Archive for the ‘Philosophie’ Category

3188: SPD – verteidigungspolitisch verlässlich ?

Montag, Dezember 21st, 2020

Seit zehn Jahren wird in Deutschland die Debatte über die Bewaffnung von Drohnen geführt. 2022 soll die Bundeswehr die israelische Drohne Heron TP bekommen, die bewaffnet werden kann. Nun haben der SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans und der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich weiteren Diskussionsbedarf angemeldet. Daraufhin trat der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Fritz Felgentreu, zurück. Er befürwortet zum Schutz der Soldaten die Bewaffnung der Drohnen. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Wolfgang Hellmich (SPD), betonte, dass bewaffnete Drohnen dazu beitragen könnten, versehentliche Angriffe auf Zivilisten zu vermeiden, weil sie langsamer flögen als Kampfflugzeuge.

Der SPD-Kanzlerkandidat, Olaf Scholz, verteidigte den Aufschub der politischen Entscheidung. Es gehe darum zu erkunden, wie bewaffnete Drohnen in den letzten Jahren, auch von befreundeten Ländern, genutzt worden seien. Er verlangte eine breite öffentliche Debatte. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kritisierte das scharf. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Nils Schmidt, hat sich für die Bewaffnung der Drohnen ausgesprochen. „Mit den Einsatz-Richtlinien haben wir einen Gold-Standard vorgelegt, hinter dem keine Bundesregierung zurückbleiben kann.“

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat sich für die Bewaffnung von Drohnen ausgesprochen, vor allem für den Schutz von Soldaten. „Wenn es Material gibt, das zum Schutz deutscher Soldaten und Soldatinnen im Ausland wirklich erforderlich ist, sollte man es den Soldaten auch zur Verfügung stellen.“

Die heftigste Kritik an der SPD-Parteiführung übte der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Er sehe den „Versuch einer taktischen Vertagung des Themas nach den kommenden Bundestagswahlen“. „Diese Art präventiver innerparteilicher Wundversorgung soll gewiss auch die herbeigeträumte Koalition mit der Partei Die Linke erleichtern.“ (Daniel Brössler, SZ 21.12.20)

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

3187: AfD: Der Verschwörungsglaube wächst.

Sonntag, Dezember 20th, 2020

1. Der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla betonte öffentlich, dass er die Corona-Regeln, die sich Bund und Länder gegeben haben, nicht beachten will.

2. Die AfD tut alles, um die Lage zu verschärfen.

3. Derzeit gibt es zehn (10) Corona-Fälle in der AfD-Bundestags-Fraktion.

4. Der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz liegt mit Corona im Krankenhaus.

5. Das Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft hat in einer Studie gezeigt, dass es dort besonders viel Corona-Infizierte gibt, wo viele Menschen AfD wählen.

6. 24 Prozent der AfD-Anhänger sind der Meinung, „es handle sich bei der Corona-Pandemie um eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen“. Weitere 41 Prozent halten dies für wahrscheinlich. Diese Zahlen sind bei den anderen Parteien viel geringer.

7. AfD-Anhänger misstrauen grundsätzlich Informationen von nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden.

8. Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Grosse-Brömer, sagt: „Das Verhalten der AfD-Fraktion während der Pandemie ist leider bezeichnend für ihre gesamte parlamentarische Arbeit. Sie ist nicht ernsthaft an Lösungen interessiert und betreibt Miesmacherei. In der gegenwärtigen Lage spielen die AfD-Abgeordneten die Gefahren durch das Virus herunter und gefährden durch ihr konkretes Verhalten andere Kollegen und leider auch die Mitarbeiter im Bundestag. Das ist unverantwortlich.“

9. Der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider sagt: „Die AfD ist nicht nur ein Sammelbecken für Rechtsextremisten, sondern auch für Corona-Leugner und Impfgegner. Ihr Verhalten im Bundestag grenzt an Körperverletzung. Es ist menschlich unanständig und stößt mich ab.“

10. Der parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte, stellt sich die Frage, „welchen Anteil die AfD mit diesem verantwortungslosen, teils öffentlich zur Schau getragenen Verhalten daran hat, dass wir jetzt in den zweiten Shutdown gehen müssen“. (Markus Decker, FR 19./20.12.20; phil., FAS 20.12.20).

