Archive for the ‘Philosophie’ Category

3631: Warnung der CDU vor einer Urwahl

Sonntag, November 7th, 2021

Urwahl hört sich so demokratisch an. In der Weimarer Republik haben wir damit ja allerdings schlechte Erfahrungen gemacht. Nun will die CDU diese Methode anwenden, nachdem die letzten beiden Parteivorsitzenden,

Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet,

gescheitert sind. Beide wurden von der Partei nicht entschieden genug unterstützt. Sie ist zerrissen. Und Wähler verabscheuen nichts so sehr wie zerstrittene Volksparteien. Hier kommen wir auf das Problem bei Urwahlen:

Die Parteimitglieder repräsentieren nicht die Wähler.

Bei der CDU stehen sich Traditionalisten und Modernisierer (teilweise hasserfüllt) gegenüber. Angela Merkel hat alles verschlammt. Das macht es jetzt schwierig. Es droht die Gefahr der weiteren rasanten Talfahrt. Die CDU sollte sich daran erinnern, was sie in Baden-Württemberg für schlechte Erfahrungen mit Urwahlen gemacht hat. 44,2 Prozent bei der Landtagswahl 2006. 17 Prozent heute. Gratulation.

„Die Urabstimmung zerstörte Freundschaften, spaltete Kreisverbände, vor allem zwischen der traditionalistischen Landtagsfraktion und dem Landesvorsitzenden Strobl herrschte zwischen 2011 und 2021 selten Frieden. In der Frage, wie mit den Grünen umzugehen sei, fanden die Traditionalisten und die Modernisierer um Strobl bis zum Ende der ersten grün-schwarzen Legislaturperiode Anfang dieses Jahres keinen Konsens.“

(Rüdiger Soldt, FAS 7.11.21)

3630: Verschwinden Lokalzeitungen, steigt die Kriminaltät.

Sonntag, November 7th, 2021

Eine wissenschaftliche Studie in den USA von Jonas Heese (Harvard), Gerardo Perez Cavazos (San Diego) und Caspar David Peter (Rotterdam) belegt, dass dann, wenn Lokalzeitungen verschwinden, die Fälle von Betrug, Finanzvergehen, Wasser- und Luftverschmutzung sowie Verstöße gegen das Arbeitsschutzrecht zunehmen. Das Fehlen einer Lokalpresse wird anscheinend als Freifahrtsschein für Betrug und Regelverletzungen betrachtet.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die verkaufte Auflage aller US-Lokalzeitungen etwa halbiert. An manchen Orten gibt es gar keine freie Presse mehr. Die Forscher verwandten den „Violation Tracker“ der gemeinnützigen Organisation „Good Jobs First“, der auflistet, wie viele Strafzahlungen die 44 wichtigsten Ministerien und Regulierungsbehörden einem Unternehmen über einen gewissen Zeitraum aufgebrummt haben. Die „Deutsche Bank“ etwa und ihre Töchter  haben seit 2000 76 Regelverstöße begangen und dafür 18,3 Milliarden Dollar an Buße gezahlt.

In Kreisen, in denen es gar keine Lokalzeitungen mehr gab, erhöhte sich die Summe der Bußen um 36 Prozent. Der Ausstoß giftiger Gase stieg in Regionen, in denen Zeitungen geschlossen wurden, um 18,3 Prozent. „Ohne Lokalzeitung gibt es niemanden mehr, an den sich Mitarbeiter skrupelloser Unternehmen mit Informationen wenden können.“ Wenn es keine Lokalzeitung mehr gibt, kann ein bestraftes Unternehmen seiner Verurteilung nachkommen, ohne dass jemand darüber berichtet.

Das entspricht übrigens den Ergebnissen einer Stdie aus dem Jahr 2019 von Penjie Gao, Chang Lee und Dermott Murphy von den Universitäten Illinois und Notre Dame.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass Lokalzeitungen weithin ihre Überwachungsfunktion wahrnehmen und nicht nur Anhängsel von Anzeigenkunden sind.

