Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

2291: Auf die USA ist kein Verlass mehr.

Montag, Februar 18th, 2019

Die Münchener Sicherheitskonferenz hat endgültig gezeigt, dass auf die USA im Hinblick auf NATO und EU (auf den gesamten Westen) kein Verlass mehr ist. Das bringt Europa in eine noch schwierigere Lage. Denn nun muss es für seine Sicherheit selber sorgen. Angesichts russischer Annexionspolitik und chinesischer Hochrüstung. Durch den Brexit verliert Europa die britischen Atomwaffen. Der INF-Vertrag ist von den USA und Russland aufgekündigt worden. Die baltischen Länder und Polen fühlen sich von Russland bedroht.

In dieser Lage hilft keine Politik der Grünen, welche die westliche Verteidigung nur halbherzig unterstützen. Noch weniger die Politik der Linken, die im Zweifelsfall auf Seiten Russlands stehen und die Krim-Annexion befürworten. Die AfD will die EU schwächen. Davon ist Sara Wagenknechts Bewegung kontaminiert (bei der Migrationspolitik). Alle diese Kräfte liegen grundsätzlich falsch und sind für eine Konsolidierung und Stärkung von EU und NATO nicht zu gebrauchen.

Anders Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auf der Sicherheitskonferenz in München sagte sie angesichts des geplanten gemeinsamen Baus eines neuen Kampfflugzeugs mit Frankreich, wenn „wir in Europa keine gemeinsame Kultur der Rüstungsexporte haben, dann ist die Entwicklung von gemeinsamen Waffensystemen natürlich auch gefährdet“. Merkel sagte weiter, man könne nicht von einer europäischen Armee und von einer gemeinsamen Rüstungspolitik sprechen, wenn man nicht gleichzeitig bereit sei, eine gemeinsame Rüstungsexportpolitik zu machen (Daniel Brössler, Paul-Anton Krüger SZ 18.2.19).

Die ist mit Grünen, Linken, AfD und einigen Teilen der SPD nicht machbar.

Also bleiben für eine verlässliche Politik der politischen und militärischen Stärkung des Westens nur die CDU/CSU, die FDP und andere Teile der SPD übrig.

2289: Maxim Biller und die Deutschen

Samstag, Februar 16th, 2019

Maxim Biller hat es mit den Deutschen nicht leicht. Der 1960 in Prag geborene Schriftsteller versucht in einem Essay in der „Literarischen Welt“ (16.2.19) zu belegen, dass deutsche Intellektuelle, egal ob rechts oder links, in den Fallstricken der deutschen Schuld durch den Holocaust hängen bleiben. Er behauptet sogar eine Nähe zwischen rechts und links. Und, das verwundert manche gewiss, er hat recht.

Als Beispiele greift er so bekannte wie erfolgreiche Journalisten, Autoren, Regisseure, Produzenten und Wissenschaftler auf wie Frank Schirrmacher (1959-2014), Nico Hofmann (geb. 1959), Bernd Eichinger (1949-2011), Frank Castorf (geb. 1951), Botho Strauß (geb. 1944), Helmut Lethen (geb. 1939) und Harald Martenstein (geb.1953). Bei allen handelt es sich um in ihrer Branche höchst erfolgreiche Protagonisten.

Bei Schirrmacher nennt er neben seinen vielfältigen politisch korrekten publizistischen Aktionen (z.B. Walser, Reich-Ranicki etc.) dessen Lobpreis für Nico Hofmanns „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Bernd Eichinger dessen „Bunker-Operette“ „Der Untergang“ (mit Bruno Ganz, gerade gestorben). „Und trotzdem war es von dort nie sehr weit zu einem Weltbild, in dem alles Westliche, Liberale und Jüdische als absolut fragwürdig, falsch und undeutsch galt, …“

„Anders kann ich mir jedenfalls nicht die anachronistische und völlig unlogische Schwäche so vieler moderner, scheinbar aufgeklärter Deutscher für