3186: 2030: 65 Prozent Strom aus Sonne und Wind

Samstag, Dezember 19th, 2020

Der Bundesrat hat die Veränderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) beschlossen. Der Anteil des Stroms aus Sonne und Wind soll bis 2030 65 Prozent betragen. Dazu erhalten die Standortgemeinden künftig 0,2 Cent je eingespeister Kilowattstunde. Sie sollen auch stärker von der Gewerbesteuer profitieren. So könnte die Akzeptanz für neue Windkraftanalgen gesteigert werden. Solaranlagen zur Eigenversorgung mit weniger als 30 Kilowatt Leistung werden von der EEG-Umlage befreit (mas, FAZ 19.12.20).

Das geht in die richtige Richtung.

3185: Schwedens König: „Wir haben versagt.“

Freitag, Dezember 18th, 2020

In einer Weihnachts-Ansprache im Fernsehen an die Nation hat der schwedische König Carl XVI. Gustaf erklärt, dass sein Land in der Bekämpfung der Corona-Pandemie versagt habe. Die schwedische Corona-Strategie sei „gescheitert“. Er beklagte die „hohe Zahl von Toten, und das ist schrecklich“ (Kai Strittmatter, SZ 18.12.20).

3184: Russland darf nicht an Olympischen Spielen und Fußball-WM teilnehmen.

Freitag, Dezember 18th, 2020

Wegen Staats-Dopings darf Russland nicht an den Olympischen Spielen in Tokio 2021 und an der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 teilnehmen. Das entschied der Internationale Sportgerichtshof Cas. Er halbierte damit die Ende 2019 von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verhängte Strafe. Russische Sportler dürfen unter bestimmten Bedingungen als „neutrale Athleten“ starten (sid, SZ 18.12.20).

3183: Ludwig van Beethoven 250

Freitag, Dezember 18th, 2020

Ludwig van Beethoven ist 1770 geboren. Getauft wurde er am 17. Dezember. Er gilt als der überragende Vollender der Klassik und Wegbereiter der Moderne. Reinhard Brembeck (SZ 17.12.20) sieht in Beethovens Musik das Zerbrechen der Sicherheit in der Welt und die Behauptung ihrer Unversehrtheit.

„Das bei ihm oft brutale Zerbrechen, Durchbrechen, Stauchen und Überladen alter und ausgedienter Formen zeigt einen Komponisten, der auf die Zerfallserscheinungen in der Politik, Religion, Philosophie, Gesellschaft reagiert.“

„Die Zerstörungen der Französischen Revolution, vorbereitet durch die Aufklärung, aber ließen kein naives Leben mehr zu. Religion, Liebe und Gesellschaftsordnung waren angezählt. Beethoven konnte nur durch kompositorische Gewaltakte und gegen besseres Wissen ihre Unversehrtheit behaupten. Zeugen dieses später als idealistisch verklärten Ringens sind die Oper

‚Fidelio‘,

die Missa Solemnis und

die Neunte Sinfonie,

allesamt Riesenunternehmungen, deren Zwanghaftigkeit Interpreten, Musiker wie Philosophen vor unlösbare Probleme stellen. Diese Stücke überwältigen durch Kraft und geben eine idealisierte Wirklichkeit als real aus. Ein Hauch von kompositorischer Falschmünzerei ist unüberhörbar.“

3181: Die Kölner Silvesternacht 2015

Mittwoch, Dezember 16th, 2020

Heike Haarhof hat 2020 in Bochum über die Berichterstattung zur Kölner Silvesternacht 2015 promoviert. In der taz (12./13.12.20) fasst sie ihre Ergebnisse zusammen:

1. Untersucht wurden 1.075 Artikel aus den sechs überregionalen Zeitungen „Neues Deutschland“, „taz“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Bild“ und den fünf Regionalzeitungen „Kölner Stadtanzeiger“, „Kölnische Rundschau“, „Express“, „Rheinische Post“, „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“.