(Claus Hulverscheidt, SZ 21.10.21)

3629: Verein hilft gegen Corona-Verschwörungs-Narrative.

Samstag, November 6th, 2021

Der Verein „Veritas“ hilft Angehörigen von Anhängern der Verschwörungs-Narrative. Durchschnittlich glauben in Deutschland 15 Prozent der Bevölkerung an Corona-Verschwörungs-Narrative. Deren Verwandten sind gefährdet, weil die Erzählungen bis in die Familien und Partnerschaften hinein wirken können. Geht es um Ehepartner, Geschwister, Eltern oder Kinder, kann der Leidensdruck hoch sein. Die Verschwörungs-Narrativ-Anhänger stellen plötzlich die gesamte Gesellschaft in Frage.

Die erste Regel, die dabei beachtet werden muss, lautet: Niemals in Diskussionen einsteigen.

Die Anhänger von Verschwörungs-Narrativen verteidigen ihren Schwachsinn, um mit dem ansonsten drohenden Kontrollverlust fertig zu werden. Unter Gleichgesinnten bedeutet das Festhalten an den Narrativen Sicherheit in der Gruppe. Sie verändern sich nicht auf Grund von Tatsachen, sondern Emotionen. Der Ausstiegsprozess hat zwei Ebenen: einmal den ideologischen Ausstieg und dann die Erkenntnis, dass da noch Menschen sind, die außerhalb der Verschwörungs-Erzähler für einen da sind (Verena Mayer, SZ 11.10.21).

3628: Bayern hat die höchsten Inzidenzwerte.

Samstag, November 6th, 2021

Mehrere bayerische Landkreise haben einen Inzidenzwert von über 500. Der oberbayerische Landkreis Miesbach wies mit 715,7 den höchsten Wert auf. Und die Behörden wissen nicht, warum. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte diese Woche gesagt, es gebe nicht ein bundesweites, sondern auch ein bayernweites Nord-Süd-Gefälle bei den Impfquoten. In Landkreisen mit besonders hohen Inzidenzen liegt die Impfquote teils über dem bayerischen Schnitt. Für Hotspots mit einer Inzidenz von mehr als 300 und einer Auslastung der Intensivstationen von mehr als 80 Prozent gelten von Sonntag an die schärfsten Regeln der Coronaampel in Bayern (tift., FAZ 6.11.21).

3627: Uwe Seeler 85

Samstag, November 6th, 2021

1954 war Deutschland gerade überraschend Fußballweltmeister geworden. Ein Baustein bei der Wiedergewinnung des Selbstbewusstseins nach den Massenverbrechen in der Nazizeit. Da tauchte schon der nächste Stern am Fußballhimmel auf, der damals 18-jährige Uwe Seeler vom HSV. Ein einfacher und bodenständiger Junge, aber ein gewaltiger und torgefährlicher Stürmer. Bekannt für seine Kopfbälle und Volleyschüsse. Ein Rekord-Torschütze. Er hätte sich gebärden können wie ein Star. Aber das tat er nicht. Als er verlockende Angebote aus dem Fußball-Italien erhielt, nahm er sie nicht an, sondern blieb beim HSV. Der demgemäß um 1960 eine Erfolgsphase einlegte. Auf Augenhöhe mit Real Madrid und dem FC Barcelona.

Mit Seeler reüssierte auch wieder die deutsche Fußballnationalmannschaft (1958 in Schweden, 1966 in England, 1970 in Mexiko). Ihr Schlachtruf war „Uwe, Uwe, Uwe“. 1965 schon war Uwe Seelers Autobiografie „Alle meine Tore“ erschienen. Fußball war damals noch Volkssport. Und nicht von russischen Oligarchen und arabischen Prinzen gekauft. Wer heute noch oben mitspielen will, muss sich den Gesetzen der Finanzmärkte unterwerfen. Das gab es zu Uwe Seelers Zeiten (bis 1972) nicht.