Ernst Jüngers eisigen Menschenhass erklären,

für Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie,

für Martin Heideggers Zivilisationsparanoia,

für Gottfried Benns Emigrantenverachtung,

für Stefan Georges Verherrlichung tyrannischer Männlichkeit,

für Oswald Spenglers Untergangsträume,

für Richard Wagners gesungene und geschmetterte Deutschlandfantasien.“

„Sie alle verband nämlich neben ihrem oft sehr offenen, wütenden Antisemitismus, der interessanterweise heute niemand stört, so dass man fast denken muss, er ist sogar einer der Gründe für ihre immer weiter anschwellende Popularität – die Sehnsucht nach einer mythischen, vordemokratischen, urvolkhaften Zeit, die absolut nichts mit unserer globalen Twitter- und Foodora-Welt zu tun hat – und wahrscheinlich übt genau das auf viele der heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“

Biller sieht bei Frank Castorfs Theaterarbeit, wie an der „Volksbühne“ die Stoffe durch den „nationabolschewistischen Fleischwolf“ gedreht werden. Botho Strauß führt bei Biller einen „beleidigten Angriff auf die Heiligkeit und Liberalität unserer westlichen Lebensideen“. Von da ist es nicht weit zu Claas Relotius‘ Fälschungen. Dirk Kurbjuweit habe im „Spiegel“ 2014 Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ verteidigt, mit der der Historiker-Streit ausgelöst worden war.

Zentral ist bei Biller die Tisch- und Bettgemeinschaft des Ehepaars Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Er gehörte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur KPD-AO (ganz links), konnte dadurch nicht in den öffentlichen Dienst und wurde erst 1996 Germanistik-Professor in Rostock. Sie war dort seine Studentin und ist heute eine führende Publizistin der „Identitären“ (ganz rechts). In den „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) schrieb er über die Intellektuellen der Weimarer Republik. 2018 erschienen „Die Staatsräte“, wo er die Zusammenarbeit der Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt mit den Nazis thematisiert und teilweise fiktionalisiert. Caroline Sommerfeld empfindet sich als die eigentliche Hüterin der Lehre Rudolf Steiners, von dessen offenem Rassismus sich der Bund der freien Waldorfschulen in seiner Stuttgarter Erklärung erst 2007 distanziert hatte (vgl. hierzu eigens: Volker Weiß, FAS 3.2.19). Die beiden Söhne Sommerfeld/Lethens waren kürzlich der Grund für ein Zerwürfnis des Paars mit der Wiener Waldorfschule.

Maxim Biller kritisiert, dass „Spiegel“-Mann Dirk Kurbjuweit sich unfrei fühlt durch „Jahrzehnte deutscher Geschichtserziehung in Schulen, durch Medien, Bücher, durch den Historikerstreit“. Er ist angeekelt von den Sympathien der Fernseh-Journalisten von „Kulturzeit“ für die „ultranationalistischen Gelbwesten-Antisemiten“. Und er zitiert Harald Martenstein mit dem Satz: „Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich.“

Was Maxim Biller also an vielen deutschen Intellektuellen von links bis rechts kritisiert, sind ihre antiwestlichen Affekte, ihr latenter Antisemitismus und ihr Antimodernismus. Damit hat er leider recht.

2286: Die SPD hat noch eine Chance.

Mittwoch, Februar 13th, 2019

Andrea Nahles ist besser als ihr Ruf. Das hatte sie schon als Ministerin bewiesen, sie zeigt es jetzt auch als Parteivorsitzende der SPD. Aber es gibt dort zu viele, die ihr keinen Erfolg gönnen. Dabei hat die Partei durch den Vorschlag eines verbesserten Sozialstaatsmodells die Chance, sich mit der Agenda-2010-Politik zu versöhnen. „Genauso ist das Konzept geeignet, die Partei mit Andrea Nahles als Chefin  zu versöhnen. Für beides wird es höchste Zeit.“ (Mike Szymanski, SZ 13.2.19). Die SPD dümpelt bei 15 Prozent. Und es ist kein „Erlöser“ in Sicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass Frau Nahles als Frau zusätzliche Nachteile hat zwischen all den Machos. Vorsichtig formuliert.

