Nach einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts in einem Eilverfahren darf die Berliner Polizei von Klimademonstranten, die sich auf der Straße festgeklebt haben, vorerst keine Gebühren mehr für deren Ablösung verlangen. Dafür gebe es keine gesetzliche Grundlage. Das Geld muss alsbald zurückgezahlt werden (SZ 27.9.23).
Archive for the ‘Wissenschaft’ Category
4502: Keine Gebühr für Klimakleber
Mittwoch, September 27th, 20234494: Lehrermangel
Dienstag, September 19th, 2023In Deutschland fällt bisweilen monatelang der Unterricht aus. Auch in wichtigen Fächern. Es fehlen bis zu 40.000 Lehrer. Das verschärft die Bildungskrise und hat verheerende Folgen für die Gesellschaft. Es fehlt manchmal sogar an der Vermittlung grundlegender Fähigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen). Jedes Jahr verlassen 50.000 Schüler ohne Abschluss die Schulen. Und dann soll es ab 2026 sogar einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagesplatz geben. Unmöglich. Zudem sind die Bildungschancen in Deutschland seit langem sozial völlig ungerecht verteilt. Davor warnen Experten seit über 20 Jahren. Den Politikern scheint das weithin egal zu sein. Die Bundesländer fangen an, sich aggressiv gegenseitig Lehrer abzuwerben. Das ist verantwortungslos.
Quereinsteiger sind allenfalls eine Hilfslösung, weil sie keine didaktische Qualifikation mitbringen. Aber das Bundesland Brandenburg etwa verbeamtet sogar Quereinsteiger mit Bachelorabschluss. Von den im Dienst befindlichen Lehrern sind viele überlastet. Gründe sind u.a. die Pandemie und 200.000 Schüler aus der Ukraine. Das Ganze ist eine einzige riesige Katastrophe. Das hält Deutschland nicht aus (Lilith Volkert, SZ 12.9.23).
4493: „Finger weg vom Englischunterricht.“
Montag, September 18th, 2023Die Iglu-Studie von 2021 ergab, dass jeder vierte Grundschüler in Deutschland nicht die Mindeststandards im Lesen erfüllte. Darufhin schlug der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, vor, in der Grundschule Engliusch und Informatik abzuschaffen. Davor kann nur gewarnt werden. Wir können das Problem nicht durch die Verlängerung der Lernzeit lösen. Auch nicht durch die Abschaffung anderer Fächer. Es gibt keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen dem frühen Fremdsprachenlernen und schwachen Leseleistungen. Fremdsprachenlernen und das Kennenlernen anderer Kulturen gehören zu den Basics in der Grundschule. Privat und beruflich ist Englisch unersetzlich. Fremdsprachenlernen vermittelt zudem zentrale Kriterien wie Toleranz, Offenheit und Respekt. Darüberhinaus sind die ökonomischen Gründe für das Englischlernen nicht zu unterschätzen (Stefanie Frisch/Julia Reckermann, Die Zeit 7.9.23).
4486: Die letzten Jahre der alten Bundesrepublik
Samstag, September 16th, 2023Angesichts des aktuellen Anwachsens von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten und des steigenden Antisemitismus denken manche von uns an die letzten Jahre der alten Bundesrepublik von 1980 bis 1990 zurück. Damals wie heute gebärdeten sich „Deutschnationale“ und „Stahlhelmer“ wie Widerstandskämpfer, obwohl sie „Steigbügelhalter“ gewesen waren.
1. Erst im Januar 1979 wurde im deutschen Fernsehen die vierteilige Hollywood-Serie „Holocaust“ ein großer Erfolg. Das war nur verständlich, wenn einiges davon wohl noch nicht voll bekannt gewesen war. „Holocaust“ wurde Namensgeber. Ich erinnere mich an das von mir dazu durchgeführte Proseminar.
2. Seit 1973 gab es einen Schülerwettbewerb, den Bundespräsident Gustav Heinemann ausgerufen hatte, um die deutsche Alltagsgeschichte, der nach „Holocaust“ besser verlaufen konnte.
3. Über Widerstand dagegen insbesondere in Passau drehte Michael Verhoeven den Film „Das schreckliche Mädchen“ (1990).
4. Mitte der achtziger Jahre war das ehemalige NSDAP-Mitglied Karl Carstens Bundespräsident und Bundeskanzler Helmut Kohl führte den US-Präsidenten Ronald Reagan auf den Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch Angehörige der Waffen-SS lagen.
5. 1985 hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede, in dem der 8. Mai 1945 endlich als „Tag der Befreiung“ gekennzeichnet wurde.
6. Rechte Intellektuelle wie Armin Mohler sprachen noch davon, dass die Deutschen am Nasenring durch die Schuldarena geführt wurden.
7. Ralph Giordano sprach über die lange verweigerte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als von der „zweiten Schuld“.
