Im kaiserlichen Österreich waren Wissenschaftsfeindlichkeit und Zensur stark verbreitet. Und es war der christlich-soziale Abgeordnete Hermann Bielohlawek, der in decouvrierenden Klarheit formulierte: „Wissenschaft ist das, was ein Jud‘ vom andern abschreibt.“ Ja, eine gehörige Portion Antisemitismus war stets mit dabei. Deshalb fiel es den Nazis 1938 in Österreich auch so leicht, jüdische Wissenschaftler, und waren sie auch noch so hochangesehen, wenn nicht zu ermorden, dann wenigstens zu verjagen. Und die Corona-Pandemie 2020-2023 stand in Österreich weithin in dem Ruf, ein Produkt der jüdischen Pharmaindustrie zu sein. Der FPÖ-Vorsitzende empfahl statt einer Impfung Entwurmungsmittel für Pferde. Hier will die ÖVP nun aufholen. Ihr Innenminister Gerhard Karner sagte: „Die Empirie, die Wissenschaft ist das eine, die Fakten sind das andere.“ Solche dummen Sprüche schaden Österreich nachhaltig (Karl-Markus Gauß, SZ 14.4.23).
Archive for the ‘Wissenschaft’ Category
4289: Österreich: Vorurteile gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis
Freitag, April 14th, 20234288: Benjamin Ferencz ist gestorben.
Donnerstag, April 13th, 2023Geboren wurde Benjamin Ferencz 1920 in Siebenbürgen (heute Rumänien) als Sohn jüdischer Eltern. An der Harvard Law School studierte er Jura und arbeitete dann dem US-Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, Telford Taylor, zu. Die Leichenberge in Dachau, Mauthausen und Buchenwald hatte er selbst gesehen. Seinen großen Auftritt bekam Ferencz bei „Einsatzgruppen-Prozess“, der die Polizeieinheiten in den Blick nahm, die massenhaft am Judenmord mitwirkten. Ferencz hat den völkerrechtlich neuen Begriff des „Genozids“ mit entwickelt. Lebenslänglich setzte er sich für Frieden und Gerechtigkeit ein. Wladimir Putins Angriffskrieg auf die Ukraine sah er als Angriff auf sein Lebenswerk an. Sein zweites großes Projekt war die „Wiedergutmachung“ nach 1945. Ferencz wollte die „Nürnberger Prinzipien“ aber auch auf den Vietnamkrieg angewendet wissen. Er hatte erlebt, wie aus eigentlich anständigen Menschen Massenmörder wurden. Ferenczs dritte Großtat war die Mitbegründung des Internationalen Strafgerichtshofs in den Haag 2009. Lebenslänglich war er ein Vorkämpfer für Menschenrechte und das Völkerrecht. Nun ist Benjamin Ferencz in Florida gestorben (Robert Probst, SZ 11.4.23).
4286: Genforschung lohnt sich.
Mittwoch, April 12th, 2023Kathryn Page Harden, 40, ist eine der bekanntesten Genforscherinnen weltweit. Dass sie ihre Wissenschaft nicht unterschätzt, liegt auf der Hand. Auch wenn viele Sozialwissenschaftler das nicht wahrhaben wollen. Frau Harden hat starke Argumente:
- „Wer sozialen Fortschritt will, muss das Genom erforschen.“
- Gute Gene erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Begabung sich in die richtige Richtung entwickelt.
- Rund 20 Prozent der Unterschiede in der schulischen Leistung sind auf Gene zurückzuführen. Ebenfalls rund 20 auf das Einkommen der Eltern
- Soft Skills sind weniger vererbbar.
- Die Gene bestimmen das körperliche Erscheinungsbild.
- Wohlhabende und hochgebiuldete Eltern sind gut darin, ihren Kindern den Weg zu ebnen.
- Heute studieren in den USA viel mehr Frauen als 1980. Da sich die Gene inzwischen aber nicht stark verändert haben, ist das auf gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen.
- Frauen und Männer haben ähnliche genetische Voraussetzungen.
- Moralisch unerlaubt ist Forschung, die dazu dient, Rassenunterschiede als Begründung heranzuziehen.
