Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3226: Die Angst vorm Impfen ist kulturell tief verwurzelt.

Donnerstag, Januar 14th, 2021

Peter Paul Rubens (1577-1640) malte (um 1630), wie Achilles von seiner Mutter Thetis in den Fluss Styx getaucht wird, ohne dass Wasser an seine Ferse gelangt. Sie blieb deshalb seine Achillesferse. Bei Honoré Daumier (1808-1879) zwickt dem entsetzten Kind sogar noch ein Flusskrebs in die Nase. Und bei Siegfrieds Bad im Drachenblut blieb in der Größe eines Lindenblatts Platz frei. Alles Bilder von Impfschäden. Es geht dabei weniger um Medizin als um Kultur. Können auf diese Art nicht Autismus, plötzlicher Kindstod, Krebs und Alzheimer in die Welt kommen? Ja, manchmal wird das Vokabular des Militärs bemüht, da wo „Abwehrkräfte gestärkt“ werden sollen. Hier werden Aversionen gegen das Impfen deutlich. Anglikanische Bischöfe sprachen von „Injektionen von Sünde“. Die gespritzten Stoffe waren „Hexengebräu“.

Der Begriff der „Herdenimmunität“ rührt daher, dass Edward Jenner (1749-1823) versuchsweise ahnungslose Bauernkinder mit Kuhblattern infizierte. Das Volk sozusagen wie eine Kuhherde auf dem Weg zur Schlachtbank. „Herdenimmunität“ impliziert auch „Herdenmentalität“. Und da sind wir schon bei den gegenwärtigen „Querdenkern“. Kurz vor Bram Stokers „Dracula“, 1880, wurde in England vor dem „Vaccination Vampire“ gewarnt. Karl Marx (1818-1883) hatte die vampirische Natur des Kapitals beschworen. Bei den Impfgegnern geht es heute um „antikapitalistische“ und „libertäre“ Impulse. Weniger um die Sache selbst.

Und wenn Susan Sontag (1933-2004) verlangt hatte, Krankheiten als Krankheiten zu behandeln und nicht als kulturelle Metaphern, so hat sie sich bis heute damit nicht durchgesetzt. Mehr denn je ist „Schulmedizin“ ein Schimpfwort. Und die „Ganzheitlichkeitspropheten“ sehen im Krebs nur einen „Boten“. Die „Homöopathie“ kommt ohne medizinische Evidenz aus, dafür sind ihre Thesen von hoher Poesie. Lange Zeit hat sich die Schulmedizin selbst in Bildern ausgedrückt und in Mythen verkörpert. Da brauchen wir uns über die aktuelle Impfgegnerschaft nicht zu wundern. Obwohl sie regelmäßig unbegründet ist und in vielen Fällen von tödlichem Ausgang begleitet wird (Peter Richter, SZ 12.1.21).

3225: Impfpflicht würde Impfgegner stärken.

Mittwoch, Januar 13th, 2021

Es wäre wünschenswert, dass sich viele Menschen gegen Covid-19 impfen lassen. Zum Beispiel gibt es seit März 2020 das Masernschutzgesetz. Danach dürfen nur Kinder in den Kindergarten oder in die Schule, die gegen Masern geimpft sind. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dennoch gibt es bei uns immer noch viele Menschen, gerade

aus dem Umkreis der Grünen und Linken,

die wegen angeblicher Nebenwirkungen das Impfen ablehnen. Dabei wird auch viel Unsinn über mögliche Nebenwirkungen verbreitet. Nein, das Erbgut wird nicht verändert. Und die Bundesregierung unterwirft sich nicht dem Diktat der skrupellosen Pharmaindustrie. Es ist erstaunlich und bedauerlich, dass die Skepsis

auch für viele Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen

gilt. In der Grippesaison 2016/2017 ließen sich gerade einmal 40 Prozent von ihnen impfen, 61 Prozent der Ärzte, 33 Prozent des Pflegepersonals. Sie riskieren ja nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern gerade auch die ihrer Schutzbefohlenen. In den vergangenen Monaten haben sie nicht nur getröstet, gepflegt, Medikamente, Essen und frische Wäsche gebracht, sondern

manchmal auch den Tod.

