Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4542: Armin Nassehi: Der Antisemitismus ist von hier.

Montag, Oktober 23rd, 2023

Der Soziologe Armin Nassehi belegt, dass der Antisemitismus nicht nur aus der muslimischen Welt kommt, sondern ein ur-europäisches Phänomen ist. Alles andere sei „dummes Gerede“. Die deutsche Linke bezeichnet die Kritik am islamischen Antisemitismus häufig als „Rassismus“. Ein alter Trick. Nassehi zitiert aus Richard Wagners

„Das Judentum in der Musik“.

Die Linke verachtet Israel dafür, dass es für etwas steht, das sie selbst verachtet: eine marktwirtschaftliche Ordnung, pluralistische Offenheit, für eine liberale westliche Toleranz, für die Koalition mit Amerika. Nur vor diesem Hintergrund kann man Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah oder PLO als linke Befreiungsbewegungen sehen. Israel ist immerhin zu Selbstkritik und Selbstkorrektur prinzipiell in der Lage. Das vermögen autokratische Anrainer nicht. Das ist der derzeitige geostrategische Weltkonflikt.

Übrigens kämpft Wladimir Putin gegen das Jüdische in der Ukraine in Gestalt seines Präsidenten Wolodimir Selenskij (Zeit 12.10.23).

4540: Wim Wenders „Anselm. Das Rauschen der Zeit“

Sonntag, Oktober 22nd, 2023

In seinem neuen Dokumentarfilm

„Anselm. Das Rauschen der Zeit“ (93 Minuten)

porträtiert Wim Wenders den „Großkünstler“ Anselm Kiefer hauptsächlich in seinem großen Atelier bei Paris, einem riesigen Themenpark. Besucht werden auch andere Orte der Kieferschen Produktivität. Wenders und Kiefer sind beide Jahrgang 1945 und Freunde. Das ist vermutlich nicht immer gut. Kiefer hat Zeit seines künstlerischen Lebens stets gegen das deutsche Vergessen (des Nationalsozialismus) gekämpft. Mit großen Formaten und ungewöhnlichen Stoffen.Und ohne nachzulassen.

In Deutschland fand er zunächst wenig Anerkennung, um so mehr dafür in den USA, in Großbritannien und Frankreich. Da war das Vergessen nicht so erfolgreich. Kiefer bewegte sich auf den Pfaden der deutschen Romantik. Deren Protagonisten waren der Meinung, dass die Vergangenheit zum Sprechen gebracht werden kann. Das fasziniert Wenders, der eigentlich auch Maler hatte werden wollen. Wenders folgt Kiefer auf dessen Fahrrad durch die riesigen Räume. Er sieht in ihm ein Genie. Einmal steht Anselm Kiefer, wie gemalt von Caspar David Friedrich, auf einem Hügel und schaut ins diesige Tal. Mehr Verbundenheit geht nicht.

Die beiden Freunde hatten das Filmprojekt schon seit langem angebahnt. Wenders zeigt Kiefers Entwicklung als Weg der Erkenntnis und der ästhetischen Reife. Er bedient damit ein romantisches Klischee. Die professionelle Kritik sieht den Film eher kritisch. So schreibt Sophie Jung (taz 11.10.23): „Wim Wenders hat mit diesem Film ein Monument für Anselm Kiefer gedreht, so pathetisch und einseitig ein Monument eben ist. Ein recht verstaubtes Monument übrigens.“ Philipp Bovermann (SZ 11.10.23): „Kiefer hat sich keinen Gefallen getan, sich für dieses eitle Beweihräucherungswerk zur Verfügung zu stellen.“

4539: Margarethe von Trotta „Ingeborg Bachmann. Reise in die Wüste“

Samstag, Oktober 21st, 2023

Margarethe von Trotta hat sich in ihren Filmen über Rosa Luxemburg und Hannah Arendt bereits mit Erfolg wichtigen intellektuellen Frauen gewidmet. Nun geht es um das Scheitern der Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch (1958-1963). Dass deren Liebe scheitern wird, zeigt der Film von Anfang an. Die Hauptdarsteller Vicki Krieps und Ronald Zehrfeld erweisen sich ihren Rollen als gewachsen. Zehrfeld ist aber zu dick. Krieps schön. Sie trägt edle Kleider und mehrreihige Perlenketten. Manchmal fragen wir uns, warum liebt sie diesen Mann eigentlich. Vielleicht war es ja so. Ingeborg Bachmann war nicht nur eine moderne und unnachgiebige Frau, sie war auch verträumt. Und sie wollte mit Max Frisch zusammenleben.

