Archive for the ‘Literatur’ Category

3341: Dokumentarismus stärkt Glaubwürdigkeit.

Montag, April 5th, 2021

Der NDR hat sich mit dem angeblich dokumentarischen Film „Lovemobil“ der Filmemacherin Elke Lehrenkrauss blamiert, in dem das Leben von Straßen-Prostituierten teilweise nach-inszeniert, fiktionalisiert und dadurch tatsächlich gefälscht wurde. Dadurch wird die Glaubwürdigkeit des ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ARD und ZDF) in Deutschland diskreditiert. Und die ist heute angesichts von Donald Trumps Lügen und der AfD wichtiger als je zuvor.

Der Regisseur Thomas Frickel schreibt dazu in der FAZ (3.4.21): „Die medienpolitische Dimension ihres Vorgehens hat Elke Lehrenkrauss, die Regisseurin des inkriminierten Films, weder bedacht noch verstanden, und der Versuch, den Betrug am Publikum mit Verweisen auf zu knappe Finanzen, Kunstfreiheit und Produktionsdruck schönzureden, macht nichts besser.“ Heute sehne sich das Publikum mehr als jemals zuvor nach Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.

Tatsächlich haben sich Theorie und Praxis des Dokumentarfilm mühsam entwickelt in der Filmgeschichte bei

Robert Flaherty, John Grierson, Dsiga Vertov, Joris Ivens und Richard Leacock.

Es waren anfangs nicht zuletzt technische Probleme, die zu bewältigen waren. In den zwanziger Jahren gab es beispielsweise die Diskussion darüber, dass Joris Ivens für seinen Film „Borinage“ eine Arbeiterdemonstration wiederholen ließ, weil die zunächst gemachten Aufnahmen zu dunkel waren.

Klarheit in den Diskurs brachten dann Autoren wie

Klaus Wildenhahn: Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden. Berlin 1973 und

Bernward Wember: Wie informiert das Fernsehen? Ein Indizienbeweis. München 1976,

die beide selbst auch Dokumentarfilme drehten. Sie waren scharf in der Analyse und hart in ihren Anforderungen an Dokumentarfilmer, aber argumentativ überzeugend. Sie nutzten die neuen technischen Möglichkeiten der beweglichen Kameras. „Man darf keine Antworten in der Tasche haben – sonst lohnt sich die Reise nicht.“ Sie verlangten – zu Recht – die Ergebnisoffenheit der dokumentarischen Bemühungen.

Nur eines hatten sie noch nicht verstanden, was uns der Konstruktivismus klar vor Augen führt:

Alles, was gesagt wird, ist von jemand gesagt.

Hier von Wilfried Scharf aus Göttingen. Das dürfen wir nicht verwechseln mit dem Einsatz von Fake-News zur Machterringung und zum Machterhalt. So sehr ein naiver Begriff von Objektivität unangebracht erscheint, so falsch wäre der Verzicht auf die Objektivitätsforderung in den Massenmedien.

3338: Angelica Domröse 80

Samstag, April 3rd, 2021

Bekannt geworden ist sie vielen von uns als Paula in Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), dem Kultfilm der DDR. Nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf. Es ist der Lieblingsfilm Angela Merkels. Angelica Domröse, eine schöne Frau, spielt darin eine alleinerziehende Mutter auf der Suche nach Liebe. Auf den Pfaden der Nouvelle Vague. Deswegen wird sie häufig mit Brigitte Bardot und Jean Seberg verglichen. Ihr ebenfalls durch diesen Film prominent gewordener Partner ist Winfried Glatzeder. Die beiden waren nie ein Paar.

Angelica Domröse ist 1941 in Berlin-Weißensee geboren und in einem original proletarischen Milieu vaterlos aufgewachsen. Sie wurde Stenotypistin. Aber sie gelangte auf die Bühne und in den Film. Über Helene Weigel landete sie beim Berliner Ensemble. Von 1967 bis 1979 gehörte zum Ensemble der Berliner Volksbühne. Sie spielte unter Benno Besson, Manfred Wekwerth, Manfred Karge, Matthias Langhoff. 1970 war sie in Wolfgang Luderers „Effie Briest“ die Effie.