Eine geimpfte Pflegekraft fällt nicht krankheitsbedingt wochenlang aus, sondern kann sich um die Alten und zu Pflegenden kümmern. Im Vergleich zu Masern ist die Covid-19-Erkrankung wesentlich gefährlicher. Gegenwärtig gibt es beim Impfen dagegen erstaunlich wenig Nebenwirkungen. Langfristige Komplikationen (die nie ganz auszuschließen sind) sind nach dem, was wir bisher wissen, nicht zu erwarten.

Trotzdem sollte keine Impfpflicht angeordnet werden; denn sie verstärkt nur die Gruppe der Impfgegner. Überzeugen, aufklären, zum Vorbild werden, immer und immer wieder – das ist der richtige Weg (Sebastian Beck, SZ 13.1.21; Werner Bartens, SZ 13.1.21)

3224: Regulierung sozialer Medien

Mittwoch, Januar 13th, 2021

Twitter hat den Account von Donald Trump gesperrt. Das ist einerseits politisch hocherfreulich, andererseits verfassungspolitisch gefährlich. Denn die sozialen Medien dürfen nicht allein entscheiden, was zu sperren ist. Dazu bedarf es eines Gesetzes. Wie Angela Merkel es bereits angemerkt hat.

In der EU soll es den Digital Services Act (DSA) und den Digital Markets Act (DMA) geben. Das erste Gesetz regelt, wie sich Plattformen verhalten sollen, wenn auf ihren Seiten verbotene Inhalte geteilt werden. Das zweite betrifft die Wettbewerbschancen kleiner Firmen. Weil Portugal die Ratspräsidentschaft in der EU übernommen hat, betonte der portugiesische Wirtschaftsminister Pedro Siza Vieira: „Wenn wir jetzt keine Regeln finden, damit die digitalen Märkte sich entwickeln können, werden wir das bereuen.“

Fachleute glauben, dass dann, wenn es bereits Regulierungsgesetze gegeben hätte, kein Sturm auf das Kapitol möglich gewesen wäre. Die EU ist der Schmerzpunkt der Digitalkonzerne. Als Australien Google und Facebook regulieren wollte, drohten diese, sich aus dem Land zurückzuziehen. Das könnten sie sich bei der EU wegen deren wirtschaftlicher Größe gewiss nicht erlauben (Karoline Meta Beisel, Jannis Brühl, SZ 13.1.21).

3223: FBI befürchtet bei Amtseinführung Joe Bidens Gewalt.

Mittwoch, Januar 13th, 2021

Das FBI befürchtet bei der Vereidigung Joe Bidens am 20. Januar zum US-amerikanischen Präsidenten Gewalt in allen 50 Bundesstaaten. Biden selbst zeigte sich unbeeindruckt: „Ich habe keine Angst, den Eid im Freien abzulegen.“ In Washington werden am 20. Januar zur Verstärkung 10.000 Nationalgardisten erwartet. Ggf. nochmals 5.000 Soldaten. Als Trumps Anhänger am 6. Januar nach Aufforderung durch den Präsidenten das Kapitol stürmten, starben fünf Menschen (SZ 13.1.21).

3222: Jacques Schuster: Juden in Deutschland nicht nur von Auschwitz her betrachten.

Dienstag, Januar 12th, 2021

1. Der „Welt“-Redakteur Jacques Schuster bestreitet Annette Widmann-Mauz, der „Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration“, die Zuständigkeit für die deutschen Juden (9.1.21). Weil sie seit 1.700 Jahren in Deutschland lebten und keine Fremden oder „Gastarbeiter“ seien.

2. Hitler und seine Schergen hätten von der Schoa als „Mord am europäischen Judentum“ gesprochen. Das dürften wir nicht nachsprechen.

3. Ermordet worden seien in der Schoa Deutsche, Franzosen, Ungarn usw.

4. Gerade im Nichtunterscheiden zwischen dem französischen Galeristen, dem fränkischen Pferdehändler, dem hessischen Arzt und dem polnischen Rabbiner, weil sie alle „Juden“ seien, lag die Quelle des Wahnsinns, die Quelle der Schoa.

