Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2252: Habecks Fehler

Freitag, Januar 11th, 2019

Robert Habeck (Grüne) hat in zwei eilig gedrehten Videos sowohl Bayern als auch Thüringen als nicht demokratisch bezeichnet. Das war sein erster Fehler. Sein zweiter: nach dem Hacking durch einen Schüler aus Homberg/Ohm hat Habeck seinen Twitter- und seinen Facebook-Account gekündigt. Die Dienste führten unvermeidlich zur Zuspitzung und hätten auch seinen Stil beschädigt. Aber: Zurückziehen ist keine Lösung. Damit überlassen wir die sozialen Medien den Rechtspopulisten. Wird Robert Habeck eigentlich von niemand beraten?

Wir haben es hier – im Netz – mit einem Lehrstück mit der fatalen Neigung zur Sofort-Skandalisierung und furioser Mitleidlosigkeit zu tun. „Nur wer rund um die Uhr auf Sendung ist, erfüllt die Anforderungen der neuen Zeit. Aber wer mal danebenliegt, den machen wir so richtig fertig!“ Nun seien „die persönlichsten Gespräche zwischen mir und meiner Familie“ auf den „Rechnern der deutschen Tageszeitungen“, meinte Robert Habeck.

Aber, im Ernst, wer geht bei dieser gesellschaftlichen Lage noch in die Politik? Und ist der Anspruch fortwährender Kommunikationsbereitschaft tatsächlich sinnvoll? Wird er nicht unvermeidlich zur Falle? Das gegenwärtige Mediensystem züchtet den „kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitiker“, den es dann verachtet. Das Bedürfnis nach Lichtgestalten und Erlöserfiguren (zeitweise z.B. Martin Schulz oder Friedrich Merz) prallt auf das Bedürfnis nach Nahbarkeit und die Lust an der Demontage.

Bernhard Pörksen schreibt dazu: „Wir sind auf die aktuell laufende Medienrevolution und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem normativ nicht vorbereitet. Wir diskutiueren über Einzelfälle, über irrelevante Ausrutscher, aber übersehen die großen Fragen. … Welches Maß an Fehlertoleranz und Relevanzgespür müsste eine Gesellschaft trainieren, die in dieser Weise Transparenz und Nahbarkeit verlangt? … Es ist an der Zeit, dass wir endlich darüber streiten. Natürlich auf Twitter und Facebook, aber am besten überall.“ (Bernhard Pörksen, SZ 11.1.19)

2251: Wozu brauchen wir Wölfe ?

Donnerstag, Januar 10th, 2019

1998 haben Förster zwei Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz (bei Görlitz) entdeckt. Seither vermehren sich die Wölfe in Deutschland kontinuierlich. Über 700 sind mittlerweile nachgewiesen. Vor allem in allen ostdeutschen Bundesländern, in Niedersachsen und Hessen. Wenn es mehr Wölfe in Bayern und Baden-Württemberg gebe, wäre ihre politische Behandlung eventuell anders. Denn der Wolf spaltet die Gesellschaft. Naturschützer und Grüne wollen sie, die AfD will sie wieder ausrotten. Und das angesichts von drei Landtagswahlen im Osten, in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Wozu brauchen wir die Wölfe eigentlich, nachdem wir mehrere hundert Jahre ohne sie ausgekommen sind?

In Sachsen sind 18 Wolfsfamilien und vier Paare nachgewiesen. Hier gibt es ein Wolfskontaktbüro. Und im Jahr 2018 132 Angriffe auf Nutztiere mit 232 getöteten Tieren. Hier will Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) seinen Wahlkreis Görlitz und die Landtagswahlen wieder gewinnen. Die Stimmung in Ostsachsen ist schlecht und gegen Angela Merkel und die Wölfe gerichtet (hängt nicht alles mit allem zusammen?). Landwirte, die ihre Herden ordnungsgemäß schützen, werden vom Land Sachsen finanziell entschädigt (Ulrike Nimz, SZ 10.1.19).

