Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

4566: Jüdisches Leben in Deutschland ist gefährdet.

Samstag, November 4th, 2023

Volker Weiß schreibt:

„Angesichts dieser Allianzen sind die Sorgen um jüdisches Leben in Deutschland akut berechtigt. Die immer wieder ausgesprochenen Garantien haben wenig Unterfütterung in der Realwelt. Rechte wollen sich von der historischen Last befreien, an die sie die Gedenkpolitik erinnert. Linke schlagen das Judentum nach alter antisemitischer Art dem Establishment zu. Die liberale Mitte verharrt in ihrem Bedürfnis nach Äquidistanz – und die meisten Bürgerinnen und Bürger wollen am Sonntagnachmittag lieber einen letzten Kaffee in der Herbstsonne trinken, als auf die Demo für die Opfer der Hamas zu gehen.“

(SZ 2.11.23)

4560: Deutsche Gasspeicher sind gefüllt.

Donnerstag, November 2nd, 2023

Deutschland droht in den kommenden Monaten kein Mangel an Brennstoff. „Wir sind viel, viel besser vorbreitet, als vor zwölf Monaten“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. Die Agentur will demnächst neue Szenarien vorlegen. Das Gasspeicher sind zu mehr als 99 Prozent gefüllt (SZ 2.11.23).

4552: Russische Anwälte protestieren gegen Unrechtsstaat.

Freitag, Oktober 27th, 2023

Über 250 russische Anwälte protestieren mit einer Petition gegen den russischen Unrechtsstaat. Dort herrscht eine vollkommen repressive politische Justiz. Das war in Russland noch nie anders. Beim Zaren, bei Lenin, Stalin und deren Nachfolgern. Der Protest richtet sich gegen die Verfolgung von Verteidigern. Wohnungen und Büros mehrerer Verteidiger des Oppositionellen Alexej Nawalny waren kürzlich durchsucht worden. Drei von Nawalnys Anwälten wurden inhaftiert. Dutzende weiterer Verteidiger sitzen im Knast (SZ 27.10.23).

4549: Carlo Masala: Der Westen muss seine Politik ändern.

Mittwoch, Oktober 25th, 2023

In seinem neuen Buch

Carlo Masala: Bedingt abwehrbereit – Deutschlands Schwäche in der Zeitenwende. München (Beck) 2023, 207 S., 18 Euro,

liest der Professor für Internationale Politik an der Hochschule der Bundeswehr in München der Nato und Deutschland die Leviten. Berechtigt. Er bescheinigt den Deutschen ein schizophrenes Verhältnis zur Bundeswehr. Selbst angesichts des russischen Vernichtungskriegs in der Ukraine mache sich schon wieder Bequemlichkeit bereit. Und Masala ist kein Schwafler. Er kennt die Illusionen des Westens. Die Bundeswehr sieht er in einem erbärmlichen Zustand.

Insbesondere nach der Wiedervereinigung hätte sich Deutschland zu viel ausgeruht. Dabei sei Verteidigung ein gesamtstaatliches Konzept. Wir litten heute noch unter den groben Fehlern der Merkelschen Außenpolitik, die uns von Russland abhängig gemacht habe. Der Versuch, in fremden Staaten Demokratie durch das Militär installieren zu lassen, sei lächerlich. Dazu komme noch die wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit von China. Und Russland verfolge seit dem Zaren ein „imperiale Agenda“. Es müsse mehr auf Abschreckung gesetzt werden und auf eingeschränkte Beziehungen zu Russland. Wie im kalten Krieg. Für den Westen reicht es nicht, gutes Geld zu verdienen und nicht aggressiv aufzutreten. So funktioniere die Welt nicht.

W.S.: So düster die Analyse von Carlo Masala ausfällt, sie ist plausibel. Wir müssen es nur wahrhaben wollen.

Vielleicht geht es manchen von Ihnen wie mir. Dass wir erkennen, wie sicher die Struktur des Kalten Krieges war.