2. Die Täter vor dem und im Kölner Hauptbahnhof waren vorzüglich aus dem nordafrikanisch/arabischen Raum stammende junge Männer, die weithin unter Alkohol und Drogen standen, enthemmt und krawallbereit waren.

3. Unter den Augen einer unterbesetzten und heillos desorganisierten Kölner Polizei beklauten und schikanierten sie Passanten und Feiernde. Und sie belästigten hunderte von Frauen sexuell.

4. Den Journalisten, die darüber berichteten, wurden vorzugsweise zwei Vorwürfe gemacht: a) Sie hätten aus falsch verstandener „Political Correctness“ die Herkunft der Täter nicht genannt. b) Sie hätten sie auf Grund ihrer Herkunft diskriminiert.

5. Die Pressearbeit der Kölner Polizei war im Kern unsachgemäß.

6. Dem Publikum wurden keine Informationen vorenthalten, auch nicht über die mutmaßlichen Täter.

7. Der religiöse Hintergrund (etwa: „muslimisch“) spielte nur in 9,7 Prozent der Berichterstattung eine Rolle. In 84,4 Prozent wurde die mutmaßliche Herkunft genannt. In 52,5 Prozent der Aufenthaltsstatus („Flüchtling“).

8. Elf (11) Journalisten hat Heike Haarhoff persönlich interviewt.

9. Sie betonten: Ihre Hauptkriterien für die Berichterstattung seien professionelle Standards gewesen. Etwa Nachrichtenfaktoren.

10. Die Homogenität der mutmaßlichen Täter hinsichtlich des Alters, des Geschlechts und der Herkunft sei der Grund dafür gewesen, dass der Vorgang für wichtig erachtet worden sei und eine entsprechende Berichterstattung nach sich gezogen habe.

11. Die befragten Journalisten betonten, dass für sie berufsethische Normen (etwa der Pressecodex des Deutschen Presserats) und Persönlichkeitsrechte entscheidend seien.

12. Allein das Nennen der Herkunft einer Person stelle noch keine Diskriminierung dar.

13. In diesem Punkt ist der Pressecodex des Deutschen Presserats nach der Kölner Silvesternacht geändert worden.

14. Mittlerweile gilt, dass die Herkunft genannt werden darf, „wenn ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt“.

3180: Herbert Kubicek: Internet auch für Alte

Mittwoch, Dezember 16th, 2020

Herbert Kubicek war von 1988 bis 2011 Professor für angewandte Informatik an der Universität Bremen. Heute ist er Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Digitale Chancen, die sich seit 2003 für Chancengleichheit aller Menschen im Internet einsetzt. Matthias Kreienbrink hat ihn für die SZ interviewt (16.12.20):

SZ: Wieso ist es so wichtig, dass auch Menschen im Alter von über 70 und darüber das Internet nutzen?

Kubicek: In der Altersforschung spricht man davon, dass ältere Menschen eine

geringere Selbstwirksamkeit

haben. Im jüngeren Alter hat man oft die Überzeugung, dass man Probleme schon bewältigen wird. Was für jüngere eine interessante Herausforderung sein kann, ist für Ältere das Gegenteil: Neues wird möglichst vermieden. Das Problem ist aber, dass die digitale Teilhabe inzwischen Voraussetzung für soziale Teilhabe ist,

ein fundamentales Recht.

