Archive for the ‘Kunst’ Category

3592: Elke Heidenreich hat sich’s mit einigen Feministinnen verdorben.

Freitag, Oktober 15th, 2021

Sarah Lee-Heinrich, 20, ist kürzlich zur Sprecherin der Grünen Jugend gewählt worden. Ihr Vater war ein Schwarzer. Im Alter von 14 Jahren, also als Kind, hat Heinrich im Netz einige törichte Bemerkungen gemacht. Die sind heute nicht mehr von Belang (insbesondere nicht bei jenen, die – wie ich – das Wahlalter nicht auf 12 senken wollen), führen aber dazu, dass sie Morddrohungen bekommt. Das ist ganz und gar falsch.

Elke Heidenreich, 79, ist Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Sie hat im Fernsehen häufig kundig über Literatur gesprochen, auch den westdeutschen Biedersinn verspottet. Sie kennt sich sogar im Sport aus. Bei Markus Lanz hat sie nun Sarah-Lee Heinrich bescheinigt, sie „könne gar nicht sprechen“. „Sie hat gar keine Sprache.“ Danach hat Heidenreich eine Wutrede auf die Gesellschaft gehalten, in der sie fragte, warum sie eine Schwarze nicht fragen dürfe, woher sie komme, man sehe doch, dass sie nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal stamme.

Das hat als Feministin vom Dienst Constanze von Bullion auf den Plan gerufen (SZ 15.10.21). Sie schilt Elke Heidenreich. Und sie teilt uns mit, „dass Deutschsein, Sprache und Zugehörigkeit, auch akademische Satisfaktionsfähigkeit, nicht durch Haut- und Haarfarbe erkennbar sind“. Aha.

Elke Heidenreich habe sich des „Otherings“ schuldig gemacht.

Ich verstehe Elke Heidenreich sehr gut.

3584: Lyonel Feininger – ein Meister seiner Kunst

Donnerstag, Oktober 7th, 2021

Lyonel Feininger wurde 1871 in New York geboren, wo er 1956 auch starb. Zeit seines Lebens blieb er US-amerikanischer Staatsbürger, was es ihm 1937 erlaubte, Deutschland relativ unproblematisch zu verlassen, als seine Kunst schon als „entartet“ galt. Feininger hatte den Ruf, ein deutscher Künstler zu sein. Nach seiner Rückkehr in die USA musste er um öffentliche Aufmerksdamkeit kämpfen, weil er dort nahezu unbekannt war. Das schildert sehr gut nachvollziehbar Andreas Platthaus, der Literaturchef der FAZ, in

Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens. Berlin (Rowohlt) 2021, 448 S., 28 Euro.

Feiningers Musiker-Eltern waren nach Deutschland gegangen. Hier wurde ihr Sohn als Maler groß im Bauhaus. Ihm gehörte er von der Gründung 1919 bis 1933 an. Bis 1925 leitete er die Bauhaus-Druckwerkstätten. Ab 1925 lehrte er nicht mehr, blieb aber auf Wunsch von Walter Gropius als „Meister“ dem Bauhaus erhalten. Objekte seiner Kunst waren thüringische Städte und Dörfer, häufig kleine Dorfkirchen. Seine Bilder sind suggestiv durch ihre nahezu magische Aura und kristalline Aufspaltung. Sie sind Bestandteil vieler bedeutender Museen. „So umweht diese fein konstruierten Bildwerke gerade in ihrer Klarheit und farblichen Ausgewogenheit ein unauflösbares Geheimnis.“

Feiniger stand mit vielen Künstlern und bedeutenden Zeitgenossen in ausführlichen Briefwechseln, was es uns heute erlaubt, ihn besser zu verstehen. Im Ersten Weltkrieg ließ er sich zu deutschnationalen Parolen hinreißen. 1933 verließ er Deutschland nicht sofort, sondern musste erst von seiner jüdischen Frau Julia dazu gebracht werden. Gegen antisemitische Pöbeleien wehrte er sich erst spät. Die Nazis lehnten ihn ab. Allerdings hat sich Feininger nach seiner Flucht nicht dazu verstanden, sich für seine erste jüdische Frau, die Pianistin Clara Fürst, und ihre beiden gemeinsamen Töchter einzusetzen. Clara Fürst wurde in Auschwitz umgebracht (Harald Eggebrecht, SZ 23.9.21).

3581: Peter Raue kämpft für die Kunstfreiheit.

