Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

2937: Ronen Steinke versteht den Antisemitismus

Montag, Juli 13th, 2020

Es gibt unzählige Verlautbarungen, Publikationen und Bücher über den Antisemitismus in Deutschland. Darunter ist sehr viel Oberflächliches. Anders bei Ronen Steinke, Journalist der SZ:

Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage. Berlin/München 2020, 256 S., 18 Euro.

Das von Innenminister Horst Seehofer (CSU) apostrophierte „lebendige und unbeschwerte jüdische Leben in Deutschland“ hat es nach 1945 niemals gegeben. Steinke führt in seinem Anhang eine hundert Seiten umfassende

„Chronik antisemitischer Gewalttaten“

auf, die 1945 beginnt und 2020 endet. Zu vermuten ist ein großes „Dunkelfeld“. Jüdische Gemeinden und ihre Vertreter agieren permanent unter Polizeischutz. Jüdische Kinder werden von der Polizei zur Schule gebracht. Den Sicherheitsdienst müssen manchmal die jüdischen Gemeinden selbst bezahlen. Der Staat versagt (Kassel, Halle, Hanau). „Judentum in Deutschland, das ist heute Religionsausübung im Ausnahmezustand.“

1980 gab es den ersten Mord nach 1945 an einem jüdischen Ehepaar (Shlomo Levin und Frida Poeschke) in Erlangen. Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ profitierte von milden Urteilen der Gerichte. In den letzten Jahren sind die Extremisten der neuen Rechten (u.a. „Identitäre Bewegung“, AfD) dazu gekommen. 2019 wurde Walter Lübke (CDU) in Kassel auf seiner Terrasse von einem Neonazi ermordet. In der AfD geben die Antisemiten Björn Höcke und Alexander Gauland den Ton an. Die „Juden in der AfD“ sind für Steinke ein reines Tarnmanöver. „Man beteuert gewissermaßen, dass man stubenrein sei, und man erleichtert es bürgerlichen Vielleicht-Wählern, ihren Ressentiments gegen andere Minderheiten – in erster Linie Muslimen – freien Lauf zu lassen. Juden kommt in diesem Spiel nur die Rolle der nützlichen Idioten zu.“ (Günther Nonnenmacher, FAZ 11.7.20)

2936: Rainer Moritz will keine amerikanischen Romane mehr.

Sonntag, Juli 12th, 2020

Rainer Moritz ist Leiter des Hamburger Literaturbüros. Wie er in der „Literarischen Welt“ (11.7.20) schreibt, will er demnächst keine amerikanischen Romane mehr:

„Zu meiner Lektüre zählten beispielsweise Richard Russo, Hanya Yanagihara, Emily Ruskovich, Rebekka Makkai, Katya Apekina, Celeste Ng, Claire Lombardi, Elizabeth Strout, Anne Tyler, Stewart O’Nan, Taffy Brodesser-Akner und Courtnay Sullivan, ganz zu schweigen von denjenigen, an die ich keinerlei Erinnerung mehr besitze.“

„Doch sobald amerikanische Romanciers in Mannschaftsstärke auftreten, beginne ich unter Beklemmung und Atemnot zu leiden, möchte aus diesem Kosmos ausbrechen und im Gefolge von Jonathan Franzens ‚Korrekturen‘ nicht länger in den Familienkäfigen dieser Literatur eingesperrt bleiben.“

„… ich empfinde Überdruss, wenn ich, als hätte ich bei einem Pizza-Lieferdienst bestimmte Beläge geordert, sicher sein kann, was mir alles an Katastrophen in diesen Romane begegnen wird: Missbrauch, Selbstmord, Vergewaltigung, Ehebruch, Bulimie, Mobbing, Schwangerschaftsabbruch, Großbrände, Depression, Geschwisterhass, Karriereknicke, Schulden, Haustiere, Stay-at-home-Mothers, alte Tagebuchaufzeichnungen, aufgefundene Briefe und ein schreckliches Geheimnis, das auf den letzten Seiten endlich aufgeklärt wird.“

„Amerikanische Romane sind sich oft zum Verwechseln ähnlich. Nach wenigen Kapiteln spürt man, dass ihre Verfasser Creative-Writing-Kurse besucht haben, Creative Kurse geben und genau wissen, wie man einen spannenden Plot baut, markante Charaktere erfindet und mit Rückblenden ergreifende Dinge erzählt. Dass Schreiben auch Handwerk ist und sich vieles erlernen lässt, ist längst kein Geheimnis mehr und hat sich auch im deutschsprachigen Raum herumgesprochen. In den USA jedoch scheint man auf bestimmte literarische Techniken besonderen Wert zu legen.“