5. Es müsse auch Schluss damit sein, die 1.700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland nur von Auschwitz her zu betrachten.

6. Die Vernichtungslager hätten nicht das Ende des jüdischen Lebens in Deutschland sein müssen.

7. Die deutschen Juden vor 1933 seien keine armen Trottel gewesen, die sich den Deutschen anbiederten.

8. Der jüdische Historiker Heinrich Graetz (1817-1891) sah in der Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert eine „jüdische Renaissance von welthistorischem Ausmaß“.

9. Die Juden seien kein Volk wie andere Völker und seien es „trotz des naiven Vulgärzionismus auch nie gewesen“, meinte der Religionsphilosoph Franz Rosenzweig (1886-1929). Das Judentum sei eine dem strengen Monotheismus verpflichtete Glaubensgemeinschaft.

10. „Ich habe und kenne keine anderes Blut als deutsches, keinen anderen Stamm, kein anderes Volk. Vertreibt man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch, und es ändert sich nichts.“ (Walter Rathenau, geb. 1867, der 1922 von Freikorps ermordet wurde).

11. Süßkind von Trimberg (13. Jht.) gilt den meisten Germanisten als einer der großen Minnesänger seiner Zeit und als der Ahnherr jüdischer Dichter deutscher Zunge.

12. Jehuda Hechassid aus Speyer entwickelte bereits im 12. Jahrhundert eine Ethik, die sämtliche Ghettomauern überwand.

13. Beim Begriff des „jüdischen Nationalcharakters“ ließ sich der völkische Unterton erst mit dem Aufkommen des Antisemitismus am Beginn  der Säkularisierung vernehmen.

14. Reformer wie Christian Wilhelm von Dohm (1751-1820) forderten, den Juden alle Rechte zu gewähren, welche ihre christlichen Nachbarn genossen.

15. In den Augen der meisten Juden haftete ihrer Religion etwas Verstaubtes an, das in der Moderne nicht mehr angemessen schien.

16. Von den Folgen der Industrialisierung blieben die Juden genau so wenig verschont wie die anderen Bürger. Sie brachte nicht nur das Judentum ins Wanken, sondern die ganze Gesellschaft.

17. Die Juden verbürgerlichten, in der Regel schneller als andere Zeitgenossen.

18. In der Neuzeit schufen die deutschen Juden das moderne Judentum (mit Wohlfahrt, Krankenpflege etc.).

19. Sie schufen die „Wissenschaft des Judentums“, so wie sie der Berliner Leopold Zunz (1794-1886) ersonnen hatte, als Modell für den Aufbau sämtlicher judaistischer Studiengänge auf der Welt.

20. Zacharias Frankel (1801-1875)  sah in den Juden 1842 „nur eine Religionsgemeinde“ so wie jede andere Religion auch.

21. Damals hielten sich die meisten Juden für einen deutschen Stamm mosaischen Glaubens.

22. Die Juden in Deutschland hatten ihr Vaterland, ohne ihr „portatives“ Vaterland, die Bibel, aufzugeben.

23. Den Antisemitismus (Judenhass) hatte es immer gegeben. Angefangen mit den Pogromen während der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert.

24. Es gab den katholischen Antisemitismus und den „giftig-kalten protestantischen Antisemitismus“. Martin Luther (1483-1546) war ein großer Antisemit.

25. Dass der Vater der Weimarer Reichsverfassung, Hugo Preuß (1860-1925), jüdischen Glaubens war, interessierte die meisten Deutschen genau so wenig wie die Herkunft des Schauspielstars Elisabeth Bergner (1897-1986).

26. „Bis Hitler war Deutsch die Sprache der Naturwissenschaften, nach 1933 war es Englisch mit deutschem Akzent“, schrieb Walter Laqueur.