Denken Sie nur mal an die jetzige Situation: Sich gerade etwas im Internet bestellen zu können, statt in einen Laden laufen zu müssen, ist schlicht Gesundheitsschutz. Immer mehr Angebote gibt es nur noch online. Den gelben Sack bestellen, digitale Sprechstunden, Terminvergabe bei Ämtern. Es geht hier also um existenstielle Teilhabe aller Menschen. Und dann noch mal besonders um die Exklusion der unteren Schichten, die gerade im Alter stark benachteiligt sind. Und es darf einfach nicht mehr vorkommen, dass ältere Menschen in Wohnheimen unter Quarantäne stehen und ihre Angehörigen noch nicht einmal per Video sehen können. Denn auch Einsamkeit macht krank.

3179: Humboldt-Forum am Nelson-Mandela-Platz 1

Mittwoch, Dezember 16th, 2020

Anlässlich der Eröffnung des Humboldt-Forums schlägt die Stiftung Zukunft Berlin vor, den Standort „Nelson-Mandela-Platz 1“ zu nennen. Damit würdige man einen der großen Streiter „gegen jede Form von Rassismus“. Die Namensgebung dürfe allerdings nicht „als Alibi für Überbleibsel kolonialen Denkens“ herhalten. Vielmehr sollte sie „Ansporn und Mahnung sein, diesen historischen, nationalen Ort von seinen Altlasten zu befreien und ihn in die Welt hinein zu öffnen“. Der Botschafter Nigerias hatte bereits 2019 um die Rückgabe der Benin-Bronzen aus dem Berliner Ethnologischen Museum gebeten. Dabei handelt es sich zum allergrößten Teil um Plündergut aus einer britischen Strafexpedition (KIR, SZ 15.12.20).

3178: 4 Europäische Filmpreise für Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

Dienstag, Dezember 15th, 2020

Thomas Vinterbergs Film „Der Rausch“ bekommt viermal den Europäischen Filmpreis 2020 (Film, Regie, Drehbuch: mit Tobias Lindholm, bester Darsteller: Mads Mikkelsen). „Der Rausch“ erzählt von vier Männern, die einen ständigen Alkoholpegel vereinbaren, um zu testen, was mit ihnen und der Welt passiert. Mikkelsen spielt darin einen ausgebrannten Lehrer. Ein sehr aktueller Plot.

Der 1969 geborene Vinterberg hatte zu den Begründern der Dogma 95-Bewegung gehört. Sie wollte und will wahrhaftigere und direktere Filme machen und zeigen. Unter Fachleuten hat das viel Interesse gefunden. Ins Bewusstsein des Filmpublikums trat Vinterberg 1998 mit „Das Fest“, in dem von der Aufklärung eines Kindesmissbrauchs auf einem 60. Geburtstag berichtet wird. Der „Held“ wird von Ulrich Thomsen dargestellt, einem großartigen Schauspieler. Trine Dyrholm spielt eine Kellnerin. Der Film lässt sich auf Vorurteile ein und räumt mit ihnen auf. Er durchbricht das Kartell des Schweigens. Schmerzhaft. Er hat Anklänge an Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“.

In Vinterbergs „Die Jagd“ (2012) war Mads Mikkelsen bereits der große Star, Lucas. Es geht um den Verdacht, dass der Erzieher die fünfjährige Tochter seines Freundes missbraucht hat. Das Mädchen hat eine Annäherung an Lucas versucht, der aber hat sie zurückgewiesen. Aus Enttäuschung wird er beschuldigt. Und siehe da, die Allgemeinheit ist empfänglich für „Hinweise“ und bereit, einen Mann ohne Beweise zu verurteilen. Vorurteile beherrschen die Welt. Und nur weil Lucas in der Lage ist, für seine Rehabilitierung – sogar mit Gewalt – vieles zu tun, gelingt ihm die Aufklärung und die Versöhnung mit seinem Freund. Vinterberg schenkt uns ein Happy End. Aber seine Analyse der Gesellschaft ist unerbittlich. „Das Fest“ hatte er zunächst „das Blut der Bourgeoisie“ nennen wollen (SZ 14.12.20).