„Ich selbst gönne mir in den nächsten Monaten eine amerikanische Auszeit und hoffe so, Sätzen wie Claire Lombardis ‚Ich liebe es, Mutter zu sein. Das ist der größte Spaß, den ich jemals hatte‘ aus dem Weg gehen zu können. Wie wäre es mal wieder mit Romanen, die in Stuttgart, Siegen oder Siebenbürgen spielen und noch nicht vom amerikanischen Way of Writing infiziert sind?“

2935: BVerfG: Berichterstattung über lange zurückliegende Tatsachen erlaubt

Sonntag, Juli 12th, 2020

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Journalisten auch über lange zurückliegende Verfehlungen einer bekannten Persönlichkeit berichten dürfen. Ob ein „Recht auf Vergessen“ bestehe, hänge vom Einzelfall ab.

Ein Wirtschaftsmagazin hatte 2011 in einem Porträt des Vorstandsvorsitzenden eines börsennotierten Krankenhausunternehmens berichtet, dass der Firmenchef, ein früherer Spitzenkandidat der rechtskonservativen Schill-Partei, im Dezember 1983 wegen eines Täuschungsversuchs vom juristischen Staatsexamen ausgeschlossen wurde. Der fühlte sich an den Pranger gestellt und klagte auf sein Recht auf „Vergessenwerden“.

Das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass gerade öffentlich bekannte Personen eine unliebsame Berichterstattung hinnehmen müssten, sofern ein „hinreichendes Berichterstattungsinteresse“ bestehe. Dies müsse die Presse auch selbst beurteilen können. Grenzen für die Berichterstattung gebe es nur, wenn der Kern der Privatsphäre, etwa Ausführungen zur sexuellen Orientierung, betroffen sei (epd, SZ 10.7.20).

2933: Hagia Sophia wird Moschee.

Sonntag, Juli 12th, 2020

Mehr als 900 Jahre war die Hagia Sophia eine Kirche in Konstantinopel/Istanbul, fast 500 Jahre eine Moschee und die letzten 86 Jahre ein säkulares Museum. Nun hat Präsident Erdogan das Oberste Verwaltungsgericht dazu gebracht, den Beschluss von 1934, wonach die Hagia Sophia ein Museum sei, zu annullieren. Zur Begründung hieß es, dass die Hagia Sophia seit 1453 eine Stiftung zur Nutzung als Moschee sei (FAZ 11.7.20; Matthias Drobinski, SZ 11./12.7.20) Das offenbart ein hinterwäldlerisches Religionsverständnis, wie es typisch ist für die gegenwärtige Türkei. Sie gehört deswegen nicht nach Europa. Zur Freude der Fundamentalisten beider Seiten (Christen und Muslime) werden die religiösen Gräben vertieft.

2930: Klaus Wagenbach 90

Samstag, Juli 11th, 2020

Der Berliner Kleinverleger Klaus Wagenbach ist 90 Jahre alt geworden. Mit Mut, Beharrlichkeit und einer großen Portion Eigensinn hat er die deutsche Verlagsszene mit geprägt. Die in seinem Verlag erscheinende Zeitschrift „Freibeuter“ konnte sich mangels Auflage nicht lange halten. Wagenbach nahm häufig keine Rücksicht auf die angesagten Ideologien. Er machte sich sowohl bei den Berliner Linken unbeliebt als auch bei manchen Germanistik-Größen. „Mit dem Nachbarstaat DDR hat er sich, schon wegen Biermann, in die Nesseln gesetzt, bis hin zum Hausverbot.“ Gemeinsam mit Walter Höllerer hat er sich um Stipendiaten aus Polen und dem europäischen Osten verdient gemacht. Das Kolloquium am Wannsee gibt es heute noch (Hans Magnus Enzensberger, FAZ 11.7.20).

2929: Karl Otto Conrady ist tot.

Samstag, Juli 11th, 2020

Im Alter von 94 Jahren ist der bekannte Germanist Karl Otto Conrady in Köln gestorben. Er war der Herausgeber des „Großen Conrady“, einer wissenschaftlich fundierten Gedichtesammlung, und hat sich insofern um deutsche Gedichte verdient gemacht. Promoviert hatte er über Heinrich von Kleist, habilitiert über „lateinische Dichtungstradition und deutsche Lyrik“. In der Germanistik der fünfziger Jahre ging es nicht zuletzt auch um die Bewältigung des eigenen Mitwirkens als Jugendlicher im Naziregime.