Wölfe leben in Familien (Rudeln) und fressen hauptsächlich Rehe und Hirsche, manchmal Wildschweine, seltener Schafe, Ziegen und Rinder. Jäger bemerken, dass es kaum noch Rotwild in den Wäldern gebe. Dafür immer mehr zerfetzte Weidetiere. Der Wolf nehme teilweise nicht mehr Reißaus vor dem Menschen. Er überwinde die aufgestellten Schutzzäune in der Regel leicht. Bei problematischen Tieren werde ein Abschuss nur geprüft. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will die Wolfsbestände „regulieren“. Das ist der übliche pflaumenweiche Opportunismus.

2250: Die deutschen Massenmedien berichteten über Flüchtlinge überwiegend korrekt.

Donnerstag, Januar 10th, 2019

Die deutschen Massenmedien berichteten über die Flüchtlinge 2015 und 2016 überwiegend korrekt. Das ist das Ergebnis der Studie

„Auf den Spuren der Lügenpresse“,

die in Mainz unter der Leitung von Prof. Dr. Marcus Maurer angestellt worden ist. Dazu wurden insgesamt 5000 Artikel und Fernsehbeiträge in der

„Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ),

der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ,

der „Bild“-Zeitung,

von „Tagesschau“,

„Heute“ und

„RTL Aktuell“

untersucht. Der Vergleich der Medienbeiträge mit statistischen Informationen über Zuwanderer aus dem Zeitraum 2015/16 ergab, dass die untersuchten Zeitungen und Sendungen entgegen häufiger Vorwürfe Fakten nicht falsch darstellten.

Die Kriminalität durch Zuwanderer war medial vor den Vorfällen in der Silvesternacht 2015 in Köln unterrepräsentiert – später überrepräsentiert. Außerdem wurden schwere Verbrechen wie Gewaltdelikte und Sexualstraftaten durch Migranten überproportional häufig thematisiert. Die Studie hat sich auch mit der „Ausgewogenheit“ der Berichterstattung beschäftigt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese sich stets nur auf ein Gesamtprogramm beziehen kann. Denn wenn etwa über Kriminalität von Zuwanderern berichtet wird, kann dies ja nicht dadurch „ausgewogen“ werden, dass dann zugleich gemeldet wird, es gäbe aber auch nicht-kriminelle Zuwanderung. Nach dem Silvester 2015 wurde die Berichterstattung über Flüchtlinge immer negativer. „Lügenpresse“-Vorwürfe sind nicht haltbar (Aurelie von Blazekovic, SZ 10.1.19).

2249: Digitalisierung funktioniert ohne Lehrer nicht.

Mittwoch, Januar 9th, 2019

Eine Studie der beiden Pädagogikprofessoren John Hattie (Neuseeland) und Klaus Zierer (Augsburg) zeigt, dass digitale Medien den Kern erfolgreichen Unterrichts nicht verändern können.

Der hängt weiterhin vom Lehrer ab.

Dazu sind 1400 Metastudien in die Analyse eingeflossen. Das sind solche, die bereits andere Untersuchungen zusammenfassen. „Den Glauben, die digitale Technik werde das Lernen revolutionieren, müssen wir zurückweisen.“ In seiner wegweisenden Großstudie „Visible Learning“ (2009) (800 Metastudien) hatte Hattie bereits belegt, dass erfolgreicher Unterricht auf der guten Beziehung von Schülern und Lehrer und dem Gespräch über das Gelernte basiere. Klaus Zierer: „Lernen bleibt Lernen.“

Positive Wirkungen durch den Einsatz digitaler Technik lassen sich beim Fremdsprachenunterricht feststellen. Beispielsweise durch Apps, die das Erlernen der Aussprache erleichtern. Gerade in der Mathematik und den Naturwissenschaften, wo der potenzielle Nutzen digitaler Technik als besonders groß gilt, bleibt der Effekt „deutlich hinter den Erwartungen zurück“. „.. durch das Mehr an digitalen Medien geht häufig die wichtige Zeit für die Reflexion mit den Lernenden verloren.“ Deutlich negativ wirken sich laut Studie die Nutzung des Smartphones und sozialer Medien in der Freizeit auf den schulischen Erfolg aus.

