Archive for the ‘Kunst’ Category

3923: Ernst Jacobi ist tot.

Mittwoch, Juni 29th, 2022

Er hat große Personen der Weltgeschichte verkörpert: Jakob Fugger, Emile Zola et alii. Trotzdem war seine gezähmte Bürgerlichkeit sein Markenzeichen. Vor allem auf dem Theater. Schon als Jugendlicher hatte Ernst Jacobi Sprechrollen beim RIAS übernommen. In seiner Karriere war er beim Schillertheater in Berlin, bei den Münchener Kammerspielen und beim Wiener Burgtheater. Und er war dabei in der Experimentierphase des Fernsehens. „Am Tag, als der Regen kam“ (1959), „Schwarzer Kies“ (1961), er spielte den Gauleiter in Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“. In Jan Troells „Hamsun“ gab er den „Führer“ neben Max von Sydow als Hamsun. Vielleicht sein größter Erfolg: in „Deutschland, bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms (1980). Jacobis Markenzeichen war sein unverkennbare Stimme. Er stellte uns dar, dass nicht nur die Städte in Deutschland in Trümmern liegen, sondern auch das System der gesellschaftlichen Rollen. Den Höhepunkt erreichte Ernst Jacobi als Erzähler in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Mehr geht nicht (Fritz Göttler, SZ 24.6.22).

3920: Olaf Scholz boykottiert Documenta.

Donnerstag, Juni 23rd, 2022

Bundeskanzler Olaf Scholz hält die Vorgänge um das Großbild „People’s Justice“ auf der Documenta in Kassel für „skandalös“. Er findet „die besagte Abbildung in Kassel abscheulich“. Er besucht die Ausstellung nicht und fordert stattdessen „Konsequenzen“. Das tut auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Gemeint sein kann damit nur die Documenta-Generalsekretärin Sabine Schormann. Das besagte antisemitische Bild war verspätet erst am Freitag aufgehängt worden. Am Montag wurde es verhüllt. Und Dienstagabend abgehängt. Das wurde höchste Zeit. Bei manchen der Verantwortlichen habe ich den Eindruck, dass sie noch nicht begriffen haben, was auf der Documenta angerichtet wurde. Unglaublich (jhl, SZ 23.6.22).

3915: Kia Vahland über den Antisemitismus auf der Documenta

Dienstag, Juni 21st, 2022

Nun ist es ganz klar. Am Freitag wurde auf der Documenta ein offen antisemitisches Gemälde des indonesischen Künstlerkollektivs Tarik Padi angebracht. Mit wölfischen Reißzähnen, Schläfenlocken, Kippa und SS-Mütze.

Die Opfer des Holocaust werden zu Tätern gemacht.

Und ein Schwein mit Davidstern wird als „Mossad“ bezeichnet. Wie der israelische Auslandsgeheimdienst. Wie alt jenes Schandmotiv des Schweins ist, zeigt gerade die Debatte (einschließlich Bundesverfassungsgericht) über die Wittenberger „Judensau“.

Kia Vahland (SZ 21.6.22) schreibt dazu:

„Dieser Hass, diese Hetze von Kassel zerstören einen schönen Traum: dass die Kunstschau des Jahres eine Feier der Freiheit und der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen werden könnte. Sehr viele der mehr als 1.500 Eingeladenen wollten und wollen genau das. Einige aber verbreiten lieber üble Ressentiments. Und andere verhindern ebendieses nicht: Weder das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa schritt ein noch die Geschäftsführerin oder jene Kulturfunktionäre, die das Werden der Ausstellung seit Monaten begleiten.

Es ist ein einziges Scheitern.

Worauf wartet Ruangrupa noch – wann erklären sich die Kuratoren und ihre Unterstützer, hören den nun zu Recht entsetzten Jüdinnen und Juden im Land zu und nehmen ihrerseits das gesamte Gemälde ab, anstatt nur Teile zu verhängen? Wollen sie jetzt wirklich abwarten, ob das andere verfügen, und dann ‚Zensur‘ schreien? Man kann es auch immer noch schlimmer machen.

