Es war Hilmar Hoffmann, ein ohnehin um die Volksbildung in Deutschland sehr verdienter Mann, der 1954 die Oberhausener Kurzfilmtage begründete. Und damit ein Festival schuf, von dem aus viele Größen des internationalen Films starteten. Es begann mit Alain Resnais‘ „Nacht und Nebel“. Und setzte sich fort etwa mit Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Roman Polanski, Chantal Akerman und Martin Scorsese. 1962 verkündete Alexander Kluge hier das „Oberhausener Manifest“, in dem Papas Kino für tot erklärt wurde. Das wurde auch höchste Zeit. Edgar Reitz war Dauergast in Oberhausen. In diesem Jahr muss Festivalleiter Lars Henrik Gass, der sich nach dem Hamas-Pogrom vom 7. Oktober 2023 für Israel erklärt hatte, damit fertig werden, dass zahlreiche internationale Filmschaffende abgesagt haben. So sind die Zeiten (Philip Stadelmaier, SZ 2.5.24).
Archive for the ‘Kunst’ Category
4809: 70 Jahre Oberhausener Kurzfilmtage
Freitag, Mai 3rd, 20244808: Peter Demetz ist gestorben.
Donnerstag, Mai 2nd, 2024Der 1922 in Prag geborene Germanist Peter Demetz ist gestorben. Er war ganz und gar und in jeder Hinsicht eine Ausnahmefigur in der Wissenschaft und in der Germanistik. Seine Familie wurde im Holocaust ermordet. Demetz lebte nach 1945 in München und emigrierte 1953 in die USA. Dort wurde er 1962 Professor in Yale und ist seither aus der Germanistik nicht mehr wegzudenken.
Über seinen Lehrer René Wellek sagte er: „Uns, den vielen Überlebenden, musste er nicht lange erklären, warum es eine rationale Wissenschaft unternehmen sollte, das Literarische vor jeder Manipulation durch Staatssysteme und Funktionäre zu retten.“ Seine Heimatstadt Prag nannte er eine „traurig-altberühmte Stadt“. Wenige Monate vor der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 schrieb er:
„Als die Prager Freundinnen meiner Mama, die später alle in den Gaskoammern erstickten, noch mit den silbernen Teelöffeln klimperten, war ihnen kein Gesprächsthema lieber als Verlobungen, Affären, Enterbungen und Hochzeiten; und wenn der Gugelhupf serviert wurde, ertönte immer die Frage: ‚Was war sie für eine Geborene?'“
Peter Demetz verachtete die US-Kultur im Gegensatz zu vielen anderen nicht. Er war ein leidenschaftlicher Kinogänger. Und er sah sich gezwungen, die Abgründe des Lebens mit
Ironie
zu bändigen. Ihm gelang es. Er wurde ständiger Autor der „Zeit“ und der „FAZ“, ein großer Gewinn für den deutschen Journalismus und für die deutsche Literaturgeschichte. Der große Kafka-Kenner würdigte die Feuilletons von Milena Jesenska und die Lokalreportagen von Egon Erwin Kisch. Von Peter Demetz stammen „Prag in Schwarz und Gold“ (1997) und „Mein Prag“ (2008). Das sagt alles. Wir haben einen großen Verlust erlitten (Lothar Müller, SZ 2.5.24).