Das ging schon deswegen nicht, weil der mit seiner Schreibmaschine einen Umgang pflegte wie mit einer „Kalaschnikoff“. Die Protagonisten waren Konkurrenten. Sie scheitern auch an den Vorstellungen von den Geschlechterrollen um 1960. Max Frisch kommt in diesem Film schlechter weg als in dem 1.038 Seiten umfassenden Briefwechsel der beiden („Wir haben es nicht gut gemacht“ 2023). Das liegt auch am Medium Film, das nicht so viele Möglichkeiten bietet wie Literatur. Aus dem Briefwechsel wissen wir, dass Max Frisch keineswegs der frauenmordende Chauvi war. Der Komponist Hans Werner Henze und der Wiener Filmemacher Adolf Opel kommen im Film gut weg. Und Ingeborg Bachmann erscheint uns als sinnlich, lebenslustig und unglücklich (Kathleen Hildebrand, SZ 20.10.23).

4533: Richard David Precht weiß nicht genug.

Mittwoch, Oktober 18th, 2023

In seinem ZDF-Podcast mit Markus Lanz, der bereits 110 mal gelaufen ist, hat sich Richard David Precht eine antisemitische Falschbehauptung geleistet. Unberechtigterweise behauptete er, orthodoxe Juden dürften nicht arbeiten, „ein paar Sachen wie Diamantenhandel und Finanzgeschäfte ausgenommen“. (Si tacuisses, philosophus mansisses.) Das ist Antisemitismus. Dagegen gab es Protest, etwa von der israelischen Botschaft. Precht und das ZDF haben sich noch nicht richtig entschuldigt. Später in der Sendung folgte eine antisemitische Falschbehauptung von Markus Lanz: die orthodoxen Juden hätten sich ganztags dem Beten verschrieben. Er meinte wohl, dass sie sich das Studium der Religion als Hauptaufgabe vorgenommen hätten. Am Ende der Sendung verkündete Lanz die Idee, in dem Podcast sollten sich die beiden doch einmal eine Folge über Religion machen. Eine Drohung. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei so einfache Jungs ein schwieriges Thema bearbeiten lässt.

Wie meinte Dieter Nuhr, der von einigen Kritikern schlicht verachtet wird, doch einmal so richtig: Wenn man keine Ahnung habe, könne man doch einfach mal den Mund halten (Susan Vahabzadeh, SZ 17.10.23; Simon Hurtz, SZ 18.10.23).

4529: Die neue Weltordnung

Sonntag, Oktober 15th, 2023

In seinem neuen Buch

Herfried Münkler: Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert. Berlin (Rowohlt) 2023, 528 S., 30 Euro,

erweist sich der emeritierte Politikwissenschaftler wie eh und je als wissenschaftlicher Systematiker und Realist. Illusionen vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) hat er nie nachgehangen. Endgültig recht gegeben hat ihm der Kriegsverbrecher Wladimir Putin am 24. Februar 2022 mit dem Beginn des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine. Es schälen sich fünf Machtzentren aus den Kämpfen der Gegenwart heraus:

USA, EU, China, Russland, Indien.

Dabei genießt Indien etwa angesichts seines Kastensystems, seines Rassismus und seiner sozialen Ungerechtigkeit einen viel zu guten Ruf. Aber es ist eben mittlerweile zum größten Markt herangewachsen. China ist ein Terrorsystem. Und Russland ist durch seine Kriege geschwächt, ökonomisch ohnehin nicht allzu stark. Münkler spricht aber auch deutlich die Fehler und Untaten des Westens an. Vielleicht hätte er noch deutlicher vor Donald Trump warnen müssen. Der bedroht das an sich freiheitliche System der USA. Und die EU muss solche Staaten wie Ungarn, Polen und die Slowakei durchschleppen.

