Archive for the ‘Wirtschafts- und Finanzpolitik’ Category

698: Die Kirchsteuern steigen seit 2010.

Mittwoch, Oktober 15th, 2014

2014 steigen die Kirchsteuern nochmals an. Etwa um vier bis fünf Prozent (Markus Günther, FAS 5.10.14). Wie schon in den Rekordjahren 2012 und 2013. Die katholische Kirche wird erstmals mehr als fünf Milliarden Euro einnehmen, beide Kirchen zusammen knapp elf Milliarden. Grund dafür ist die konjunkturelle Entwicklung. Steigt das Aufkommen der Lohn-, Einkommens- und Kapitalertragssteuer, steigt das Kirchensteueraufkommen automatisch mit. Allein seit 2010 sind die Kirchensteuereinnahmen um mehr als 17 Prozent gestiegen, seit 2005 sogar um 43 Prozent.

Ich finde das System der Kirchsteuern gut und für die Kirchen beruhigend.

Durch die demografische Entwicklung und die hohe Zahl der Austritte, die partiell durch eine Veränderung in der Besteuerung hervorgerufen worden ist, sind die Kirchen trotzdem gezwungen, verstärkt Rückstellungen zu bilden, u.a. für Ruhestandsbezüge für die Mitarbeiter. Dazu der Münchener Erzbischof Kardinal Marx: „Man muss dabei immer bedenken, dass wir nicht wie die öffentlichen Haushalte Schulden machen können, sondern durch Rücklagen auf schlechtere Zeiten vorbereitet sein müssen.“

Die Zahl der Gottesdienstbesucher sank seit 2010 um 17 Prozent. Ob noch genügend seelsogerlicher Schwung da ist, steht dahin. Aber in den sozialen Diensten sind die Kirchen in Deutschland beinahe vorbildlich, besonders in der Altenarbeit.

686: USA: es regiert die Lobby, die den nächsten Wahlkampf finanziert.

Mittwoch, Oktober 8th, 2014

Den Menschen in den USA geht es schlecht. Das arbeitet der Pulitzerpreisträger und Starreporter des „New Yorker“, George Packer, in seinem neuen Buch heraus:

Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2014, 510 S., 24,99 Euro.

Vorgestellt werden zwei Städte (Tampa, Florida, und Youngstown, Ohio) und 13 Individuen aus allen Schichten, Altersgruppen und Landesteilen (Bernd Greiner, SZ 7.10.14).

Vorherrschend bei der Verfolgung des amerikanischen Traums ist der Selbstbetrug am Rande der Würdelosigkeit. Keine andere hochentwickelte Industrienation ist derart unfähig, mit den Schockwellen von Industrie- und Finanzkrisen umzugehen. Mittelklassefamilien kämpfen um ihren Status quo. Die Familie der Gründer von „Walmart“ besitzt so viel Geld wie die unteren 30 Prozent der US-Amerikaner. Die Institutionen, Gesetze und Normen, die zwischen den 30er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts den US-Kapitalismus halbwegs sozialverträglich gemacht hatten, wurden vorsätzlich zerstört. Es regieren Finanzmagnaten, die anderswo Oligarchen genannt würden. 1971 gab es 175 registrierte Lobbyfirmen, heute sind es 14.000. Sie führen Interessenvertreter und Politiker zusammen und verbinden sie mit dem Klebstoff der Parteienspende.

„Eine Großmacht, die ihren Kompass für eine Politik sozialer Gerechtigkeit über Bord wirft, nimmt auch den Rest der Welt für die Kosten dieser Fahrlässigkeit in Haftung.“

Sollen wir mit einem solchen Staat wie den USA ein Freihandelsabkommen schließen ?

678: Jeremy Rifkins neue Weltordnung

Freitag, September 26th, 2014

Der berühmte US-Ökonom Jeremy Rifkin, 69, hat eine neue Weltordnung für sich und uns entdeckt. Der Kapitalismus habe sich zu Tode gesiegt. Guido Bohsem und Claus Hulverscheidt haben ihn für die SZ (16.9.14) interviewt. Ihre Fragen drucke ich hier nicht ab, weil Rifkin stets im Monolog spricht und kaum auf die Fragen eingeht.