1964 erhielt Conrady einen Ruf nach Kiel. Sogleich protestierte er gegen die Ehrung eines völkischen Schriftstellers. Damit setzte er eine hauptsächlich in der „Zeit“ geführte Debatte über die völkischen Wurzeln der „Deutschwissenschaft“ in Gang. Seinen Lehrer Benno von Wiese kritisierte er für dessen Opportunismus. Conrady saß für die SPD im Kieler Landtag. Zwei Jahre war er PEN-Präsident. Seine Goethe-Biografie hält die Mitte zwischen K.R. Eisslers psychoanalytischer Perspektive und Rüdiger Safranskis Huldigung (Willi Winkler, SZ 11./12.7.20).

2927: Technische Universität Eindhoven fördert Frauen.

Samstag, Juli 4th, 2020

Das Institut für Menschenenrechte in Utrecht hat die Frauenförderung der Technischen Universität Eindhoven (TUE) gerügt. Dort werden seit einem Jahr für feste Dozentenstellen nur Frauen eingestellt. Das beruht auf einem auf fünf Jahre angelegten Programm, das 150 feste Arbeitsplätze betrifft.

Die Politik der TUE „geht .. zu weit und verletzt damit die niederländische Gesetzgebung zur Gleichbehandlung“. „Die Universität gibt weiblichen Kandidaten praktisch absoluten Vorrang.“ Die TUE habe ihre Vorgehensweise nicht deutlich machen können. Beschwerde hatte die Antidiskriminierungsstelle „Radar“ eingelegt, die eigentlich Gleichberechtigung fördert.

In Eindhoven ist die Frauenquote von 22,3 auf 25 Prozent gestiegen. Der Frauenanteil in der Studentenschaft liegt nach Angaben der stark technisch geprägten Universität bei 27 Prozent (smo, FAZ 4.7.20).

2925: Verkleinerung des Bundestags erneut gescheitert.

Samstag, Juli 4th, 2020

Der Bundestag ist in der Sommerpause. Eine Verkleinerung hat er wieder nicht geschafft. Normgröße sind 598 Abgeordnete. Gegenwärtig sind es 709, demnächst könnten es über 800 sein. Die Parteien der großen Koalition betrachten das hohe Haus wohl doch als „Selbstbedienungsladen“. Ein Bundestag mit 800 Abgeordneten bedeutet auch, dass man mit 15 Prozent der Stimmen so viele Sitze bekommt wie sonst mit 20 Prozent.

Seit sieben Jahren scheitern die Versuche der Bundestags-Verkleinerung. Was dringend her muss, ist eine Reduzierung der Zahl der Wahlkreise. FDP, Grüne und Linke hatten sich schon lange auf einen gemeinsamen Gesetzentwurf geeinigt. Verhindert haben ihn die Abgeordneten von CDU/CSU und SPD (Robert Rossmann, SZ 4./5.7.20; Eckart Lohse, FAZ 4.7.20).

2924: VR China übernimmt Hongkong.

Freitag, Juli 3rd, 2020

Mit dem neuen „Sicherheitsgesetz“ übernimmt die VR China weiter die Macht in Hongkong. Als Höchststrafe ist lebenslänglich vorgesehen. Die VR China kann künftig in Honkong eigenmächtig Ermittlungen durchführen. Bei „komplizierten“ Fällen werden Gerichte in der Volksrepublik zuständig. In Hongkong wird ein chinesisches Sicherheitsbüro eingerichtet. Es unterliegt nicht den Behörden aus Hongkong (dpa, LDE – SZ 2.7.20).

Gute Nacht für das freie Hongkong.

2923: Lettland verbietet RT.

Freitag, Juli 3rd, 2020

Der lettische Rat für elektronische Massenmedien hat den russischen Propagandasender RT (früher „Russia Today“) (7 Kanäle) verboten. Zugleich forderte Lettland alle Staaten der EU auf, das Gleiche zu tun. RT wird von dem russischen Propagandisten Dmitrij Kisseljow gemanagt. Er war beim russischen Überfall auf die Ukraine der Chef-Propagandist. Kisseljow versucht, Lettland als gescheiterten Staat zu kennzeichnen. Angeblich hat RT 100 Millionen Zuschauer in 47 Ländern. Die Sender werden aus dem russischen Staatshaushalt finanziert. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte, Europa müsse sich vor der russischen Propaganda schützen (Frank Nienhuysen, SZ 2.7.20).