Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2277: Es gibt noch Gesunde.

Montag, Februar 4th, 2019

Laut Auskunft der „American Heart Association“ leiden 48 Prozent der Amerikaner an Herz-Kreislauf-Beschwerden. Allerdings nur, wenn wir die Menschen mit hohem Blutdruck dazuzählen. Ansonsten sind es nur neun (9) Prozent. 2017 wurden die Blutdruckgrenzwerte von 140/90 auf 130/80 mm HG gesenkt. Die Zahl der Kranken ist also hausgemacht, präziser

arztgemacht.

Ähnlich die Schlagzeilen zum Übergewicht. Die Grenzwerte für Übergewicht wurden Ende der neunziger Jahre deutlich gesenkt. Das Gesundheitsrisiko steigt erst bei massiver Fettleibigkeit. Die Liste lässt sich fortsetzen:

– Blutzucker,

– Cholesterin,

– Vitamin D,

– Knochendichte.

Ist die Grenze zur Krankheit nicht niedrig genug, werden Prä-Erkrankungen definiert. Die Therapie kann gar nicht früh genug beginnen.

Tatsächlich werden die Menschen im Durchschnitt gesünder, als sie je waren. Allerdings ist das Gesundheitswesen in vielen Staaten die größte Wirtschaftsbranche. Deswegen wird beim Krankwerden nachgeholfen: Grenzwerte senken, Krankheitsdefinitionen ausweiten, Leiden erfinden, neue Patientenschichten gewinnen. Wir nennen das

Medikalisierung.

Von den ständigen Horrormeldungen geht ein großer Schaden aus. Denn wer glaubt, dass er krank ist oder wird, wird auch eher krank (Werner Bartens, SZ 4.2.19).

2276: Eine neue Rüstungsdebatte kommt.

Montag, Februar 4th, 2019

Die Kündigung des INF-Vertrags durch die USA und Russland zieht eine neue Rüstungsdebatte nach sich. CDU/CSU und SPD in der großen Koalition sind heute bereits uneinig. Während SPD-Generalsekretär Klingbeil schrieb: „Neue Raketen in Europa. Nicht mit uns.“, sagte CDU-Generalsekrtär Paul Ziemiak: „Russlands Verletzung des INF-Vertrages darf am Ende des Tages nicht durch naive deutsche Außenpolitik belohnt werden.“

Russlands Potentat Wladimir Putin betonte in seiner gewohnt listigen Art, dass Russland Kurz- und Mittelstreckenrakten nur dann in Mitteleuropa stationieren werde, wenn die USA dies ebenfalls täten. Unterdessen schlugen der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter und der SPD-Mann Rolf Mützenich vor, dass Russland seine neuen Marschflugkörper so weit nach Osten verlagern solle, dass sie Europa nicht mehr erreichen können. Im Gegenzug sollten die USA eigene Abschussanlagen in Europa für russische Kontrollen öffnen (Jens Schneider, SZ 4.2.19).

Tatsächlich haben die USA und Russland den INF aufgekündigt, weil sie sich gegen Chinas Hochrüstung wappnen wollen.

Wer alt genug ist, sich an den Nato-Doppelbeschluss zu erinnern, sollte vor allem an dessen Folgen denken.

Interessant wird die Position der Grünen, die im Bund ja – zu Recht – in die Regierungsverantwortung streben. Ich erinnere mich noch genau an ihre Haltung zur Nato-Nachrüstung Anfang der achtziger Jahre.

2275: Singapurs Autopolitik

Sonntag, Februar 3rd, 2019

Singapur hat dem Individualverkehr den Kampf angesagt. Seit Jahren begrenzt die Verkehrsbehörde die Zahl der Autos auf den Straßen. Deshalb kommt es in Singapur wenigstens noch zu zähfließendem Verkehr statt zum Dauerstau wie in

Bangkok,

Jakarta oder

Manila.