27. Albert Einstein (1879-1955) hatte sich den Deutschen nicht nur angebiedert.

28. Nach 1945 war das jüdische Leben in Deutschland quasi vernichtet. Heute ist es wieder da.

3219: USA: Angriff auf die Massenmedien

Samstag, Januar 9th, 2021

Beim Angriff des von Trump aufgehetzten Pöbels auf das Kapitol wurde nicht nur die US-Demokratie angegriffen, sondern auch die Massenmedien. Die meisten von uns haben live miterlebt, wie die Korrespondentin der ARD, Claudia Buckenmaier, und der Korrespondent des ZDF, Elmar Theveßen, vor den Marodeuren fliehen mussten. So weit sie es nicht in Sicherheit bringen konnten, wurde ihr Kamera-Equipment zertrampelt. Und zwar nicht in Russland, Weißrussland (Belarus) oder China, wo das weiter nicht verwunderlich wäre, sondern in den USA, wo die Pressefreiheit und die Medienfreiheiten zuerst kodifiziert wurden und Verfassungsrang erhielten.

Auf einer Tür des Kapitols blieb die Aufschrift zurück: „Murder the Media.“ Von Anfang an verwandte Trump den Begriff „Lügenpresse“. Er bezeichnete die Massenmedien als „Fälscher“, „krank“, „Abschaum“ und „Feinde des Volkes“. Solche Begriffe verwenden in Deutschland Pegida, AfD, Querdenker, „Reichsbürger“, Impfgegner u.a.

An der Verunglimpfung der Massenmedien beteiligen sich in den USA einige Massenmedien selbst. Wie Fox News. Ihre Methode ist der hämmernde Ton der Daueranklage. Jetzt, wo der gewesene Präsident sichtlich verloren hat, setzen sie sich erstmals von ihm ab. Twitter hat den Account von Mr. Trump gesperrt. Aber diese Medien werden weitermachen. Am Markt orientiert. Von ihnen ist nichts Gutes zu erwarten. Es gibt Spekulationen über TNN, Trump News Network.

In Deutschland sind wir noch nicht so weit. Aber nur, was das Ausmaß des Irrsinns angeht, nicht die Methode. Gewalt gegen Journalisten ist auch bei uns vorstellbar. Im Oktober 2020 hing in Minden an einer Brücke über der Weser eine unbekleidete männliche Schaufensterpuppe. Ein Seil war um den Hals geschlungen, die Füße schwebten über dem Boden. Das Bild einer Hinrichtung. Vor dem Bauch hing ein Pappschild  mit der Aufschrift „Covid-Presse“ (Georg Mascolo, SZ 9./10.1.21).

In Deutschland ist jederzeit Gewalt gegen Journalisten möglich.

3217: US-Demokratie ist nachhaltig beschädigt.

Freitag, Januar 8th, 2021

Der Sturm eines blindwütigen Mobs auf das Kapitol ist der Höhepunkt von Donald Trumps Regierungszeit. Er hatte vier Jahre lang dazu angestachelt. Jetzt liegen sogar ein sofortiges Amtsenthebungsverfahren und die strafrechtliche Verfolgung seiner Schandtaten nahe. Aber lohnt sich das noch bis zum 20. Januar? Der Trumpismus beruht auf der Lüge und der Verachtung der Demokratie. Gehasst werden die angebliche Selbstbedienungs-Elite, das Establishment und die Political Correctness. Solch eine trumpistische Partei ist die größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag. Vorsicht also mit dem Fingerzeigen auf die Amis.

Joe Biden tritt ein schweres Erbe an. Seine Aufgabe ist fast unlösbar. Vor allem muss er Würde, Gesprächsbereitschaft, einen zivilisierten Ton und die Erkenntnis vom Wert des Kompromisses zurückbringen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass 74 Millionen Wähler Trump gewählt haben. Die können politisch nicht gebildet sein. Joe Biden muss sich auch um die verwaisten Republikaner kümmern und sie einbinden. Wir brauchen die US-Demokratie. Ohne die können wir selbst nur sehr wenig.

