Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

3315: Bari Weiss: Die pädagogische Indoktrination

Montag, März 15th, 2021

Bari Weiss war bis Juli 2020 Redakteurin der „New York Times“. Dann verließ sie das Blatt, weil sie dessen „Meinungskorridor“ als zu eng empfand und das Klima in der Redaktion als „illiberal“. Jetzt ist in der „Welt“ (13.3.21) eine Abrechnung von Weiss mit der pädagogischen Indoktrination in Prep- und High-Schools in den USA erschienen:

Die sind sehr teuer und kosten teilweise 50.000 Dollar pro Jahr. Dafür versprechen sie Karrierechancen. Und sie haben einen „antikapitalistischen Kurs“, der rigoros durchgesetzt wird. Dagegen mögen Eltern und Kinder nicht mehr ihre Stimme erheben. Die Angst vor sozialer Bloßstellung geht um. Unentwegt geht es um Anti-Rassismus und Inklusion (an diesen exklusiven Schulen). Weiß-Sein gilt als Makel. Den Kindern wird eingebleut, sie würden „inhärent unterdrückt“.

An Highschools ist die Botschaft noch deutlicher. Den Schülern wird etwa gesagt, „wenn du weiß und männlich bist, dann sprich erst nach den anderen“. Zu Hause hören die Eltern: „Mom, ich habe gerade herausgefunden, dass ich ein Rassist bin und weiße Europäer bevorzuge.“ An den von Weiss untersuchten Schulen herrscht eine regelrechte Ideologie. Eine Mutter bekennt: „Ich möchte nicht emotional werden, aber ich fühle mich hilflos. Ich schaue mir die Schulen an und bin erschüttert. Ich kann nicht fassen, was sie all den Menschen antun. Ich bin auch verängstigt. Ich habe zu viel Angst, um laut meine Meinung zu sagen. Ich fühle mich so feige. Ich kann nur so wenig ausrichten. Es ist die Angst vor Vergeltung. … Würde es dazu führen, dass uns andere Menschen ausgrenzen? Das ist bereits geschehen.“

Kommentar W.S.: Falls der Bericht von Bari Weis auch nur annähernd stimmt, und ich kann das im vollen Umfang nicht wirklich beurteilen, dann erklärt diese pädagogische Hetze einiges an den 74 Millionen Trump-Wählern. Die Wähler nehmen quasi Rache an dem pädagogischen Terror in den Schulen. Der Teufel wird mit Beelzebub ausgetrieben.

3313: Kurt Kister wünscht sich Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin.

Sonntag, März 14th, 2021

Der ehemalige SZ-Chefredakteur Kurt Kister wünscht sich im SZ-Leitartikel vom 13./14.3.21 Annalena Baerbock (Grüne) als Kanzlerkandidatin. Er erwartet einen Grünen-Sieg in Baden-Württemberg und, weniger sicher, eine Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz. CDU und CSU sind durch die Maskenaffäre schwer beschädigt. Sie könnten im Bund unter 30 Prozent fallen. „In Baden-Württemberg zeichnen sich jene parteipolitischen Verhältnisse ab, die es in Zukunft auch im Bund geben könnte.“ Die AfD sieht Kister als eine Art Anti-Merkel-Partei (Euro-, Flüchtlings-, Energiepolitik).

„Olaf Scholz wiederum verkörpert das Dilemma der SPD: Er ist ein, für SPD-Funktionärsverhältnisse unlinker Pragmatiker und steht als solcher in einer Reihe mit seinen Kandidaten-Vorgängern

Steinbrück, Steinmeier und Schulz.

Der linke SPD-Parteivorstand um den wenig sichtbaren Norbert Walter-Borjans und die sehr hörbare Saskia Esken ist von Scholz weiter entfernt als Lafontaine damals von Schröder – mit dem Unterschied, dass Lafontaine und Schröder charismatische Vollblutpolitiker waren.“

3312: Das System Ratzinger hat versagt.