4545: Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags: „Mutig, stark, beherzt“

Dienstag, Oktober 24th, 2023

Der nächste Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 30.4. bis 4.5.2025 in Hannover statt. Unter dem Motto „Mutig, stark, beherzt“. Das gab die Kirchentagspräsidentin Anja Siegesmund bekannt. Das Motto ist an eine Stelle im ersten Korintherbrief angelehnt. „Der Kirchentag ist das größte zivilgesellschaftliche Ereignis der Bundesrepublik.“ Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sagte: „Wir sind eine Stadt der religiösen Vielfalt.“ (SZ 24.10.23)

4544: Christiane Benner IG-Metall-Vorsitzende

Dienstag, Oktober 24th, 2023

Die 55-jährige Christiane Benner ist mit 96,8 Prozent der abgegebenen Stimmen für vier Jahre zur IG-Metall-Vorsitzenden gewählt worden. Ein sehr gutes Ergebnis. Damit wird die IG Metall zum ersten Mal von einer Frau geführt. Benners Vorgänger Jörg Hofmann, 67, war nach zwei Amtszeiten aus Altersgründen nicht mehr angetreten (SZ 24.10.23).

4542: Armin Nassehi: Der Antisemitismus ist von hier.

Montag, Oktober 23rd, 2023

Der Soziologe Armin Nassehi belegt, dass der Antisemitismus nicht nur aus der muslimischen Welt kommt, sondern ein ur-europäisches Phänomen ist. Alles andere sei „dummes Gerede“. Die deutsche Linke bezeichnet die Kritik am islamischen Antisemitismus häufig als „Rassismus“. Ein alter Trick. Nassehi zitiert aus Richard Wagners

„Das Judentum in der Musik“.

Die Linke verachtet Israel dafür, dass es für etwas steht, das sie selbst verachtet: eine marktwirtschaftliche Ordnung, pluralistische Offenheit, für eine liberale westliche Toleranz, für die Koalition mit Amerika. Nur vor diesem Hintergrund kann man Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah oder PLO als linke Befreiungsbewegungen sehen. Israel ist immerhin zu Selbstkritik und Selbstkorrektur prinzipiell in der Lage. Das vermögen autokratische Anrainer nicht. Das ist der derzeitige geostrategische Weltkonflikt.

Übrigens kämpft Wladimir Putin gegen das Jüdische in der Ukraine in Gestalt seines Präsidenten Wolodimir Selenskij (Zeit 12.10.23).

4540: Wim Wenders „Anselm. Das Rauschen der Zeit“

Sonntag, Oktober 22nd, 2023

In seinem neuen Dokumentarfilm

„Anselm. Das Rauschen der Zeit“ (93 Minuten)

porträtiert Wim Wenders den „Großkünstler“ Anselm Kiefer hauptsächlich in seinem großen Atelier bei Paris, einem riesigen Themenpark. Besucht werden auch andere Orte der Kieferschen Produktivität. Wenders und Kiefer sind beide Jahrgang 1945 und Freunde. Das ist vermutlich nicht immer gut. Kiefer hat Zeit seines künstlerischen Lebens stets gegen das deutsche Vergessen (des Nationalsozialismus) gekämpft. Mit großen Formaten und ungewöhnlichen Stoffen.Und ohne nachzulassen.

In Deutschland fand er zunächst wenig Anerkennung, um so mehr dafür in den USA, in Großbritannien und Frankreich. Da war das Vergessen nicht so erfolgreich. Kiefer bewegte sich auf den Pfaden der deutschen Romantik. Deren Protagonisten waren der Meinung, dass die Vergangenheit zum Sprechen gebracht werden kann. Das fasziniert Wenders, der eigentlich auch Maler hatte werden wollen. Wenders folgt Kiefer auf dessen Fahrrad durch die riesigen Räume. Er sieht in ihm ein Genie. Einmal steht Anselm Kiefer, wie gemalt von Caspar David Friedrich, auf einem Hügel und schaut ins diesige Tal. Mehr Verbundenheit geht nicht.