Die relativ erfolgreichen Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) wissen, dass sie an der Parteispitze keinen raschen Erfolg erreichen können. Sie halten sich zurück. Schwesig hat sich von Nahles in die Arbeit am Sozialstaatskonzept einbinden lassen. Auch Juso-Chef Kevin Kühnert gibt seit Wochen Ruhe. Sie alle sind am Erfolg von Andrea Nahles und der SPD interessiert.

Sigmar Gabriel geht es anscheinend darum nicht. Er will Nahles zu Fall bringen, koste es, was es wolle. Erst moniert er, dass die SPD nicht schon früher die Grundrente auf die Tagesordnung gesetzt hat. Dann übt er Kritik an der großen Koalition. Was war eigentlich zu seiner Zeit als Parteivorsitzender los? Gabriel ist sprunghaft und agiert wie ein Saboteur. Von dem bekannten russischen Lobbyisten zu schweigen.

2285: Heinz Fütterer ist tot.

Montag, Februar 11th, 2019

Heinz Fütterer (Karlsruher SC) egalisierte am 31. Oktober 1954 in Yokohama (Japan) mit 10,2 Sekunden den 100 m-Weltrekord, den Jesse Owens 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufgestellt hatte. Fütterer hielt auch den 200 m-Europarekord mit 20, 8 Sekunden und den 60 m-Hallenweltrekord mit 6,5 Sekunden. Von 1953 bis 1955 legte er eine Siegesserie hin. 1954 wurde er in Bern Doppeleuropameister im Sprint. Fütterer absolvierte seinerzeit bis zu 100 Läufe im Jahr. Er führte den Ehrennamen der „weiße Blitz“. Bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne (Australien) hatte er wegen einer Verletzung einen Trainingsrückstand. Mit der deutschen 4 x 100 m-Staffel errang er immerhin noch die Bronzemedaile. Im Alter von 87 Jahren ist Heinz Fütterer gestorben (Joachim Mölter, SZ 11.2.19).

2284: Jörg Schönbohm gestorben

Samstag, Februar 9th, 2019

Jörg Schönbohm, 81, der ehemalige Heeresinspekteur der Bundeswehr und Staatssekretär im Verteidigungsministerium, ist gestorben. Schönbohm stammte aus Brandenburg, wurde Soldat und brachte es als General zum Kommandeur einer Panzerdivision. 1996 ging er in die Politik, wurde Berliner Innensenator und stellvertretender Ministerpräsident in Brandenburg, wo er mit Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) vertrauensvoll zusammenarbeitete. Seine größte Aufgabe war die Integration der Nationalen Volksarmnee (NVA) in die Bundeswehr, was schnell vollständig gelang. Das wirft ein gutes Licht auf beide Armeen. In der CDU galt Schönbohm als konservativ. Er empfahl Edmund Stoiber (CSU) statt Angela Merkel (CDU) als Kanzlerkandidat der Union. Schönbohm kritisierte Merkels Flüchtlingspolitik (elo, FAZ 9.2.19).

2282: Kretschmann ist von Hannah Arendt befreit worden.

Samstag, Februar 9th, 2019

Auf der Seite der „Literarischen Welt“, auf der Prominente ihre Lieblingsbücher vorstellen, spricht Winfried Kretschmann, 70, u.a. über Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) (9.2.19). Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. 2011 gewählt, 2016 mit 30,3 Prozent wiedergewählt. So weit sind die Grünen noch nicht überall. Nach Joschka Fischer ist Kretschmann der prominenteste von ihnen. Sein aktuelles Buch heißt „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“. Kretschmann, der kein Linker ist, bezeichnet sich als Romanleser“. Er schreibt:

„Die Lektüre von Hannah Arendt hat mich vom Linksradikalismus befreit. Als Student war ich ja eine Zeit lang der maoistischen Sekte verfallen. Doch dann wurde die Hannah Arendt zu meinem Kompass. Vielleicht ist sie – zusammen mit Jeanne Hersch – die Figur, die mein politisches Denken am tiefsten geprägt hat. Ihr Werk ‚Vita activa‘ kommt in meinen Reden auch deshalb so oft vor, weil es für meine Orientierung steht. Nach meiner Phase der linksradikalen Verirrung habe ich durch Hannah Arendt viel über das

Wesen des Totalitarismus

gelernt. Später hat mich dann zusätzlich noch Robert Spaemanns ‚Kritik der politischen Utopie‘ mit der Realpolitik versöhnt. Realpolitik jetzt nicht wie bei Bismarck verstanden, sondern als Plädoyer gegen zu viel Utopismus mit seinem Radikalismus und Fanatismus.“

 

2281: Wer oder was spricht gegen Nord Stream 2?

Freitag, Februar 8th, 2019

1. Frankreich stellt sich – trotz deutscher Bitten um Zustimmung – gegen Nord Stream 2. „Wir wollen nicht die Abhängigkeit von Russland verstärken und dabei noch den Interessen von EU-Ländern wie Polen und der Slowakei schaden.“ (Leo Klimm, Alexander Mühlauer, SZ 7.2.19)

2. Der russische Energiekonzern Gazprom baut derzeit mit Hilfe europäischer Investitionspartner (Uniper, Wintershall, OMV, Engie, Shell) eine Gaspipeline unter der Ostsee, Nord Stream 2.

3. Eine erste Leitung ist bereits seit 2011 in Betrieb und verläuft parallel zu der nun geplanten.

4. Das Gas soll von Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) über Leitungen, die noch gebaut werden müssen, bis nach Polen, Tschechien und sogar in die Ukraine geliefert werden.

5. Mit Deutschland sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Griechenland und Zypern Unterstützer des Projekts. Sie wollen dadurch Diversifizierung in der Energiezufuhr erreichen.

6. Viel mehr EU-Länder sind gegen das Projekt.

7. Polen fühlt sich umgangen und fürchtet um die Transitkosten.

8. Die Ukraine fürchtet um ihre strategische Bedeutung als Transitland. Denn trotz Nord Stream 1 bezieht Deutschland einen großen Teil seines Erdgases durch die Ukraine.

9. Die europäischen Südländer fühlen sich von Deutschland betrogen. Jahrelang hatten sie eine Rohrleitung von Russland durch Georgien und Bulgarien bis nach Norditalien geplant.

10. Die USA laufen Sturm gegen Nord Stream 2. Sie sind Konkurrenten der Russen und wollen ihr Fracking-Gas LNG (Erdgas in flüssiger Form) in Europa verkaufen.

11. Die EU ist gegen Nord Stream 2. Sie sieht dadurch ihre geplante Energieunion in Europa gefährdet.

12. Deutschland will durch Nord Stream 2 seine Energiezufuhr sichern.

13. Nach einer Analyse des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ (DIW) ist Nord Stream 2 unnötig.

14. Aus ökonomischer Perspektive bleiben Zweifel. Ob Nord Stream 2 langfristig rentabel ist, steht nicht fest (Anna Steiner, FAS 3.2.19).

15. Anna Steiner schreibt: „Diese Pipeline ist ein Fehler.“.

2280: Klimaschutz nicht gegen Artenschutz ausspielen.

Mittwoch, Februar 6th, 2019

In den vergangenen 30 Jahren ist ein Großteil der heimischen Insekten verschwunden. Und es gibt nur noch halb so viele Vögel wie Ende der achtziger Jahre. Beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“ geht es nicht nur ums Bienensterben, sondern ums

Sterben der Arten.

Betroffen sind nicht nur die Honigbienen, sondern 570 Wildbienenarten, die für die Bestäubung von Pflanzen minestens genau so wichtig sind.

Ursache der Fehlentwicklung ist hauptsächlich die intensive Landwirtschaft. So wissen Vogelschützer, dass die Zahl der Vögel, die auf Feldern brüten und dort ihr Futter suchen, wesentlich stärker zurückgegangen ist als die der Waldvögel. Der großflächige Einsatz von Insektiziden tut sein Übriges.