Rifkin: „Worauf Sie doch hinauswollen, ist die Frage, ob eine Gesellschaft des Teilens funktionieren kann. Ich sage: Ja, denn die Mentalität der Menschen ändert sich. Die Gesellschaft des Teilens ist die erste echte wirtschaftliche Revolution seit der Entstehung des Kapitalismus. Noch ist sie nur schemenhaft zu erkennen, noch verschwimmen die Grenzen zwischen dem alten und dem neuen System, aber sie wird kommen. Was völlig neu ist: Viele Dinge lassen sich heute von Grenzkosten nahezu null produzieren. Das bedeutet: Zieht man die festen Kosten ab, kostet die Herstellung der jeweils nächsten Einheit praktisch nichts …

Niemand hat sich das vorstellen können, dass der Wettlauf um höhere Produktivität einmal so weit gehen würde, dass Güter und Dienstleistungen am Ende Grenzkosten nahe null verursachen – und damit auch der Verkaufspreis bei nahe null liegt. Das hat gewaltige Folgen, denn das bedeutet de facto, dass sich der Kapitalismus zu Tode gesiegt hat. … Im 21. Jahrhundert werden sich das Kommunikationsinternet, ein völlig neues Energienetz und das gerade entstehende GPS-gestützte, zunehmend fahrerlose Logistiknetz zu einem neuen Super-Internet verbinden, dem ‚Internet der Dinge‘. …

Sehen Sie sich doch die Entwicklung seit Erfindung der Musik-Tauschbörse Napster Anfang des vergangenen Jahrzehnts an. Mit Musikstücken, Zeitungen, Büchern, klassischem Fernsehen und solchen Dingen werden sie nie wieder Geld verdienen können. Hunderte Millionen junger Menschen teilen heute ihre Musik, laden ihre eigenen Videos hoch, schreiben unentgeltlich Blogs – all das Grenzkosten nahe null. Und es geht weiter: Neuerdings gibt es Millionen Studenten, die nicht mehr zur Universität gehen, sondern unter der Anleitung renommierter Professoren in kostenlosen sogenannten Online-Massenseminaren lernen. …

Zunächst einmal haben wir es Google, Facebook und Twitter zu verdanken, dass wir heute weltweit Informationen praktisch kostenlos austauschen können. Aber wir zahlen dafür einen Preis: Sie haben unsere Daten. … Wir brauchen auf Dauer so etwas wie eine weltweit tätige Regierungsbehörde. Dagegen werden sich die Unternehmen wehren, aber ich bin zuversichtlich: Auch die Plattenfirmen haben sich mit Macht gegen die Zerbröselung ihres Geschäftsmodells gestemmt – und dennoch verloren. …

Uber (das neue Taxi-Unternehmen, W.S.) sieht auf den ersten Blick aus wie der Inbegriff des kapitalistischen Weltkonzerns. Aber glauben Sie mir: Das Gegenteil wird der Fall sein. Es ist nämlich nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen, die heute für Uber fahren, keine Lust mehr haben, einen Teil ihres Geldes in die USA zu überweisen. Was also werden sie tun? Sie werden ein eigenes Netz aufbauen. Das ist doch überhaupt kein Problem. Die Technik ist da, GPS ist da, Bankkredite sind da. Ich weiß, dass solche Gespräche in Berlin, in Hamburg und anderswo längst laufen.

Der Kapitalismus wird ja in manchen Bereichen weiterexistieren. Und es wird auch weiter Beschäftigung geben. Auch wenn jemand in einer gemeinnützigen Organisatioin wie etwa einer Schule Geld verdient, muss er weiter Einkommensteuer zahlen.

…“

658: Sündenbock Energiewende

Dienstag, August 26th, 2014

Der Bundesrechnungshof hat der Bundesregierung bescheinigt, dass sie die Energiewende schlecht managt. Und wenn Unternehmen wie Eon, die ihre kleinen Stromkunden schlecht behandeln, deren hohe Kosten beklagen, so ist das meistens nichts anderes, als der Versuch, weitere Subventionen von der Politik zu erpressen, wie Claudia Kemfert (SZ 5.8.14) zeigt. Die Wissenschaftlerin leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Seit den Neunzigerjahren beschäftigt sie sich mit den volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels.

