Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4159: Der Brexit macht die Briten arm.

Mittwoch, Januar 11th, 2023

Der Brexit (1. Januar 2021) macht die Briten arm. Von den G 20 schneidet kein Land schlechter ab als Großbritannien, von dem schwer sanktionierten Russland abgesehen. Das Pfund hat gegenüber Dollar und Euro ca. 20 Prozent verloren. Importe werden teurer. Das wiederum heizt die Inflation an. Sie betrug zuletzt 10,7 Prozent. Das United Kingdom muss sparen. Dabei wären massive Investitionen erforderlich. In die Infrastruktur und insbesondere in das Gesundheitssystem. Die Londoner Polizei musste ihren neuen Panzerwagen bei Audi kaufen, weil es in Großbritannien keine leistungsfähige einschlägige Firma gibt.

Das internationale Desinteresse an der britischen Wirtschaft ist groß. Neue Handelsabkommen gibt es nur mit Australien und Neuseland. Das bringt nicht viel. Dafür hat Großbritannien einen Haufen von Zollunterlagen. Deswegen gründen britische Firmen Tochterunternehmen in der EU. Die dort Steuern zahlen. Wirtschaftlich ist der Brexit eine Katastrophe. Das Schweizer Modell geht nicht, weil es mit sich bringen würde, dass britische Vorschriften ständig an die EU angepasst werden müssten. Das wollen die Briten ja gerade nicht. Am stärksten gelitten hat die City of London. Nach Schätzungen wird der britische Finanzsektor um 30 Prozent schrumpfen. Großbritannien ist eine ziemlich kleine Insel, die fast keine Industrie mehr hat (Ulrike Herrmann, taz 4.1.23).

4150: Karl Schlögel verurteilt die Herablassung der Pazifisten.

Donnerstag, Januar 5th, 2023

Karl Schlögel, geb. 1948, ist ein hoch angesehener Osteuropa-Forscher. In einem Interview mit Moritz Baumstieger (SZ 4.1.23) nimmt er sich bei Russlands Vernichtungskrieg in der Ukraine  die Russlandversteher und Pazifisten vor.

„Aber es ist umgekehrt, wer die Vorgänge nicht an sich heranlässt, sich nicht in die Situation hineinversetzt, hat große Schwierigkeiten, sie zu analysieren und zu verstehen. Das sage ich auch etwa mit Blick auf den

Text von Jürgen Habermas in Ihrer Zeitung,

der schon fast in herablassendem Ton über Leute sprach, die die Sache mitnimmt. Ich meine aber: Betroffenheit, Empathie, Empörung – das kann auch die Erkenntnis fördern, nicht nur von der Sache wegführen.“

„Man kann europäische Geschichte nicht schreiben ohne die osteuropäische Erfahrung. 1989 dachten wir, jetzt lösen sich alle Konflikte. Was gab es nicht alles an Projekten, Ausstellungen, Reisen, Städtepartnerschaften – die Köpfe waren voll mit Ideen. Dass das nun alles für lange Zeit zerstört ist, ist sehr schlimm. Für die Ukraine, für Russland, auch für uns.“

„Der Putinismus bedient sich aus einem eigenständigen historischen Fundus. Wohlbekannte Praktiken werden reaktiviert: Schauprozesse, erzwungene Selbstkritik, gezielte Tötungen, Entfesslung von Denunziation gegen ‚Volksfeinde‘ und ‚ausländische Agenten‘, Folter und das Lagersystem. Selbst die Mobilisierung lief nach alten Mustern. Massendeportationen, Umsiedlung, was die Nazis einmal ‚Umvolkung‘ genannt haben.“

„Man hat in Deutschland zu Recht eine Scheu, diesen Terminus zu benutzen, denn der Genozid, das ist hier die Schoah, das Ultimative. Aber man muss die Dinge beim Namen nennen. Es geht um Großverbrechen, um juristische Tatbestände, die geahndet werden können. Und müssen.“

 

4147: Kommunen wollen Tempo 30.

Montag, Januar 2nd, 2023

Die von den Kommunen Augsburg, Ulm und Freiburg in Gang gesetzte Initiative „Lebenswerte Städte“, die sich für Tempo 30 in Städten einsetzt, findet zunehmend Unterstützung. Mittlerweile haben sich mehr als 350 Städte, Gemeinden und Landkreise ihr angeschlossen. Die Kommunen wollen selbst entscheiden, welche Geschwindigkeiten bei ihnen erlaubt sind. Sie beklagen, dass sie bisher keine Unterstützung vom Bunesverkehrsministerium erhalten (W.S.: Na ja, bei den Ministern. Jetzt haben wir einen von der FDP.). Dies soll sich durch mehr öffentlichen Druck ändern (SZ 2.1.23).