Die Studie zeigt Wege auf, digitale Technik mit Gewinn einzusetzen. Im Rahmen des sogenannten Flipped Classroom zum Beispiel. Diese Methode setzt darauf, in der Schule mehr Zeit für die Besprechung und die Vertiefung des Stoffs zu haben – indem die reine Wissensvermittlung aus dem Unterricht ausgelagert wird. Einige Lehrer lassen ihre Schüler zu Hause zu diesem Zweck Videos anschauen (Paul Munzinger, SZ 7.1.19).

2248: Euro – 20 Jahre alt

Montag, Januar 7th, 2019

Der Euro wird 20. Er hat viel für die Integration Europas und den Wohlstand Deutschlands getan. Daran ändert auch die unsachliche Kritik vieler Populisten und Nationalisten nichts. Der Euro hat zu mehr Handel, mehr Investitionen und mehr Stabilität geführt. Und, in den ersten zehn Jahren, zur Integration der Finanzmärkte. Der Euro hat von der Stärke und Glaubwürdigkeit der DM und der Bundesbank profitiert. Er ist zur zweiten Leitwährung der Welt geworden.

Deutschland braucht den Euro nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Gründen. Denn das kleine Deutschland kann seine globalen Interessen nur dank eines starken Euro und eines geeinten Europa wahren. Die Behauptung, dass Deutschland durch den Euro zu viele Risiken übernehme, ist falsch. Eine Währungsunion ist eine Versicherungsunion. Darin werden die Risiken geteilt. Deutschland hat durch die Rettungskredite an andere Länder und die Geldpolitik der EZB keine Verluste erlitten, sondern hohe finanzielle Gewinne gemacht.

Einige der mit dem Euro verbundenen Hoffnungen konnten wegen der globalen Finanzkrise und der folgenden europäischen Finanzkrise nicht erfüllt werden. Es gibt also durchaus enormen Reformbedarf. Aber alle Rettungskredite wurden zurückgezahlt. Mit satten Gewinnen für den deutschen Fiskus. An falschen Investitionsentscheidungen trägt der Euro keine Schuld.

Angestrebt werden sollten die Vollendung des Binnenmarkts für Dienstleistungen, eine Kapitalmarktunion und eine funktionierende Bankenunion. Dadurch können die Risiken einer Krise und deren Ansteckungseffekte minimiert werden. „Der Euro war und ist ein Glücksfall für die deutsche Geschichte.“ (Marcel Fratzscher, SZ 7.1.19)

2247: Klaus Gietinger, die „One-Man-Band bei der Erforschung der Rolle Gustav Noskes“

Montag, Januar 7th, 2019

Eigentlich wissen wir ziemlich genau Bescheid darüber, dass Gustav Noske (1868-1946) (SPD), Gouverneur von Kiel im November 1918, Oberbefehlshaber in den Marken im Januar 1919, Reichswehrminister von Februar 1919 bis März 1920, danach Oberpräsident von Hannover, die politische Verantwortung trug für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919 in Berlin (vor 100 Jahren). Spätestens seit

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L. Berlin (Verlag 1900) 1995, 190 S.

Trotzdem schreibt Uwe Soukup, Gietingers Verleger von 1995, am 6.1.2019 einen Artikel („Noske, der wird schießen“) in der FAS, der genau das bestätigt und untermauert. Soukup nennt Klaus Gietinger, der bei uns in Göttingen studiert hat, eine „One-Man-Band bei der Erforschung Gustav Noskes“. Inzwischen leugnet auch die SPD unter Andrea Nahles nicht mehr die Verantwortung Noskes. „In der historischen Nachschau betrachtet, hat die Politik Gustav Noskes rechtsextremen Kräften Auftrieb gegeben und die Arbeiterbewegung geschwächt.“ Gustav Noske genoss das Vertrauen Friedrich Eberts, des SPD-Vorsitzenden, und arbeitete sehr eng mit den Freikorps zusammen. Als Major Waldemar Pabst, der de facto der Kommandeur der Garde-Kavallerie-Schützen-Division war, bei Noske anrief und diesem mitteilte, dass die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der aufgegriffenen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht zu bekommen sei, sagte Noske nur, dass Pabst dann selber wissen müsse, „was zu tun sei“.