Autofahren ist zum Luxus geworden, weil die Behörden alles dafür getan haben. Sie erheben exorbitante Importzölle, Zertifikats- und Straßengebühren. Allein die Autozulassung kostet zwischen 32.000 und 50.000 Euro. Das Wachstum bei Neuwagen wurde jahrelang auf 0,25 Prozent begrenzt. Letztes Jahr wagte Singapur einen radikalen Schnitt: die Wachstumsquote wurde auf null (0) Prozent beschränkt. Nur wenn ein altes Fahrzeug stillgelegt wird, gelangt ein neues Auto in Singapur auf die Straße (Till Fähnders, FAS 3.2.19).

2274: Michel Houellebecq ist wirklich ein Rechtspopulist.

Samstag, Februar 2nd, 2019

Adam Soboczynski führt uns eindrücklich vor, dass Michel Houellebecq tatsächlich ein Rechtspopulist ist (Die Zeit, 17.1.19). Er nennt ihn einen „neurechten Denker“. Aber das finde ich unangebracht, weil es Rechte gibt, die keineswegs populistisch, sondern nur konservativ sind. Ich gebe hier Soboczynskis Argumente mit meinen Worten wieder:

1. Houellebecq bedauert den Rückzug des männlichen Zeitalters.

2. Er beklagt, dass Prostitution in Frankreich unter Strafe steht.

3. Für ihn wird so die europäische Gesellschaft in den Untergang getrieben.

4. Frei seien wir nur, wenn wir uns aus der „Zwangsjacke der Linken“ befreiten.

5. Die Massenmedien bildeten einen linken Mainsteam.

6. Houellebecq spricht frei von jeder Ironie von der „Lügenpresse“.

7. „Ich bin bereit, jeden zu wählen, der sich für den Austritt aus der Europäischen Union und der Nato einsetzt.“

8. Houellebecq will durch den Austritt aus der EU die Souveränität Frankreichs zurück.

9. Er preist die USA dafür, dass sie sich nicht mehr für die Pressefreiheit einsetzen.

10. Er feiert den Brexit.

11. Houellebecq möchte eine Annäherung an Russland.

12. Er begrüßt den wirtschaftspolitischen Protektionismus der Trump-Administration dafür, dass dadurch den US-Arbeitern geholfen werde.

13. Die deutsche Literaturkritik klammert Houellebecqs politische Haltung weitgehend aus.

14. Nach Houellebecq zerbrechen wir Europäer am Individualismus der 68er und leiden unter der Auflösung der Familien.

15. Frauen seien heute zum Rattenrennen um Pöstchen gezwungen.

16. Für Houellebecq ist Gewalt im Zweifel ein legitimes Mittel der Politik.

17. Es gibt bei ihm zwei Möglichkeiten, mit dem Unglück des Freihandels der Körper und Waren umzugehen: a) man kann sich sedieren, b) man kann religiös entrückt werden und sich dann umbringen.

18. „Wo nur noch leere und atomisierte Individuen saufen und am Ende des Monats nicht mehr die Rechnung zahlen können, weist der Gewehrlauf zur Freiheit und zur Wahrheit …“

19. Der Literaturkritiker der „Welt“ feiert Houellebecqs letzten Roman als „Metaphysik der Muschis“.

20. Sein Freund Frédéric Beigbeder: „Es wird unterhaltsam sein, den Bobo-Kritikern in den kommenden Wochen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, einen Autor wieder für sich zu vereinnahmen, der sowohl die Ökos als auch die Feministinnen abschießt.“

2273: Odenwaldschule – Ort des Verbrechens

Samstag, Februar 2nd, 2019

Die Psychologen Prof. Dr. Heiner Keupp und Dr. Peter Mosser waren an der Aufklärung der Kriminalität an der Odenwaldschule beteiligt. Über ihr Forschungsprojekt haben sie ihr Buch

„Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und Ort sexualisierter Gewalt“

veröffentlicht. In der „Zeit“ (17.1.19) berichten sie über die zentralen Ergebnisse:

In elitärer Selbsterhöhung sah sich die Odenwaldschule als Leuchtturm einer alternativen Pädagogik zur Untertanenerziehung. Das war nach 1945 verständlicherweise hochrelevant. Es handelte sich um ein reformpädagogisches Projekt. 2010 machten ehemalige Schüler und zugleich Opfer sexuellen Missbrauchs auf die wahren Verhältnisse aufmerksam. Vorher konnten sie lange Zeit in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nicht durchdringen. Im Forschungsprojekt zur Odenwaldschule wurden die strukturellen Bedingungen bilanziert, die sexualisierte Gewalt über eine so lange Zeit ermöglicht hatten.