 

4146: Ingrid Hägele: „Viele Frauen wollen keine Führung“.

Sonntag, Januar 1st, 2023

Ingrid Hägele, 32, ist Assistenzprofessorin für Ökonomie an der LMU München. Promoviert wurde sie in Berkeley. Kürzlich hat sie den Max-Weber-Preis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewonnen. Sie forscht über Karriereplanung von Frauen und Männern und hat bereits hochrelevante Daten und Erkenntnisse geliefert. Ihre Forschung ist stark empirisch ausgerichtet und nutzt die Erkenntnisse von Praktikern. So kann sie zeigen, dass Frauenquoten höchst effektiv sind für diejenigen Frauen, die es direkt betrifft. „Wir wollen, dass mehr Frauen überhaupt nach oben kommen.“ Bei der ersten Beförderung bewerben sich allerdings weit weniger Frauen als Männer. Auch Frauen, die keine Kinder haben. Sie wechseln eher lateral, also auf gleicher Ebene. Aber viele wollen keine Führungsposition.

Männer sind risikofreudiger. Sie nennen die Zahl ihrer Mitarbeiter, ihren Titel oder ihren Verdienst. Frauen sind sehr interessiert am Wohlergehen ihrer Mitarbeiter. Das geht am besten in kleinen Teams. Wer keine Führungsposition einnimmt, braucht weniger unangenehme Dinge zu kommunizieren. Das gilt gerade in Zeiten des Fachlräftemangels. Ingrid Hägele betont, dass Frauen nicht so zu sein brauchen wie Männer, sie können auch ihren eigenen Weg gehen. „Das empfinde ich als Empowering. Man gewinnt dadurch neuen Freiraum. (Interview mit Martina Scherf. SZ 22.12.22).

4139: „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ – umbenennen ?

Dienstag, Dezember 27th, 2022

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) schlägt vor, die „Stiftung Preußischer Kulturbeseitz“ umzubenennen. „Neben der umfassenden Strukturreform, die den einzelnen Institutionen jetzt mehr Autonomie und Handlungsfähigkeit verschafft, brauchen wir in einem zweiten Schritt auch einen attraktiven, zukunftsgewandten Namen.“ Vorschläge sind bisher keine gemacht. „Preußen ist ein wichtiges, aber nicht unser einziges Erbe, diese einseitige Priorisierung ist falsch. Deutschland ist viel mehr.“ Auch der Stiftungspräsident, Hermann Parzinger, ist für einen neuen Namen. „Das Ziel der Reform muss sein, dass wir unser riesiges Potential besser nutzen.“

Preußen war nach der Auffassung vieler der Grund, weshalb Deutschland zweimal einen Weltkrieg begonnen hatte. Es herrschten dort angeblich Militarismus, Staatsvergottung, Gehorsamkeitsfixierung und Intoleranz. 1871 wurde die liberalere, katholisch geprägte Kultur Süddeutschlands und Österreichs einfach beiseitegeschoben. An Freußen wird selbst heute noch manchmal geschätzt: effektive Verwaltung, unbestechlicher Beamtenapparat, Bildungsfreundlichkeit und Toleranz gegenüber Juden. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist gegen eine Umbenennung. Er wirft den Grünen vor, „mit moralischem Furor Geschichtsreinigung zu betreiben“ (SZ 27.12.22).

4138: Carlo Marsala: „Panzer und Flugzeuge sind die einzige Lösung.“

Dienstag, Dezember 27th, 2022

Carlo Marsala ist Professor für Internationale Politik an der Bundeswehruniversität in München. Er gilt als seriöser Militärexperte. In einem Interview mit Cathrin Kahlweit (SZ 27.12.22) macht er folgende Bemerkungen:

„Russland will der Ukraine die Handlungs- und Überlebensfähigkeit nehmen. Es soll der Eindruck erzeugt werden, dass der Wiederaufbau der Ukraine ein Milliardengrab für westliche Geldgeber sein wird. Moskau setzt darauf, dass so der Druck wachsen wird, den Krieg zu stoppen.“

„Panzer und Flugzeuge sind die einzige Lösung. Denn jeder Frieden zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine wird auf der Basis des Krieges geschehen, weshalb es von essentialistischer Bedeutung für die ukrainischen Streitkräfte ist, so viel Territorium von den Russen zurückzuerobern wie möglich.“

„Ich halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass die Ukraine versuchen wird, die Krim konventionell zurückzuerobern. Dafür müssten sie zu viele Truppen im Süden zusammenziehen. Kiew wird eher versuchen, die Logistik der russischen Armee so zu schwächen, dass die Front kollabiert.“

4135: Juwelen aus Grünem Gewölbe sind zurück.