Im Durchschnit machen die Stromkosten etwa drei (3) Prozent des Unternehmensumsatzes aus. Die Unternehmen mit hohen Energiekosten sind von allen politisch motivierten Zahlungen ausgenommen: der Ökosteuer, dem Emissionsrechtehandel, den Zahlungen nach dem EEG. Unternehmen gehen ins Ausland vor allem, weil dort manchmal niedrigere Steuern winken oder weil die zentralen Absatzmärkte nicht mehr in Deutschland oder Europa liegen.

„Wir wissen seit einem halben Jahrhundert, dass das fossile Zeitalter seinem Ende zugeht. Eben darum suchen wir ja nach neuen Energiequellen. Das Beste an den erneuerbaren Energien ist, dass ihre Preiskurve nicht wie beim Öl und Gas zwangsläufig nach oben geht, sondern seit vielen Jahren rapide sinkt.Energie aus Wasser, Wind, Sonne und Biogas wird immer billiger, je mehr wir davon produzieren.“

Eine Firma, die besonders laut klagt, ist BASF. Dabei ist sie selbst mitverantwortlich für die hohen Preise für Gas. „Der Konzern aus Ludwigshafen ist nämlich am North-Stream-Konsortium beteiligt, jener Ostsee-Pipeline, durch die Gas von Russland nach Deutschland transportiert wird. Um den kostspieleigen Bau der Pipeline für Investoren lukrativ zu machen, haben die wirtschaftlich Beteiligten mit den Abnehmern auf einen sehr langen Zeitraum Verträge geschlossen. Darin festgelegt: die Gaspreise! Diese heute als ‚zu teuer‘ zu brandmarken, ist zwar richtig; nur die Ursache liegt eben nicht in der Energiewende.“

Die Energiekonzerne hatten einfach nicht damit gerechnet, dass die erneuerbaren Energien so schnell eine relevante Marktkraft werden würden. Sie übernehmen heute einen nicht geringen Teil der Grundsicherung. Gesetzlich ist aber vorgesehen, dass fossile Kraftwerke nicht abgeregelt werden, sondern Tag und Nacht ohne Drosselung durchlaufen. Das führt zu einem massiven Strom-Angebotsüberschuss, gerade wenn viel Sonne und Wind da sind.

In den „Kapazitätsmärkten“, die eine Regulierung zugunsten fossiler Energien bedeuten, sieht Kemfert keine Lösung. „Statt an der Börse endlich die notwendigen Preissignale für eine zukunftsgewandte Energieversorgung zu ermöglichen, würden die erneuerbaren Energien erneut behindert – und das alles nur, weil sich Opa Kohle an den Steuergeld-Tropf hängt und gegen den frischen Wind der Energieenkel stänkert.“

642: Argentinien – Staatsbankrott und Soja-Terror

Sonntag, Juli 20th, 2014

Wir deutschen Fußballfans kennen den argentinischen Fußball natürlich gut. Die bekannten und erfolgreichen Klubs wie

Boca Juniors, Velez Sarsfield, River Plate, Independiente, San Lorenzo, Estudiantes de la Plata (um nur einige zu nennen).

Auch die erfolgreichen Fußball-Generationen

1958 mit Angel Labruna (Corbatta schoss damals beim 1:3 gegen Deutschland in Schweden in den ersten Sekunden ein Ausnahmetor.),

1978 die Weltmeister um Mario Kempes,

in den achtziger und neunziger Jahren (des 20. Jahrhunderts) die Teams um Diego Maradona,

heute die Mannschaft mit Lionel Messi, die im Endspiel in Rio nur knapp gegen Deutschland verloren hat. Aber damit wird Argentinien leicht fertig.

Viel schwerwiegender ist die Tatsache, dass Argentinien vermutlich vor der zweiten Staatspleite innerhalb von zwanzig Jahren steht. 2005 wurden dem Land von seinen 81,80 Milliarden Dollar Schulden 43,4 Prozent erlassen. Eine Mehrheit der Besitzer von Staatsanleihen verzichtete auf ihre Forderungen. Aber ein Teil der Anleihen wurde von Hedgefonds gekauft, die nicht auf ihre Forderungen verzichten. Es geht um einen dreistelligen Milliardenbetrag. Falls Argentinien den nicht binnen 30 Tagen überweist, ist der nächste Staatsbankrott da (Mark Schieritz, Die Zeit 3.7.14).