Dienstag, Oktober 5th, 2021

Der Rechtsanwalt, Kunst- und Theaterkenner Peter Raue, 80, kämpft für die Kunstfreiheit. In einem Interview mit Peter Laudenbach (SZ 2./3.10.21) nennt er auch die Fälle Christoph Schlingensief, Klaus Dörr, Shermin Langhoff und Armin Petras. Ich wähle hier ein Beispiel Raues und seine Gesamtbeurteilung aus:

„Ein leitender Redakteur eines Senders geht mit einer Mitarbeiterin essen. Er macht ihr keine Avancen, nichts. Danach unterstellt ihm die Frau, er habe am Ende des Abends traurig geschaut, weil sie ihn nicht eingeladen habe, mit zu ihr zu kommen – von diesem traurigen Blick fühle sie sich nun unter Druck gesetzt. Ein realer Fall. Solche Fälle nehmen zu.“

„Die Kunstfreiheit wird von zwei Seiten angegriffen. Der Angriff von rechts, wenn die AfD Subventionskürzungen für unliebsame Theater fordert, wenn Menschen drohen, Gewalt auszuüben, ist mir grausig. Bei

Alexander Gauland,

der die Massenmorde der Nazis als ‚Vogelschiss der Geschichte‘ verharmlost, stellt sich gar die

Frage der Zurechnungsfähigkeit.

Die Aktivisten der politischen Korrektheit dagegen haben oft redliche Ziele – ihre Methoden aber sind beängstigend. Deshalb fordere ich zur Verteidigung der Kunstfreiheit eine lebendige Streitkultur. Gegen rechtsradikale Idioten hilft keine Streitkultur, da zählen nur noch Staatsanwaltschaft und Zivilgesellschaft.“

3580: Oliver Masucci hat die CDU gewählt.

Montag, Oktober 4th, 2021

Oliver Masucci, 52, ist der neue Superstar des deutschen Kinos. Der Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs in Bonn auf. Er war sechs Jahre Mitglied des Burgtheaters. 2018 drehte er mit Florian Henckel von Donnersmark „Werk ohne Autor“. 2019 „Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl“ (nach Judith Kerr). 2020 war er als Rainer Werner Fassbinder in „Enfant terrible“ zu sehen, 2021 in der „Schachnovelle“ (nach Stefan Zweig). Tanja Rest hat Oliver Masucci für die SZ (2./3.10.21) interviewt.

Masucci: … Am Burgtheater hat man vor allem Angst, den Status zu verlieren. Hat der Mensch immer. Er fliegt auf einem Klumpen Dreck um die explodierende Sonne in ein schwarzes Loch und will Stabilität. Stabile Renten zum Beispiel versprechen sie uns bei jeder Wahl. Wie können die das denn versprechen, wer weiß schon, was in 40 Jahren ist, was für ein Unsinn ist das denn?

SZ: Haben Sie gewählt?

Masucci: Diesmal die CDU. Musste ich, meine Freundin hat den Wahlkampf gemacht.

SZ: Tanit Koch, früher „Bild“-Chefredakteurin, zuletzt im Team von Armin Laschet.

Masucci: Übrigens ist das ein guter Mann, ich hab ihn kennengelernt. Demokrat, hört zu, das ist okay. Hart, was die ertragen mussten, was da alles geschrieben wurde. Er hat das wie ein Rocky durchgestanden, ich hab Respekt vor ihm.

3579: Scarlett Johansson verdient.

Sonntag, Oktober 3rd, 2021

Der US-Filmstar Scarlett Johansson, 36, hatte den Filmkonzern Disney verklagt. Dieser hatte den Action Film „Black Widow“ mit Johannson in der Hauptrolle parallel zum Filmstart zugleich in seinem Online-Streamingdienst Disney + herausgebracht. Johansson ist vertragsgemäß an den Kinoeinnahmen beteiligt und befürchtete nun deren Schmälerung. Jetzt haben sich beide Seiten außergerichtlich geeinigt. Die Vereinbarung hat ein Volumen von 40 Millionen Dollar. Da verdient Frau Johansson ordentlich (theu., FAS 3.10.21).

3552: Jean-Paul Belmondo ist tot.

Dienstag, September 7th, 2021

Im Alter von 88 Jahren ist in Paris der Kino-Weltstar Jean-Paul Belmondo gestorben. Mit ihm hatte in Jean-Luc Godards Film „Außer Atem“ („A Bout de Souffle“) 1959 die „Nouvelle Vague“ begonnen. Und mit seiner Filmpartnerin, der US-Amerikanerin Jean Seberg, die im Leben so unglücklich war. Ich erinnere mich noch, wie ich 1961 diesen Film in der politischen Jugendarbeit gesehen habe und (tief im Unbewussten) begriff, dass hier etwas Neues erschien.