Den Schaden tragen jetzt schon all jene Künstler, die um der Kunst und des Austausches willen nach Deutschland reisten und unbedingt Sehenswertes schufen. Für sie lohnt sich immer noch ein Besuch.“

3912: Claudia Roth: Reist zur Documenta nach Kassel !

Montag, Juni 20th, 2022

In einem Interview mit Catrin Lorch (SZ 20.6.22) spricht Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) über die 15. Documenta:

„Ich habe am Wochenende viele Menschen erlebt, die berührt, die begeistert waren. Und kann nur hoffen, dass das Publikum die große Chance erkennt, die ihm die Documenta fifteen bietet: nämlich viele, auch entlegene Sichtweisen des globalen Südens nachzuvollziehen. Dafür braucht es aber den Mut und die Neugier, sich zu öffnen. Was man in Kassel erlebt, muss nicht jedem gefallen, vieles kann irritieren, manches auch zur Verärgerung führen. Aber gerade der

Auftritt des Bundespräsidenten

war doch eine Aufforderung an die Öffentlichkeit, dort hinzureisen, sich selbst ein Bild zu machen, die Kunst sprechen zu lassen.“

3908: Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung in Frankfurt

Freitag, Juni 17th, 2022

Pandemiededingt findet die Marcel Reich-Ranicki-Ausstellung erst jetzt statt. Geplant war sie für 2020 (100. Geburtstag). Ausgerichtet wird sie von der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt (in Zusammenarbeit mit dem Exilarchiv). Gewidmet ist sie Reich-Ranickis vielen Rollen in der deutschen Literatur. Er war von den Deutschen als Jude mit dem Tode bedroht, polnischer Agent und Konsul in London. Aber Marcel Reich-Ranicki war natürlich viel mehr: agnostischer Jude, Ruhestörer, Polemiker und Provokateur, Kritiker, Literaturchef und Medienstar. Das hatte er dem deutschen Fernsehen zu verdanken, wo er von 1988 bis 2001 „Das literarische Quartett“ präsentierte. Das haben wir ja heute noch, aber vielleicht nicht mehr mit der Relevanz wie bei Reich-Ranicki. Unter den Gegnern Reich-Ranickis habe ich viele Antisemiten gekannt.

Marcel Reich-Ranicki, der kurz nach dem Abitur 1938 in Berlin, nach Polen deportiert worden war, musste dort im Warschauer Ghetto überleben. Mit seiner Frau gelang ihm 1943 die Flucht. Seither lebten die Reich-Ranickis ständig mit dem Tod bedroht im Untergrund. Marcel übersetzt für den Judenrat. 1945 kamen sie nach Berlin. 1948 nach London. Dort arbeitete Reich-Ranicki auch für den kommunistischen Geheimdienst. Erst 1957 gelangten die Reich-Ranickis in die Bundesrepublik. Hier erfolgte die große Karriere als Literaturkritiker und Fernsehmoderator. Reich-Ranicki hatte sich die Popularisierung der Literaturkritik auf die Fahnen geschrieben, die auch ein Stück Trivialisierung mit sich brachte. Er verschaffte der Literatur ein höheren Stellenwert. Und war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland nach 1945 (Rudolf Walther, taz 7.6.22).

3905: Der Rundfunkbeitrag bringt 3,8 Prozent mehr.

Donnerstag, Juni 16th, 2022

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied im Juli 2021, dass die Erhöhung des Rundfunkbeitrags trotz des Widerstands aus Sachsen-Anhalt umgesetzt werden musste. Seither zahlen wir alle 18,36 Euro im Monat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ergibt 8,42 Milliarden, 3,8 Prozent mehr.