Noch schlimmer ist es, dass auch in Ansätzen kein Konzept erkennbar ist, mit dem Argentinien seine wirtschaftlichen Probleme lösen will. Und da kommen auch wir Europäer ins Spiel. Denn ohne das aus Argentinien stammende Soja, mit dem Mastfleisch produziert wird, wären bei uns die Kühlregale nicht so voll. Der Soja-Export ist der wichtigste Devisenbringer für Argentinien.

Das führt zu blutigen Landkonflikten und enthemmter Gewalt, zu Morden und Gruppenvergewaltigungen. Etwa im weiten Nordwesten des Landes um die Stadt Inginiero Suarez. Die Leidtragenden sind die dort ansässigen indigenen Völker. Es gibt den Satz „Vamos a chinear“, wenn Weiße Indianermädchen suchen, gehen wir „chinesen“. Denn im rassistischen Slang der Region  heißen indigene Frauen „Chinesinnen“.

Der industrielle Soja-Anbau zerstört die Lebensgrundlagen der indigenen Völker, das Buschland. Es war früher das Weideland für hunderttausend Rinder. Das Land ist heute eine riesige Eiweißfutterfabrik. Einige wenige Bauern sind Millionäre geworden. Argentinien ist auf den Soja-Export angewiesen; denn nur damit können die Devisenreserven auf knapp unter 30 Milliarden Dollar gehalten werden. Partner bei der Ausbeutung des Landes sind Agrokonzerne wie Monsanto und Bayer. Alle verdienen an Soja.

Das soziale Gefüge Argentiniens geht aus den Fugen. Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“, die immerhin Erfahrungen aus Ruanda haben, berichten, dass nirgendwo solche Verheerungen herrschen wie in Argentinien (Kriminalität, Analphabetismus, Kindersterblichkeit etc.). Die Menschen sind den Funktionären in den Kommunen und Provinzverwaltungen hilflos ausgesetzt (Stefan Biskamp, Die Welt 19.7.14).

Da hätte auch der Weltmeistertitel nichts geholfen.

639: Schwellenländer emanzipieren sich.

Freitag, Juli 18th, 2014

Brasilien,

Russland,

Indien,

China und

Südafrika

sind wirtschaftlich Schwellenländer. In ihnen wohnt die Hälfte der Weltbevölkerung. Teilweise verfügen sie in den letzten Jahren über gute Wachstumsraten. Nun wollen sie sich von der Dominanz des Westens befreien (Alexander Hagelüken, SZ 18.7.14). Denn bisher beherrschen die USA und Europa den Internationalen Währungsfond (IWF) und die Weltbank.

Die Schwellenländer gründen einen Mini-Währungsfonds und eine Entwicklungsbank. Das ist nur folgerichtig. Denn sie wollen sich nicht mehr wie bisher vom Westen herumschubsen lassen. Und warum sollte der Dollar automatisch die Welt-Leitwährung sein? Bisher konnten sich deswegen die USA verschulden ohne Rücksicht auf jede Vernunft, weil alle trotzdem Dollar-Wertpapiere kaufen mussten.

Das ist eine Herausforderung für den Westen. Aber er kann sie bestehen. Ja, sogar weiter teilhaben an einer gedeihlichen Entwicklung der Weltwirtschaft. Davon profitiert nicht zuletzt Deutschland. Aber dafür müssen die Schwellenländer als gleichwertige Partner anerkannt werden. Wenn der Westen den Freihandel ausbauen will, wofür vieles spricht, muss er bereit sein, den Schutzwall vor seinen Bauern zu opfern und in der Landwirtschaft Wettbewerb zuzulassen.

Es wäre ein Leichtes, darauf hinzuweisen, dass China und Russland Diktaturen sind und Südafrika irgendetwas zwischen Demokratie und Diktatur. Und natürlich haben wir angesichts der Fußball-Weltmeisterschaft die soziale Ungerechtigkeit in Brasilien wahrgenommen – vorsichtig formuliert. Aber das hilft nicht viel weiter. Worauf es für den Westen ankommt, ist, zu seinen Werten wie den Menschenrechten, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit zu stehen. Folter in Guantanamo und die totale Ausspähung der Verbündeten durch den NSA passen dazu nicht.

628: Seehofers Schwitzkasten

Montag, Juli 7th, 2014

Bei der Durchführung der PKW-Maut will Horst Seehofer (CSU) niemand „aus dem Schwitzkasten“ lassen (Nico Fried, Daniela Kuhr, Mike Symanski SZ 7.7.14). Gemeint sind CDU und SPD.