Fritz Göttler und Tobias Kniebe (SZ 7.9.21) schreiben: „Er ist ein Autodieb. Er betrachtet Frauen und sagt Sachen wie ‚hübsches Fahrgestell‘ oder ’nicht meine Blutgruppe‘ (in der deutschen Synchronisation, W.S.). Anschließend klaut er ihnen das Geld. Er erschießt einen Polizisten.“ Diese „Mischung aus Arschlochgehabe und einer darunterliegenden, meist versteckten Sensibilität, die Belmondo auszeichnet, passt perfekt zum rebellischen Gestus in den frühen Filmen Godards“. Zu Seberg sagt Belmondo im Film: „Ich liebe ein Mädchen, das einen wunderschönen Nacken hat, einen wunderschönen Mund, wunderschöne Stimme, wunderschöne Hände, wunderschöne Stirn, wunderschöne Fesseln, aber schade – sie ist feige.“ Jean-Paul Belmondo verkörperte in den ersten „Nouvelle Vague“-Filmen diesen spielerischen Nihilismus. Heute ist der wohl gar nicht mehr politisch korrekt.

Belmondo spielte mit und neben Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Claudia Cardinale, Sophia Loren, Ursula Andress. Dabei hatte ihm ein Schauspiellehrer gesagt, mit dem Gesicht würde er auf der Bühne und im Film nie die Mädchen küssen. Belmondo arbeitet neben Jean-Luc Godard mit den berühmtesten Regisseuren zusammen wie Jean-Pierre Melville, Claude Sautet, Francois Truffaut. In diesem intellektuellen Milieu spielte er als ehemaliger Amateurboxer die Stunts selbst. Die Franzosen nannten ihn zärtlich „Bébel“. 2001 erlitt er einen Schlaganfall, kämpfte sich 2009 aber noch einmal auf die Leinwand zurück. Göttler und Kniebe schreiben: „Und so kann man sich vorstellen, dass diese herrliche Klettertour nun weiter in die Unendlichkeit führt, wo nach jedem Balkon immer noch ein weiterer kommt, ewig jung und unermüdlich, in die Unsterblichkeit.“

3549: „Gottbegnadete“ in der Bundesrepublik

Samstag, September 4th, 2021

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin gibt es zur Liste der „Gottbegnadeten. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ eine Ausstellung (bis 5.12.21). Die „Gottbegnadeten“ wurden im Kriegsjahr 1944 von Hitler und Goebbels benannt, damit sie vom Arbeits- und Kriegsdienst freigestellt werden konnten und so dem „Heldentod“ entgingen. Auf dieser Liste wurden 114 Bildhauer und Maler erfasst. Darunter

Werner Peiner, Hermann Gradl, Hermann Kaspar, Paul Mathias Padua, Wilhelm Gerstel, Paul Plontke und Georg Kolbe.

An der Spitze stand Arno Breker, der seit 1938 an der Berliner Kunsthochschule lehrte und mit zahlreichen Werken während des Dritten Reiches präsent war. So z.B. in der „Großen Deutschen Kunstausstellung (GDK) im „Haus der Deutschen Kunst“ in München. Er modellierte 1939 einen Kopf von Richard Wagner, der auf der GDK 1941 zu sehen war. Er gab dem Kunstgeschmack der NS-Elite symbolische Form. 1955 wurde der Wagner-Kopf neben der Villa Wahnfried in Bayreuth aufgestellt. In den siebziger Jahren bekam Breker weitere Porträtaufträge für Bayreuth. Für Winifred Wagner, die Freundin Adolf Hitlers, für Cosima Wagner, deren Porträt 1979 im Festspielpark aufgestellt wurde.

Die Nazi-Künstler durchliefen 1947/48 wie vorgeschrieben eine „Entnazifizierung“, fanden aber beim vermögenden Bürgertum und in Industriekreisen bald ein Käuferpublikum. Sie werden in der Ausstellung zu ihrem Selbstverständnis 1970 befragt. Zwei Gemälde von Paul Mathias Padua in einer Frankfurter Kunstausstellung 1974 waren der Anlass zu einer Befragung des Künstlers durch Marianne Koch, die gerade 90 geworden ist, in der Bremer Talkshow „3 nach 9“. Dieser Maler lebte u.a. von Porträtaufträgen von Franz Josef Strauß und den Komponisten Boris Blacher und Werner Egk.