4789: Woody Allen: Statements im Interview mit Oliver Polak
Freitag, April 19th, 2024Am 4.4.2024 gab Woody Allen dem Komiker Oliver Polak ein Interview („Zeit-Magazin“):
„Wenn ich an Deutschland denke, habe ich gemischte Gefühle. Die Deutschen haben Enormes geleistet, kulturell, intellektuell und auch wissenschaftlich. Und dann wiederum war da die bösartigste Regierung, waren da die grausamsten Menschen, die die Welt je gesehen hat. Aber der wirkliche Grund dafür, dass ich noch keinen Film in Deutschland gedreht habe, ist, dass es dort bislang niemanden gab, der einen Fim von mir finanzieren wollte.“
„Wenn ich einen Film mache, lenke ich mich ab. Ich verbringe dann acht bis zehn Monate in einem Land mit charmanten Männern, wunderbaren Frauen, konstruierten Situationen, Kostümen, Musik. Die Realität blende ich aus und richte den Blick ins Innere. Ich bin im Studio, am Set. Ich muss mir Gedanken darüber machen, ob das Licht richtig gesetzt ist, die Kostüme stimmig sind. Es ist eine Flucht vor der Realität.“
„Ich bin nicht intellektuell, ich vermassle nicht alles, ich führe ein ganz normales gutbürgerliches Leben mit meiner Familie. Und das ist gut so. Leute denken, dass ich hochneurotisch sei.“
„Zu meinen Kollegen, ob Spielberg, Scorsese oder Coppola, pflege ich keine sozialen Verbindungen. Ich war nie mit ihnen zu Abend essen, wir haben nie einen Kaffee zusammen getrunken, ich verabrede mich nicht mit ihnen. Aber wenn ich mal zufällig einem von ihnen begegne, können wir auch eine Minute lang auf der Straße plauschen. Ich verehre ihre Filme.“
„Ich bin von der Welt isoliert. Aber ich bin gerne zu Hause, in meinem Schlafzimmer. Dort schreibe ich oder verbessere mein Klarinettenspiel. Ich bin gut in den Dingen, die für das Allein-im-Zimmer-Sein wichtig sind.“
„Ich mag grundsätzlich keine Veränderung, sie bringt mich immer aus der Fassung. Ich esse immer im selben Restaurant, tue immer dieselben Dinge.“
„Nein, das Publikum liebt dich nicht wirklich. Sie lieben es, von dir unterhalten zu werden. Das ist wie beim Basketballspieler, wenn du einen Korb wirfst, kreischt das Publikum. Wenn du nicht triffst, wenden sie sich ab. Du darfst die Publikumsanerkennung nicht mit Liebe verwechseln. Liebe bekomme ich von meiner Familie, von meinen Freunden.“
4781: Woody Allens 50. Film
Samstag, April 13th, 2024Mit „Ein Glücksfall“ zeigt Woody Allen seinen 50. Film. Er wird von den Kritikern durchweg gelobt. Er zähle zu seinen besten. Es handelt sich um eine Kriminalsatire in Paris, die auf Französisch gedeht wurde, neu bei Allen. In der Nähe von „Matchpoint“. Das ist nur eine Auswirkung der Ächtung, die auf Allen seit dem Beginn der Kampagne seiner Ex-Frau 1992 lastet. Die Finanzierung seiner Filme wird zunehmend schwieriger. Allen deutet an, dass er auch aufhören könne mit 88 Jahren. Besonders scharf angegriffen wird Woody Allen seit der Affäre Harvey Weinstein. „In Hollywood geht derzeit schlicht einfach nichts mehr für ihn.“ (David Steinitz, SZ 11.4.24)
4775: Christoph Hein 80
Montag, April 8th, 2024Christoph Hein war ursprünglich erfolgreicher Theaterautor in der DDR etwa neben Heiner Müller und Volker Braun, sah aber im Roman mehr Freiheitsmöglichkeiten. Die nutzte er. In scheinbar einfacher Sprache, die hochartifiziell ist. 1982 erschien „Der fremde Freund“ („Drachenblut“). Darin kommen Claudia und Katharina nicht mit der Repression in der DDR klar. Katharina darf kein Abitur machen, weil sie Christin ist. Die Frauen gehen unter.
Auf dem Schriftstellerkongress 1987 kritiserte Christoph Hein die DDR-Zensur als menschenfeindlich, nutzlos, paradox und strafbar. Er fand das gar nicht mutig. Das sei es vor vierzig Jahren gewesen. Mut beginne erst da, wo mindestens die Deportation in ein sibirisches Arbeitslager drohe, so Hein. Das haben wir ja jetzt wieder erreicht. Christoph Hein wird 80 Jahre alt. Wahrscheinlich müssten wir Christoph Hein viel dankbarer sein, als wir es sind (Felix Stephan, SZ 8.4.24).