Sonntag, März 14th, 2021

Als Chef der Glaubenskongregation und als Papst hat Joseph Kardinal Ratzinger bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche versagt. Das belegt das Buch

Doris Reisinger/Christoph Röhl: Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger. München (Piper) 2021, 320 Seiten, 23 Euro

(Die Zeit 25.2.21).

3311: Wolfgang Petersen 80

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Petersens größter Film war „Das Boot“ (1981 nach einem Roman von Lothar-Günther Buchheim). Mit einem Großaufgebot an Stars: Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig, Günther Lamprecht, Jan Fedder, von denen einige hier den Karriere-Durchbruch schafften. Der Film lebte vom Mythos des deutschen U-Boot-Fahrers und schmückte diesen noch gekonnt aus. Deswegen wurde er ja ein so großer ökonomischer Erfolg. Er versöhnte die deutsche Gesellschaft mit dem Krieg. Der Film ebnete Petersen endgültig den Weg nach Hollywood. Der einzige Kritiker, der sich traute, den Film zu verreißen, war Fritz J. Raddatz (Die Zeit). Er sah in dem Film eine Trivialschnulze und einen „Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung“. Damit hatte Raddatz zwar ganz und gar recht, stand aber allein.

Wolfgang Petersen gelangen in Hollywood u.a. „Enemy mine“ (1985 mit Dennis Quaid) und „Air Force One“ (1987 mit Harrison Ford). Er konnte Kriegs- und Gewaltfilme. In seinem Spätwerk findet sich 2016 „Vier gegen die Bank“ (mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Jan Josef Liefers). Ziemlich am Anfang der Karriere des Sohns eines Mariners stand 1977 mit dem „Tatort“ „Reifezeugnis“ ein unvergesslicher Film mit Nastassja Kinski und Christian Quadflieg (nicht „Will“, wie Dietmar Dath in der FAZ, 13.3.21, schreibt. Das war der Vater von Christian, den die meisten von uns aus Gustaf Gründgens „Faust“-Film, 1962, kennen). Wolfgang Petersen wird 80 Jahre alt.

3310: Wolfgang Kohlhase 90

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Kohlhase war der bedeutendste deutsche Drehbuchautor nach 1945. Zuerst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er ist 90 Jahre alt geworden. Zuletzt hat er Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2017) in einen Film übersetzt (Matti Geschonnek). Er hatte vorher aber auch den Film nach Hermann Kants „Der Aufenthalt“ (1982) geschrieben. Kohlhase verzichtete auf die Hollywood-Schule des Drehbuchschreibens. Er gab seinen Charakteren die Zeit, sich zu erklären (z.B. in den Filmen Konrad Wolfs und Frank Beyers).

Seine Wurzeln lagen im Neo-Realismus (Vittorio de Sica, Luchino Visconti, Federico Fellini, Roberto Rossellini). Schauen wir in die Literatur, dann bei William Faulkner und Ernest Hemingway.

Wolfgang Kohlhase  ist ein Sozialist mit westlichen Wurzeln.

Er hat nie das Schicksal der „einfachen Leute“ aus den Augen verloren. „Der Ton existentieller Ratlosigkeit … ist selten in der DDR-Literatur der siebziger Jahre; und vielleicht wäre Kohlhase, wenn er ihn weiter verfeinert hätte, eine der wichtigsten schriftstellerischen Stimmen seines Landes geworden. Stattdessen blieb er der wichtigste deutsche Kinoautor.“ (Andreas Kilb, FAZ 13.3.21)

3309: Ostdeutsche lesen kaum überregionale Tageszeitungen.

Freitag, März 12th, 2021

Nach den Ergebnissen einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung lesen Ostdeutsche kaum überregionale Tageszeitungen. Produziert werden diese Blätter auch im Westen. Von der SZ werden 2,5 Prozent der Gesamtauflage im Osten verkauft (FAZ: 3,4; Spiegel 4,0; Zeit 6,0). 1989/90 waren 130 neue Blätter in Ostdeutschland auf den Markt gekommen. Sie konnten sich nicht halten. Die Berichterstattung fand mit westdeutschem Blick statt. Ist das verwunderlich?