Der Begriff „Künstler des Nationalsozialismus“ ist etwas unscharf. Er unterscheidet nicht zwischen den politisch im Sinne des Nationalsozialismus Arbeitenden und denjenigen, die nach 1933 ihre künstlerische Berufspraxis „nur“ fortführten. Wilhelm Gerstel hatte mit seinen Schülern Fritz Cremer, Gustav Seitz und Waldemar Grzimek solche, die sich mit ihren Werken als Bildhauer in die antifaschistische Linke hineinbewegten. Einen wirklichen „Neuanfang“ hat es nach 1945 in Deutschland nicht gegeben. Das hat die kürzlich eröffnete Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ ebenfalls im Deutsche Historischen Museum gezeigt (Wolfgang Ruppert, taz 31.8.21).

 

3548: Mikis Theodorakis ist tot.

Freitag, September 3rd, 2021

Im Alter von 96 Jahren ist in Athen der weltberühmte griechische Komponist und Liedermacher Mikis Theodorakis gestorben. In Griechenland war er ein Volksheld. Er hat auch Oratorien und Opern komponiert, bekannt wurde er aber durch den Sirtaki für „Alexis Sorbas“ (Anthony Quinn) in dem gleichnamigen Film. Dafür hatte er die Bouzouki zum Leitinstrument erhoben. „Ich bin in einem ungeheuren Musikmeer aufgewachsen. Darin waren auch Lieder, die meine Mutter sang, Lieder aus Kleinasien, Lieder meines Volkes.“ Im Bürgerkrieg nach 1945 schloss er, der mit dem Kommunismus sympathisierte, sich den Linken an. Dafür musste er auf einer KZ-Insel büßen. Während der Obristen-Diktatur 1967-1974 floh er nach Frankreich, wo er schon studiert hatte. Theodorakis war der Botschafter eines freien Griechenlands. Unterstützt wurde er von der Sängerin Maria Farantouri und der Schauspielerin Melina Mercouri. Theodorakis hat auch Klassiker des altgriechischen Theaters vertont: Sophokles „Elektra“, Euripides „Medea“, die „Lysistrata“.

„Bis zu seinem Tod  an diesem Donnerstag lebte Theodorakis zurückgezogen in dem Haus mit dem Blick auf den Parthenon, das er erwarb, als die Wohnungen dort noch bezahlbar waren. Das letzte Konzert mit Mikis Theodorakis in Athen fand am 24. Juni 2019 im alten Olympiastadion, dem Kallimarmaro, statt. Theodorakis saß ganz vorne, und dazwischen stand er auf und dirigierte, so wie er es immer gemacht hatte, mit weil ausgebreiteten, hoch erhobenen Armen, als wollte er auch die Gestirne einfangen.“ (Reinhard Brembeck, Christiane Schlötzer, SZ 3.9.21)

3539: Georg Stefan Troller wird 100.

Freitag, August 27th, 2021

Einer der Großen im deutschen Journalismus, der am 10. Dezember 1921 in Wien geborene Georg Stefan Troller, wird bald 100 Jahre alt. Wer sich je einmal auf seine Präsentationen eingelassen hatte, stand fortan in seinem Bann, auch dem seiner Stimme. Er bestimmte das „Pariser Journal“ beim WDR und „Personenbeschreibung“ beim ZDF in den sechziger und siebziger Jahren. Im Vorlauf zu seinem Geburtstag wurde Troller von seinem Freund, dem Schriftsteller Peter Stefan Jungk, der in Paris lebt, in seinem Landhaus in der Normandie interviewt (Literarische Welt, 14.8.21).

Jungk: Ich weiß, du bist kein Freund der Psychoanalyse. Was sagt dir deine Selbstanalyse?

Troller: Ich habe mein Leben lang versucht, ein neuer Mensch zu werden – Transformation, Wandlung – das war mein Um und Auf. Ich wollte nicht der kleine, verhasste typische Jude sein, den man auf der Straße anspucken konnte. Dazu gehört, dass ich nie mit jüdischen Frauen geschlafen habe, die ich als meine Schwestern empfand, oder als mich selbst.

Jungk: Dein Vater hatte etwas Despotisches an sich, scheint mir.

Troller: Man durfte vor ihm nie von Sexualität sprechen. Als er mich einmal mit einem Buch von Sigmund Freud erwischte, es war „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, hat er mir das Buch aus der Hand gerissen: „Wir befassen uns nicht mit diesem Schmutzzeug.“ Dabei ging es doch bloß um jüdische Witze.

Jungk: Deine Stimme macht ja 50 Prozent der Wirkung aus!

