Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4265: Die BBC ist nicht unabhängig.

Mittwoch, März 22nd, 2023

Der Sportmoderator und ehemalige Fußballspieler Gary Lineker wurde von der BBC zuerst entlassen, weil er die Migrationspolitik der britischen Regierung kritisiert hatte, und dann wieder eingestellt. Caspar Shaller (taz 16.3.23) hat den britischen Mediensozologen Tom Mills, der ein Buch über die BBC publiziert hat, über die BBC interviewt.

taz: Sie haben eine Studie über die Twitter-Nutzung von BBC-Journalisten verfasst. Was waren die Ergebnisse?

Mills: Unsere Studie zeigte 2019 einen klaren Fokus auf Mitte-rechts. BBC-Journalisten interagierten viel stärker mit konservativen Politikern als mit solchen von Labour. Am meisten folgten sie prominenten Stimmen aus der politischen Mitte, den Liberal Democrats und dem rechten Flügel von Labour, der sich als Partei abspaltete. Das galt insbesondere für die Kritiker des damaligen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Sogar als der linke Flügel von Labour die Opposition anführte und somit mehr politische Relevanz hatte, fand der der kaum Beachtung. Diese Wertung findet sich auch in der Berichterstattung wieder.

taz: Warum ist Kritik an der Regierung eine rote Linie?

Mills: Die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der BBC sind ein Mythos. Die Regierung setzt die Führung ein und bestimmt den Haushalt. So kann es keine Unabhängigkeit geben. Das zeigt ein anderer Skandal: Der Vorsitzende der BBC, Richard Sharpe, soll dem ehemaligen Premier Boris Johnson zu einem hohen sechsstelligen Kredit verholfen haben und dann mit dem Spitzenposten bei der BBC belohnt worden sein. Der langjährige Banker ist Großspender der Tories und gehört zum innersten Kreis von Premierminister Sunak. Und der soll nun der konservativen Regierun g auf die Finger schauen. Das kann nicht funktionieren.

taz: Wie könnte eine linke Kritik in Abgrenzung zu der von rechter Seite gelingen?

Mills: Ich versuche eine soziologische und sozialistische Kritik der BBC und ihrer Beziehung zu den Machtzentren in der Gesellschaft zu entwickeln. Wir sollten uns zuerst klarmachen, wie unsere Institutionen und unsere Gesellschaft aussehen, bevor wir sie verändern können. Man muss klar sagen, was wert ist, gerettet zu werden. Die BBC macht vieles besser als die privaten Medien. Die Presse in diesem Land ist absolut erbärmlich und hat null professionelle Standards. Wir wissen seit der Untersuchung des Telefonabhörskandals von der „Sun“, dass diese Unternehmen auch vor Kriminalität nicht zurückschrecken. Im Vergleich zu diesen Institutionen, die ganz explizit Maschinen oligarchischer Macht sind, ist die BBC natürlich besser. Aber unsere Aufgabe als Linke ist es, eine Vision anzubieten, die über Staatsgläubigkeit hinausgeht.

4264: Ostrenten erstmals auf Westniveau.

Dienstag, März 21st, 2023

Das Bundesarbeitsministerium hat bekanntgegeben, dass die Renten zum 1. Juli 2023 im Westen um 4,39 Prozent und im Osten um 5,86 Prozent steigen. Damit gilt in West und Ost erstmals der gleich hohe Rentenwert. Der Anstieg bedeutet für viele der 21 Millionen Rentner jedoch wegen der hohen Inflation einen Kaufkraftverlust (SZ 21.3.23).

Trotzdem ist damit ein weiterer Schritt in Richtung auf die voranschreitende Vereinigung Deutschlands getan. Sehr gut!

4263: Die Grünen sind in der Krise.

Montag, März 20th, 2023

Die Grünen sind in der Krise, obwohl sie kaum Fehler machen. Sie haben Wahlniederlagen in Berlin, Mainz und Frankfurt erlitten. Dabei verfolgen sie den Klimaschutz und die Erhaltung der Arten konsequent und schlüssig. Einmal hat sich inzwischen eine starke anti-grüne Front gebildet, die behauptet, es ginge auch ohne Verbrenner-Verbot, ohne die Abschaffung der Öl- und Gasheizungen, ohne Windparks und Stromtrassen und ohne weniger Fleisch.

Die deutsche Gesellschaft ist verbal für Klimaschutz, aber nicht real. Sie ist verlogen.