Der Sturm auf das Kapitol war im Gegensatz zum islamistischen Angriff auf die Twin Towers 2001 ein Angriff von innen. Der Feind wohnt also nebenan. Wir müssen wachsam und handlungsfähig bleiben oder werden. Und wir dürfen uns nicht zum Hass und der Hetze hinreißen lassen, die insbesondere in den sozialen Medien vorherrschen. Anstand steht uns gut zu Gesicht. Und solche Spielchen von CDU und FDP in Thüringen, wo ein Hinterbänkler mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, dürfen nie wieder vorkommen (Nicolas Richter, SZ 8.1.21; Stefan Kornelius, SZ 8.1.21; Daniel Brössler, SZ 8.1.21).

Wir haben in Deutschland 2021 ein Super-Wahljahr vor uns.

3216: Gründgens‘ Landhaus (1934-1946)

Donnerstag, Januar 7th, 2021

Dem Berliner jüdischen Bankier Ernst Goldschmidt gehörte das Landhaus Zeesen am Zeesener See bei Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin. Er kannte sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Theaterszene genau so gut aus wie in der Finanzwelt. Hier verbrachte der kranke Dichter Klabund (Alfred Henschke) Mitte 1926 zwei Monate mit seiner Frau Carola Neher. Er dichtete die „Ode an Zeesen“ („Und ich sitze nackt auf der Veranda, …“). Goldschmidt besaß auch eine Villa am Wannsee (das heutige „Literarische Colloquium Berlin“). Dort hatte Carl Zuckmayer 1925 „Der fröhliche Weinberg“ geschrieben. Diese Geschichte erzählt uns Klaus Völker, von 1993 bis 2005 Rektor der Schauspielschule Ernst Busch:

Mephistos Landhaus. Klabund (1926) und Gründgens (1934-1946) in Zeesen. Berlin 2020. 32 Seiten, 33 Abbildungen, 8 Euro.

1934 kaufte der Generalintendant der Preußischen Staatstheater, Gustaf Gründgens, ein Günstling Hermann Görings, das Schloss unter Bedingungen, die nie ganz geklärt worden sind, von Ernst Goldschmidts Sohn. Der Anwalt, der den Kauf für Gründgens abwickelte, gehört der SA an. Er wurde beim Röhm-Putsch im Juli 1934 ermordet. Gründgens bewohnte Schloss und Park samt zwei Kavaliershäusern, einem Gewächshaus und einem Bootshaus mit Marianne Hoppe, die er 1936 heiratete. Im Schlosspark wurde 1939 „Der Schritt vom Wege“ (nach Theodor Fontanes „Effi Briest“ in Gründgens‘ Regie) mit Marianne Hoppe in der Hauptrolle gedreht. Gustaf Gründgens stand bei den Nazis auf der „Gottbegnadetenliste“ und galt als sakrosankt. In der DDR beherbergte das Schloß Zeesen zunächst ein Heim für Waisenkinder, dann für Kinder von Diplomaten (Lothar Müller, SZ 7.1.21).

3215: Friedrich Dürrenmatt 100

Mittwoch, Januar 6th, 2021

Marc Reichwein (Die Welt 2.1.21) und Martin Ebel (SZ 5./6.1.21) schreiben im Feuilleton sehr kundig und treffend über Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Anlässlich seines 100. Geburtstags:

Er kam beim Schreiben ohne Pathos aus. Niemand hat den Institutionen so brutal die Selbstgewissheit unter den Füßen weggezogen wie Friedrich Dürrenmatt. Er stellte die berechtigte Frage danach, warum überhaupt Menschen auf der Welt seien. Ja, warum eigentlich? „Friedrich Dürrenmatt: Das sind Spurenelemente in Leserhirnen, eine rachsüchtige alte Dame und drei mehr oder weniger verrückte Physiker, dazu ein Richter und sein Henker, …“ Für Marc Reichwein geht vieles bei Dürrenmatt auf den Pfarrerssohn zurück, „der seinen Abfall vom Glauben mit möglichst viel Wissen kompensieren will“. Der Dramatiker habe aus heutiger Sicht doch „Thesen-Theater für die Mittelstufe“ geschaffen.

Der Schriftsteller schrieb über sich: „Wenn Sie mit 25 zuckerkrank werden, kaufen Sie sich erst einmal ein Buch. Dann wissen Sie, das ist unheilbar. Das hat man ein Leben lang. Und dann kommen alle diese Dinge, von denen Sie gelesen haben. Wenn Sie pinkeln, wird der Teststreifen grün. Das ist der grüne Tod. Sie werden immer wieder daran erinnert, dass Sie etwas haben, mit dem Sie leben müssen und das zum Tod führt.“ Sonst kam in seiem Werk nicht viel Privates vor.