8,26 Milliarden Euro flossen an ARD, ZDF und Deutschlandradio, 159 Millionen erhielten die Landesmedienanstalten.

Das ZDF erhielt 2,1 Milliarden. Danach folgen absteigend und ihrer Größe entsprechend die ARD-Sender WDR, SWR und NDR. Die neun ARD-Anstalten kommen insgesamt auf 6 Milliarden Euro. Das Deutschlandradio kriegt 240 Millionen Euro (Aurelie von Blazekovic, SZ 15.&16.6.22).

3895: Claus Peymann 85

Dienstag, Juni 7th, 2022

Der große Regisseur und Theaterintendant Claus Peymann wird 85 Jahre alt. Nach einem Studium der Germanistik, Literatur- und Theaterwissenschaften in Hamburg setzte er wie kein anderer Akzente durch seine Arbeit am Theater am Turm, Frankfurt, als Schauspieldirektor in Stuttgart (1974-1979) und als Intendant am Bochumer Schauspielhaus (1979-1986). In Bochum kündigte er 44 Schauspielern und Mitarbeitern. Peymann war spezialisiert auf Uraufführungen von Thomas Bernhard, Peter Handke, Peter Turrini und Elfriede Jellinek. Als Direktor des Burgtheaters in Wien (1986-1999) focht er harte Kämpfe mit der Wiener Presse aus. Auch den Sozialdemokraten zugerechnete Schauspieler wie Fritz Muliar und Erika Pluhar argumentioerten öffentlich gegen Peymann und lehnten es ab, unter seiner Regie aufzutreten. Peymann führte Thomas Bernhards „Heldenplatz“ auf. Als Intendant des Berliner Ensembles (1999-2017) kam er durch einen Praktikumsplatz für den Terroristen Christian Klar in Bedrängnis. Rolf Hochhuth forderte die Absetzung Peymanns und strengte weitere Prozesse gegen ihn an. Jan Fleischhauer interviewte Peymann 2010 für den Dokumentarfilm „Unter Linken – der Film“. Dieser bezeichnete den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und den Kulturstaatssekretär Tim Renner (Linke) als eine kulturpolitische Katastrophe für Berlin. 2017 gab er seinen vielumjubelten Abschied.

3862: Documenta weiter unter Antisemitismus-Verdacht ?

Freitag, Mai 13th, 2022

1. Das in Jakarta/Indonesien ansässige Künstler-Kollektiv „Ruangrupa“, das die im nächsten Monat beginnende Documenta in Kassel verantwortet, hat sich mit einem Essay direkt an die Kunstöffentlichkeit gewandt: „Antisemitismus-Vorwürfe gegen Documenta: Wie ein Gerücht zum Skandal wurde“.

2. Einige der geladenen Künstler stehen im Verdacht, der Initiative „Boykott, Divestment an Sanctions“ (BDS) nahezustehen, die zum kulturellen Boykott Israels aufruft, manche meinen sogar, das Existenzrecht Israels bestreitet. Der Deutsche Bundestag hat 2019 mit großer Mehrheit BDS als antisemitisch und damit nicht förderungswürdig eingestuft.

3. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in einem Brandbrief an die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), unterstrichen, dass seiner Meinung nach das Documenta-Programm eine antisemitische Schlagseite hat.

4. Ruangrupa: „Wir treten diesen Anschuldigungen entschieden entgegen und kritisieren den versuch, Künstler:innen zu delegitimieren und sie auf Basis ihrer Herkunft und ihrer vermuteten politischen Einstellungen präventiv zu zensieren.“

5. Es sei „in Deutschland schwierig, beide Perspektiven – diejenige, die von Antisemitismus betroffen ist, und diejenige, die von antimuslimischem und antipalästinensischem Rassismus betroffen ist – in ein gemeinsames Gespräch zu bringen.“ (Catrin Lorch, SZ 12.5.22)

Kurzkommentar W.S.: Der größte Stein des Anstoßes dürfte die Ablehnung der Zwei-Staaten-Theorie durch Israel sein.