Der Wettbewerb um den besten Wege nach Paris (Klimaabkommen), Montreal (Artenschutzabkommen) und New York (Hochseeabkommen) findet nicht statt. Aber es gibt einen objektiven Faktor beim Klimaschutz, der nicht zu leugnen ist, die Zeit. „Später heißt heißer, und heißer bedeutet höhere Kosten und in wenigen Jahren dann ein noch höheres Tempo bei der Klimawende sowie grundrechtswidrig eingeschränkte Freiheiten für die Jüngeren.“

Die grünen Realos machen Abstriche. Und die linken Grünen wollen mehr Radikalität (z.B. Enteignung von Wohnungsbesitzern, Möblierung der Friedrichstraße).

„Wenn aber die einen sich für die Radikalität schämen, die aus den ökologischen Notwendigkeiten erwächst, und die anderen sich noch Radikalitäten anderer Art leisten, die viele Menschen überfordern, dann werden die Grünen ihren Traum, die Bundesregioerung mal von vorne zu führen, verfehlen. Was unter den gegebnene Bedingungens schlecht ist für das Klima.“ (Bernd Ulrich, Die Zeit 9.3.23)

4261: Gertrud Kolmar – eine weithin unbekannte deutsche Dichterin.

Sonntag, März 19th, 2023

Die Germanistin Friederike Heimann hat über Gertrud Kolmar (geb. 1894) promoviert. Nun legt sie einen Essay über die zu Unrecht fast vergessene deutsche Dichterin vor, die 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde:

In der Feuerkette der Epoche. Über Gertrud Kolmar. Frankfurt (Jüdischer Verlag/Suhrkamp) 2023, 462 S. 28 Euro.

Für Gertrud Kolmar hatte sich vorher schon die in Hamburg lebende Lyrikerin Ulla Hahn eingesetzt. Dort war Gertrud Kolmar für kurze Zeit Erzieherin in der Familie des Kaufmanns Carl Alexander gewesen. Eigentlich hieß sie Gertrud Käthe Chodziesners. Sie war die Cousine Walter Benjamins. In Hamburg hatte sie sich emanzipiert. Sie vertrat dezidiert feministische Positionen. In Gedichten und Erzählungen hat Gertrud Kolmar komplexe Zwiegespräche mit der Gesellschaft gehalten. Von ihr wäre noch viel zu erwarten gewesen. Sie hat seinerzeit schon „koloniale und patriarchalische Sichtweisen und Bewertungsmuster“ dekonstruiert. Dabei blitzte häufig ihr böser Witz auf. Daran hatten die Nazis natürlich kein Interesse (Benno Schirrmeister, taz 13.3.23).

4258: Marodes Schienennetz der Deutschen Bahn

Freitag, März 17th, 2023

Der neue Chef der Netz AG der Deutschen Bahn, Philipp Nagl, hat in einem Bericht an den Aufsichtsrat mitgeteilt, dass der technische Zustand der Deutschen Bahn marode ist. 26 Prozent der Weichen sind in mangelhaftem Zustand, 11 Prozent der Brücken, 22 Prozent der Oberleitungen, 23 Prozent der Gleise, 42 Prozent der Bahnübergänge, 48 Prozent der Stellwerke. In besonders schlechtem Zustand ist das Zehntel des Netzes, auf dem besonders viele Züge fahren. Eine schnelle und umfassende Generalsanierung sei nötig (SZ 17.3.23).

Den Zustand haben wir Hartmut Mehdorn und anderen zu verdanken.

4252: Die Linke und die CSU bekämpfen Wahlrechtsreform.

Dienstag, März 14th, 2023

Der Wahlrechtsreform-Vorschlag der Ampel mit der Verkleinerung des Bundestages von 736 auf 630 wird von der Linken und der CSU abgelehnt. Sie kommen dadurch in Not. Die Linke hatte 2021 nicht einmal 5 Prozent, sondern nur drei Grundmandate, deswegen jetzt 29 Abgeordnete. Die CSU landete mit 5,2 Prozent nur knapp über der 5-Prozent-Klausel. In Bayern hat sie aber 45 der 46 Direktmandate gewonnen. Die Ängste der Linken und der CSU sind also nicht unbegründet. Problematisch am Kompromissvorschlag der Ampel ist allerdings, dass es dabei vorkommen kann, dass Wahlkreissieger nicht in den Bundestag gelangen. „Das Grundgesetz kennt keine Angeordneten erster oder zweiter Klasse.“ Ursprünglich wollte die Koalition eine Verkleinerung des Bundestags auf 598 Angeordnete. Die jetzt vorgesehene Größe verringert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wahlkreisgewinner nicht in den Bundestag einzieht (Boris Herrmann, Robert Roßmann, Kassian Stroh, SZ 14.3.23).