4774: Peter Sodann ist gestorben.
Montag, April 8th, 2024Die meisten von uns kannten ihn als Dresdener „Tatort“-Kriminalhauptkommissar Bruno Ehrlicher. Peter Sodann ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war aber schon in der DDR ein sehr erfolgreicher Schauspieler und Theaterintendant. 1961 musste er wegen „staatsfeindlicher hetze“ in den Knast. 2001 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 2009 war für die Linkspartei Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten (SZ 8.4.24).
4758: Bayern verbietet das Gendern.
Mittwoch, März 20th, 2024An bayerischen Schulen, Hochschulen und Behörden ist das Gendern verboten. Das hat das bayerische Kabinett beschlossen. Damit wurde die allgemeine Geschäftsordnung geändert. Schreibweisen mit Wortbinnenzeichen wie Gender-Gap, Genderstern, Doppelpunkt oder Mediopunkt sind damit verboten (SZ 20.3.24).
4744: 2024: 96. Oscar
Sonntag, März 10th, 2024Die 96. Academy Awards werden in Hollywood verliehen. Bei aller Kritik finden sie überwiegend Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie spiegeln eine bemerkenswerte Internationalisierung der Filmwelt. Die deutsche Schauspielerin
Sandra Hüller
ist als beste Schauspielerin nominiert (die erste seit Luise Rainer in Stummfilmzeiten) für den französischen Film
„Anatomie eines Falls“,
der auch die Goldene Palme von Cannes gewonnen hat. Aber auch für den englischen
„The Zone of Interest“,
in dem sie die Frau des KZ-Kommandanten Rudolf Höß spielt.
Die gegenwärtige Lage bei der Oscar-Verleihung ist auch eine Folge des Booms bei den Streamingdiensten. Das Publikum in aller Welt ist inzwischen an Untertitel gewöhnt. Der Regisseur Wim Wenders kandidiert mit dem japanischen „Perfect Days“. Ein anderer deutscher Regisseur, Ilker Catak, ist mit „Das Lehrerzimmer“ nominiert. Er musste die Kinopublizistik zunächst darauf aufmerksam machen, dass er sich als deutscher Hoffnungsträger zu wenig gewürdigt sah. Das könnte zutreffend sein, betrifft auch andere. Als Favorit für den Hauptpreis gilt Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Tobias Kniebe, SZ 9./10.3.24).
Wir drücken Sandra Hüller die Daumen.
4727: KEF: Rundfunkbeitrag soll um 58 Cent steigen.
Samstag, Februar 24th, 2024Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (KEF) schlägt eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 58 Cent ab 2025 (für vier Jahre) vor. Ihren Bericht nahm die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Freitag in Berlin entgegen. Die Beitragserhöhung sei nötig, damit ARD, ZDF und Deutschlandradio ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen könnten. Es handle sich um eine Steigerung um 0,8 Prozent (SZ 24./25.2.24).
So sehr die Erhöhung plausibel erscheint, so wird sie nicht glatt über die Bühne gehen. Denken wir an so leidenschaftliche Gegner einer Erhöhung wie den sachsen-anhaltinischen Ministerpräidenten Reiner Haseloff (CDU). Und an die systematische Misswirtschaft von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.
4693: Förderung von Brennpunktschulen
Samstag, Februar 3rd, 2024Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, gemeinsam Brennpunktschulen zu fördern. Die Kultusministerkonferenz stimmte dem am Freitag zu. Damit sollen die Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen gestärkt werden. Mit jährlich zwei Milliarden Euro sollen über zehn Jahre 4000 Schulen unterstützt werden. Profitieren davon sollen etwa eine Million Schüler. Ausgewählt werden die Schulen von den Bundesländern (SZ 3./4.2.24).