Der Mythos der Odenwaldschule entstand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Um den Kontrast zum staatlichen Schulsystem zu unterstreichen, bedurfte es engagierter Lehrkräfte. Ein differenziertes und strenges Regelsystem sollte das pädagogische Modell und seine kontinuierliche Weiterentwicklung absichern. In den 1970er Jahren übernahm

Gerold Becker

die Leitung der Schule. Der von ihm betriebene Liberalisierungsprozess überdeckte das Fehlen eines pädagogischen Konzepts. So wurde die Basis für ein System des sexuellen Missbrauchs gelegt. „Das ist die Paradoxie der Odenwaldschule. Die Instrumentalisierung des Reformbegehrens hat den reformpädagogischen Kern zerstört.“ Mit großem rhetorischem Einsatz gelang es Gerold Becker, in der Auseinandersetzung mit schulinternen Widersachern die Oberhand zu behalten. Kriminellem sexuellem Missbrauch wurden Tür und Tor geöffnet. Rückendeckung erhielt Becker vom Vorstand der Odenwaldschule, in dem so Prominente wie

Hellmuth Becker,

Georg Picht und

Hartmut von Hentig

saßen. Zonen sexualisierter Gewalt konnten sich ausbreiten und verfestigen. Beckers Zeit als Schulleiter ging zwar zu Ende, aber die Odenwaldschule als narzisstisch überhöhte Institution hielt sich weiterhin. So war es 2015 zu spät für jede Korrektur. Die Odenwaldschule wurde für immer geschlossen. Zum Glück.

Im Forschungsprojekt wurden 23 Szenarien identifiziert, in denen die Chance auf eine nachhaltige Aufdeckung sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule bestanden hätte. Sie wurde nicht genutzt. Auch nicht von den Lehrern. Die Eltern von Schülern, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, spielten ebenso keine überzeugende Rolle, sondern wurden von der Reputation der Schule geblendet. Das Höchste, das sie unternahmen, war, ihre Kinder von der Odenwaldschule zu nehmen und zu schweigen. Strafverfolgung gab es nicht. Die Odenwaldschule blieb ein Hort des Verbrechens. Sind wir angesichts aller Diskurse, gesetzlichen Veränderungen und Schutzkonzepte bis heute weitergekommen? Immerhin haben die Opfer, die sich öffentlich geäußert haben, der wissenschaftlichen Studie eine empirische Basis gegeben. Die Beanspruchung der Deutungshoheit über das Geschehene setzte massive Konflikte frei, welche die Odenwaldschule nicht hatte bewältigen können.

2272: Neuberger: Der Zugang zur Realität

Montag, Januar 28th, 2019

Christoph Neuberger, 55, ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Medienwandel“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Harald Hordych hat ihn für die SZ (28.1.19) über Fälschungen (Claas Relotius, Tom Kummer et alii) im Journalismus befragt.

SZ: Gehen Sie davon aus, dass Journalisten die Wirklichkeit wiedergeben können?

Neuberger: So einfach würde ich es nicht formulieren. Ich vertrete die Position des kritischen Rationalismus nach Popper (Karl Raimund Popper 1902-1994; W.S.). Der sagt, dass wir über unsere Sinneswahrnehmungen hinaus keinen anderen Zugang zur Realität haben. Das heißt, wir können nie von einer absoluten Gewissheit ausgehen.

2269: Der Geist dient nicht der Erkenntnis, sondern der Rechthaberei.

Dienstag, Januar 22nd, 2019

Der Evolutionsbiologe

Leander Steinkopf

meint, dass Parteilichkeit in der Natur unseres Denkens liegt. Sogar Intelligenz und Bildung könnten daran nichts ändern (FAS 20.1.19). Ich fasse seine Thesen in 30 Punkten zusammen.

1. Mit einem Satz wie „Ich bin mir nicht sicher.“ kann man auf Twitter nicht die Massen mobilisieren.

2. Wir glauben, dass wir rechthaben. Die mit einer anderen Meinung erscheinen uns dumm, ungebildet, verbohrt und entfernt vom wahren Leben.