4248: Deutscher Presserat: Beschwerden sind deutlich zurückgegangen.

Sonntag, März 12th, 2023

2022 ist die Zahl der Beschwerden beim Deutschen Presserat deutlich zurückgegangen. Um mehr als 800 von 2556 im Jahr 2021 auf 1733 im Jahr 2022. Damit hat sich die Zahl gegenüber 2020 halbiert. Die Zahl der Rügen ging 2021 von 60 auf 47 zurück. Kirsten von Hutten erklärte für den Presserat: „Erstens haben sich Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien bei der Berichterstattung über den Krieg größtenteils an den Pressecodex gehalten. Zweitens hat die Leserschaft offenbar ein hohes Vertrauen in die presseethisch gebundenen Medien, gerade wenn es um die Beachtung von Sorgfaltspflicht und Wahrhaftigkeit geht.“ 14 Rügen wurden wegen Schleichwerbung erteilt und 14 wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts. 80 Prozent der 2022 ausgesprochenen Rügen seien von den gerügten Verlagen und Online-Medien veröffentlicht worden (Harald Hordych, SZ 8.3.23).

4246: Meron Mendel differenziert.

Samstag, März 11th, 2023

Der Israeli Meron Mendel lebt seit 22 Jahren in Deutschland und leitet die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Bei der diesjährigen Documenta war er so etwas wie ein Mediator im Antisemitismusstreit. Schnell aber erkannte er, dass die beiden Seiten unversöhnlich agierten und die Documenta-Leitung versagt hatte. Nun hat er ein außergewöhnlich gutes Buch geschrieben:

Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2023, 224 S., 22 Euro.

„Um kein Thema kämpft die deutsche Linke so erbittert wie um das Verhältnis zu Israel, kein Thema hat mehr Bedeutung für die Definition der ‚Wir-Identität‘.“

„Zu Hause im Kibbuz hielten wir uns für links, tolerant und weltoffen.“

„Die Lebensrealität war aber weniger bunt: Hier lebten nur Juden – und so ist es bis heute. Arabern begegneten wir nur, wenn wir in die Zelte der benachbarten Beduinen eingeladen waren.“

Als junger Mann setzte sich Meron Mendel für den Boykott von Produkten der israelischen Siedler ein. Ohne großen Erfolg. Die Israelis wollen Sicherheit. Als Mendel in Deutschland eine Reise nach Israel zu einer arabischen Schule organisieren wollte, verhinderten das deutsche Linke. „Mit beeindruckendem Selbstbewusstsein belehrten sie mich, dass jedes Projekt in Israel eine Unterstützung der ‚Apartheid‘ von jüdischen und arabischen Israelis bedeute.“ Den irritierten Freunden auf der arabischen Seite konnte er das nicht erklären. Mendel führt noch viele solcher Beispiele an. Dass das Gedenken an den Holocaust den Blick auf andere Genozide „blockiere“, ist natürlich falsch. Mendel weiß das. „Die leidenschaftlichsten Unterstützer der israelischen und der palästinensischen Sache leben in Deutschland – aber die meisten von ihnen haben nicht die leisetste Ahnung von der Situation vor Ort.“

Mendels Buch dürfte in der riesigen israelischen Community in Berlin nicht gut ankommen. Die macht es sich leicht mit ihrer wohlfeilen Netanjahu-Kritik, so berechtigt sie auch sein mag. „Solange in Deutschland beide Seiten den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern nur als Projektionsfläche nutzen, um ihre eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen, wird keine aufgeklärte Diskussion möglich sein.“ (Ronen Steinke, SZ 9.3.23)

So gut das Buch von Meron Mendel auch ist, eine politische Lösung ist so gut wie aussichtslos.

4245: Ratzinger war’s.

Freitag, März 10th, 2023

Der emeritierte Augsburger Professor für Fundamentaltheologie, Klaus Kienzler, zeigt uns einen Weg auf, wie die katholische Kirche schneller aus dem Sumpf der nicht aufgeklärten Missbrauchsfälle herauskommen könnte (SZ 10.3.23). Denn wenn es so langsam weitergeht wie bisher, dann dauert es noch zwanzig Jahre. Und dann geht möglicherweise kein Mensch mehr in die Kirche.

Kienzler nennt den wahren Grund für die nicht stattfindende Aufklärung. Der polnische Papst Johannes Paul II. hatte nämlich 2001 seinem Glaubenspräfekten, dem späteren Papst Benedikt, den Auftrag erteilt, in einem Geheimschreiben alle Bischöfe der Welt darauf zu verpflichten, einschlägige Erkenntnisse

geheimzuhalten.