Bis auf den heutigen Tag fühlen sich Westdeutsche als Teilnehmer des Diskurses, Ostdeutsche nicht. Deutschland ist tief gespalten. Das schlägt sich im unterschiedlichen Wahlverhalten nieder. 2021 haben wir sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Wir registrieren verstetigte (Ost-)Identitäten bei Jüngeren und ein selbstbewussteres Auftreten der Ostdeutschen. Wenn es knapp wird, könnten die Minderheiten im Osten den Ausschlag geben (Cerstin Gammelin, SZ 13.3.21).

3308: Hoffnungen von Missbrauchten werden häufig enttäuscht.

Donnerstag, März 11th, 2021

Die ehemalige Bundesfamilienministerin und nachmalige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann (SPD), hat die Ergebnisse eines Forschungsprojekts präsentiert, das sie selbst initiiert hatte. Der Filmregisseur Wim Wenders und seine Frau Donata hatten eine Kampagne mit Kino- und Fernsehspots, Flyern und Postern gestaltet: „Sprechen hilft!“. Tausende Briefe, Mails und Anrufe gingen bei der Anlaufstelle ein.

Ein Erfolg war, dass sich vor allem Frauen erstmals in ihrem Leben jemand anderem anvertraut hatten darüber, was ihnen meist Jahrzehnte zuvor und in den meisten Fällen in der eigenen Familie angetan worden war. Wer aber Unterstützung, Anerkennung oder eine angemessene Therapie erwartet hatte, wurde in der Regel enttäuscht. Christine Bergmann: „Ich war erschüttert von den Lebensgeschichten, aber auch beeindruckt von dem Mut und auch der Kraft, mit der viele Betroffene konkrete Anliegen vorbrachten, um mit ihrer Geschichte Politik und Gesellschaft zu bewegen, Kinder künftig besser zu schützen.“ (MCS, SZ 10.3.21)

3306: AfD wieder in Moskau

Dienstag, März 9th, 2021

Schon eine der Vorläuferparteien der AfD, die Deutsch-Nationale-Volkspartei (DNVP), die „Steigbügelhalter der Nazis“, war russland-freundlich. So auch die AfD. Zur Zeit ist eine kleine AfD-Delegation unter Führung der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel unter dem Motto „Modernes Russland“ in Moskau. Im Dezember befand sich eine AfD-Delegation unter dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Tino Chrupalla dort. Die AfD will ihre Beziehungen zu Moskau verbessern. Und den Covid-19-Impfstoff Sputnik V besichtigen.

Die AfD lehnt Sanktionen gegen Russland wegen der Annektion der Krim, des Kriegs in der Ukraine und des Falls Nawalny ab. Im Fall Nawalny sprach einer der leitenden Herren der AfD von „Revolvergeschichte“. Um russische Menschenrechtsverletzungen, Hackerangriffe auf den Bundestag 2015, den Auftragsmord an einem Georgier im Tiergarten 2018 kümmert die AfD sich nicht (Markus Balser, Daniel Brössler, SZ 9.3.21).

Wir haben also neben dem Russland-Lobbyisten Gerhard Schröder (SPD) ein zweites russlandfreundliches Standbein in Deutschland.

3305: Wer darf Amanda Gorman übersetzen ?

Dienstag, März 9th, 2021

Weltberühmt wurde die junge schwarze US-Lyrikerin

Amanda Gorman,

als sie bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug. Sie lieferte damit einen substanziellen Beitrag zum Ende der faschistoiden Ära Trump. In Deutschland ist ein dreiköpfiges Übersetzerinnen-Team dabei, im Auftrag des Verlags Hoffmann und Campe das Gedicht zu übersetzen.

In den Niederlanden, die generell offener und wagemutiger sind als andere westliche Staaten, hatte der Verlag Meulenhoff in Absprache mit Gorman, der Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld, 29, die Übersetzung anvertraut. Sie ist weiß und „non-binär“. Daraufhin hatte Rijneveld begeistert getwittert „Prachtig nieuws“. Drei Tage später kritisierte die schwarze niederländische Journalistin Janice Deul in der Zeitung „De Volkskrant“ diese Wahl und fragte, warum man nicht eine junge, weibliche und „unapologetically black“ Person für die Übersetzung gewonnen hatte. Daraufhin gab Rijneveld ihren Übersetzungsauftrag „schockiert“ zurück und zeigte Verständnis für die Kritik.