Seinen Staat, die Schweiz, hat er nicht mit allzu viel Lob bedacht, sondern ihn scharf kritisiert. „Die Schweiz stand Schmiere beim Weltverbrechen.“ „Unsere sauberen Hände sind unsere Schande.“ Allerdings, fährt er fort, „wurden wir damals von einer schändlichen Zeit zu einer schändlichen Unschuld gezwungen.“ Dagegen seien die aktuellen Verbrechen freiwillig begangen: Waffengeschäfte, Annahme von Diktatoren- und Kriminellengeldern.

Im „Winterkrieg in Tibet“, einer grauenhaften Vision des Dritten Weltkriegs, in dem weibliche Söldner das Inferno noch steigern, schreibt Dürrenmatt: „Man tötet und fickt um die Wette, Blut, Spermien, Gedärme, Fruchtwasser, Gekröse, Embryos, Kotze, schreiende Neugeborene, Gehirne, Augen, Mutterkuchen schiessen in Strömen die riesigen Gletscher hinab, versickern in den abgrundtiefen Spalten“.

Den Juden lässt Friedrich Dürrenmatt Gerechtigkeit widerfahren: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen, die man gegen sie ins Feld führt. Lagen sie einst im Glauben, später in der Rasse, liegen sie nun im Imperialismus, den man zwölf Millionen Juden andichtet. Selbst in der Schweiz werden an den Ersten-Mai-Feiern Anti-Israel-Parolen herumgetragen, zusammen mit Spruchbändern gegen den Faschismus.“

In seinem letzten Lebensjahr hat Friedrich Dürrenmatt Auschwitz besucht: Der Ort Auschwitz, schreibt er, „ist undenkbar, und was undenkbar ist, kann auch nicht möglich sein, weil es keinen Sinn hat. Es ist, als ob der Ort sich selbst erdacht hätte. Er ist nur. Sinnlos wie die Wirklichkeit und unbegreiflich wie sie und ohne Grund.“

3214: Bargeldverkehr im Euro-Raum nimmt ab.

Mittwoch, Januar 6th, 2021

1. Der Bargeldverkehr im Euro-Raum geht zurück. Besonders in den Niederlanden. Dadurch lassen sich immer leichter Bewegungsprofile erstellen.

2. Viele Nutzer empfinden das bargeldlose Zahlen als bequem.

3. In den Niederlanden erfolgt nur noch jede dritte Transaktion (33 Prozent) in Bargeld. In Deutschland 77 Prozent. Europaweit 73 Prozent.

4. Weit überwiegend Bargeld wird genutzt in Spanien, Italien, Portugal und Griechenland.

5. Zunehmend wird die Kartenzahlung durch kontaktloses Zahlen abgelöst.

6. In den Niederlanden war das 2019 die am weitesten verbreitete Zahlungsart.

7. Die Geschäfte und Unternehmen betrachten das als erfreulich.

8. Insbesondere das Gastgewerbe und die Unterhaltungsindustrie bevorzugen bargeldlose Zahlung.

9. In der Pandemie raten die Gesundheitsämter zur Kartenzahlung.

10. Niemand ist verpflichtet, ein gesetzliches Zahlungsmittel anzunehmen.

11. Verbraucherschützer finden das bargeldlose Zahlen nicht gut. Wegen der vielen Alten und nicht Technik-Affinen.

12. Der niederländische Finanzminister erklärte: „Für das Funktionieren des Zahlungsverkehrs ist es wichtig, dass die Akzeptanz von Bargeld bei Verkaufsstellen groß ist.“

13. Geschäfte, die Bargeld ablehnen, müssen dies deutlich an der Tür kundtun.

14. Die Europäische Zentralbank: „Für uns ist es wichtig, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Zahlungsmethode frei wählen können.“ (Klaus Max Smolka, FAZ 2.1.21)