Ein SPD-Sprecher 2018: „So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.“

Ein zusätzliches Licht auf die Ereignisse von Anfang 1919 wirft es, dass es nach 1945 nicht Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren, die den Kurs der Kommunisten (SED) bestimmten, sondern Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck.

 

2245: Der Krieg gegen die Medien

Sonntag, Januar 6th, 2019

Der US-amerikanische Journalistik-Professor Jay Rosen (geb. 1956) ist in Deutschland, um das hiesige Mediensystem zu analysieren. Er hat dazu 53 Journalisten befragt und mehrere Redaktionen besucht. Rosen spricht über den „Krieg gegen die Medien“, wie er es nennt. Ich fasse seine Äußerungen in einem Interview mit Alan Cassidy (SZ 4.1.19) zusammen, ohne die Fragen zu nennen. Wörtliche Teile sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet.

1. Teilweise angemessen ist für Deutschland der Begriff der „Systempresse“. Er besagt, dass mediale und politische Eliten manchmal fast das Gleiche sind.

2. Schwindet dann das Vertrauen in die Politik, dann schwindet auch das Vertrauen in die Medien.

3. Medien konzentrieren sich häufig auf Intrigen und Machtkämpfe. Aber davon haben Teile der Öffentlichkeit genug, weil darin die Sorgen der Menschen nicht ausreichend berücksichtigt werden.

4. Der Wert von Journalismus besteht nicht im „Storytelling“, sondern etwa viel mehr darin, den Politikern öffentlich kritische Fragen zur Sache zu stellen.

5. In den USA ist für ein Drittel der Wähler Trump selbst heute die wichtigste Quelle von Informationen über Trump. „Dieses Drittel lebt bereits heute in einem autoritären Mediensystem.“

6. Viele von Trumps republikanischen Parteifreunden lesen zwar die „New York Times“ oder die „Washington Post“, schweigen aber zu Trumps Eskapaden.

7. Es gibt in den USA durchaus noch weitere Medien, die prinzipiell Trump-kritisch berichten und seine Schwächen aufdecken. Es fehlt ihm auch an überparteilicher Unterstützung.

8. „Der Präsident der Vereinigten Staaten ist selbst zur größten Quelle von Desinformation geworden.“

9. Bei Auslandsreisen von Trump gibt es keine Pressekonferenzen mehr.

10. Trump benutzt die Medien, um seine Anhänger aufzuhetzen.

11. Trump versucht, die Medien als Überbringer schlechter Nachrichten anzuschwärzen, etwa um zu verhindern, dass die Erkenntnisse des Sonderermittlers Robert Mueller zu Trumps Russland-Beziehungen geglaubt werden.

12. Einige US-Journalisten agierten auf Pressekonferenzen mit dem Präsidenten so, dass der Eindruck entstehen konnte, es ginge ihnen in erster Linie um ihre Eitelkeit.

13. „Der Ausweg heißt: mehr Transparenz. Journalisten sollten gegenüber ihren Lesern offenlegen: Schaut her, das ist mein Hintergrund, hier komme ich her. Und danach aufgrund hoher handwerklicher Ansprüche an Recherche und Faktentreue ihre Arbeit machen. Das ist eine Maßnahme. Eine andere ist: Redaktionen sollten gegenüber ihren Lesern klarstellen, welche Themen sie selbst für wichtig halten und ihre Berichterstattung danach orientieren, statt einfach dem Aufreger des Tages hinterherzurennen. Und eine dritte: Redaktionen sollten ihre Leserschaft besser kennen – und die Themen, die sie beschäftigen.“