Beim Tode von Seelers Gegner Gordon Banks im WM-Finale 1966, dem Torwart der siegreichen englischen Mannschaft, sagte 2019 der Schriftsteller Don Mullan: „Wir lebten in einer Zeit, in der Sporthelden gewöhnliche und zurückhaltende Menschen gewesen sind, deren Bescheidenheit der Treibstoff unserer Träume war.“ Inzwischen ist der Film von Reinhold Beckmann und Ole Zeisler erschienen: „Uwe Seeler. Einer von uns.“ Seeler kann nicht mehr alle Termine selbst wahrnehmen. Manchmal geht er am Stock. Mit seiner Frau Ilka ist er seit 1959 verheiratet (Holger Gertz, SZ 5.11.21).

3622: Fritz Keller erhebt schwere Vorwürfe gegen Rainer Koch (DFB).

Donnerstag, November 4th, 2021

Beim DFB herrscht üblicherweise Chaos. Ungeklärt ist nach wie vor, wofür der Medienberater

Kurt Diekmann

360.00 Euro erhalten hat. Er soll die Entmachtung der ehemaligen Präsidenten Reinhard Grindel und Fritz Keller medienbezogen begleitet haben. Nun erhebt Ex-Präsident Fritz Keller schwere Vorwürfe gegen den von manchen als heimlichen Drahtzieher betrachteten Vize-Präsidenten

Rainer Koch

und seine Mitstreiter (Ex-Generalsekretär Friedrich Curtius, Ex-Schatzmeister Stephan Osnabrügge). Sie hätten einen „Selbstbedienungsladen“ installiert. Ihnen fehle die menschliche, insbesondere charakterliche Eignung. „So gefährdet man die Reputation des DFB, auch die Anerkennung als gemeinnütziger Verband und die damit verbundenen steuerlichen Vorteile. Am Ende ist es das Geld, das dem Amateurfußball verloren geht.“ Rainer Koch gehe „jeglicher moralischer Kompass“ ab (Johannes Aumüller, Thomas KIstner, SZ 4.11.21).

3621: Israel treibt Siedlungsbau voran.

Donnerstag, November 4th, 2021

Die Acht-Parteien-Koalition in Israel unter Ministerpräsident Naftali Bennett treibt den völkerrechtswidrigen Siedlungsbau im Westjordanland voran. Möglich ist der seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. In Bennetts Kabinett sind auch siedlungskritische linke Parteien vertreten. Die neue US-Führung unter Joe Biden zeigt sich über die israelische Siedlungspolitik tief besorgt. Dadurch würden die Bemühungen um eine Deeskalation des Konflikts zwischen den Israelis und den Palästinensern und die Aussichten auf eine

Zwei-Staaten-Lösung

torpediert. Die Genehmigungen für den Bau von 1.300 neuen Wohnungen sind erteilt. Auch die für 1.300 palästinensiche Wohnungen. Auf der Westbank leben inzwischen 600.000 Siedler. Meistens ultraorthodoxe und nationalreligiöse Juden, aber auch solche, die dorthin wegen der geringen Lebenshaltungskosten gekommen sind.

Zwar ist die grundsätzlich falsche Politik Donald Trumps und Benjamin Netanjahus in Bezug auf den Siedlungsbau vorbei, aber nicht ganz. Die EU darf die Siedlungspolitik niemals unterstützen. Wenn die Israelis so weitermachen, ist ihnen grundsätzlich wohl nicht zu helfen (cmei., FAZ 28.10.21).

3620: Israel hat die vierte Corona-Welle binnen weniger Wochen gestoppt.

Mittwoch, November 3rd, 2021

In Israel hat die Corona-Drittimpfung die Wirksamkeit des Impfens der bisher zweimal Geimpften um 93 Prozent erhöht. Geprüft wurden die Daten von 728.321 Israelis, die bereits zum dritten Mal geimpft wurden, im Vergkleich mit einer gleich großen Gruppe von zweimal Geimpften. Von den doppelt Geimpften mussten 231 Personen wegen Covid ins Krankenhaus, von den dreimal Geimpften 29. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 51 Jahre. Der Impfstoff stammte von Biontech/Pfizer. In der Gruppe der unter 40-Jährigen waren die schweren Verläufe so selten, dass sie nicht abgeschätzt werden konnten. Die Zahl der Neuinfektionen und Hospitalisierungen geht zurück. Anfang September wurden täglich etwa 10.000 Neuinfektionen registriert, jetzt 600. Durch die dritte Impfung ebbt die vierte Corona-Welle ab. 42 Prozent der Bevölkerung haben bereits eine Dritt-Impfung erhalten.