Troller: Das wollte ich nie wahrhaben. Aber es war wirklich so, dass meine Texte, mein Kommentare, meine Interview-Fragen ihr eigenes Gewicht einbrachten. Ich hatte seinerzeit in der Schule bei „Faust“-Lesungen im Klassenzimmer das Gretchen zu lesen, weil meine Stimme so mädchenhaft klang. Und dann kam ich nach Amerika, arbeitete als erstes in einem Konfektionsladen, und da gab es viele schwarze Frauen. Eine von ihnen sagte zu mir: „Oh Mister – Ihre Stimme ist so schön! Sie sollten zum Radio gehen!“ Das war das erste Mal, dass ich so etwas zu hören bekam.

Jungk: Aber du hast diese Gefühle nie mit deiner jüdischen Herkunft verbunden?

Troller: Das Judentum hat mich immer etwas fremd gelassen. Das heißt nicht, dass ich mich zu einer anderen Religion bekehrt hätte, aber zu einer Art Pantheismus. Alles ist göttlich. Auch die menschliche Seele. Ich glaube allerdings nicht an Seelenwanderung, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben unsere Chance gehabt in dieser Welt. Das Göttliche mitgespürt zu haben, ist es schon wert, gelebt zu haben. Es war schön, wenn Mutter einem nachrief, als man mit den Männern zur Synagoge ging: „Bet‘ dir alles Gute aus!“ Das ist doch ergreifend.

3538: Erich Kästners „Fabian“ im Film

Donnerstag, August 26th, 2021

Erich Kästner (1899-1974) hat nicht nur „Emil und die Detektive“ (1929) geschrieben und „Das doppelte Lottchen“ (1949), sondern auch „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) (in der geschärften Version: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“). Hier gibt er mehr von sich selber preis. Eine große Portion Realitätssinn und Bitterkeit ist typisch für Erich Kästner. Er stand für die „innere Emigration“ und musste sich etwa von Walter Benjamin für seine „linke Melancholie“ tadeln lassen, wobei wir nicht genau wissen, welcher Melancholie sich Benjamin selbst verpflichtet sah, als Kommunist wahrscheinlich der sowjetischen, die konnten wir dann bis 1991 noch genießen. Und tatsächlich hat Erich Kästner (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) den „Münchhausen“ (1942) mit Hans Albers geschrieben, einen Film der Nazi-Propaganda. Alles nicht so einfach.

Erich Kästner hat nicht gewollt, dass sein „Fabian“ verfilmt wurde, so hat es Regina Ziegler geschildert, die so erfolgreiche Filmproduzentin, deren Mann Wolf Gremm (geb. 1942) 1980 den ersten „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) herausbrachte. 2021 ist Dominik Grafs (geb. 1952) „Fabian“ erschienen, ein ganz anderer Film und doch auch Kästners Geist verpflichtet. Dieser war politisch relativ illusionslos. Sein Roman hatte keinen Plot und schilderte doch das Scheitern eines aufgeklärten männlichen Zeitgenossen vom Ende der zwanziger Jahre. Ungebunden, sexuell sehr aktiv und politisch illusionslos. Er ist bei Kästner, Gremm und Graf kein Held (Elmar Krekeler, Die Welt 7.8.21).

Erich Kästner hat gesagt, dass jeder Tag für den, der ihn erlebt, das Sitzen in einem verkehrten Zug in die falsche Richtung bedeutet. Und weil es so viele Möglichkeiten gebe, und sich nur eine als Tatsache zeige, verwirkliche sich das Unwahrscheinliche. Kein hoffnungsfroher Optimismus. Aber falsch? Dominik Grafs Film ruft viel Gegenwärtiges auf. „Mein Gefühl war, es sollte ein Film sein, in dem man das Pflaster von Charlottenburg spürt, den Staub auf den Steinen, die Hitze und den Zigarettenrauch in den Kneipen.“ Nach Katja Nicodemus (Die Zeit, 5.8.21) spielt Tom Schilling den Fabian so, als sei er ein Blitzableiter, der nicht merke, dass er selbst getroffen sei. Das ist Erich Kästners gnadenloser Blick. Unabhängig von allen Ideologien und Beschönigungen der Welt. Neben Tom Schilling werden einige großartige Schauspieler wie Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Joachim Nimtz und Jeanette Hain ihren Rollen vollkommen gerecht. Der Film charakterisiert Berlin ähnlich wie „Babylon Berlin“ (Volker Kutscher) oder „Weltpuff Berlin“ (Rudolf Borchardt). Und der Regisseur sagt schließlich: „Die Stadt Berlin enthält im Film alle Zeiten, auch die Katastrophe, die geschehen wird und noch nicht geschehen ist.“ Das ist spannend.