3857: Christian Schultz-Gerstein, der „lodernde Verreißer“

Dienstag, Mai 10th, 2022

Willi Winkler rezensiert in der SZ (10.5.22) den von Klaus Bittrermann herausgegebenen Band von Kritiken Christian Schultz-Gersteins:

Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen. Berlin (Tiamat) 2021, 448 S., 26 Euro.

Christian Schultz-Gerstein ist bei uns als derjenige bekannt, der Marcel Reich-Ranicki als „furchtbaren Kunstrichter“ bezeichnet hatte. Seit 1970 arbeitete er bei der „Zeit“, weil „ich nicht mehr wusste, wie es mit mir weitergehen sollte“. Er identifizierte sich mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper. Keine guten Voraussetzungen für ein befriedigendes Leben. In seinem Kritiker-Urteil erscheint uns Schultz-Gerstein heute noch als klarsichtiger Analytiker. Das arbeitet Willi Winkler heraus.

Verblüffend, dass Schultz-Gerstein schon vor 40 Jahren das „Herrenreitertum“ eines Botho Strauß erkannt hat. Rainald Goetz betrachtete er als „rasenden Mitläufer“. Das Verschwinden von Karin Struck bedauerte er zutiefst. Peter Sloterdijk apostrophierte er schon 1983 als „philosophierenden Busengreifer“. Ein zentraler Punkt für Schultz-Gerstein war es immer, dass Reich-Ranicki am Lob Wolfgang Koeppens festhielt, obwohl dieser gar nichts mehr schrieb. Schriftsteller wie Gerhard Zwerenz nahm unser Kritiker gar nicht erst ernst. Er hat mit Peter Handke Fußball geschaut und von Jean Améry gelernt, was es heißt, im Konzentrationslager gefoltert worden zu sein.

Schließlich landete er beim „Spiegel“ und war mit Rudolf Augstein befreundet. Aber auch mit dem verkrachte er sich: „Du und deine Karaseks können einfach nicht ertragen, dass es auf Gottes Erdboden möglicherweise noch klügere, noch findigere, noch gerissenere Menschen gibt als Spiegel-Redakteure.“ Christian Schultz-Gerstein starb 1987 mit 41 Jahren. „Es heißt, er habe sich zu Tode getrunken, Liebeskummer soll auch dabei gewesen sein. Märchen aus uralten Zeiten, aber leider auch noch wahr.“

3845: Novalis 250

Dienstag, Mai 3rd, 2022

Am 2. Mai 1772 wurde Friedrich von Hardenberg geboren, der sich seit seiner ersten literarischen Veröffentlichung Novalis („der Neuland Rodende“) nannte. Sein „Heinrich von Ofterdingen“ ist das protagonistische Werk der Frühromantik. Weiter erschienen Sammelwerke wie „Blütenstaub“ und „Glauben und Liebe“. Hardenberg arbeitete als Bergassessor. Die Todessehnsucht wurde ein es seiner geläufigsten Motive. Vor allem seit dem Tod seiner Verlobten Sophie von Kühn. Friedrich von Hardenberg starb schon mit 28 Jahren. Novalis‘ Werk wurde von Friedrich und August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck wissenschaftlich stark bearbeitet. Friedrich Schlegel schrieb 1792 an seinen Bruder: „Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand gegeben, aus dem Alles werden kann.“ Novalis‘ Denken war bestimmt von seiner Erkenntnis: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ Heinrichs Traum von der notorischen blauen Blume ist nicht bloß als schwärmerische Kulisse zu verstehen, sondern als Botschaft eines Naturbilds, das durch geologische Messungen und Analysen auf eine nahezu unendliche Dauer zurückweist. Romantische Sehnsucht hat hier ihren historisch datierbaren Kern (Andreas Bernard, SZ 30.4./1.5.22).