Das Problem bleiben diejenigen, die sich bisher nicht impfen lassen.

Das sind vor allem ultraorthoxe Juden und arabische Israelis. Die Regierung hat angeordnet, dass bei denjenigen, deren letzte Dosis mehr als sechs Monate zurückliegt, der grüne Pass erlischt, der die Voraussetzung ist für einen Restaurant- oder Konzertbesuch (Alexandra Föderl-Schmidt, SZ 3.11.21).

3619: Warum sich das Corona-Virus in Russland so schnell verbreitet.

Mittwoch, November 3rd, 2021

Die vierte Corona-Infektionswelle trifft Russland hart. Täglich gibt es etwa 1.000 Todesopfer. Wissenschaftler schätzen die tatsächliche Opferzahl drei mal so hoch ein. Kliniken sind überlastet. Es fehlt an Sauerstoff. Besonders in entlegenen Regionen. Inzwischen ist das Militär eingesprungen und hat fast 350 Tonnen flüssigen Sauerstoff in 27 Regionen geliefert. Das staatliche Raumfahrtunternehmen Roskosmos verschiebt Raketentests, um den dafür notwendigen Sauerstoff zu spenden. Der Kreml hat allen Russen eine Woche Zwangsurlaub verordnet. In Nowgorod wurde der bereits um eine Woche verlängert. Alle Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen, Schulen, Kindergärten, Restaurants und Cafés bleiben geschlossen.

Erst ein Drittel der Bevölkerung ist vollständig geimpft. Die Hälfte der Russen möchte sich nicht impfen lassen, weil sie misstrauisch gegenüber dem staatlichen Vakzin ist. Kein Politiker hat sich öffentlich impfen lassen, auch Wladimir Putin nicht, obwohl er sonst mit freiem Oberkörper zum Tiger geht. Von der allmächtigen russischen Propaganda werden die westlichen Impfstoffe schlechtgeredet, was das Vertrauen in das Impfen generell nicht erhöht. Präsident Putin demonstrierte Leichtfertigkeit, indem er ohne Maske bei öffentlichen Massenveranstaltungen auftrat. Und eine Bevölkerung, die es seit Jahrhunderten gewohnt ist, von Propaganda und Agitation belogen zu werden, hat kein Vertrauen in die öffentliche Berichterstattung (Silke Bigalke, SZ 3.11.21).

3617: Bettina Gaus ist tot.

Dienstag, November 2nd, 2021

Bettina Gaus, geb. 1955, ist tot. Die ganz außergewöhnliche Journalistin verlangte uns manchmal schon einiges ab. Sie stand gegen eingefahrene Phrasen, Provinzialität und Spießertum und kam damit durch nur durch ihren Humor. Sie war die Tochter von Günter Gaus, den wir hauptsächlich noch als „Spiegel“-Chefredakteur und Fernsehmoderator der Reihe „Zur Person“ (z.B. Hannah Arendt 1963) in Erinnerung haben. Bettina Gaus leistete sich ungewöhnliche Positionen. Sie war seit 1990 bei der „taz“. U.a. Afrika-Korrespondentin. Dort regte sie schon Einstellungen an, die erst heute ganz und gar en vogue sind. Am Ende war Frau Gaus Kolumnistin des „Spiegels“. Für Phrasendrescherei war sie nie zuständig. Sie rechnete entgegen allen linken Vorgaben mit Annalena Baerbock ab. Und sie konnte es sich am Ende leisten, Liebe am Arbeitsplatz zu verteidigen. Ohne sie wird die Welt spießiger und dunkler (Nils Minkmar, SZ 2.11.21).