3. „Wer .. an die Vernunft glaubt, den muss die Psychologie enttäuschen.“

4. Der menschliche Geist ist durch die Evolution nicht für die reine Vernunft, sondern für die Drecksarbeit geformt.

5. Die Vernunft dient nicht der Erkenntnis, sondern der Rechthaberei.

6. In strittigen politischen Fragen wie der Zuwanderung, der Cannabislegalisierung und der Höhe von Hartz IV finden wir stets mehr Argumente für unsere Position als dagegen.

7. „Intelligenz und Bildung begünstigen also nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit, sie verstärken nur, was ohnehin im menschlichen Gehirn steckt: kognitive Verbohrtheit.“

8. Gründe für unser Werturteil finden wir in der Regel, nachdem wir unsere Meinung gebildet haben.

9. Gerade in der Politik ist Vernunft unsere innere Public Relations-Abteilung, sie soll Gründe finden, die für unsere Position werben.

10. Es fällt uns leichter, die Gründe anderer zu bestreiten, als unsere eigenen Gründe zu benennen.

11. Was vor Gericht die Rollen von Staatsanwalt und Verteidiger sind und in der Wissenschaft die gegenseitige Kritik, das ist in einer funktionierenden Demokratie das System von Checks und Balances.

12. Wenn wir eine Person kennen, die sich durch Globuli geheilt fühlt, reicht das, um uns selbst den Glauben an Homöopathie zu gestatten.

13. „Ein Standardbeispiel .. sind natürlich die Skeptiker des menschengemachten Klimawandels, aber auch im anderen politischen Lager ist es ganz selbstverständlich, Glyphosat für krebserregend zu halten und Genfood für giftig, auch wenn das nicht dem Stand der Forschung entspricht.“

14. Pluralistinnen und Pluralisten sind nicht tolerant gegen Idioten, sondern erkennen die eigene Fehlbarkeit an.

15. Wenn die Vernunft unsere PR-Abteilung ist, wer ist dann die Geschäftsführung? Unser Egoismus.

16. „Der Mensch brauchte zu seiner Gutwerdung .. keine Moralphilosophen, stattdessen waren es die Vorzüge des Gruppenlebens, die ihn domestizierten und den eingehegten Egoismus in seine Gene einschrieben.“

17. „Nicht der Stärkste führt die Gruppe, sondern der sozial Geschickteste, denn auch der Kräftigste hat keine Macht über jene, die sich gegen ihn verbünden, schon bei Schimpansen ist das so.“

18. Die Waffennutzung ließ menschliche Auseinandersetzungen wahrscheinlicher mit dem Tod enden. Deswegen zog man den Anführer vor, der befriedete, um zu besseren Lösungen zu kommen.

19. Die Integration in die Gruppe beförderte bei den Individuen Loyalität einerseits und Hass auf Abweichler andererseits.

20. Tatsächlich gibt es Unterschiede in den Gehirnen von Konservativen und Liberalen. Offener für Neues sind die Liberalen, empfindlicher für Gefahren die Konservativen.

21. Wenn Sozialwissenschaften vor allem von Linksliberalen betrieben werden, dann beschäftigen sie sich verständlicherweise mit der Frage, was eigentlich an den Konservativen falsch ist.

22. Die Empfindlichkeit für Moral unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und vor allem systematisch nach politischer Orientierung.

23. „De gustibus non est disputandum.“ Aber ich kann versuchen, mich in den anderen hineinzuversetzen. Empathie wird gebraucht.

24. Wenn Probanden aufgefordert wurden, soziale Sachverhalte zu bewerten, aber nicht nach der eigenen Moral, sondern nach einer fremden, dann zeigte sich stets relativ eindeutig: Probanden, die sich als konservativ bezeichneten oder in der Mitte ansiedelten, konnten sich gut in Linksliberale hineinversetzen, Linksliberale taten sich schwer damit.

25. Der Antrieb für Linksliberale ist die Solidarität mit den Unterdrückten. Konservative haben einen stärkeren Sinn für Leistungsgerechtigkeit, für Loyaltät, für Autorität sowie für die heilige Unantastbarkeit gewisser Dinge, etwa Ehe, Fahne, Kruzifix.