Sie mussten nach Rom geschickt werden. Und daran halten sich bis auf den heutigen Tag tatsächlich die meisten. 1987 hatte Ratzinger schon einen „Treueid“ für Bischöfe eingeführt. Das ist der Eid zur Treue auf den Papst, ohne den keiner Bischof werden kann. Der ist der eigentliche Grund, warum die Aufklärung über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche misslingt.

„Die wohl einzige Lösung, den langwierigen Prozess der Aufklärung von Missbräuchen in der Kirche schneller zu beenden als bisher vorgesehen, wäre nach dem Gesagten, wenn die Bischöfe gestehen würden: Ja, es tut uns leid, so gehandelt zu haben, aber wir haben es mit vermeintlicher Treue zu Papst und Kirche getan. Wir können nur darum bitten, dass Papst und Kirche dieses schlimme

systemische Fehlverhalten

einsehen und alle Betroffenen um Verzeihung bitten.“

4241: Die deutsche Sprache ist schön und praktisch.

Dienstag, März 7th, 2023

Die Sprache Johann Wolfgang Goethes, Heinrich Heines, Thomas Manns und Bertolt Brechts sollte nicht für sich werben müssen. Sie spricht für sich selbst. Trotzdem hat sie einen schlechten Ruf. Sie gilt als schwerfällig, barsch und kompliziert. Die Zahl derjenigen, die etwa in Frankreich Deutsch lernen, sinkt. Dem widerspricht gekonnt der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt (SZ 7.3.23). Er hält das Deutsche für unterschätzt:

1. Kennt man im Deutschen ein Wort, dann bald das zugehörige Wortfeld: Kinderarzt, Zahnarzt, Hautarzt, Hausarzt, Tierarzt.

2. Die Wörter sind im Deutschen praktisch unbegrenzt kombinierbar und ableitbar.

3. „Waldeinsamkeit“ gibt uns einen Hinweis auf die Romantik, „Wertstoffhof“ auf die Ökologie.

4. Wegen seiner leichten Kombinierbarkeit ist der deutsche Wortschatz einer der größten.

5. Der deutsche Satzbau ist gelenkig und nuancenreich: „Ich habe sie gestern am Bahnsteig gesehen.“ Das lässt sich durch Betonung leicht nuancieren. Eine Betonung bringt auch mit sich: „Am Bahnsteig habe ich sie gestern gesehen.“

6. Im Gegensatz zu seinem Ruf ist das Deutsche freundlich und einfühlsam.

7. Die deutsche Sprache gibt uns eine große Zahl an freundlichen kleinen Wörtern an die Hand: Aber, auch, bloß, doch, eben, etwa, halt, ja, schon. Das ist beziehungsfördernd.

8. Die neuen Formen des Deutschen, gerade unter jungen Leuten, zeigen lässige Schnelligkeit, gepaart mit Ironie.

9. Durch die Groß- und Kleinschreibung ist das Deutsche eine Sprache für Leserinnen und Leser.

10. Die Zahl der Laute im Deutschen ist im Gegensatz zu anderen Sprachen überschaubar: 36 Phoneme, 30 Grapheme.

11. Die Verwandtschaft von „Hand“ und „Hände“ ist im Schriftbild erkennbar.

12. Die Zeichensetzung ist grammatisch und logisch. Vor den Nebensatz mit finitem Verb steht ein Komma.

13. Die deutsche Sprache hat sich über Jahrhunderte gegen Widerstände der Fürstenhöfe, des Klerus und eines Teils der Wissenschaften entwickelt.

14. Diejenigen, die sich dafür eingesetzt haben, das Deutsche als voll ausgebildete Sprache zu kodifizieren und durchzusetzen, hatten aufklärerische Absichten.

15. Das Deutsche kennt viel Dialekte und Regionalsprachen. Es ist eine hochdifferenzierte Literatursprache und eine präzise Bildungs- und Wissenschaftssprache. Sie ist eine klare Schul- und Unterrichtssprache. Und sie ist sehr gut erforscht.

16. Deutsch wird, betrachtet man auch das Ausland, von 280 Millionen Menschen gesprochen.

17. Die Einwanderer bereichern die deutsche Sprache.

18. Immer häufiger gewinnen Zugewanderte deutsche Literaturpreise: 2022 Sevgi Özdamar den Büchnerpreis.

19. Die Verbreitung des Deutschen außerhalb Deutschlands ist ein Vorzug: Österreich, Deutschschweiz, Südtirol, Ostbelgien, Liechtenstein, Luxemburg.

20. In weiteren ausländischen Regionen ist das Deutsche als Hochsprache gut bekannt.