Insofern ist es vollkommen schlüssig, den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft zu fordern, in der die Bauern keine Pestizide verwenden. Es ist richtig, hier einen Anfang zu machen. Hilfreich sind auch Blühstreifen an Feldrändern. Sie helfen nicht nur Bienen, sondern auch den Vögeln. Mehr Brachflächen würden helfen. Aber in der EU geht der Trend in die Gegenrichtung. In Deutschland liegt nur 1,7 Prozent der Ackerfläche brach. Um die Jahrtausendwende waren es bis zu zehn Prozent.

Auf vielen ehemaligen Brachflächen werden Raps und Mais angebaut, sogenannte Bioenergiepflanzen, die unter anderem zu Biodiesel und Biogas verarbeitet werden. Das verringert zwar den Ausstoß von CO2, doch es schadet dem Artenschutz. Bei vielen Arten sind die Rückgänge seit 2007 zu konstatieren, als die EU die Förderung von Brachflächen gestoppt hat.

Politisch falsch wäre es, den Klimaschutz gegen den Artenschutz auszuspielen wie das etwa immer wieder bei den Konflikten geschieht zwischen Klimaschützern, die in Windenergie investieren, und Artenschützern, die Windräder fanatisch bekämpfen. Das wirkt lächerlich und schadet den ökologischen Programmen insgesamt (Tina Baier, SZ 1.2.19).

2279: Francis Fukuyamas Begriff der „Leitkultur“

Dienstag, Februar 5th, 2019

Für seine These vom „Ende der Geschichte“ vor knapp 30 Jahren wurde Francis Fukuyama, geb. 1951, hauptsächlich verlacht. Sie besagte ja, dass sich die westliche liberale Demokratie endgültig durchgesetzt habe. Besonders verachtet wurde Fukuyamas These bei den Linken, die gar nicht wollen, dass die liberale Demokratie siegt. Sie sehen in ihr einen kapitalistischen Repressionsstaat. Aber spätestens mit Putins Annektion der Krim 2014 ist Fukuyamas These endgültig ad absurdum geführt.

Nun hat Fukuyama ein neues Buch vorgelegt, von dem ich annehme, dass es auf genau so viel Widerstand trifft wie „Das Ende der Geschichte“:

„Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.“ (Hoffmann und Campe), 240 Seiten, 22 Euro.

Ich verwende für meine Analyse einmal einen Beitrag von Marc Reichwein (Literarische Welt 2.2.19), zweitens ein Interview von Gregor Quack mit Francis Fukuyama (FAS 3.2.19) und fasse meine Argumente in 13 Punkten zusammen:

1. Nach eigenem Bekunden hat Fukuyama seine Meinung aus zwei Gründen geändert. a) Wegen des Irakkriegs der USA, der ihm gezeigt habe, dass man Demokratie nicht einfach militärisch installieren könne. b) Auf Grund der Finanzkrise von 2008, die belege, dass die Märkte sich nicht selbst zum Besten regulierten.

2. Diejenigen, die sich durch Identitätspolitik für Minderheiten (Schwarze, Frauen, Behinderte, Alleinerziehende, Homosexuelle, Flüchtlinge et alii) bedroht fühlten, täten das nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus kulturellen Gründen. Die Bedrohung komme nicht mehr von außen (Russland, China), sondern von innen.

3. Wir brauchten deswegen eine Leitkultur. Aber nicht im Sinne von Friedrich Merz 2000. Sondern im Sinne meines Göttinger Kollegen

Bassam Tibi.

Der hatte „Leitkultur“ als „Glauben an Gleichheit und demokratische Werte“ definiert.

4. Der von Rechtspopulisten gerne ins Feld geführte und von Plato entlehnte Begriff des „Thymos“ bedeute eigentlich den Wunsch nach Anerkennung und Respekt. In der aktuellen politischen Realität bedeute er ein Gefühl der Benachteiligung und der Rehabilitierung von Ressentiment, Wut und Zorn.