8. Erst allmählich setzte sich „Erinnerungskultur“ durch.
9. Der „Historikerstreit“ 1986/87 ging um die Singularität des deutschen Judenmords.
10. Franz-Josef Strauß (CSU) wollte nicht länger durch die Erinnerung an das Dritte Reich belastet werden (Norbert Frei, SZ 15.9.23)
Ich habe 1965 Abitur gemacht. Wir können uns denken,. wie in dieser Zeit mit der Vergangenheit umgegangen wurde.
4485: Krise der Regionalpresse
Freitag, September 15th, 2023Die Verlegerin der Funke Mediengruppe, Julia Becker, sieht eine Krise der Regionalpresse. Dabei brauchten die Menschen gerade heute gewissenhaft überprüfte, verlässliche Informationen. Bei Funke erscheinen die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“ und „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“. Internetkonzerne wie Google und Meta würden die Werbeumsätze abgreifen und nutzten ganz ungeniert Inhalte von Zeitungen, ohne dafür zu bezahlen.
Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ARD und ZDF) trete zunehmend in Konkurrenz zur Regionalpresse. In Baden-Württemberg laufe dazu gerade eine gerichtliche Auseinandersetzung. Zur Zeit bediente die Regionalpresse Print- und Digitalkunden gleichzeitig. Die Printzustellung lohne sich nicht, aber wieder mal seien die alten Kunden durch Digitalangebote nicht zu erreichen. Eine ähnliche Beurteilung der Lage hören wir auch von der Mediengruppe Madsack (u.a. „Göttinger Tageblatt“). Julia Becker sieht insbesondere die ländlichen Gebiete gefährdet. U.a. in Thüringen, wo die AfD besonders stark sei. Sie schlägt eine Abschaffung der Mehrwertsteuer vor. Immer häufiger würden Journalisten körperlich angegeriffen. Sie seien nur noch mit Security einsatzbereit. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sprächen offen von „Systempresse“ und erinnerten damit an die Weimarer Republik. „Es geht um mehr als um Geldverdienen.“ (Anna Ernst, SZ 15.9.23)
4484: Üble antisemitische Hetze in Hannover
Freitag, September 15th, 2023Manchmal neigen wir dazu, den Antisemitismus in Deutschland zwar für existent und falsch zu halten, aber doch für mit der Zeit abgemildert, zahmer als früher. Ungefähr so wie im Fall Aiwanger.
Das ist falsch. Davon kann keine Rede sein. Das zeigt etwa eine Mail an der Staatsoper Hannover.
Sie war gerichtet an die Intendantin Laura Bermann, 64, die als US-amerikanische Jüdin 1983 zur Ausbildung nach Deutschland gekommen war. Nun schrieb Heidemarie M., eine 73-jährige Hannoveranerin, in der Sprache des Vernichtungsantisemitismus gegen Berman: Hitler sei „zu human zu Leuten dieser Sorte“ gewesen, diese seien „ekelhaftes und krankes (…) Gesindel“. „menschlicher Sondermüll“, der „entsorgt gehört“ (Eva Sudholt, Die Zeit 24.8.23).
Der Antisemitismus ist heute in Deutschland noch genau so mörderisch wie seinerzeit. Das dürfen wir nicht vergessen.
4483: Hokuspokus für Fortgeschrittene
Donnerstag, September 14th, 20231. Aberglauben ist sehr alt. Es gab ihn praktisch „schon immer“. In vielen Fällen dient er dazu, unsere Weltsicht zu vereinfachen.
2. In Zeiten einer als komplexer empfundenen Welt gewinnt der Aberglauben an Attraktivität.
3. Gestirne, die Natur, ein bizarres Germanentum werden wichtiger.
4. Die Wissenschaften, die „Schulmedizin“ und Intellektuelle sind unbeliebt.
5. Im Mittelalter glaubten viele an „übernatürliche“ Kräfte, kauften Amulette, sahen Zeichen an der Wand, verehrten Reliquien und befragten Orakel.
6. Gerade in Notlagen blüht der Aberglaube.
7. Hokuspokus war nie das Vorrecht der „einfachen Leute“.
8. Wahrsager, Planetenleser, Tischerücker und Heiler werden mächtiger.
9. Das „Blut“ spielt eine große Rolle.
10. Für Juden wurde das mörderisch.
11. Die „Vorsehung“ rechtfertigte alles.
12. Die Nazis bedienten sich weithin des Aberglaubens. Nicht zuletzt Rudolf Heß.
13. Adolf Hitler wurde als „Erlöser“ erlebt.
14. „Blut und Boden“, Agrarromantik, Esoterik und anderer Schnickschnack wurden ernst genommen.
15. Ökologischer Landbau, Anthroposophie, Naturheilkunde blühten in Krisen wie der Corona-Krise auf.
16. Wer klug ist, wird schnell als „verkopft“ verunglimpft.
17. „Fühlen“ ist beliebt.
18. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Aberglauben und Verschwörungstheorien.