- Es gibt Gene, die den Schulerfolg wahrscheinlicher machen, aber zugleich das Risiko erhöhen, an Schizophrenie zu erkranken. Sie sind also gut und schlecht zugleich (Bastian Brinkmann, SZ 8./9./10.4.23)
4281: Politbarometer 2. April 2023
Samstag, April 1st, 2023(In Klammern: Veränderungen zu Mitte März 2023 in Prozentpunkten):
CDU/CSU 30 (+ 1), SPD 19 (- 2), Grüne 17 (- 2), AfD 15 (+ 1), FDP 7 (+ 2), Linke 5 (+-0).
(SZ 1./2.4.23)
4280: Jobst Plog: Länder wissen nicht, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll.
Freitag, März 31st, 2023Jobst Plog war von 1991 bis 2008 Intendant des NDR. Darüberhinaus war er auch ARD-Vorsitzender und Arte-Präsident. Von Claudia Tieschky wird er zum „Klimabericht“ des NDR befragt (SZ, 31.3.23).
SZ: Was dachten Sie, als Sie den an diesem Mittwoch veröffentlichten „Klimabericht“ lasen, der dem NDR und seiner Führung ein verheerendes Zeugnis ausstellt?
Plog: Das hat mich wirklich erschrocken. Ich fand schon den Weg dahin etwas besonders – denn zu erkunden, wie die Stimmung, wie das Klima im eigenen Haus ist, das ist doch alltägliche Aufgabe von Führung. Ich erinnere mich nicht, dass ich dafür eines Gutachtens bedurft hätte. Und das zweite Erschreeckende ist der Inhalt dieses Gutachtens, der eklatante Führungsmängel aufzeigt und dem bislang auch keineswegs widersprochen worden ist.
SZ: Haben Sie von den Zuständen im NDR aus der Entfernung etwas mitbekommen?
Plog: Dass es in Teilbereichen rumorte, weil etwas rau geführt wurde, das habe ich schon gehört. Mich haben die Einzelfälle, die dann aufkamen, nicht wirklich überrascht, obwohl ich weit weg sitze. Aber dass es ein so generelles Problem gibt, dass Führungsvorgaben fehlen, Strategien fehlen, die Bereitschaft, Dinge durchzusetzen im Dialog von oben nach unten, das ist eine alarmierende Bestandsaufnahme.
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SZ: Hat die aktuelle Geschäftsführung um Intendant Joachim Knuth überhaupt eine Chance, sich glaubhaft zur Spitze eines Neuanfangs zu erklären?
Plog: Exakt das ist die Frage. Führungskräfte sagen ja immer, dass sie Führungskräfte sind, weil sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Aber das muss sich dann auch mal in Realität umsetzen. Und ich weiß nicht, wie das hier geschehen soll, wenn dieselben Leute, denen gestern noch eklatante Mängel bescheinigt wurden, morgen anfangen sollen, an der Beseitigung dieser Mängel zu arbeiten. Das ist zwar menschlich sympathisch, aber nicht sehr überzeugend im Ansatz.
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SZ: Sie haben in Ihrer Amtszeit sehr dafür gekämpft, dass der politische Einfluss aus den Sendern verschwindet. Ist die Politik im Moment mächtiger oder ohnmächtiger als damals?
Plog: Die Macht der Parteien, die in den Anstalten saßen, ist sehr stark zurückgedrängt. Was problematischer ist: Dass die Länder nicht offen einräumen, dass sie keinen Konsens darüber haben, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll. Wenn sie jetzt sehen, dass wieder eine Gebührendebatte beginnt, bei der mehrere Akteure vorab sagen: Was immer die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs vorschlägt, die Gebühr wird nicht erhöht – dann sehen Sie den manhelnden Respekt vot der verfassungsrechtlichen Schutzsphäre für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Länder wären gut beraten, das einmal auszutragen, bevor man den Ball immer zu den Rundfunkanstalten spielt.
4273: Union klagt gegen Wahlrecht.