Ohne zu übertreiben schildert Münkler die Fehler der Merkelschen Außenpolitik. Etwa gegenüber Russland. Der „Wohlstandstransfer“ durch die Erweiterung von Nato und EU, der von den betroffenen Staaten selbst gewollt war, hat funktioniert. Nur bei Russland mit seinem rückständigen politischen System nicht. Diese Art von Oligarchensystem verhindert wahren Fortschritt und bringt immer wieder Diktatoren an die Macht. Dienlich ist dem Weltfriedn, dass bei dem Grad der internationalen ökonomischen Verflechtung die meisten Staaten nicht mehr in der lage sind, Krieg zu führen. Was sich zunehmend wieder durchsetzt, sind Ressentiments, Populismus, Nationalismus, ideologischer Furor und kriegerischer Imperialismus. Diktaturen wie China und Russland folgen als Vordenker und Gewährsmann dem Nazi Carl Schmitt, eine immer wiederkehrende Geschichte. Aber sie stimmt (Joachim Käppner, SZ 14./15.10.23).

4527: Weiter Interesse an Stasi-Akten

Samstag, Oktober 14th, 2023

Jährlich werden heute noch 30.000 Anträge auf Einsicht in Stasi-Akten gestellt. Das geht aus einem Bericht des Bundesarchivs hervor, das seit 2021 für die Akten verantwortlich ist. Interesse haben Bürger, Medien und Forschende. 1990 wurden 111 Regalkilometer Stasi-Akten vor der Vernichtung bewahrt. Sie geben unter anderem darüber Auskunft, wer zu DDR-Zeiten bespitzelt wurde und wer Zuträger des Geheimdiensts war. Nach 1990 war das ein Riesenthema. Bisher wurden insgesamt 7,5 Millionen Anträge auf Aktenbeinsicht gestellt. Im Bundesarchiv sollen die Akten dauerhaft gesichert werden (SZ 14./15.10.23).

4526: Ministerin will Abschüsse von Wölfen erleichtern.

Freitag, Oktober 13th, 2023

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will schnellere Abschüsse von Wölfen erleichtern, um Schafe und andere Weidetiere zu schützen. Wenn ein Wolf Schutzvorkehrungen wie einen Zaun überwunden habe, soll ein Abschuss innerhalb von 21 Tagen möglich sein, ohne dass wie bisher eine DNA-Analyse abgewartet werden müsse.

Mir gehen die Abschussmöglichkeiten bei Wölfen nicht weit genug.

4522: Neues Gasleck bei Finnland

Mittwoch, Oktober 11th, 2023

Zwischen Finnland und Estland sind eine Gaspipeline und ein Kabel beschädigt. Der Gastransport wurde unterbrochen. Die finnische Regierung führt das auf Fremdeinwirkung zurück. „Was den Schaden genau verursacht hat, ist noch unbekannt.“ Die Reparatur dürfte mehrere Monate dauern (SZ 11.10.23).

4519: Stasi-Denkmal eröffnet

Dienstag, Oktober 10th, 2023

An der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin ist ein Denkmal für die Opfer der kommunistischen Diktatur eingeweiht worden. Es soll an die politische Justiz in der DDR erinnern. Das teilte das Bürgerkomitee 15. Januar mit. Das Denkmal steht am Roedeliusplatz in Alt-Lichtenberg. Hier wurden zwischen 1945 und 1989 200 Menschen zum Tode und langen Haftstrafen verurteilt. Hier befanden sich auch noch zwei Polizeiinspektionen, das Stadtbetirksgericht und das Gefängnis Magdalenenstraße (SZ 9.10.23).

4516: 300.000 Krippenplätze fehlen.

Samstag, Oktober 7th, 2023

Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen in Deutschland 300.000 Krippenplätze. Obwohl es seit zehn Jahren einen Rechtsanspruch darauf gibt. Die Situation ist nach wie vor prekär. Zwischen Ost und West gibt es große Unterschiede. In Bremen und im Saarland haben Eltern es besonders schwer (SZ 7./8.10.23).