26. Eine nicht so feste Bindung an Traditionen können wir aber auch positiv bewerten. Nach dem Motto: Die alten Zöpfe sind abgeschnitten.

27. „Vermutlich ist etwa den Konservativen in Deutschland die Hymne längst nicht so heilig, wie es den Linksliberalen die Energiewende ist.“

28. Moralisches Handeln kann hochgradig schädlich sein. „Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“

29. Gibt es den Willen zur Erkenntnis der Position von anderen, dann sind Kommunikation und Verständigung möglich.

30. „Jenseits von Gut und Böse gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“

2268: Hacking ernst nehmen !

Montag, Januar 21st, 2019

Es ist erstaunlich, wie schnell nach der scheinbaren Aufklärung des Hacker-Angriffs auf die Accounts vieler Politiker, Prominenter und Künstler von Behördenseite abgewiegelt wurde. Man tat so, als sei hier ein „dummer Junge“ unterwegs gewesen. Carolin Emcke (SZ 19./20.1.19) macht uns darauf aufmerksam, dass noch nicht ausgemacht ist, dass der „Täter“ alleine handelte. Sie verweist auf Statements wie „Islam is Dreck“ und „So leute, jetzt wisst ihr wieso die NSDAP wiederkommen wird“.

„Als gäbe es national und international keine Akteure, die die so erbeuteten Informationen für ihre destabilisierenden Absichten instrumentalisieren könnten. Als gäbe es nicht den politischen Kontext rechter Einschüchterungsstrategien, in die dieses Daten-Leaking (von offenbar missliebigen Personen) sich reiht. Nun liegt inzwischen die Vermutung nahe, dass Johannes S. nicht über die technischen Mittel verfügt, um tatsächlich all die Daten ausgespäht zu haben.“

Bei der Selbstenttarnung des NSU 2011 entdeckten Ermittler Stadtpläne und Listen mit 10.000 Namen, die als „Feindeslisten“ dienten. Bei einer Anti-Terror-Razzia in Mecklenburg-Vorpommern im sogenannten Prepper-Milieu 2017 entdeckten Fahnder die Listen mit Namen von 25.000 politischen Gegnern. Das Bundesjustizministerium teilte mit, „der Zweck solcher Listen sei, die politischen Gegner im Krisenfall zu töten“.

Es sind nicht nur Politiker und Prominente, die auf solchen Listen als „Feinde“ deklariert werden. Sondern auch Buchhändler, die sich mit Lesungen gegen Hass und Gewalt wenden, Pastorinnen, die in ihren Gemeindehäusern Geflüchtete betreuen, Personen, die als „zu judenfreundlich gelten“ oder als „homo“. Manche von ihnen werden bedroht, einigen wird das Auto angezündet oder die Scheibe eingeschmissen.

Wir beruhigen uns angesichts all dessen gerne mit der Aussage, in Deutschland funktioniere die Verwaltung, Korruption gäbe es bei uns bekanntlich nicht. Aber spricht nicht das Behördenversagen in den folgenden Fällen eine andere Sprache:

– Berliner Flughafen,

– Silvesternacht in Köln 2015,

– Aufklärung der NSU-Morde und -Gewalttaten,

– der Fall Anis Amri,

– die Affäre um den Verfassungsschutz-Präsidenten,

– Korruption bei der Gorch Fock?

2267: Überlassen wir die Therapeuten denen, die sie brauchen.

Montag, Januar 21st, 2019

Christina Berndt, geb. 1969, ist seit 2000 Journalistin im Ressort „Wissen“ der SZ. Ihre Dissertation als Biochemikerin ist 2013 unter dem Titel

„Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out“

erschienen. Es stand monatelang auf Nummer eins der Bestsellerliste Sachbuch. Frau Berndt ist eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin und Journalistin. 2016 erschien ihr Buch über

Zufriedenheit.

