf der Klippe steht und über’s Wolkenmeer guckt. Das ist dieses ‚Ich bin allein in der Natur, und ich spüre dennoch ein Zugehörigkeits-Gefühl‘.“

„Einer der wichtigsten Denker der Romantik war Fichte. Der stellte sich breitbeinig hin und sagte: Aller Realität Quelle ist das Ich! Das Ich ist der Anfang von allem! Es gibt keine absoluten oder gottgegebenen Wahrheiten! Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist, dass die Welt durchs Ich verstanden wird! Damit machte er das Ich zum Herrscher der Welt.“

„Jedenfalls steht seither das Ich im Mittgelpunkt westlicher Gesellschaften – im Guten wie im Schlechten.“

„Sie orientieren sich zunächst an Immanuel Kant und seinem kategorischen Imperativ: Handle so, dass dein Handeln Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte. Im Grunde benutzten sie ihr eigenes Leben als Theaterbühne, um das alles auszuprobieren. Die Gruppe junger Frauen und Männer machte das Ich zum Herrscher der Welt. Es ist nicht so überraschend, dass sie alle irgendwann ziemlich aufgeblasene Egos hatten. Die Verpflichtungen, mit denen Freiheit daherkommt, das funktioniert theoretisch alles sehr gut. Praktisch eher nicht.“

„Freiheit endet dort, wo die Freiheit des nächsten Menschen beginnt. Aber Theorie und Praxis haben nicht immer viel miteinander zu tun.“

„Die Romantiker waren nicht gegen den Verstand und rationale Beobachtung. Das allein reichte ihnen aber nicht, obwohl sie zum Teil selbst Wissenschaftler waren: Novalis, Humboldt, Goethe. Ich glaube, dass dieses Denken eine neue Generation anspricht. Gefühle und die Einbildungskraft mit in die Diskussion zu nehmen ist nicht unseriös oder New Age, sondern hat eine Tradition in der deutschen Geistesgeschichte.“

„Friedrich Schlegel hat damals gesagt: ‚Ich will Euklid singbar machen‘, also Mathematik und Physik in Musik verwandeln. Das ist doch wunderbar!“

 

4075: Baselitz verlangt Abhängen von Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“

Montag, Oktober 24th, 2022

Georg Baselitz ist nach Gerhard Richter der ökonomisch zweit-erfolgreichste deutsche bildende Künstler. Er ist bekannt für seine Provokationen. Die sollen wohl seinen Marktwert steigern. Benannt hat sich Baselitz, der eigentlich Hans-Georg Kern heißt, nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz in Sachsen. Baselitz hat behauptet, dass Frauen nicht so gut malen könnten wie Männer. Journalisten litten an „pandemischer Verblödung“. Gendern und Postkolonialismus hält er für abwegig. Und die Documenta war seiner abfälligen Kritik schon immer sicher.

Nun verlangt er, dass Adolf Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“ aus dem Jahr 1937 in der Münchener Pinakothek abgehängt wird. Dort hängt es seit 2016. Es zeigt vier nackte Frauen. Im Kontext mit Werken der Moderne soll es den Kontrast dazu zeigen. Ziegler hatte die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1938 mitorganisiert. Ziegler wird in der Pinakothek mit einem Werk von Otto Freundlich kontrastiert, der dann von den Nazis in Maidanek ermordet worden war. Für Baselitz hat das gegenwärtige Aufhängen des Ziegler-Bildes auch eine „nazi-propagandistische“ Wirkung. Das hat er in einem Brief an den Museumsleiter Bernhard Maaz mitgeteilt.

Baselitz hat gleich Widerspruch erfahren. Etwa von Christian Fuhrmeister vom Münchener Institut für Kunstgeschichte. Der sagt: „Wo, wenn nicht in Kunstmuseen, soll man über NS-Kunst diskutieren?“ Baselitz schaut auf eine Reihe eigener künstlerischer Provokationen zurück. 1963 hatte er einen Hitlerjungen mit Riesenpenis gemalt. Damit begann seine Erfolgsgeschichte. Baselitz erklärt: „Das Publikum hat mir beigebracht, dass Provokation in Deutschland nur funktioniert, indem man Bärtchen malt oder Hakenkreuze.“ Baselitz hat in über 60 Jahren ein prägnantes Werk expressiver Kunst geschaffen. Auch widersprüchlich. Weltstar ist er mit seinen Überkopf-Bildern geworden. Seine Methode war immer die Krasszeichnung von inneren Künflikten in figürlicher Kunst. Er wollte provozieren. „Seine bisweilen pauschalen Aussagen allzu wörtlich zu nehmen, hilft dabei nicht immer.“ (Till Briegleb, SZ 10.10.22)

4069: Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Serhij Zhadan

Freitag, Oktober 21st, 2022

Den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommt in diesem Jahr der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. In seinem Buch „Der Himmel über Charkiw“ bezeichnet er Russen als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“. Verstößt er damit nicht gegen „die Verwirklichung des Friedensgedankens“ gemäß den Statuten? Volker Weidermann („Zeit“ 20.10.22) schreibt dazu: „Es ist der richtige Ort, diesen Preisträger zu ehren. Es ist auch der richtige Preis. Der Skandal ist nicht der Dichter und nicht sein Buch. Der Skandal ist der russische Überfall auf die Ukraine und das tägliche Töten. Die Literatur wehrt sich mit ihren Mitteln. Und kämpft für nichts anderes als Frieden.“