Montag, Dezember 19th, 2022

Die vor drei Jahren bei einem Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden gestohlenen Kunstwerke sind überwiegend zurück. Sie wurden unter Polizeibewachung von Berlin nach Dresden gebracht. 31 Teile. Auch mehrere vollständige Stücke. In Dresden werden sie kriminaltechnisch untersucht. Fachleute überprüfen die Stücke auf Echtheit und Vollständigkeit. Möglich war die Rückführung wohl nur nach Sondierungsgesprächen mit den Anwälten der Diebe. Vermutlich ein arabischer Clan. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) formulierte: „Sachsen sagt: Danke!“ Dem können wir uns nur anschließen (SZ 19.12.22).

4134: EnBW: Kernenergie ist keine Option mehr.

Sonntag, Dezember 18th, 2022

Der Energiekonzern EnBW schließt einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken definitiv aus. Für Laufzeitverlängerungen sei es zu spät. Dafür brauche man neue Brennelemente mit einer Lieferzeit von vier Monaten. Außerdem fehle es an qualifiziertem Fachpersonal. „Es gibt diese Industrie in Deutschland einfach nicht mehr, die haben wir über zehn Jahre zurückgenbaut.“ „Ein Atomkraftwerk ist keine Märklin-Eisenbahn, die man an- und ausschaltet und die dann immer funktioniert. Die Kernenergie ist für Deutschland einfach keine Option mehr.“ (SZ 15.12.22)

4130: Zentralrat verlangt Abberufung Walter Homolkas.

Donnerstag, Dezember 15th, 2022

Der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt nach einem Rechtsgutachten den Rücktritt des Rabbiners Walter Homolka, des Gründers und Direktors des Abraham-Geiger-Kollegs. Die Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der Diskriminierung hätten sich als berechtigt herausgestellt. Homolka bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe und will rechtlich dagegen vorgehen. Nach dem Gutachten ist der Anfangsverdacht der Nötigung und Vorteilsnahme gegeben. Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist ein Verbleib Homolkas in seinen Ämtern „nicht mehr denkbar“ (SZ 8.12.22).

4125: Rainer Maria Rilkes Nachlass im Literaturarchiv Marbach

Montag, Dezember 5th, 2022

Es handelt sich um einen der größten Nachlässe der deutschen Literatur, den von Rainer Maria Rilke (1875-1926). Er ist an das Literaturarchiv in Marbach am Neckar verkauft worden. Preis unbekannt. Rilkes Wirkung steht auf einer Höhe mit Franz Kafkas oder Thomas Manns. Er ist ein Schulbuch- und Kalenderdichter. Viele, die ihn nicht kennen, empfinden ihn als Schnorrer und lächerlich, sie kennen ihn ja auch nicht.

Viele seiner Sprüche sind weithin bekannt:

„Der Sommer war sehr groß.“,

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“,

„Du mußt dein Leben ändern.“,

„Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“.

Rilkes Roman „Malte Laurids Brigge“ war der erste deutsche Bewusstseinsroman. Rilkes Nachlass ist offenbar gut erhalten und sehr umfangreich. Seine Texte können nun erstmals systematisch entstehungsgeschichtlich herausgebracht werden. Rilke war ein Reisender, ein Wanderer und Netzwerker. Er verfolgte viele ästhetischen, religiösen und philosophischen Interessen. Der Nachlass enhält knapp 9.000 Briefe, eine Fundgrube. Rilke war Lebensreformer. Unaufgearbeitet ist das Thema „Rilke und die Frauen“. Bis zu Rilkes Urenkelinnen sind sie seine treuesten Überlieferinnen. Erwähnt seien hier nur Clara Westhoff und Lou Andreas-Salomé (Lothar Müller, SZ 2.12.22; Gustav Seibt, SZ 2.12.22).