Die beiden Freunde hatten das Filmprojekt schon seit langem angebahnt. Wenders zeigt Kiefers Entwicklung als Weg der Erkenntnis und der ästhetischen Reife. Er bedient damit ein romantisches Klischee. Die professionelle Kritik sieht den Film eher kritisch. So schreibt Sophie Jung (taz 11.10.23): „Wim Wenders hat mit diesem Film ein Monument für Anselm Kiefer gedreht, so pathetisch und einseitig ein Monument eben ist. Ein recht verstaubtes Monument übrigens.“ Philipp Bovermann (SZ 11.10.23): „Kiefer hat sich keinen Gefallen getan, sich für dieses eitle Beweihräucherungswerk zur Verfügung zu stellen.“

4539: Margarethe von Trotta „Ingeborg Bachmann. Reise in die Wüste“

Samstag, Oktober 21st, 2023

Margarethe von Trotta hat sich in ihren Filmen über Rosa Luxemburg und Hannah Arendt bereits mit Erfolg wichtigen intellektuellen Frauen gewidmet. Nun geht es um das Scheitern der Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch (1958-1963). Dass deren Liebe scheitern wird, zeigt der Film von Anfang an. Die Hauptdarsteller Vicki Krieps und Ronald Zehrfeld erweisen sich ihren Rollen als gewachsen. Zehrfeld ist aber zu dick. Krieps schön. Sie trägt edle Kleider und mehrreihige Perlenketten. Manchmal fragen wir uns, warum liebt sie diesen Mann eigentlich. Vielleicht war es ja so. Ingeborg Bachmann war nicht nur eine moderne und unnachgiebige Frau, sie war auch verträumt. Und sie wollte mit Max Frisch zusammenleben.

Das ging schon deswegen nicht, weil der mit seiner Schreibmaschine einen Umgang pflegte wie mit einer „Kalaschnikoff“. Die Protagonisten waren Konkurrenten. Sie scheitern auch an den Vorstellungen von den Geschlechterrollen um 1960. Max Frisch kommt in diesem Film schlechter weg als in dem 1.038 Seiten umfassenden Briefwechsel der beiden („Wir haben es nicht gut gemacht“ 2023). Das liegt auch am Medium Film, das nicht so viele Möglichkeiten bietet wie Literatur. Aus dem Briefwechsel wissen wir, dass Max Frisch keineswegs der frauenmordende Chauvi war. Der Komponist Hans Werner Henze und der Wiener Filmemacher Adolf Opel kommen im Film gut weg. Und Ingeborg Bachmann erscheint uns als sinnlich, lebenslustig und unglücklich (Kathleen Hildebrand, SZ 20.10.23).

4533: Richard David Precht weiß nicht genug.

Mittwoch, Oktober 18th, 2023

In seinem ZDF-Podcast mit Markus Lanz, der bereits 110 mal gelaufen ist, hat sich Richard David Precht eine antisemitische Falschbehauptung geleistet. Unberechtigterweise behauptete er, orthodoxe Juden dürften nicht arbeiten, „ein paar Sachen wie Diamantenhandel und Finanzgeschäfte ausgenommen“. (Si tacuisses, philosophus mansisses.) Das ist Antisemitismus. Dagegen gab es Protest, etwa von der israelischen Botschaft. Precht und das ZDF haben sich noch nicht richtig entschuldigt. Später in der Sendung folgte eine antisemitische Falschbehauptung von Markus Lanz: die orthodoxen Juden hätten sich ganztags dem Beten verschrieben. Er meinte wohl, dass sie sich das Studium der Religion als Hauptaufgabe vorgenommen hätten. Am Ende der Sendung verkündete Lanz die Idee, in dem Podcast sollten sich die beiden doch einmal eine Folge über Religion machen. Eine Drohung. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei so einfache Jungs ein schwieriges Thema bearbeiten lässt.

Wie meinte Dieter Nuhr, der von einigen Kritikern schlicht verachtet wird, doch einmal so richtig: Wenn man keine Ahnung habe, könne man doch einfach mal den Mund halten (Susan Vahabzadeh, SZ 17.10.23; Simon Hurtz, SZ 18.10.23).