Mittwoch, März 29th, 2023Per Normenkontrollverfahren will die Unionsfraktion im Bundestag vom Bundesverfassungsgericht klären lassen, dass das neue Wahlrecht der Ampelkoalition verfassungswidrig ist. Zugleich stellen CDU und CSU einen Antrag auf einstweilige Anordnung gegen das Inkrafttreten der Wahlrechtsreform. Der Bundestag soll von 736 auf 630 Abgeordnete dauerhaft reduziert werden. Durch Abschaffung der Überhang- und Ausgleichsmandate und der Grundmandatsklausel, nach der Parteien, die zwar die 5-Prozent-Hürde nicht geschafft haben, aber 3 Direktmandate gewonnen, doch als Fraktion im Bundestag vertreten sind. Wie jetzt die Linke. Besonders prekär ist die Wahlrechtsänderung in Bayern, wo die CSU bei der letzten Wahl 46 der 47 Direktmandate gewonnen hatte (RRO, SZ 29.3.23).
4272: Mehr Straftaten nach Corona
Montag, März 27th, 2023Erstmals seit mehreren Jahrzehnten, in denen die Kriminalität in Deutschland stets leicht gesunken war, ist laut „Welt am Sonntag“ nach Corona die Kriminalität gestiegen. 2022 um 11,5 Prozent. Das zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik, deren Zahlen das Innenministerium am Donnerstag bekanntgeben will. Bundesweit wurden rund 5,6 Millionen Straftaen begangen. Eine Steigerung seit 2019 um 3,5 Prozent. Die Aufklärungsquote liegt bei 57,3 Prozent. Auffällig mit 35,5 Prozent ist der Anstieg der Kriminalität von Kindern. Nicht zuletzt durch Delikte im Internet (SZ 27.3.23).
4271: Gewalt in DDR-Heimen
Sonntag, März 26th, 2023Einer Studie der Universität Leipzig zufolge haben viele Mädchen und Jungen in DDR-Kinderheimen körperliche und seelische Vernachlässigung erfahren. 70 Prozent von ihnen wurden körperlich misshandelt. Etwa die Hälfte der Befragten wurde Opfer sexueller Gewalt. Für die Studie wurden 273 ehemalige Heimbewohner zwischen 36 und 84 Jahren befragt (SZ 21.3.23).
4270: Tom Segev: Kriege kommen immer von schwachen Regierungen.
Sonntag, März 26th, 2023Im Interview mit Alexandra Föderl-Schmid (SZ 21.3.23) sagt der israelische Historiker Tom Segev:
„Es gibt eine sehr, sehr große Gefahr, dass Krieg kommt. Die großen Kriege kamen immer von schwachen Regierungen. 1967 war die Regierung nach Ben Gurion verspottet, dann kam der Sechs-Tage-Krieg. 1973 war auch die Regierung schwach, es standen Wahlen bevor und Golda Meir hätte fast ihren Sitz verloren. Ein Teil der Besatzung von 1967 hätte vermieden werden können. Nach der Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe wäre es nicht mehr notwendig gewesen, noch das ganze Westjordanland zu erobern.“
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4266: Petr Pavel: „Entscheidend für die Entwicklung des Krieges ist dieses Jahr.“
Donnerstag, März 23rd, 2023Der neue tschechische Präsident Petr Pavel, ein weltoffener und moderner Politiker, von dem noch viel zu erwarten ist, kennt sich mit dem Vernichtungskrieg Russlands in der Ukraine als ehemaliger Nato-General aus. „Wir müssen die Kriegsmüdigkeit in Rechnung stellen und was sie für die Unterstützung durch die westlichen Staaten bedeutet. Diese wird mit der Zeit nachlassen.“ Pavel war früher Chef des Nato-Militärausschusses. Er verweist auf die US-Präsidentschaftswahlen 2024 und die dort ztu erwartende Fokussierung auf die Innenpolitik. Erlahme die Unterstützung der USA für die Ukraine, so erlahme auch die Unterstützung mancher europäischer Staaten.
„Entscheidend für die Entwicklung des Krieges ist dieses Jahr.“
Gegenwärtig funktioniere die westliche Unterstützung der Ukraine. Die komme damit für Verhandlungen in eine bessere Ausgangsposition. Petr Pavel lobte die deutsche Entscheidung, Leoparden 2 an die Ukraine zu liefern (DBR, VGR, SZ 23.3.23).