19. Es besteht eine Verbindung zum Rassismus und Rechtsextremismus.
20. Gerade aktuell ist der Aberglauben wieder gefährlich (Tillmann Bendikowski, SZ 13.9.23).
4482: OECD-Studie: In Deutschland mehr junge Leute ohne Ausbildung
Mittwoch, September 13th, 2023Eine aktuelle OECD-Studie zeigt, dass in Deutschland zuletzt zwar mehr junge Leute eine gute Ausbildung haben, aber auch mehr gar keine Ausbildung. Das ist dramatisch. Wir können von einer „Polarisierung“ der Bildung in Deutschland sprechen. Von 2015 bia 2022 stieg der Anteil derjenigen, die keine Ausbildung haben, von 13 auf 16 Prozent. Das kann sich ein Industrieland wie Deutschland nicht leisten. 94 Prozent derjenigen mit einer Ausbildung bekommen schließlich einen Arbeitsplatz. Wahrscheinlich spielt der Migrationsanteil, der in Deutschland höher ist als in anderen Ländern, eine Rolle. Verhängnisvoll ist der
Lehrermangel.
Dadurch kommen schwerer lernende Kinder nicht mit. Die Studie zeigt, dass Deutschland desto mehr Geld ausgibt, je älter die Schülerinnen und Schüler werden. Das ist wahrscheinlich genau falsch herum. Island und Luxemburg machen es genau anders und sind damit erfolgreich. Die deutschen Lehrer verdienen im internationalen Vergleich gut. Kaufkraftbereinigt nach 15 Jahren etwa 97.000 US-Dollar brutto pro Jahr. Der OECD-Durchschnit liegt bei 53.500 US-Dollar. Wichtig ist dann noch zu klären, wieviel Verwaltungsarbeit Lehrer leisten müssen und wie anerkannt sie sich gesellschaftlich fühlen (Kathrin Müller-Lancé, SZ 13.9.23).
4479: Roman Deininger erläutert uns die Wählerstrukturen.
Sonntag, September 10th, 2023Der SZ-Journalist Roman Deiniger hat wesentlich an der Aufklärung der Aiwanger-Affäre (Freie Wähler) mitgewirkt. Und er kennt die Wählerstrukturen in Deutschland und speziell in Bayern genau. Darüber informiert er uns. Ich vereinfache und numeriere:
1. Die westliche Gesellschaft ist gekennzeichnet von Säkularisierung und Individualisierung. Das macht es den Volksparteien schwer, soweit es sie noch gibt.
2. Die CSU ist in Deutschland die letzte Volkspartei mit Ergebnissen um 40 Prozent.
3. Intwischen haben wir eine Bruchlinie zwischen Stadt und Land.
4. Das äußert sich einmal in den „Kosmopoliten“, welche die Veränderung wollen, und den „Heimatbewahrern“.
5. Der CSU ist es bisher gelungen, den gesellschaftlichen Wandel in Bayern von der Agrar- zur Industriegesellschaft zu moderieren.
6. Markus Söder konnte sich von Anfang an nicht recht zwischen „Kosmopoliten“ und „Heimatbewahrern“ entscheiden. Deswegen schwankt er so.
7. Inzwischen haben sich überall materielle und kulturelle Verlustängste breitgemacht.
8. Die Flüchtlingskrise 2015 hat nicht zu ausreichender Integration geführt. Dazu kommen die Wirtschaftskrise, die Energiekrise und der russische Vernichtungskrieg in der Ukraine.
9. Mit der Gelassenheit und der Systemtreue der Bundesdeutschen ist es vorbei.
10. Wahrscheinlich wäre eine schwarz-grüne Koalition die einzige, die vermitteln könnte zwischen „Kosmopoliten“ und „Heimatbewahrern“.
11. Bisher wollen 92 Prozent der CSU-Wähler an einer Koalition mit den Freien Wählern festhalten.
12. Deutschland ist aber noch weit entfernt von einer gesellschaftlichen Spaltung wie in den USA.
13. Aiwangers Flugblatt-Affäre könnte aber zu einem Katalysator für die Spaltung werden.
14. Vor diesem Hintergrund muss man Charlotte Knoblochs Bemerkung sehen, durch Söders Entscheidung, Aiwanger nicht zu kündigen, sei eine „noch größere Katastrophe“ verhindert worden.
15. Markus Söder hat opportunistisch entschieden. Aus heißer Angst und kühler Abwägung. Damit hat er verhindert, dass die Volkspartei CSU den Weg des Zerfalls geht (SZ 9./10.9.23).
4477: Heizungsgesetz verabschiedet
Samstag, September 9th, 2023Am Freitag ist das Heizungsgesetz im Bundestag verabsachiedet worden. Es soll einen wesentlichen Beitrag zu mehr Klimaschutz in Gebäuden leisten. 399 Abgeordnete stimmten für das Gesetz, 275 dagegegen, 54 enthielten sich. Durch einen schrittweisen Austausch von Öl- und Gasheizungen soll das Heizen klimafreundlicher werden. Ende September muss das Gesetz durch den Bundesrat. Anfang 2024 soll es in Kraft treten, Es gilt zunächst nur für Neubaugebiete. Künftig soll jede neu eingebaute Heizung auf der Basis von 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden (SZ 9.10.9.23).