Die Dobrindt-Maut (ab 1.1.2016) soll für alle Straßen gelten. Die Zehn-Tages-Vignette kostet zehn Euro, die Zwei-Monats-Vignette 20. Für die Jahresvignette wird ein Preis nach Motorgröße und Umweltfreundlichkeit erhoben. Die Kosten dafür können von 20 bis 150 Euro reichen. Zudem ist eine umfassende Reform der Kfz-Steuer geplant, damit die Vorgabe aus dem Koalitionsvertrag eingehalten wird, wonach kein deutscher Autofahrer durch die Maut zusätzlich belastet werden darf. Inländischen Autofahrern soll die Vignette automatisch per Post zugesandt werden, Ausländer können sie über das Internet oder bei grenznahen Tankstellen erwerben.

Minister Alexander Dobrindt (CSU) erwartet, dass die PKW-Maut für Ausländer nach Abzug der Kosten jährlich gut 600 Millionen Euro erbringt.

621: Intelligente Maut ?

Mittwoch, Juli 2nd, 2014

Die Pkw-Maut in Deutschland ist ein populistisches Projekt. Von Horst Seehofer, der anscheinend die Niederländer und Österreicher bestrafen will, die im Sommer auf Bayerns Autobahnen unterwegs sind. Minister Dobrindt soll das Projekt exekutieren. Ob das klappt?

Ich fühle mich bei diesem Thema als Experte, weil ich seit 1979 fast jedes Jahr in Italien die Autobahn benutze und seit 1993 in Frankreich. Dort haben wir die Maut. Aber sie wird von allen entrichtet, von Ausländern und Italienern bzw. Franzosen.

Ulrich Schäfer hat sich Gedanken über eine intelligente Maut gemacht (SZ 1.7.14).

„Eine kluge, intelligente Maut sieht anders aus: Sie darf nicht allein das Ziel haben, möglichst sanft umzuverteilen. Sondern sie sollte erstens die Kosten des Autoverkehrs – also die Kosten des Straßenbaus, aber auch die Umweltbelastung, die durchs Fahren entsteht – jenen auferlegen, die sie verursachen. Sie sollte zweitens dazu führen, dass mehr Bürger überlegen, ob sie sich mit ihrem Auto in den täglichen Stau und Verkehrswahnsinn einreihen. Oder ob sie sich nicht eine umweltfreundliche Alternative suchen: den Bus, die Bahn, die Mitfahrgelegenheit. Und, ja: am Ende auch das Fahrrad.

Solch eine maßvolle, verursachergerechte Maut müsste streckenabhängig erhoben werden, so wie es deutsche Urlauber aus Frankreich und Italien kennen – und so wie es für Lkws auf deutschen Autobahnen seit Jahren üblich ist. Solch eine Maut müsste elektronisch erhoben werden, nicht per Zettel- und Bargeldwirtschaft an riesigen Mautstationen. Sie müsste also ähnlich wie eine elektronische City-Maut funktionieren, die immer mehr Metropolen in der Welt einführen, um den Drang der Autofahrer in verstopfte und von Lärm und Abgasen geplagte Innenstädte einzudämmen. Und, ja: Solch eine Maut könnte man in Deutschland – in einem zweiten Schritt – auch als City-Maut in Großstädten einführen.“

617: Silvio Gesell (1862-1930) und die Freiwirtschaftslehre

Montag, Juni 30th, 2014

Es ist verständlich, dass in Zeiten niedrigen Zinses die Lehren des Autodidakten und Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930) wieder in den Blick geraten. Seine Lehre von der Freiwirtschaft findet heute noch Beachtung, war aber z.B. auch unter Nazis verbreitet (Christian Siebenbiedel, FAS 29.6.14).

Gesell stammte aus dem Teil der Eifel, der damals preußisch war, heute belgisch ist. Weil ein Studium nicht zu finanzieren war, wurde Gesell Kaufmann in Berlin. Später in der Schweiz, wo er auch als Bauer und Bienenzüchter arbeitete, und in Argentinien, wo er es als Importeur zu einigem Wohlstand brachte. Aber nur bis zur Wirtschaftskrise 1890. 1919 war Gesell Finanzminister der Räterepublik in München, aber nur ein paar Tage. In einem Hochverratsprozess wurde er freigesprochen. Erich Mühsam prophezeite in seinem Nachruf 1930, dass die Welt Silvio Gesell noch einmal stärker folgen würde, als es seinerzeit schon möglich war. Silvio Gesell beruft sich in seiner Lehre auf Max Stirner und Friedrich Nietzsche.