Ein Skandal?

Auf jeden fall ein Beispiel für Cancel Culture, in dem der Autorin das Recht abgesprochen wird, selbst zu entscheiden, wer ihre Texte übersetzen soll. Die SZ sprach von „Entmündigung“. „Von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen. Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – angefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden.“

Einmal abgesehen davon – und das wissen wir Literaturliebhaber ganz genau –

dass Lyrik überhaupt nicht übersetzbar ist,

stellt jede Übertragung in eine andere Sprache ein Wagnis dar. Marieke Lucas Rijneveld hat ihre Beweggründe jetzt in ein Gedicht verwandelt, das die FAZ publiziert hat. Früher schon gab es ähnliche Projekte, etwa da, wo Miriam Mandelkow (in den Niederlanden geboren, weiß, non-binär) James Baldwins Werke für Deutsche verständlich ins Deutsche übersetzt hatte. „Eine Übersetzung ist nie identisch mit dem Original. Sie bleibt Text.“ (Tobias Rüther, FAS 7.3.21)

3304: Giovanni di Lorenzo: Zur Lage der Mainstream-Medien

Montag, März 8th, 2021

Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, ist zu Recht dankbar und stolz, dass sein Blatt im Jahr seines 75-jährigen Bestehens die höchste Auflage seiner Geschichte hat. Eine Ausnahme im Meer der krisengeschüttelten Mainstream-Medien, in dem überall Auflagen und Einnahmen wegbrechen. Di Lorenzo hat selber große Verdienste daran. Ich habe ihn schon in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Vortragsredner in der politischen Akademie Tutzing erlebt.

Natürlich verweist er nochmals darauf, dass und wie Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Chefredakteurin, Mitte der fünfziger Jahre den deutsch-nationalen Geist des damaligen Chefredakteurs Richard Tüngel überwunden hat. Das Blatt steuerte von da an einen liberalen Kurs, der darin bestand, „abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik am Bestehenden nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.“

Worauf di Lorenzo aber auch hinweist, und dies ist sein größtes Verdienst in diesem Beitrag, ist die Tatsache, dass Journalisten zwar in Russland und auf Malta mit ihrer Ermordung rechnen müssen, aber auch bei uns Journalisten drangsaliert und bedroht werden. Als Beispiel wählt di Lorenzo verdienstvollerweise leitende Redakteure und Kollegen der Springer-Presse, die von links bedroht werden. „Die Journalisten dort und auch ihre Wohnungen und Häuser müssen immer wieder gesichert werden, und der Chefredakteure der ‚Bild‘-Zeitung wird sogar in einer gepanzerten Limousine gefahren.“

Worauf Giovanni di Lorenzo aber hinauswill, und dies überzeugt vollkommen, ist die Kritik an der Herrschaft der

Identitätspolitik

auch im Journalismus. Er verweist auf einen Shitstorm, den eine weiße Kolumnistin der „New York Times“ auf sich gezogen hatte, weil sie zwei Frauen mit asiatischen Wurzeln kritisiert hatte. Di Lorenzo weist hin auf den weltberühmten US-Basketballer, der sich nicht getraut hatte, einen ergreifenden Nachruf auf einen schwarzen Kollegen in der „Zeit“ zu veröffentlichen, weil der schwarz war. Und er gibt das Beispiel des berühmten Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil wieder von der „New York Times“. Der hatte irgendwann auf einer Schülerreise seiner Zeitung vor Jahren das N-Wort zitiert. „Dagegen liefen aber nicht irgendwelche repressiven Mächte aus Politik, Wirtschaft oder Kirche Sturm, sondern 150 der weit über tausend Angestellten der Zeitung. Chefredakteur und Herausgeber der NYT knickten ein und drängten McNeil nach 45 Jahren aus der Redaktion.“ (Giovanni di Lorenzo, Die Zeit 25.2.21).