1976 unterzeichnete Angelica Domröse die Petition gegen die Ausweisung Wolf Biermanns. Deshalb musste sie 1980 mit ihrem Mann, dem Schauspieler Hilmar Thate, die DDR verlassen und konnte nicht wieder voll an ihre Erfolge anschließen. Sie gehörte bis 1993 zum Ensemble des Schillertheaters. In Filmen Michael Hanekes und Helmut Dietls trat sie auf. 2003 nahm sie sich selbst in ihrer Autobiografie „Ich fang mich selbst ein.“ schonungslos ins Visier. Eine große Schauspielerin (Maria Wiesner, FAZ 3.4.21; Christine Dössel, SZ 3./4./5.4.21).

3335: Zum 150. Geburtstag von Heinrich Mann: ein Vergleich

Mittwoch, März 31st, 2021

Tilman Krause schöpft aus seiner reichen Kenntnis der Familie (Heinrich und Thomas) Mann (Literarische Welt 27.3.21), wenn er anlässlich des 150. Geburtstags von Heinrich Mann die beiden Schriftsteller vergleicht:

Thomas Mann erlaubte kurz vor seinem Tod 1956 die Publikation seiner Tagebücher. Dadurch kam nicht zuletzt die Homosexualität des „Groß-Schriftstellers“ ans Tageslicht. Mit dem Nachlass Heinrich Manns hatte er selbst 1950 Probleme gehabt, weil darin sehr viel Pornografisches zum Vorschein kam, „nackte Weiber“, wie es in den Tagebüchern hieß. Das berühmte Brüderpaar war sehr gegensätzlich. Heinrich Mann schrieb: „Mein Hauptinteresse war und ist es noch heute und in anderer Weise – die Frau.“

Thomas Mann, verliebt in den Maler Paul Ehrenberg, wurmte es, wie unbekümmert Heinrich sich zu seinem Hauptinteresse bekennen konnte. Homosexualität zog um 1900 den „sozialen Tod“ nach sich. „Die strenge Selbstdisziplin, mit der Thomas Mann als pseudoheterosexueller Patriarch einer ansehnlichen Familie ‚vorstand‘ und mit der er ein ‚holdes Weib errungen‘ hatte, das zudem aus besten Münchener Kreisen stammte, diese Selbstdisziplin speiste auch sein Werk. Es gibt schlechterdings nichts Misslungenes, Hingehauenes, Halbgares bei Thomas.“ 1929 erhielt er den Literatur-Nobelpreis.

Heinrich hingegen startete mit „Im Schlaraffenland“. „Das hatte nicht den ironisch abgemischten Innerlichkeitston von ‚Buddenbrooks‘, aber es war doch ebenso auf der Höhe der Zeit, die unter dem Einfluss des naturalistischen französischen Romans stand.“ Danach rutschte er von der Satire in die Kolportage ab und erzählte Sexgeschichten.

Im Ersten Weltkrieg sprach sich Heinrich klar für die Demokratie aus, während Thomas insbesondere in seinen „Betrachtunbgen eines Unpolitischen“ (1918) für die Monarchie zu votieren schien. Er sah in Heinrich einen „Zivilisationsliteraten“. Dieser wiederum heiratete eine Prostituierte, Nelly Kröger. In der Familie Thomas Mann galt sie als „das Weib“ „betrunken, laut und frech“. Im Exil in den USA war Heinrich auf den monatlichen Wechsel von Thomas angewiesen. Die Amerikaner lasen ihn nicht. Sonst hätten sie seine Stalin-Elogen zur Kenntnis nehmen müssen. „Unbekümmert preist er die Sowjets. Unbekümmert konsumierte er nacktes Frauenfleisch, und als das nicht mehr ging, verabreichte er es sich täglich zeichnerisch. Nein, der Größere war er nicht.“

3333: Meyerhoff rät Frauen von handwerklich begabten Männern ab.

Montag, März 29th, 2021

Der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff rät in einem Interview mit Sven Michaelsen (MrIcon, Supplement der „Welt“, April 2021) auf die Frage

„Sollte ein Mann einen Autoreifen wechseln können oder reicht es, die Nummer eines Pannendienstes im Handy zu haben?“ das Folgende:

Unbedingt den Pannendienst anrufen. Bloß nicht selbst den Reifen wechseln. Kreuzschraubenschlüssel: ein absolutes No-Go! Ich würde tatsächlich so weit gehen, Frauen grundsätzlich zu raten, sich von handwerklich begabten Männern fernzuhalten.

3317: Schwierigkeiten mit der Publikation eines Manuskripts

Dienstag, März 16th, 2021

Prof. Dr. Günther Schlee, 69, ist einer der beiden Gründungsdirektoren des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle. In einem Interview mit Markus C. Schulte von Drach (SZ 16.3.21) berichtet er von Problemen bei der Veröffentlichung eines Manuskripts:

„Ich hatte selbst neulich Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung eines Manuskripts. Die Herausgeber waren der Meinung, dass alte weiße Männer in der Wissenschaft ohnehin überrepräsentiert seien. Dann wurde kritisiert, dass ich das Wort ‚Muslim‘ verwendet habe. Ich hätte von „Angehörigen des islamischen Glaubens“ sprechen sollen. Aber mit dem Wort ‚Muslim‘ bezeichnen sich immerhin 1,9 Milliarden Menschen selbst. Auch konnten die Herausgeber nicht ein einziges Beispiel anführen, in dem ich das Wort ‚Muslim‘ in einem abwertenden Zusammenhang verwendet hätte. Hinter dieser Kritik steht ein Sprachverständnis, bei dem nicht mehr Sätze gelesen und ihre Aussage betrachtet werden, sondern es wird auf einzelne Wörter geachtet.“

3316: Caroline Fourest über linke Sprach- und Gedankenpolizei

Dienstag, März 16th, 2021

1. Caroline Fourest, 45, hat für „Charlie Hebdo“ gearbeitet, sie ist häufiger Gast in französischen Talkshows zum Thema Meinungsfreiheit und Laizismus und gilt als Expertin für linke Identitätspolitik.

2. Wenn es um die Frage geht, wer Amanda Gormans Gedichte übersetzen darf, nur eine junge, schwarze Amerikanerin oder auch andere.

3. Caroline Fourest definiert sich selbst als lesbische Feministin, Anhängerin des Universalismus und Antirassistin. Motor ihrer Arbeit sei Widerstand gegen das Pariarchat und Homophobie. Fourest definiert sich über ihre Berufe, sie ist auch Regisseurin. Seit langem beschäftigt sie sich mit dem Rechtsextremismus und religiösem Fanatismus.

4. Bei einer Diskusssion über Verschleierung dekretierte eine Studentin, dass nur Muslime darüber diskutieren dürften, aber nicht Fourest als Weiße. „In den Augen dieser linken Identitären war alles, was mich ausmacht, auf meine Hautfarbe reduziert.“

5. Fourest hat ein Buch über diese Art von Cancel Culture geschrieben:

Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik (Edition Tiamat), 200 S., 18 Euro.

6. „Die Identitären sind nicht die neuen Antirassisten, sondern vielmehr die neuen Rassisten.“

7. Fourest als linke, lesbische, feministische Aktivistin (fortschrittlich im Vergleich zu mir) möchte nicht hinnehmen, dass der Diskurs über Rassismus von Wächterinnen und Wächtern dominiert wird, die im Namen von Opfern oder vermeintlichen Opfern jede Diskussion abwürgen, unterstützt von einem anonymen Mob im Internet, der auf Reizworte reagiert wie ein Pawlowscher Hund.

8. Wo in Filmen nur Juden Juden spielen dürfen.

9. Nur Homosexuelle Homosexuelle.

10. „Da ist man dann nicht weit entfernt von einem DNA-Test beim Casting.“

11. „Die Kehrseite der Medaille ist die Inflation absurder und unverhältnismäßiger Kampagnen gegen Familienmütter, Prominente und Künstler.“

12. In den USA wurde ein Kindergeburtstag, der in einem japanischen Ambiente gefeiert wurde, als „Yellowfacing“ verurteilt.

13. „Zum Opfer wird, wer den Beleidigten als Opfer taugt.“

14. Rassismus ist in der Logik der Beleidigten ein Thema, das nur diejenigen öffentlich verhandeln dürfen, die Opfer von Rassismus sind.

15. Konsequent weitergedacht dürften nur Italiener noch Pizza backen.

16. Obwohl auch in Europa die Rechtspopuisten und die Rechtsextremisten stärker werden, richtet sich der Bannstrahl der linken Identitären nie gegen diese, sondern gegen liberal eingestellte Künstler und Privatpersonen.

17. Für Caroline Fourest steht fest: Die Empörung selbst ist das Ziel der identitären Kampagnen (Johanna Adorjan, SZ 12.3.21).

3311: Wolfgang Petersen 80

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Petersens größter Film war „Das Boot“ (1981 nach einem Roman von Lothar-Günther Buchheim). Mit einem Großaufgebot an Stars: Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer, Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig, Günther Lamprecht, Jan Fedder, von denen einige hier den Karriere-Durchbruch schafften. Der Film lebte vom Mythos des deutschen U-Boot-Fahrers und schmückte diesen noch gekonnt aus. Deswegen wurde er ja ein so großer ökonomischer Erfolg. Er versöhnte die deutsche Gesellschaft mit dem Krieg. Der Film ebnete Petersen endgültig den Weg nach Hollywood. Der einzige Kritiker, der sich traute, den Film zu verreißen, war Fritz J. Raddatz (Die Zeit). Er sah in dem Film eine Trivialschnulze und einen „Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung“. Damit hatte Raddatz zwar ganz und gar recht, stand aber allein.

Wolfgang Petersen gelangen in Hollywood u.a. „Enemy mine“ (1985 mit Dennis Quaid) und „Air Force One“ (1987 mit Harrison Ford). Er konnte Kriegs- und Gewaltfilme. In seinem Spätwerk findet sich 2016 „Vier gegen die Bank“ (mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Jan Josef Liefers). Ziemlich am Anfang der Karriere des Sohns eines Mariners stand 1977 mit dem „Tatort“ „Reifezeugnis“ ein unvergesslicher Film mit Nastassja Kinski und Christian Quadflieg (nicht „Will“, wie Dietmar Dath in der FAZ, 13.3.21, schreibt. Das war der Vater von Christian, den die meisten von uns aus Gustaf Gründgens „Faust“-Film, 1962, kennen). Wolfgang Petersen wird 80 Jahre alt.

3310: Wolfgang Kohlhase 90

Samstag, März 13th, 2021

Wolfgang Kohlhase war der bedeutendste deutsche Drehbuchautor nach 1945. Zuerst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er ist 90 Jahre alt geworden. Zuletzt hat er Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2017) in einen Film übersetzt (Matti Geschonnek). Er hatte vorher aber auch den Film nach Hermann Kants „Der Aufenthalt“ (1982) geschrieben. Kohlhase verzichtete auf die Hollywood-Schule des Drehbuchschreibens. Er gab seinen Charakteren die Zeit, sich zu erklären (z.B. in den Filmen Konrad Wolfs und Frank Beyers).

Seine Wurzeln lagen im Neo-Realismus (Vittorio de Sica, Luchino Visconti, Federico Fellini, Roberto Rossellini). Schauen wir in die Literatur, dann bei William Faulkner und Ernest Hemingway.

Wolfgang Kohlhase  ist ein Sozialist mit westlichen Wurzeln.

Er hat nie das Schicksal der „einfachen Leute“ aus den Augen verloren. „Der Ton existentieller Ratlosigkeit … ist selten in der DDR-Literatur der siebziger Jahre; und vielleicht wäre Kohlhase, wenn er ihn weiter verfeinert hätte, eine der wichtigsten schriftstellerischen Stimmen seines Landes geworden. Stattdessen blieb er der wichtigste deutsche Kinoautor.“ (Andreas Kilb, FAZ 13.3.21)

3309: Ostdeutsche lesen kaum überregionale Tageszeitungen.

Freitag, März 12th, 2021

Nach den Ergebnissen einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung lesen Ostdeutsche kaum überregionale Tageszeitungen. Produziert werden diese Blätter auch im Westen. Von der SZ werden 2,5 Prozent der Gesamtauflage im Osten verkauft (FAZ: 3,4; Spiegel 4,0; Zeit 6,0). 1989/90 waren 130 neue Blätter in Ostdeutschland auf den Markt gekommen. Sie konnten sich nicht halten. Die Berichterstattung fand mit westdeutschem Blick statt. Ist das verwunderlich?

Bis auf den heutigen Tag fühlen sich Westdeutsche als Teilnehmer des Diskurses, Ostdeutsche nicht. Deutschland ist tief gespalten. Das schlägt sich im unterschiedlichen Wahlverhalten nieder. 2021 haben wir sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Wir registrieren verstetigte (Ost-)Identitäten bei Jüngeren und ein selbstbewussteres Auftreten der Ostdeutschen. Wenn es knapp wird, könnten die Minderheiten im Osten den Ausschlag geben (Cerstin Gammelin, SZ 13.3.21).

3305: Wer darf Amanda Gorman übersetzen ?

Dienstag, März 9th, 2021

Weltberühmt wurde die junge schwarze US-Lyrikerin

Amanda Gorman,

als sie bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug. Sie lieferte damit einen substanziellen Beitrag zum Ende der faschistoiden Ära Trump. In Deutschland ist ein dreiköpfiges Übersetzerinnen-Team dabei, im Auftrag des Verlags Hoffmann und Campe das Gedicht zu übersetzen.

In den Niederlanden, die generell offener und wagemutiger sind als andere westliche Staaten, hatte der Verlag Meulenhoff in Absprache mit Gorman, der Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld, 29, die Übersetzung anvertraut. Sie ist weiß und „non-binär“. Daraufhin hatte Rijneveld begeistert getwittert „Prachtig nieuws“. Drei Tage später kritisierte die schwarze niederländische Journalistin Janice Deul in der Zeitung „De Volkskrant“ diese Wahl und fragte, warum man nicht eine junge, weibliche und „unapologetically black“ Person für die Übersetzung gewonnen hatte. Daraufhin gab Rijneveld ihren Übersetzungsauftrag „schockiert“ zurück und zeigte Verständnis für die Kritik.

Ein Skandal?

Auf jeden fall ein Beispiel für Cancel Culture, in dem der Autorin das Recht abgesprochen wird, selbst zu entscheiden, wer ihre Texte übersetzen soll. Die SZ sprach von „Entmündigung“. „Von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen. Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – angefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden.“

Einmal abgesehen davon – und das wissen wir Literaturliebhaber ganz genau –

dass Lyrik überhaupt nicht übersetzbar ist,

stellt jede Übertragung in eine andere Sprache ein Wagnis dar. Marieke Lucas Rijneveld hat ihre Beweggründe jetzt in ein Gedicht verwandelt, das die FAZ publiziert hat. Früher schon gab es ähnliche Projekte, etwa da, wo Miriam Mandelkow (in den Niederlanden geboren, weiß, non-binär) James Baldwins Werke für Deutsche verständlich ins Deutsche übersetzt hatte. „Eine Übersetzung ist nie identisch mit dem Original. Sie bleibt Text.“ (Tobias Rüther, FAS 7.3.21)