Gesell unterscheidet zwei Funktionen des Geldes, die als

Tauschmittel

und die als

Hortungsmittel.

Horten von Geld ist nach Gesell von Übel, weil damit der Gesellschaft Finanzierungsmöglichkeiten und Wachstum entzogen würden. Silvio Gesell schlug vor, Bargeld zu erfinden, das im Lauf der Zeit an Wert verliert. Dysfunktional war nach Gesell vor allem der Zins. Er führe zu falscher Vermögensverteilung. Dies behauptet gegenwärtig ja auch der französische Star-Ökonom Thomas Piketty. Bei Silvio Gesell sollten Banknoten ein Verfallsdatum bekommen und regelmäßig einen Teil ihres Nennwerts verlieren. Diese Lehre verfocht Gesell, der auch sehr viele kleine Broschüren zu seinen Themen veröffentlichte, in seinem Hauptwerk

„Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ 1916.

Zur Begründung seiner Theorie bezog sich Silvio Gesell auf die „Natur“, in der zwar die Bienen und die Hamster sparten, wo von Zinsen aber weit und breit nichts zu sehen sei.

Nach Gesells Tod 1930, der auch in verschiedenen Kommunen bei Berlin gelebt hatte, brachte John Maynard Keynes, der große Ökonom, seine Erwartung zum Ausdruck, dass die Ökonomen mehr von Gesell als von Marx lernen würden. Mit der These von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ beriefen sich viele Nazis auf Silvio Gesell. Ihre Kritik am Zins war antisemitisch.

Wenn der marxistische Ökonom Elmar Altvater die Lehre von Silvio Gesell als „strukturell antisemitisch“ beschreibt, so ist das nicht ganz von der Hand zu weisen, aber stark zugespitzt. Antisemitische Passagen gibt es bei Gesell nur in frühen Schriften.

In zwei Punkten verdient Silvio Gesell Kritik:

1. Seine Bezugnahme auf die „Natur“ ist inhaltsleer bzw. beliebig; denn unter Berufung auf die „Natur“ kann quasi alles begründet und gerechtfertrigt werden. Die menschliche Gesellschaft ist aber „Kultur“, beruht also auf menschlichen Vereinbarungen.

2. Gesell verkennt die Produktivität des Kapitalismus, zu der auch Zinsen und Zinseszinsen beitragen, was Karl Marx durchaus anerkannt hatte. Wir dürfen den Kapitalismus nur nicht frei laufen lassen. Dann gäbe es z.B. keine Finanztransaktionssteuer. Der Kapitalismus muss sozialstaatlich gebändigt werden („Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Art. 20, 1 GG).

608: EU-Austritt Großbritanniens wäre der falsche Schritt.

Sonntag, Juni 22nd, 2014

Die Briten benehmen sich im Hinblick auf die EU häufig wie Querulanten. Und Premierminister Cameron ist nicht in der Lage, seine Landsleute von der EU zu überzeugen. Falls er das überhaupt versucht. Vielmehr wird offen mit dem EU-Austritt gedroht. Die Unternehmen in Deutschland und im Vereinigten Königreich wissen allerdings, dass ein Austritt für alle Seiten negative Folgen hätte. In Europa sind Stimmen zu vernehmen, die erwarten, dass ein Herauslösen des Finanzplatzes London aus Europa sogar positiv auf andere europäische Finanzplätze wirken würde.

So verständlich die UK-kritischen Stimmen sind, so zielen sie nicht in die richtige Richtung. Denn schon jetzt trifft die Finanztransaktionssteuer in Europa überwiegend auf Zustimmung, obwohl die Briten Mitglied der Gemeinschaft sind. Gerade die Deutschen sollten alles tun, damit Großbritannien in der EU verbleibt. Je mehr eine Nation vom Außenhandel abhängt, desto höher sind die Freihandelsgewinne. Handelshemmnisse für London bringen Europa nichts. Europa lebt von der Vielfalt. Und Deutschland ist davon der Profiteur.