2239: Die neue Weltformel

Dienstag, Januar 1st, 2019

Zum Propheten ist der konservative israelische Politikwissenschaftler Yoram Hazony von den Trumpisten erklärt worden. Weil er das Ende der amerikanischen Weltordnung und der Europäischen Union erklärt. Für Hazony ist der Nationalismus die beste Ideologie. Für Europa und Deutschland ist das deshalb gefährlich, weil damit drei Absagen verbunden sind:

– an den Liberalismus,

– an den Multilateralismus,

– an eine Bündnisidee, die einst Europa den Weg aus dem Kreislauf von Krieg und Hass zu weisen schien.

Francois Mitterrand erklärte uns: „Nationalismus, das ist der Krieg.“ Insofern sind das moderne Europa und die USA so tief gespalten wie noch nie zuvor. Die USA deuten die EU in ein imperialistisches Werkzeug um. Das ist schlimm und hochgefährlich (Stefan Kornelius, SZ 31.12.18/1.1.19). Wir als diejenigen, die solch reaktionärer Ideologie nicht anhängen, dürfen nicht resignieren und aufgeben. Der Kampf geht weiter.

2238: Houellebecqs falsche Analyse

Dienstag, Januar 1st, 2019

Das ganze reaktionäre Zeug stand schon in den Romanen Michel Houellebecqs. Nun lobt er in „Harper’s Magazine“ Donald Trump. Das zeigt uns wieder, dass Schriftsteller nicht die besseren politischen Analysten sind, sondern Schriftsteller. Wahrscheinlich ist das Ganze zustande gekommen als PR für den neuen Houellebecq-Roman. Houellebecq lobt Trumps Umgang mit den Menschenrechten und seinen Nationalismus. Nebenbei erledigt er auch die EU, die keine gemeinsamen Werte, gemeinsamen Interessen und keine gemeinsame Sprache habe. Schon gar nicht mit den USA.

Trump ist für den französischen Schriftsteller der Held des Übergangs. Von der Globalisierung und dem Freihandel zurück zur nationalistischen Kultur. Für ihn ist die Aufklärung ein Irrtum. Houellebecq bedauert das Kirchenschisma von 1054, er bewundert den orthodoxen Glauben und den Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Bei Houellebecq ist der Mensch für die Freiheit nicht geschaffen. Er will große Reiche, große Nationen und große Herrscher. Und zu Weihnachten hat sich Houellebecq einen Jesus in Ketten gewünscht (Thomas Assheuer, Die Zeit 19.12.18).

Houellebecq hat politisch einen Knall.

2237: Eva Menasses Buch des Jahres

Montag, Dezember 31st, 2018

„Mein Buch des Jahres ist

Hanno Rauterbergs Langessay ‚Wie frei ist die Kunst?‘ (Suhrkamp 2018).

Es ist eins dieser Bücher, an dessen Hand man plötzlich tiefer, freier und vor allem auch weniger aufgeregt denken kann. Anders als die meisten Kombattanten der darin geschilderten Debatten – sei es um das Gomringer-Gedicht, die unzüchtig bekleideten Balthgus-Mädchen oder die Frage, ob ein Schauspieler, der einen Neonazi darstellt, auf der Bühne das Wort ‚Nigger‘ aussprechen darf – bewahrt der Autor die Contenance und seinen analytisch-abwägenden Blick, auch wenn die Ergebnisse, zu denen er kommt, beunruhigend sind. Ja, die Kunst ist nicht mehr so frei wie noch vor einigen Jahren. Und ja, das ist zweifellos eine direkte Folge der ‚Digitalmoderne‘, die ihre Meinungshoheit(en) ganz anders organisiert. Auch wer sich weniger für Kunst und Kunstmarkt interessiert, bekommt mit diesem Buch Pars pro Toto ein präzises Porträt unserer veränderten Gegenwart.“ (SZ 28.12.18)