Sie hat sich beschäftigt mit eingebildeten Krankheiten (SZ 19./20.1.19). Ich fasse hier ihre Argumente in 15 Punkten zusammen:

1. Wenn Prominente wie etwa die Royals von ihren psychischen Problemen berichten, dann sind in kurzer Zeit die Arztpraxen überlaufen, weil viele Menschen dann bei sich selbst Ähnliches zu entdecken glauben. „Viele Leute, die gar nicht krank sind, machen sich dann unnötig viele Sorgen.“

2. Es ist eine wirkliche Errungenschaft, dass Menschen gelernt haben, über ihre Seele zu sprechen.

3. Wer aber sein Wohlbefinden einer Dauerprüfung unterzieht, dem kann es dann gar nicht mehr gutgehen, der wird etwas finden, weshalb er sich sorgen könnte.

4. Christoph Dogs, Chefarzt einer Fachklinik für psychosomatische Medizin, sagt, dass viele Arztpraxen mit Leuten vollgestopt seien, die da gar nicht hingehörten. „40 Prozent von denen sind nicht krank.“

5. Die Zahl der Menschen, die zum Psychotherapeuten gehen, hat sich nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent erhöht. Mit der Folge, dass viele Patienten ein halbes Jahr auf einen Platz warten müssen.

6. Zum Teil machen Psychiater und Psychotherapeuten mit ihren Richtlinien Patienten selbst krank. Früher war es „normal“, nach dem Tod eines nahen Angehörigen lange zu trauern. Heute kann man schon nach zwei Wochen als psychisch krank eingestuft werden.

7. Wer einmal traurig, schlecht gelaunt oder antriebslos ist, braucht noch keinen Psychotherapeuten. Besser einen Freund, der ihm abends beim Bier erzählen kann, dass auch er die Symptome kennt.

8. Für den Umgang mit seelischen Konflikten kommt es auf die Resilienz an, die Widerstandsfähigkeit gegen psychische Herausforderungen.

9. In einer Zeit der Internetdoktoren und Patientenforen sprechen wir manchmal von „Cyberchondrie“ und „Morbus Google“.

10. Noch vor kurzer Zeit hielten bei „Katastrophen“ Kriseninterventionsteams die Opfer an, sich mitzuteilen (Debriefing). Das hat viele Menschen erst in die Krise getrieben.

11. „Rennen Sie nicht sofort zum Therapeuten. Da bekommen Sie im Zweifel nur eingeredet, Ihre Befindlichkeitsstörungen seien eine Krankheit.“ (Christian Dogs)

12. Eine psychische Krankheit beginnt erst dann, wenn ein Mensch nicht nur in seiner Wahrnehmung, sondern auch in seiner Funktion beeinträchtigt ist.

13. Zehnmal in der Nacht aufzuwachen ist normal, wenn man die Murmeltierphase seiner Kindheit hinter sich gebracht hat. Schwierig wird es, wenn man nicht wieder einschlafen kann.

14. Es gibt Phasen im Leben, die es einem schwer machen. Die Midlife-Crisis gibt es wirklich.

15. „Überlassen wir die Therapeuten also denen, die sie dringend brauchen.“

2266: Berufliche Bildung verbessern !

Sonntag, Januar 20th, 2019

Vor fünf Jahren hat Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, der auch einmal Hochschullehrer an der Georgia Augusta gewesen war, den „Akademisierungswahn“ kritisiert. Damit meinte er, dass zu viele junge Leute in eine akademische Bildung gedrängt würden, auch solche, die deren Anforderungen kaum gewachsen seien. Darüber werde die berufliche Bildung vernachlässigt, die genau so wichtig sei. Jetzt hat Nida-Rümelin im Interview mit Nadine Bös (FAZ 19./20.1.19) den „Wahn“ für beendet erklärt.

FAZ: An der Qualität der Berufsschulen gibt es aber auch einiges zu bemängeln.

Nida-Rümelin: Das stimmt. Die starke Fokussierung auf den tertiären Sektor, also auf Hochschulbildung, hat dazu geführt, dass wir der beruflichen Bildung nicht genug Aufmerksamkeit schenkten. Die berufliche Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist unbestreitbar die beste der Welt; die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern bezeugt das, und andere Länder versuchen, das nachzuahmen. Aber wir können nicht sagen: Alles gut, das kann einfach so bleiben.