5. Begründet sei dieser Wunsch gegenwärtig durch die falsche linke Politik, die Interessen von Minderheiten in den Vordergrund zu schieben (so auch Mark Lilla).

6. Zugleich sei zu verzeichnen eine zunehmende sozioökonomische Ungleichheit im Westen.

7. Die Linke schätze dabei die Identität einzelner Gruppen gering wie die der weißen Europäer, der Christen und der Landbevölkerung.

8. Migration sei die größte Herausforderung.

9. „Bürger heutiger Gesellschaften verfügen über verschiedene Identitäten.“

10. Dem werde ein streng ideologisches Verständnis von Multikulturalismus nicht gerecht.

11. Die rechte Version von Identitätspolitik wolle die USA auf einen Stand von vor 1960 zurückfahren, wo ein „echter“ Amerikaner weiß war.

12. In vielen Gesellschaften sei traditionell das Militär die mächtigste Integrationsmaschine.

13. „Aktuell glaube ich, dass wir hier in den Vereinigten Staaten mehr Sozialdemokratie gebrauchen könnten.“

Kommentar W.S.: Fukuyamas Thesen werden enormen theoretischen Widerstand auf den Plan rufen.

2278: Marianne Birthler über ihre Karriere und die Ossis

Montag, Februar 4th, 2019

Marianne Birthler war bei der Vereinigung Deutschlands 40 Jahre alt. 1990 wurde sie Bildungsministerin in Brandenburg. 1992 trat sie wegen Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Manfred Stolpe von ihrem Ministeramt zurück. Sie wurde Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fühlte sich dort aber gemobbt. 2000 wurde sie Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, weshalb sie heute noch von vielen Ossis gehasst wird. 2016 wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Marianne Birthler zur Bundespräsidentin vorschlagen. Cerstin Gammelin und Alexander Hagelüken haben sie für die SZ (1.2.19) interviewt.

SZ: Frauen in der DDR arbeiteten öfter als im Westen, war das gut?

Birthler: Grundsätzlich ja. Aber die Belastung war enorm. Frauen übernahmen eine neue Rolle, wurden ihre alte aber nicht los; für den abgerissenen Knopf am Sakko ihres Mannes waren sie immer noch zuständig. Und es gab keine Spülmaschine, für vieles musste man anstehen. Meine Freundin hatte als Ärztin viele überanstrengte Frauen in ihrer Praxis.

SZ: Welche ihrer Hoffnungen aus der Wendezeit erfüllten sich?

Birthler: Der wichtigste Wunsch erfüllte sich: Ich selbst, meine Kinder und Enkel und meine Freunde leben in einem freien Land. Enttäuschend finde ich bis heute, dass viele ihre Freiheit nicht nutzen, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder um den Listenplatz bei Wahlen oder aus Bequemlichkeit.

SZ: Von 2000 an leiteten Sie die Behörde für Stasi-Unterlagen. Was war ihr Ziel?

Birthler: Unter anderem, dass alle Einsicht in die Unterlagen bekommen, die das wünschen. Jede Einsicht ist eine Entscheidung gegen das Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

SZ: Deutschland erlebt einen Job-Boom, die AfD steigt trotzdem auf.

Birthler: Die AfD feiert ihre Erfolge weniger, weil die Menschen wirtschaftlich abgehängt sind. Eher fühlen sie sich von der Politik abgehängt. Sie verstehen Politik als Dienstleistung: Wir bezahlen euch, und ihr macht, was wir für richtig halten. Aber dann liefert die Politik nicht, was sie bestellen: Weil es andere Mehrheiten gibt, Gesetze, die Werte der Verfassung, Kompromisse, fairen Streit. Das erzeugt Frust. Im Grunde ist es Widerstand gegen die offene Gesellschaft.

SZ: Im Osten hat die AfD besonders Erfolg.

Birthler: Das hat auch mit jahrzehntelangem Leben in der Diktatur zu tun. Und mit der Zeit danach, dem Gefühl der Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen.