Archive for the ‘Literatur’ Category

3403: Volker Weidermann geht zur „Zeit“.

Freitag, Mai 14th, 2021

Volker Weidermann war bisher (seit 2015) Literatur-Redakteur beim „Spiegel“. Ab 1. Oktober wird er Feuilletonchef der „Zeit“. In einer sehr bemerkenswerten internen Mail an die Kollegen hat er das damit begründet, dass ihm der Schritt leicht gefallen sei auf Grund eines Klimas von „Angst, Misstrauen, Beharrungswillen, Unmut und Kontrollwahn“. Erst kürzlich waren Melanie Amann und Thorsten Dörting in die Chefedaktion des „Spiegels“ berufen worden, nachdem Barbara Hans hingeschmissen hatte. Das lässt auf ein hoch aggressives Klima beim „Spiegel“ schließen.

Volker Weidermann (geb. 1969) ist ein hochverdienter Literatur-Journalist. Schon sein erstes Buch „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ (2006) hatte mich begeistert. Weidermann schreibt kurz, pointiert, stilistisch brillant und lässt den Leser über seine Meinung nicht im Unklaren (seine weiteren Werke: „Das Buch der verbrannten Bücher“ 2008, „Max Frisch“ 2010, „Ostende 1936“ über Stefan Zweig und Joseph Roth 2014, „Dichter treffen“ 2016, „Träumer“ über die Münchener Räterepublik 2017, „Das Duell“ zwischen Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass 2019 und „Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko“ 2020). Von 2015 bis 2019 moderierte er im ZDF das „Literarische Quartett“. Vorher war er Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) (Carolin Gasteiger, SZ 14.5.21).

3400: Ist Peter Handke ein Faschist ?

Dienstag, Mai 11th, 2021

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (Nobelpreisträger für Literatur 2019) hat am Wochenende in Serbien und in der bosnischen Serbenrepublik Orden und Preise entgegengenommen. Kritiker hatten darauf verwiesen, dass Handke serbische Kriegsverbrechen während der Jugoslawien-Kriege bagatellisiert hatte. Den Orden der Republica Srbska hatte Handke aus der Hand der Präsidentin Zeljka Cvijanovic erhalten. In Visegrad überreichte ihm der Regisseur Emir Kusturica den Ivo-Andric-Preis. Am Sonntag erhielt Handke einen Orden aus der Hand des serbischen Präsidenten Aleksander Vucic.

Bosnien reagierte entsetzt. Das kroatische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Zeljko Komsic, sagte: „Handke mag ein Nobelpreisträger zum Quadrat sein, aber in den Tiefen seiner Seele ist er ein Faschist.“ (SZ 10.5.21)

3395: Humberto Maturana ist gestorben.

Samstag, Mai 8th, 2021

Im Alter von 92 Jahren ist in Santiago de Chile der Biologe und Philosoph Humberto Maturana gestorben. Als Erfinder des

„Konzepts der Autopoeisis“

ist er in den Wissenschaften und insbesondere in der Wissenschaftstheorie („Biologie der Kognition“ 1970) sehr wichtig. Seine Bedeutung geht weit über die Naturwissenschaften hinaus. Er hat den

Konstruktivismus

mit geschaffen und damit einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Informationen, Nachrichten, Berichterstattung, zum Verständnis der Welt geliefert (die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien). 2021 wichtiger als je zuvor.

Seit 1948 hatte Maturana Medizin studiert. Ging 1956 zum Promotionsstipendium nach Harvard, wo er sich mit der Anatomie und dem Sehvermögen von Fröschen befasste. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach Eingriffen in sein Nervensystem beim Versuch, eine Fliege zu fangen, seine Zunge hartnäckig in eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege also koordinierte die Wahrnehmungen des Frosches, sondern sein Gehirn kordinierte seine Wahrnehmungen und Bewegungen. Der Frosch brachte seine Welt selbst hervor (Selbsterzeugung).

In der Kommunikationswissenschaft bedeutete das eine starke Erschütterung des Glaubens an die Objektivität, die Trennung von Nachricht und Meinung, nach der heute immer noch verfahren wird. Alles, was gesagt wird, wird von jemand gesagt. Wie Heinz von Foerster sagt: Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit. Darin liegt ihre Popularität begründet. Wie Humberto Maturana gemeinsam mit Francisco Varela („Der Baum der Erkenntnis“ 1984) herausarbeitete, ist es der Beobachter, der von seinem distanzierten Standpunkt aus Korrelationen herstellt. Konstruktionen von Wirklichkeit sind insofern indifferent gegen Fakten. Nichts, was sich beschreiben lässt, ist unabhängig von uns. Die Welt erscheint uns so, wie wir sie sehen wollen.

Wir befinden uns also in einem Dilemma: Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir objektive Phänomene nicht wahrnehmen können, da es keinen Mechanismus gibt, der solch eine Information möglich macht. Andererseits sind wir von Willkür und Chaos bedroht, von einer Nicht-Objektivität, in der alles beliebig und möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu wandern, einmal das Extrem des Objektivismus zu vermeiden und andererseits das Extrem des Idealismus (Subjektivismus). Unsere Sprache (als Resultat liebevoller Kommunikation und nicht als Mittel des Kampfes) ermöglicht uns Problembewusstsein und Selbstreflexion. Nicht zuletzt das hat uns Humberto Maturana erschlossen und gezeigt.

Und viele Wissenschaftsfeinde, Propagandisten, Querdenker, Esoteriker und Nazis haben das noch nicht verstanden und wollen es nicht wahrhaben.

3385: „Zeit“ verliert gegen Marc Wiese.

Freitag, April 30th, 2021

Das Landgericht München hat entschieden, dass die „Zeit“ Passagen aus dem Text über Marc Wieses Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ nicht weiter verbreiten darf. In dem Beitrag „Das ist, als würde ich ihm Koks geben“ wurde Wieses Film im Zusammenhang mit der gefälschten Dokumentation „Lovemobil“ gebracht. Der Regisseur erwecke in dem Film mittels Voice-Over den falschen Eindruck, mit dem Killer auf den Philippinen selbst gesprochen zu haben.

Dem hatten Marc Wiese und der zuständige SWR widersprochen. Das Voice-Over sei ein übliches Verfahren und suggeriere nicht, dass der Sprechende vor Ort gewesen sei. Das Landgericht Berlin urteilte nur, es handle sich um ein Falschzitat, das in der „Zeit“ übernommen worden sei, und untersagte die Passagen. Wiese müsse sie nicht hinnehmen (Claudia Tiesachky, SZ 30.4./ 1./2.5.21; Michael Hanfeld. FAZ 30.4.21).

3375: Konzertierte Aktion von Schauspielern geht schief.

Sonntag, April 25th, 2021

53 teils recht prominente Schauspieler haben in Kurz-Videos ihren Unmut über die Corona-Bekämpfungspolitik kundgetan. Das ist ihr gutes Recht. Nun gelten Schauspieler weithin ja nicht als die Hellsten, was sich bei dieser Aktion auch wieder zeigt. Zumal die häufig genutzten Mittel der Ironie oder der Satire von sehr Vielen nicht verstanden werden.

Was die Angelegenheit hier aber prekär macht, ist der Beifall von der falschen Seite: Alice Weidel (AfD), Attila Hildmann (Querdenker), Hans-Georg Maaßen (CDU-Kandidat in Thüringen). Wenn die Springer-Presse hier mittut, ist das nur ein Zeichen dafür, dass ihr der „größte Erfolg der Querdenker-Szene“ egal ist.

Natürlich kann man sich an Jan-Josef Liefers Auftritt auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 erinnern, nach dem fünf Tage später die Mauer fiel. Aber dabei muss man die Unterschiede im Kopf haben. Die 53 Videos präsentieren ein beklemmend geschlossenes Weltbild. Fehlen bloß noch Impfgegner. Und die Toten und die Schwerkranken. Heike Makatsch hat ihr Video zurückgezogen. Richy Müller erklärte sich für „blauäugig“. Von den 53 Videos blieben nur 37 im Netz.

Es gab Widerspruch aus Künstler- und Schauspielerkreisen. Von Nora Tschirner, Christian Ulmen, Elyas M’Barek, Wayne Carpendale. Hans-Joachim Wagner schrieb: „Meine Güte! Wir Schauspieler sind sicher nicht die Hellsten. Aber das ist von einer selbstgefälligen Dämlichkeit, die selbst mich überrascht. Zu diesem Zeitpunkt, diese Aktion von privilegierten Großdarstellern?“

Sandra Hüller schrieb: „Leute. Bitte“

(Jörg Thomann, FAS 25.4.21)

3373: Michel Foucault: Welchen Einfluss hat die Pädophilie auf sein Werk ?

Donnerstag, April 22nd, 2021

In Frankreich ist es in intellektuellen Kreisen üblich, Privates nicht in die Öffentlichkeit zu bringen. Das gilt als Ausweis der Reife und Toleranz. Es erstreckt sich auch auf sexuelle Vorlieben. So galt André Gide (1869-1951) als größter französischer Schriftsteller. Er war pädophil. 1947 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Er soll Paul Claudel geantwortet haben: „Ich habe es mir nicht ausgesucht, so zu sein.“ Einem zeitgenössischen Philosophen der ersten Linie, Alain Finkielkraut, war es vorbehalten, diese französische Tradition, den großen Schriftstellern ihre Sünden zu vergeben, zu kritisieren.

Neuerdings nun ist der Philosoph Michel Foucault (1926-1984) in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Er gilt als der meistzitierte französische Philosoph. In seinem schon beinahe unüberschaubar umfangreichen Werk stellt er „Machtbeziehungen“ in den Mittelpunkt („Die Geburt der Klinik“, „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“, „Überwachen und Strafen“). Foucault gilt als Überwinder von 1968 und als Begründer der „Los-von-Marx-Theologie“, als Post-Strukturalist. Er hat das Regime der Mullahs in Persien ab 1979 gelobt. Von 1970 bis zu seinem Tod an Aids 1984 hat Foucault am Collège de France geforscht und gelehrt. 1989 hat Didier Eribon seine Biografie veröffentlicht.

Interessierten unter uns war Foucault als pädophil bekannt. Von 1966 bis 1969 war er Gastprofessor in Tunis. Dort hat er anscheinend seine Neigung exzessiv ausgelebt. In seinem Spätwerk („Der Gebrauch der Lüste“, „Die Geständnisse des Fleisches“) spielte die Pädophilie (bei Foucault „Liebe zu Jungen“) eine überragende Rolle. Ein britischer Rezensent bezeichnete Foucault als „Prophet der Päderasten“. 1977 hat Foucault gemeinsam mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Jacques Derrida eine Petition unterzeichnet, die das Mindestalter für einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen auf unter fünfzehn gesenkt wissen wollte. Nach alter Art wird Foucaults Verhalten gerechtfertigt (wie das auch Hartmut von Hentig bei Gerold Becker getan hatte): „Foucault war kein Pädophiler, sondern er wurde von den Knaben verführt.“ 1978 hatte Foucault behauptet, dass Kinder gut einschätzen könnten, ob sie einvernehmlichen Sex wollten oder nicht.

Nun haben sich Kundige zu Wort gemeldet. Einmal die Pariser Literaturprofessorin Tiphaine Samorault, die eine Biografie über Foucaults Freund und Liebhaber Roland Barthes geschrieben hat. Sie sagt: „Die Vorwürfe sind glaubwürdig, was Foucaults Ausnutzung der Kinderprostitution in Nordafrika betrifft, und der aktuelle Kontext macht diese sogenannten Enthüllungen spektakulär.“

Die Enthüllungen stammen u.a. von der Journalistin Chantal Charpentier, die 1969 mit einem Freund Foucault in Tunesien besucht hatte. „Foucault behandelte die Kinder … auf demütigende Art. Foucault führte sich wie ein Kolonialist auf, und ich möchte mir nicht vorstellen, wie er sexuell mit den Jungen des Dorfes umging.“

Wie Foucault mit den tunesichen Jungen umging, schildert der französische Essayist und Unternehmer Guy Sorman, der Foucault ebenfalls 1969 besucht hatte. Er kaufte „kleine Jungs in Tunesien .., unter dem Vorwand, dass sie Recht auf einen Orgasmus hätten. Er verabredete sich mit ihnen auf dem Friedhof von Sidi Bou Said, im Mondlicht, und vergewaltigte sie auf den Gräbern.“ „Ich glaube, es ist wichtig, zu wissen, ob ein Autor ein Schweinehund ist oder nicht … und diese Dinge mit kleinen Kindern waren schändlich. Die Frage nach ihrem Einverständnis wurde gar nicht gestellt.“ Als Kinderficker war Michel Foucault gewiss ein Experte für „Machtbeziehungen“.

Manche Blätter in Frankreich berichten auffällig wenig über Foucaults Sexualleben. Wahrscheinlich weil sie ahnen, wie sehr die Pädophilie Teil seines Werks und Denkens ist. Foucault vergötterte die Antike, in der die Knabenliebe hoch im Kurs stand. Ein großer Teil seiner Zivilisationskritik setzt erst ein mit dem Christentum, dem er Unterdrückung der Sexualität (Jungfräulichkeit, Ehe etc.) vorwarf. Michel Foucault war ein prominenter Teil des Sextourismus französischer Intellektueller in die ehemaligen Kolonien (eine Form des Kolonialismus). „Es ist wichtig, darüber zu reden“, sagt Tiphaine Samorault. „Es gibt keine Ungerechtigkeit, die nicht aufgedeckt gehört.“ (Georg Blume, Zeit 8.4.21; Willi Winkler, SZ 9.4.21).

3365: Vor 500 Jahren: Luther vor dem Reichstag in Worms

Sonntag, April 18th, 2021

Am 17. und 18. April 1521 trat Martin Luther vor dem Reichstag in Worms auf. In der Kluft eines Augustinermönchs mit Ledergürtel und ungewöhnlich großer Tonsur:

„Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde – denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht, da es fest steht, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun.“

Dem hat die lutherische Propaganda später noch angefügt:

„Ich kan nicht anderst/hier stehe ich/Got helff mir/Amen.“

Das wurde das Credo der Reformation. Auf dem Rückweg von Worms ließ der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise Luther zu seiner Sicherheit und zum Schein festnehmen und auf die Wartburg bringen, wo er die Bibel übersetzte.

3354: Caroline Fourest hat Angst.

Montag, April 12th, 2021

Die französische Feministin Caroline Fourest (vgl. hier 3316: Caroline Fourest über linke Sprach- und Gedankenpolizei) bekennt in einem Interview mit Georg Blume (Zeit 31.3.21), dass sie Angst hat vor den Umtrieben in der linken Identitätspolitik:

1. „Ich komme .. von der Linken, einer universalistischen, laizistischen, demokratischen Linken. Aber ich habe es heute mit einer dogmatischen, fanatischen Linken zu tun, die sich mit religiösen Fundamentalisten zusammentut.“

2. „Zum Beispiel in Brüssel, als ich gegen das Tragen des Ganzkörperschleiers sprach. Linksextremistische und islamistische Gruppen störten gemeinsam die Veranstaltung und forderten meine ’symbolische Steinigung‘.“

3. „In den USA und Kanada hat die studentische Jugend eine Radikalität entwickelt, die keinen Widerspruch mehr duldet. Mehr noch: Widerspruch wird von ihr als Demütigung und Beleidigung empfunden, sodass man der Person, die widerspricht, das Wort verbietet.“

4. „Es gibt weltweit einen neuen Totalitarismus, der sowohl von rechts wie von links kommt.“

5. Geht es nach ihm, „dürfen Künstler nicht mehr Bilder gegen den Rassismus malen, wenn sie weiß sind. Das ist Wahnsinn.“

6. „Ich komme ja vom dekonstruktivistischen Feminismus. Jacques Derrida, der Vater der Dekonstruktion, hat mich inspiriert. Natürlich müssen wir auch heute noch die Mechanismen des Patriarchats dekonstuieren. Natürlich müssen wir weiter die Überreste des kolonialen Unterbewusstseins dekonstruieren.“

7. „In den USA ist im Namen der Religionsfreiheit alles erlaubt. In Frankreich glauben wir, dassv wir unsere Freiheit vor jeder religiösen Einflussnahme schützen müssen. Der religiöse Puritanismus in den USA ist bis heute eine nicht versiegende Quelle identitären Denkens.“

3352: Müssen wir Philip Roth canceln ?

Sonntag, April 11th, 2021

Im Zusammenhang mit einer Biografie über ihn ist in den USA die Debatte aufgekommen, ob wir den großen US-Erzähler und -Romancier Philip Roth (1933-2018) canceln müssen. Von ihm haben wir nicht nur „Der menschliche Makel“ (2000), sondern auch „Goodbye, Columbus“ (1959), „Portnoys Beschwerden“ (1969), „Mein Leben als Mann“ (1974), „Mein Leben als Sohn“ (1991), „Sabbaths Theater“ (1995), „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) und die „Short Novels“ (2006-2010).

In seinen Büchern beschäftigte sich Philip Roth mit den Nachkommen europäischer Juden in den USA. Er schrieb häufig autobiografisch. Die meisten seiner Protagonisten sind Männer, Juden und Schriftsteller. In „Portnoys Beschwerden“ ging Roth ungezügelt obszön vor und sezierte das Leben eines Psychotherapie-Patienten. Harold Bloom hielt „Sabbaths Theater“ für Roths größtes Werk. Den Literaturnobelpreis hat er trotzdem nicht bekommen. Als den 2016 Bob Dylan erhalten hatte, sagte Philip Roth, im nächsten Jahr würden ihn Peter, Paul and Mary kriegen.

Was Roth bei den Fans der politischen und sexuellen Korrektheit zu schaffen macht, ist sein angeblicher Lebenstraum „Tagsüber in der Bibliothek, nachts bei den Frauen“. Roths Freund Steven Zipperstein, Professor für jüdische Kultur und Geschichte in Stanford, der ebenfalls eine Roth-Biografie vorbereitet, sagt im Interview mit Sarah Pines (Literarische Welt 10.4.21), dass er Roth bescheinigt habe: „Ich glaube, du liebst Frauen zu sehr.“ Das scheint heute gar nicht mehr erlaubt zu sein.

Auf Roths Beerdigung 2018 sprachen Frauen. Seine Ex-Frau Claire Bloom, eine Schauspielerin, hatte in ihrer Autobiografie „Leaving a Doll’s Hause“ (1996) versucht, Philip Roth als spießigen Choleriker darzustellen. Die Frauen in Roths Büchern sind außergewöhnlich stark. Steven Zipperstein: „Roth ist als Autor zu überragend, um irrelevant zu werden.“

3346: Kirik Douglas wollte Senta Berger küssen.

Freitag, April 9th, 2021

Im Vorgriff auf ihren 80. Geburtstag im Mai ist die hoch-renommierte Schauspielerin Senta Berger (z.B. Kriminalrätin Dr. Eva Prohacek) von Katja Nicodemus für die „Zeit“ (8.4.21) interviewt worden. Nicodemus greift dazu auf Bergers Autobiografie „Ich hab ja gewusst, dass ich fliegen kann.“ (2006) zurück. Darin hat Senta Berger auch über Hollywood berichtet, wo sie von 1961 bis 1969 gearbeitet hatte.

Berger: „Eine wirklich absurde Situation habe ich mit Kirk Douglas erlebt, der ja aus einer russisch-jüdischen Emigrantenfamilie kommt. Er versuchte, mich gegen meinen Willen zu küssen, und als ich meinen Kopf wegdrehte, sagte er: ‚Your people killed my people.‘ Das fand ich eine unglaubliche Zusammenführung. Darüber hätte man vielleicht mal mit der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich sprechen müssen. Über diese erotische Anziehung, die ein ‚war baby‘ offensichtlich hatte. Über die Faszination der Erniedrigung, die man ihm zufügen könnte.“